Glücksfee

Es gibt eine oft zitierte Untersuchung (die allerdings auf etwas dünnen statistischen Beinen steht), laut der sich das generelle Glücksempfinden von Lottogewinnern und Paraplegikern nach einigen Jahren kaum unterscheidet. Begründet wird dies mit der sogenannten «Anpassungsleistung». Man gewöhnt sich schlicht an die Situation und empfindet sie deshalb weder als besonders gut noch als besonders schlecht.

Nichtsdestotrotz würde wohl jeder vor die Auswahl gestellt: «Möchtest du den Lottogewinn oder die Behinderung?» lieber den Lottogewinn haben wollen. Auch wenn die Glücksfee zückersüss lächelt und sagt: «Aber so ein Leben mit einer Behinderung kann wirklich auch echt ganz ganz toll sein». «Nee danke, liebe Glücksfee, muss wirklich nicht sein»

«Aber… Es formt den Charakter!»

«Danke, ich finde meinen Charakter ganz ok. so»

«Aber Behinderte sind eine echte Bereicherung für die Gesellschaft!»

«Hey Glücksfee, von welcher Sekte bist du denn?!»

Glücksfee (schmollend): «Du hast was gegen Behinderte!»

«Waaas!? Nein, so war das nicht gemeint!»

Glücksfee (schluchzend): «Dooooohoooch, du findest, du bist mehr wert als ich, so… so unbeschädigt»
(Glücksfee greift zum Gehstock und humpelt davon).

«…?!?»

3 Gedanken zu „Glücksfee

  1. Ich vermute dass bei weniger „attraktiven“ (doofes Wort, mir fällt grad kein anderes ein) Behinderungen der Glücksgrad tiefer ist. Paraplegie ist von Versicherungen anerkannt, es gibt gute Rehakliniken und die Lebensperspektiven bleiben im Idealfall intakt.

    Ich tippe drauf, dass bei Behinderungen wo zuviele existenzielle Probleme die Folge sind, das Glück massiv sinkt.

    Hei, die Glücksfee kann gut reden, die hat ja auch einen Job ;).

  2. Also, da kann ich nur mutmassen: Entweder macht im Lotto gewinnen viel unglücklicher als wir glauben – oder die Fragen in diesem Test waren schlecht gestellt.
    Ich sage dies nach vielen, vielen Gesprächen mit einer Freundin, die Paraplegikerin ist. Sie hat vor zwanzig Jahren einen Unfall gehabt. Aber sie ist eine selbständige Frau, die ihr Leben in die Hand genommen hat. Gewiss keine Heulsuse. Wir lachen sogar ziemlich viel, wenn wir zusammen unterwegs sind. Aber wer die Tatsache ignoriert, dass diese Frau heute noch tagtäglich Trauerarbeit leistet, ist blind und sehr, sehr viel tauber als ich.

  3. @ Nicole und Frau Frogg
    Die Untersuchung stand wie gesagt auf wackeligen statistischen Beinen – das heisst, die Menge der Befragten war nicht sehr gross, vielleicht gab’s darunter ein paar von Grund auf fröhliche Praplegiker und eine paar miesepetrige Lottogewinner, die das Ergebnis verzerrten ;) Dass bei beiden eine gewisse Anpassungsleistung stattfindet, glaube ich aber dennoch.

    Was ich mir aber noch eher vorstellen könnte (auch wenn sowas natürlich immer hochindividuell ist), aber so als Tendenz; dass Menschen, die mit einer Behinderung zur Welt kommen, diese selbstverständlicher als Teil der eigenen Persönlichkeit annehmen, als jemand der z.B. erst später verunfallt. Bei einem Unfall/einer Erkrankung geht bewusst etwas verloren, was man vorher hatte und das löst – wie Frau Frogg schreibt – Trauer aus.

    Die Integration der Behinderung ins eigne Selbst muss erst erarbeitet werden. Es gibt ein „Vorher“ und ein „Nachher“.

    Allerdings denke ich, dass auch bei einer Behinderung von Geburt an beim Aufwachsen Fragen kommen wie: Warum können Geschwister/Gspänli dies und das und ich nicht? Als Kind (und auch als Erwachsener) ist es nun mal nicht besonders lustig „anders“ zu sein.

    Das heisst nicht, dass „anders“ bedeudet per se unglücklich zu sein.

    Carina Kühne, die selbst mit dem Down Syndrom lebt, schreibt im Aktion Mensch Blog: «Natürlich wünschen sich alle Eltern ein Kind ohne Behinderung, und auch ich hätte lieber keine Chromosomen-Anomalie. Trotzdem lebe ich gerne und kenne viele Familien, die auch mit diesen Kindern glücklich sind.»
    http://www.aktion-mensch.de/inklusion/blog/eintrag.php?id=892

    Was ich eigentlich sagen will; man kann mit einer Behinderung ein glückliches Leben führen, aber zum Glücklichsein braucht kein Mensch eine Behinderung. «Behinderte» sind auch keine Bereicherung für die Gesellschaft «aufgrund ihrer Behinderung». (Ausser man findet «Inspiration porn» toll).
    Ich wüsste nicht, was an fehlenden Gliedmassen, fehlenden kognitiven Fähigkeiten oder psychischen Schwierigkeiten eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellen sollte.

    Die Menschen an sich, ja. Aber wegen ihrem Charakter, ihren Eigenschaften, ihrem Wesen. Nicht „wegen ihrer Behinderung“.

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