«Gutes tun»

Das Hotel «Am Strassberger Tor» in Plauen (D) sieht von aussen aus wie ein ganz normales 4-Sterne Hotel für Tagungsgäste, Geschäftsreisende und Kurzurlauber. Und von innen auch. Im Gegensatz zu anderen sogenannten «Integrationsbetrieben», die sich die Integration gross auf die Fahne schreiben und damit auch aktiv Werbung machen ging man in Plauen einen anderen Weg. Als das Berufliche Trainingszentrum Plauen (BTZ) das Hotel vor einigen Jahren als Träger übernahm, riet der beigezogene Marketingberater zur Zusammenarbeit mit einer Hotelkette um die Qualität sichtbar zu machen. In der Folge konnte die Kooperation mit der internationalen Hotelkette Best Western erzielt werden, wodurch das Hotel am Strassberger Tor von Beginn an als Best Western Hotel in den einschlägigen Katalogen und Internetauftritten gelistet wurde.

Im Hotel selbst liegen zwar Flyer auf, die über die Trägerschaft und damit auch die Hintergründe des Hotels Auskunft geben (Rund die Hälfte der Angestellten sind Menschen mit Behinderungen, hauptsächlich mit psychischen Einschränkungen). Dass die Gäste aber oftmals gar nicht bemerken, dass sie sich in einem Integrationsbetrieb befinden und die Resonanz trotzdem sehr positiv ist, spricht für die Qualität. Der gute Service wird nämlich dann nicht gelobt, weil «die Behinderten das gut machen», sondern weil der Service gut ist.

Dass so etwas funktionieren kann, liegt auch an der engen Anbindung des Hotels an das Berufliche Trainingszentrum Plauen. Man verfügt dort über viel Erfahrung mit Menschen mit psychischen Einschränkungen und bei Problemen kann deshalb schnell und kompetent reagiert werden (beim Auftreten von Krisen bei Betroffenen werden zum Beispiel die Arbeitszeiten oder Arbeitsaufgaben angepasst ect). Die MitarbeiterInnen bekommen zwar die durch ihre Behinderung notwendige Unterstützung, gleichzeitig arbeiten sie aber in einem marktorientierten Unternehmen (Mehr zum Projekt hier). Man nennt das auch Inklusion:

inklusion

«Integration» hingegen – wie in obigem Bild beschrieben – ist das, was aktuell in der Schweiz schon als ziemlich fortschrittlich gilt. Ich berichtete vor einem Jahr über ein gemeinsames Integrationsprojekt der Stiftung Brändi und der Firma Schindler: «Das Konzept: 15 Personen der Stiftung Brändi arbeiten in Begleitung von zwei Gruppenleitern direkt in der Produktionsabteilung bei Schindler. Das «Unternehmen im Unternehmen»-Konzept erlaubt eine grösstmögliche Annäherung der geschützten Arbeitsplätze an den ersten Arbeitsmarkt.»

Mit über 1’070 Arbeits- und Ausbildungsplätzen ist die Stiftung Brändi eine der grösseren nationalen Institutionen für Menschen mit Behinderungen. Um die hergestellten Produkte zu verkaufen, hat die Stiftung Brändi nun ein Geschäft in der Stadt Luzern eröffnet. «Gutes kaufen – Gutes tun» – so das Motto. Und weiter – so die Webseite der Stiftung Brändi: «Jeder Einkauf macht doppelt glücklich. – Sie, weil Sie ein liebevoll gefertigtes Unikat erwerben. Und die Menschen mit einer Behinderung, weil sie dieses Stück mit Herzblut im angegliederten Brändi-Atelier gestalten durften. Werfen Sie einen Blick durch eines der fünf Schaufenster und schauen Sie unseren Gestaltern zu».

Es gibt Restaurants mit offenen Küchen, es gibt Schaukäsereien und es gibt – Zoos. Das Beobachten der «Behinderten, die im angrenzenden Atelier gestalten dürfen» könnte man wohl am ehesten mit «Zoo» umschreiben (siehe Bild zur Integration oben).

Ich habe mir bei der Recherche zu diesem Artikel (ausgehend vom Brändi-Internet-Shop sehr viele Onlineshops von geschützten Werkstätten angesehen. Und von grauenvoll (Artikel/Präsentation/Funktionalität des Shops) bis wundervoll alles mögliche gesehen. Eine Frage, die sich mir dabei immer deutlicher aufgedrängt hat, war: Wer kauft das alles? Kauft jemand diese zigtausend gebastelten Glückwunsch/Trauer/sonstwas Karten überhaupt? Und zwar, weil er sie wirklich «gut» findet oder vor allem, um damit «Gutes zu tun»? Ich weiss, über Geschmack lässt sich endlos streiten, aber eine weitere sich aufdrängende Frage war: Entspricht das, was hier präsentiert wird, wirklich dem, was die betroffenen Menschen am liebsten machen und am besten können? Ist – der Menge der Produkte nach zu urteilen – fast jeder Mensch mit Behinderung automatisch ein «Künstler»?

Und muss man das jetzt alles toll finden, weil’s jemand mit Behinderung gemacht hat?

Das selbe Unbehagen empfinde ich im Übrigen gegenüber Ausstellungen, Konzerten, Theater und Tanzaufführungen von «Behinderten». Es ist mir ehrlich gesagt komplett egal, ob und welche Behinderung jemand hat; ein Bild oder eine Vorführung berührt mich oder eben nicht. Aber eine Ausstellung mit dem Titel «Menschen mit Handicap stellen ihre Bilder aus» klingt in meinen Ohren genau so gruselig wie das Besuchen eines Ladens «um Gutes zu tun».

Ich schrieb es schon mal im Bezug auf die berufliche Integration, es trifft aus meiner Sicht auch auf «künstlerisches Schaffen» zu: «Behindert sein ist keine Qualifikation». Ich schrieb damals: «Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter. Eine Einstellung muss sich für sie lohnen. Es schafft auch niemand extra Arbeitsplätze einfach so, «weil er sich ein bisschen sozial fühlt». In einen Unternehmen fällt ein gewisses Volumen an Arbeit an und dafür werden Mitarbeitende gesucht, die diese Arbeit gut ausführen können. Alles andere ist Sozialromantik.»

Man kann das jetzt ganz ekelhaft marktorientiert finden (und vor dem bösen Markt muss man die armen Behinderten doch in geschützten Werkstätten in Sicherheit bringen) oder sich mal anhören, was Betroffene selbst dazu meinen. Viele möchten nämlich gerne «normal» arbeiten.

Auch Menschen mit einer Lernbehinderung kennen sehr genau den Unterschied zwischen einer geschützten Werkstätte und «normal arbeiten». Und der eine oder andere wäre vielleicht glücklicher, wenn er (oder sie) zwei oder drei Nachmittage pro Woche in einem Supermarkt die Gestelle auffüllen könnte, statt in der geschützten Werkstätte bunte Karten zu kleben. Weil im Supermarkt auch Nichtbehinderte sind, weil das «richtig arbeiten» ist. Es ist natürlich nicht für alle möglich und für den Arbeitgeber muss sich Aufwand (zum Beispiel intensivere Betreuung) und Ertrag schon die Waage halten. Aber es wäre sicher mehr Inklusion möglich, als im Moment geschieht.

Dazu müsste man aber noch genauer die Neigungen und Fähigkeiten der Betroffenen in Betracht ziehen und fördern. Um nocheinmal auf die «Kunst« zurückzukommen. Selbstverständlich gibt es unter Menschen mit Behinderungen auch künstlerisch begabte, aber auch Nichtbehinderte mit solchen Begabungen besuchen – in der Regel – erstmal eine Schauspiel- oder Kunsthochschule. Stichwort hierzu: Barrierefreie Hochschulen.

Und irgendwann heisst es dann hoffentlich nicht mehr «Behinderten-Konzert», «Behinderten-Filme», «Behinderten-Ausstellung», sondern Konzert, Film, Ausstellung, wo ganz selbstverständlich auch Menschen mit Behinderungen Teil davon sind. Dito in der Arbeitswelt, wo die Beschäftigung behinderter MitarbeiterInnen nicht mehr unter «Wohltätigkeit» sondern unter «selbstverständlich» läuft.

Bis dahin kann die Stiftung Brändi in ihrem neuen Verkaufsladen ja vielleicht auf den einzelnen Produkten den Anteil vermerken, der an diejenigen geht, welche das Produkt hergestellt haben. Damit die KäuferInnen ihre Wohltätigkeit genau in Franken und Rappen bemessen können. (Stichwort: Löhne in Behindertenwerkstätten).

2 Gedanken zu „«Gutes tun»

  1. Zu Artikel „Gutes Tun“.
    Sehr guter und treffender Artikel! Sie schreiben:«Behindert sein ist keine Qualifikation», und «Ich schrieb damals: «Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter».
    Aber nach der Basler Studie „Wenn würden Sie anstellen?“ wissen wir nun aber, dass Qualifikation, Zuverlässigkeit und Leistungswille eigentlich gar nicht so wichtig sind. Hauptsache gesund und kein allzugrosses Risiko für die Versicherungen (Krankentaggeld, Unfallversicherung und Pensionskassen). Darum eben lieber ein faules, unzuverlässiges aber gesundes (Risiko). Um das geht es nämlich heute. Der ursprüngliche Versicherungsgedanke gilt heute nicht mehr…heute werden Versicherungsnehmer knallhart in Risikogruppen eingeteilt (A, B, C etc. Kunden). Die unrentablen hohe Risiken möchte man loswerden und solange kein Versicherungszwang oder Obligatorium herrscht, werden diese Menschen auch nirgends mehr aufgenommen. Die letzten und verplichtenden „Versicherungsträger“ sind dann die Sozialämter. Das nennt man Risikooptimierung und Gewinnmaximierung auf Kosten der Steuerzahler, resp. den Staat. Solange auch dieses Problem in Bern nicht angegangen und gelöst wird, wird ein Unternehmer ständig seine Entscheidungen aufgrund solcher Kriterien fällen. Wir sind zwar behindert, meistens sehr qualifiziert, haben trotz Vorurteilen einen hohen Leistungswillen aber sind und bleiben für Versicherungsträger und Arbeitgeber ein teures Risiko.

    • Die Befragung der Basler Arbeitgeber wurde 2006 durchgeführt und die zugehörige Studie 2007 veröffentlicht. Ich sehe solche Studien als Momentaufnahmen einer Situation, die sich durchaus verändern lässt. Nicht von heute auf morgen radikal, aber wenn man eh nix daran ändern könnte, könnte man sich auch die Studien dazu sparen. Studien sind nämlich – so sehe ich das jedenfalls – nicht dazu da, dass man nachher ausgiebig über das Festgestellte Jammern kann, sondern ein Ausgangspunkt, um darüber nachzudenken, was man wie ändern könnte. Einfach ist das sicher nicht – auch aus den von Ihnen angeführten versicherungstechnischen Gründen, aber da gibt es ja mittlerweile auch Änderungen – ich hab das zugegebenermassen grad nicht mehr genau im Kopf, meinte aber, dass bei der Neueinstellung von IV-Bezügern in den ersten 2 oder 3 Jahren die vorhergehene Versicherung zuständig ist…(?). Ich find’s grad nicht, aber irgendsowas war glaube ich Bestandteil der IV-Revision 6a…
      Aber ja klar, man kann und muss man da sicher noch einiges verbessern.

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