Ein Prozent

Vor einem Jahr schrieb ich ans BSV, ich würde gerne die IV-Betrugs-Quote wissen, das BSV wollte die Quote aber nicht rausrücken.
Manche Dinge muss man dann halt an die Profis… outsourcen (Und die Rundschau hat zudem praktischerweise auch eine etwas grössere Reichweite als mein Blog):

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Gestern berichtete also die Rundschau über IV-Betrug und IV-Detektive. Im anschliessenden Gespräch war der Luzerner IV-Direktor Donald Locher geladen. Der Hirnscanner-sind-toll-Betrügerjagd-ist-noch-viel-toller-Herr-Locher.

Kurze Gesprächstranskription (aus dem Schweizerdeutschen, ab Min 14.49):

Moderator Sandro Brotz: Ich habe mir die Zahlen mal angeschaut. Wir reden landesweit von etwa 60’000 Dossiers, die man hervorholt, um sie anzuschauen. Unter denen sind rund 2000, die man dann noch genauer anschaut. Und von denen wiederum sind dann ein paar 100 Fälle* tatsächlich Missbräuche. Das sind ungefähr 1% effektive Missbräuche. Finden Sie das persönlich viel oder wenig?

Donald Locher: Es ist wenig. Ich denke, dass halt eben doch der kleinste Teil betrügen will, aber… *rechtfertigungsversuch*

Na also, geht doch mit den Zahlen, liebes BSV. Dankeschön an die Rundschau-Redaktion und special Thanks an Herrn Brotz dafür, Herrn Locher dazu zu bringen «Es ist wenig» zu sagen. Nach elf Jahren IV-Betrüger-Räubergschichtli. Endlich.

Zur Erinnerung, 20min (als eine unter vielen) schrieb beispielsweise am 14. März 2007 von einem Missbrauchsanteil von zwischen 5,3 Prozent und 6,7 Prozent. Und Alard du Bois-Reymond, damaliger IV-Chef, «bestätigte» dass sich diese Zahlen im «von der IV geschätzten Bereich bewegten».

*Konkret waren es im Jahr 2012 400 Missbrauchsfälle, das macht bei 60’000 überprüften Dossiers eine effektive Missbrauchsquote von 0,66 %. Na gut, die 0,34% noch als Bonus obenauf für die Unentdeckten. Wir sind ja grosszügig. Aber bei der in der Rundschau vorgestellten hochprofessionellen Betrugsbekämpfungsmaschinerie und all den denunziationswütigen aufmerksamen Nachbarn bleibt doch bestimmt kein Missbrauch mehr unentdeckt. Sie und Ihre Kollegen machen doch schliesslich gute Arbeit, oder… Herr Locher?

Eigentlich ist das eine Prozent sehr sehr grosszügig, denn nur in 44 Fällen haben die IV-Stellen im Jahr 2012 unrechtmässig bezogene Leistungen zurückgefordert, und in nur 60 Fällen wurde effektiv  Strafanzeige erstattet. Nicht alle «Betrüger» sind nämlich so dreiste Betrüger, wie der in der Rundschau gezeigte Fall, manchmal verbirgt sich hinter einem «Betrug» auch eine Meldepflichtverletzung. Sprich: jemand arbeitet beispielsweise mehr als der IV angegeben. Das haben sich die IV-Stellen allerdings auch selbst zuzuschreiben, da arbeitswillige IV-Bezüger auf Anfrage hin, wieviel sie arbeiten dürfen, von den IV-Mitarbeitern grundsätzlich nie eine konkrete Antwort bekommen, sondern mit einer nichtssagenden und hochgradig bevormundenden Floskel abgespiesen werden. Zum Glück bin ich nicht paranoid und glaube nicht, dass man mit dieser kruden Kommunikation die Betrugsquote künstlich hochhalten will. Und da man das ganz sicher nicht will, könnte man die dementsprechende Kommunikation ja auch einfach etwas kundenfreundlicher gestalten. Oder – liebe SVA’s?

2 Gedanken zu „Ein Prozent

  1. @Marie Baumann. Wie immer ein interessanter und in unterhaltsam sarkastischem Stil geschriebener Artikel. Der Artikel wäre allerdings in Bezug auf die Fakten nachvollziehbarer, wenn die Quelle für die Anzahl der „hervorgeholten“ 60’000 Dossiers, für die 44 Fälle, in welchen im Jahr 2012 unrechtmässig bezogene Leistungen zurückgefordert wurden und für die 60 Fälle, in denen effektiv Strafanzeige erstattet wurde, offen gelegt werden. Zudem sollte offen gelegt werden, was „hevorgeholte Dossiers“ genau bedeutet. Sollen das die Anzahl der im Jahr 2012 insgesamt an bestehende und neu angemeldete Rentner bezahlten Renten sein? Ein Statistiker würde fragen wie Sie die Grundgesamtheit definieren auf deren Zusammensetzung Sie auf Grund der Stichprobe schliessen möchten. Da aber die Stichprobe der auf möglichen Betrug überprüften Renten nicht zufällig aus der Grundgesamtheit ausgewählt wurde, ist der Schluss auf die Zusammensetzung der Grundgesamtheit (dort enthaltene Missbrauchsfälle) ohnehin nicht möglich. Zu guter letzt würde Ihnen ein Buch über Wissenschaftstheorie (ein Teilbereich der Philosophie) ohnehin sagen, dass ein induktiver Schluss ohnehin nicht möglich ist.

    Ich finde es grundsätzlich richtig, dass neben der Anzahl der in einem Jahr entdeckten Missbrauchsfälle auch die Anzahl der in diesem Jahr bezahlten Renten (= Rentner) angegeben werden sollte und die Prozentzahl angegeben werden sollte. Man sollte aber, wenn man von der IV Transparenz fordert auch selbst möglichst transparent sein und sagen, woher man diese Zahlen hat (nicht einfach, dass diese in einer Fernsehsendung genannt wurden) und wie diese Zahlen definiert werden damit das ganze für die Öffentlichkeit nachvollziehbar und überprüfbar ist.

    • Sehr geehrter Herr Sozialversicherungsberater

      Im Internet gibt es sogenannte «Links» das sind durch spezielle Kennzeichnung (in diesem Blog durch die Farbe bordeaux-rot oder je nach Bildschirm auch pink) hervorgehobene Wörter oder Textteile, welche in meinem Blog in der Regel auf die Quelle der hervorgehobenen Textteile verweisen. Das Anklicken eines solchen «Links» führt zur jeweiligen Quelle.

      So führt beispielsweise das Anklicken der ZahlWortkombination 400 Missbrauchsfälle (im obigen Artikel im zweitletzten Abschnitt) zur am 17.05.2013 auf der Webseite der Bundesverwaltung veröffentlichten Medienmitteilung der Invalidenversicherung, in welcher nachzulesen ist, dass «im Jahr 2012 in 400 Fällen ein Versicherungsmissbrauch nachgewiesen konnte».

      Wenn Sie Ihre geschätzte Aufmerksamkeit nun bitte der rechten Spalte neben der Medienmitteilung zuwenden würden, die mit «Dateinanhänge» übertitelt ist und den Link (Bitte beachten, die Bundesverwaltung benutzt zur Kennzeichung ihrer Links nicht bordeauxrot sondern blau) «Erfolgreiche Bekämpfung des Versicherungsmissbrauchs in der IV»
      anklicken, öffnet sich ein PDF. In ungefähr der Mitte der ersten Seite dieses PDF-Dokumentes steht: «In 44 Fällen
      haben die IV-Stellen unrechtmässig bezogene Leistungen zurückgefordert, und in 60 Fällen wurde Strafanzeige erstattet.»

      Was die genauen Modalitäten bezüglich der «60’000 hervorgeholten Dossiers» betrifft, möchte ich Sie freundlich auf meinen Blogbeitrag vom 6. Dezember 2010 hinweisen, der die Antwort von Bundesrat Burkhalter auf die parlamentarische Anfrage:

      «Wie viele Dossiers von Versicherten wurden insgesamt im Jahr 2009 überprüft? Anzahl bestehende Renten? Anzahl der Rentenanträge?»

      wiedergibt. Ein Auszug daraus:

      «(…) Un contrôle est effectué lorsque l’octroi d’une rente est examiné ou que celle-ci est révisée.(…) 80 pour cent des personnes touchaient des révisions de rentes tandis que, pour 20 pour cent d’entre elles, on en restait à la première décision.»

      Für weitere Überprüfungen der «hochgeheimen Zahlen» zur Invalidenversicherung empfehle ich Ihnen die Lektüre der jährlichen IV-Statistik und zur noch genaueren Detailanalyse der Struktur der IV-Bezüger die 134 ebenso hochgeheimen Exceltabellen des Bundesamtes für Statistik.

      Ich bemühe mich stets, meine Quellen transparent darzulegen, bitte haben Sie Verständnis dafür, wenn nicht jede einzelne Zahl mit einem Link unterlegt werden kann (das stört die Lesbarkeit) und ich zudem nicht jedem Artikel einen Disclaimer mit einer ausführlichen Erklärung über die Benutzung des Internets beifügen kann.

      Mit freundlichen Grüssen
      Marie Baumann

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