Mehr Punk, weniger Hölle!

In Island fand ein einzigartiges politisches Experiment statt: Vier Jahre lang regierten Anarchisten die Hauptstadt Reykjavik. Und diese Amateure haben Erstaunliches vollbracht. Constantin Seibt beschreibt heute im Tagesanzeiger unter dem Titel «Mehr Punk, weniger Hölle!» den Weg des Komikers Jón Gnarr zum Bürgermeister von Reykjavik und was er und seine Mitstreiter mit seiner ursprünglich als reine Persiflage des Politbetriebs gegründeten Spasspartei bewegten. Sehr lesenswert. Und lustig. Aber nicht einfach nur lustig, denn «Die Bilanz von vier Jahren Anarchisten an der Macht ist ziemlich unerwartet: Die Punks haben die Finanzen saniert.»

Hier noch ein Auszug aus dem Buch von Jón Gnarr: «Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! – Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte»:

WORAN ICH GLAUBE, IN DER POLITIK

Theorien sind eine clevere Sache. In der Politik gibt es eine Menge Theorien, die durchaus Sinn machen: der Sozialismus beispielsweise, inklusive Klassenlosigkeit, Gleichberechtigung und Brüderlichkeit. Oder der Liberalismus, der jedem Einzelnen den Spielraum geben will, den er braucht, um sich frei zu entfalten. Auch in Bildung und Kultur gibt es kluge Anschauungen. Und in den Religionen. Aber leider gibt es etwas, wogegen keine dieser hervorragenden Theorien gefeit ist: die menschlichen Schwächen. Unreife gehört dazu. Egoismus. Habgier. Ganz gleich, welcher Ideologie du anhängst, früher oder später kommen dir Habgier und Egoismus in die Quere, und zwar bevorzugt da, wo es um menschliche Begegnungen geht. Ob in Partnerschaft und Familie, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Überall dort, wo Menschen versuchen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, kann schon ein Einzelner alles zum Einsturz bringen. Wir kennen das aus Mehrfamilienhäusern.

Sobald nur einer aus der Reihe tanzt, läuft die Sache aus dem Ruder. In solchen Häusern gibt es meist irgendein Regelwerk, das die gemeinsame Nutzung von Wasch- und Trockenräumen koordiniert. Solange alle die Spielregeln befolgen, funktioniert das wunderbar. Aber leider gibt es immer jemanden, der offenbar nicht dazu in der Lage ist. Wer kennt sie nicht, die Nachbarn, die ihre Wäsche tagelang in der  Waschküche hängen lassen? So was bringt das ganze System ins Wanken. Wenn sich dagegen alle ein bisschen bemühen, brauchen wir keine Regeln.

Ich habe die Menschen schon immer in zwei Kategorien eingeteilt: in die Gebenden, Großzügigen, die Verantwortung übernehmen und weder weltlichen noch geistigen Müll hinterlassen. Und dann die anderen, die nie etwas hergeben, weil sie es aus irgendeinem Grund nicht können oder wollen, vielleicht weil sie finden, dass die anderen ihnen etwas schuldig sind. Sie sind immer schnell dabei, fremde Hilfe anzunehmen, kommen aber nie auf die Idee, anderen Hilfe anzubieten. Geistige Blutsauger nennt man so was.

Nachdem ich dieses Problem schon mein ganzes Leben mit mir herumschleppe, bin ich inzwischen ziemlich routiniert darin, die Menschen in »gebend« und »nehmend« einzuteilen. Mir geht es gut, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die mir etwas mitgeben, nicht zuletzt Lebensfreude. Besonders dankbar bin ich für Leute, die mich überraschen. Die etwas Schönes, Lustiges oder Verblüffendes aus dem Hut zaubern, ohne eine bestimmte Gegenleistung zu erwarten. Die einfach etwas verschenken – worauf ich versuche, dasselbe zu tun.

Ich bin Anarchist – aber glaube ich deswegen ernsthaft, dass sich der Traum von der idealen Gesellschaft, in der jeder auf jeden Rücksicht nimmt und jeder die Rechte des anderen respektiert, real verwirklichen lässt? Eine Gesellschaft, in der man keine Regeln braucht, weil alle so gut und reif und intelligent sind? Nein, daran glaube ich nicht. Deshalb habe ich es mir in puncto Demokratie und Politik bisher auch eher in der passiven Haltung bequem gemacht. Die «Beste Partei» ist ein erster Versuch einer positiven Einmischung. Wie oft ist eine neue politische Bewegung, die auf einer wirklich guten Grundidee basierte, schon kurz nach ihrer Gründung wieder von der Bildfläche verschwunden, weil sich die falschen Leute zusammengefunden hatten.

Als ich die «Beste Partei» gründete, machte ich es mir deshalb zum Prinzip, möglichst viele Leute aufzutreiben, die ich kenne und für großzügige, intelligente und aufrichtige Menschen halte. Die meisten dieser Leute sind, so wie viele andere von dieser Sorte, auf dem passiven Weg gelandet. Mit der «Besten Partei» wollte ich genau diese Leute ansprechen und sie zum Mitmachen, zu einer positiven Einmischung bewegen.

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