Robin und Robbie und warum Ahnungslose dringend schweigen sollten

Ein Gastartikel von Stefan Millius, Journalist/Autor, Appenzell

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Das ist kein medizinischer Fachtext. Es ist ein auf eigenen Erfahrungen beruhender Zwischenruf.

Man musste deutlich sprechen, wenn man am Dienstagvormittag andere Leute über den Tod von Robin Williams informieren wollte. Viele verstanden rein akustisch zunächst einmal “Robbie Williams”. Und so fern ist das ja nicht mal. Beide leiden/litten unter Depressionen. Was in beiden Fällen bei vielen Zeitgenossen auf grenzenloses Unverständnis stösst. “Die haben doch alles, Geld, Ruhm, keine Zukunftssorgen. Wieso wird man da depressiv? Mann, ich hätte mit denen sofort das Leben getauscht!”

Oh wow, liebe Tauschwillige, hättet Ihr das bereut.

Die Entstehung einer Depression hat wenig mit den äusseren Umständen zu tun. Diese können die Situation sicherlich erschweren. Aber eine Depression ist nicht die Abwesenheit von guten Dingen oder Menschen im eigenen Leben, sondern die Unfähigkeit, überhaupt noch Empfindungen für Dinge und Menschen zu erleben. Einem Depressiven kann man einen Sack Geld, die Jugendliebe und 20 Kilo kalorienfreie Schokolade ins Zimmer legen, das ändert gar nichts. Depressiv zu sein bedeutet, soweit von sich selbst weg zu sein, dass jedes noch so positive Ereignis und jede noch so gute Nachricht nichts mehr mit einem selbst zu tun hat.

Eine Depression ist auch in keiner Weise dasselbe wie irgendein “Montags-Blues” oder eine gewisse Unlust an einer bestimmten Aufgabe, wie sie jeder von uns dann und wann empfindet. Ich begreife, dass Leute, die das nicht selbst erlebt haben, zunächst einmal glauben, das, von dem man da spricht, selbst durchaus zu kennen. “Ja, ich hatte auch schon eine schlechte Phase”, “stimmt schon, manchmal hat man auf nix wirklich Lust”: Das sind die netten Reaktionen. Die weniger netten sind die altbekannten: “Hör auf mit deinem Selbstmitleid” und der Klassiker “Du musst dich eben einfach zusammenreissen”. Für einen wirklich Depressiven ist der Vorgang des “Sichzusammenreissens” in etwa so nachvollziehbar und umsetzbar wie der berühmte Pudding, den man an die Wand nagelt. Um sich zusammenzureissen, muss man sich an irgend etwas halten können. Eine Depression ist die Absenz jedes Halts im Leben, die absolute Bodenlosigkeit. Wenn man nichts erkennt, was man greifen könnte, wonach soll man greifen, um sich aufzurichten? Wenn es nichts gibt, was einen trägt, wie soll man das alles dann er-tragen?

Wenn ein psychisch gesunder Mensch am Montag nicht gerne aufsteht, weil ein mieser Tag oder eine miese Woche vor ihm liegt, dann hilft in aller Regel die Perspektive darauf, dass dieser Tag oder diese Woche auch mal vorbei geht, dass in fünf Wochen Ferien warten, dass am Wochenende die Grillparty mit den alten Schulfreunden ansteht. Ein Depressiver kennt keine Perspektiven. Nicht, weil er keine Agenda führt und nicht weiss, dass da eine Grillparty wäre, zu der er gehen könnte. Es hat nur nichts mit ihm zu tun beziehungsweise mit der Person, welche die Krankheit aus ihm gemacht hat. Natürlich sind da nette Leute, natürlich ist es da lustig. Aber das sind theoretische, abstrakte Informationen, die kann man einem Depressiven in Stein ritzen und sie ihm in den Eingangsbereich stellen, man erreicht ihn damit nicht.

Es ist unglaublich schwierig, das einem Nichtbetroffenen zu vermitteln, gerade eben, weil es nicht die “normale” Reaktion auf solche Informationen ist. Aber im Grunde müsste es wiederum sehr einfach nachvollziehbar sein. Ohne Neurologe zu sein, aber wir wissen: Jede Information wandert durch die Schaltstelle Hirn und wird dort verarbeitet und ist die Grundlage für Empfindungen und Entscheidungen. Ist es nicht akzeptierbar, dass es biologische Ereignisse gibt, welche diese Prozesse stören? Dass ein Mangel an bestimmten Stoffen dazu führt, dass die üblichen Wege nicht mehr funktionieren? Wenn man mir einen Lungenflügel entfernt, werde ich auf Verständnis stossen, dass meine Atmung beeinträchtigt ist bei ausserordentlichen Anstrengungen. Und das Hirn, dieses so komplexe Organ, das wir nach wie vor nur ansatzweise verstehen, darf keine Aussetzer haben?

Ich bin mal an einem ganz normalen Tag mit zwei Einkaufstüten vor dem Auto gestanden und befand mich vor der Wahl, ob ich die linke oder die rechte Tüte auf den Boden stellen soll, um dann mit der freien Hand die Autoschlüssel aus der Jackentasche zu fischen. Ich wusste nicht genau, ob die Schlüssel links oder rechts waren. Jeder Mensch hätte nun zuerst die Tasche rechts hingestellt und mit der rechten Hand in der rechten Jackentasche gekramt und bei Ausbleiben von Erfolg dasselbe eben links versucht. Oder von Anfang an beide Taschen hinstellen und mit beiden Händen in beiden Jackentaschen kramen. Logische Sache. – Ich stand dort rund fünf Minuten lang. Ich habe Dutzende von Anläufen genommen, eine der Taschen hinzustellen, dann doch die andere, oder doch beide, oder rechts, oder links. Ich stand dort, mir lief der Schweiss von der Stirn, aber ich war nicht in der Lage, die Entscheidung zu treffen. Ich habe auf ein- und demselben Fleck verharrt. Irgendwann habe ich die Taschen einfach aus den Händen fallen lassen, weil ich keine Kraft mehr hatte. Irgendwie und irgendwann bin ich danach auch im Auto gelandet.

Natürlich schade, dass da niemand an mir vorbeiging und mir zurief, ich solle mich doch einfach zusammenreissen. Wie einfach wäre dann alles geworden dank diesem hilfsbereiten Mitmenschen.

Ach ja, erinnert sich wer an Robert Enke, den Fussballtorwart? Es wird so sein wie damals. Wir werden jetzt im Nachgang zum Tod von Robin Williams zwei oder drei Tage engagiert über das Thema sprechen und es danach wieder zur Seite legen. Dann sind wir wieder die zweigeteilte Menschheit. Bestehend aus denen, die es im Griff haben und denen, die sich doch bitte endlich einfach mal zusammenreissen sollen. Denn es ist doch so einfach.

Erstpublikation am 12. August 2014 auf dem Blog von Stefan Millius.

6 Gedanken zu „Robin und Robbie und warum Ahnungslose dringend schweigen sollten

  1. Grossartiger Text. Dankeschön. Bin leider selber (indirekt) auch davon betroffen. D.h. jemand aus meinem nahen Umfeld ist depressiv. Und ich musste damals auch lernen, dass eben solche Sprüche nichts helfen, und eher fehl am Platz sind. Man lernt aber mit der Zeit auch zu Unterscheiden, wann es wirklich eine Depression ist, und wann es nur eine Person mit dem berühmten Montags-Blues ist.

  2. Guter Punkt mit Enke. Das war mein ERSTER Gedanke, als ich von Williams (damals in der Berichterstattung noch »möglichen«) Suizid hörte. Also, nachdem ich »What the hell« murmelte und Fisher King rauskramte. Und ja, die Berichterstattung hat bereits abgenommen, ich schätze, spätestens Dienstag wird’s dann nur noch Randbemerkungen geben, falls überhaupt.

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