«Wer sagt denn eigentlich all die gemeinen Sachen zu euch Betroffenen?»

Auf den Artikel hin, in dem Stefan Millius beschrieb, warum es für Depressive wenig hilfreich ist, wenn man ihnen sagt, dass sie sich halt einfach zusammenreissen sollten, fragte der Journalist und Blattmacher des Blicks, Thomas Ley auf Twitter: «Sorry, aber wer sagt denn eigentlich all die gemeinen Sachen zu euch Betroffenen?»

Ich habe mit der Hilfe von Floh Betroffene um Antworten dazu gebeten. Hier sind sie:

«Als ich das erste Mal mit einer Panikattacke im Notfall landete, weil ich dachte, ich sterbe jeden Moment, sagte mir der Arzt nach der Untersuchung, es sei alles in bester Ordnung und ich könne nach Hause gehen. Ich sagte ihm, ich habe Angst, dass ich gleich sterben werde. Er meinte zu mir mit einem Zwinkern, das könne schon passieren, dann solle ich wieder kommen. Und zu meinem Vater gewandt, das sei halt die momentane Weltlage, das mache eben Angst. Das Schlimmste daran war, dass sie dann darüber lachten.
Nach dem zweiten solchen Erlebnis im Notfall (mit ähnlicher Reaktion der Ärztin) habe ich nie wieder erwähnt, dass ich Angst hätte zu sterben. Darauf folgten Jahre der rein somatischen Symptombehandlung (Magen, Darm, Kopf, Herz…). Erst 10 Jahre später kam ich zu einem neuen Hausarzt, der spezifisch danach fragte, ob mich Ängste plagten.»

Marco

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Chef: „Wenn ich gewusst hätte, dass du eine psychische Krankheit hast, hätte ich dich nie angestellt.“
Ich: „Hattest du denn im letzten Jahr je das Gefühl, dass ich schlecht arbeite?“
Chef: „Nein, aber du bist JETZT labil.“
Ich: „Ich bin seit drei Wochen krank geschrieben, nicht seit drei Monaten.“
Chef: „Darum geht es nicht.“
Ich: „Worum geht es dann?“
Chef: „Du bist psychisch krank. Ich will keine psychisch kranken Mitarbeiter.“
Danach musste ich den Schlüssel abgeben und wurde freigestellt, bis die Kündigung rechtskräftig wurde.

My

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«Was, du bist krankgeschrieben?! Wegen diesem Psychose…dings? Aber… Hast du kein schlechtes Gewissen? Du gehst spazieren und besuchst deine Eltern – ich an deiner Stelle würde mich schämen. Stell dir vor, deine Mitarbeitenden müssen jetzt all deine Dienste abdecken?! Ich würde mir sowas nie rausnehmen.» (Reaktion meiner Schwiegermutter).

My

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«Es ist besonders schlimm, wenn Vorwürfe von der eigenen Familie kommen. Noch schlimmer, wenn es die eigene Mutter ist. Meine Mutter hat mich beschuldigt, mich in meiner Krankheit (Depression) «zu suhlen». Das macht sprachlos, fassungslos und sehr, sehr traurig. Auch meine Schwester sagte zu mir: „Man kann auch immer ein Haar in der Suppe finden!“ Man muss kein Haar in der Suppe finden, aber die Depression ist eine negative Angelegenheit, in der man leider nicht die Vögel zwitschern hört, Sonnenaufgänge sieht und sowieso alles rosafarben ist. Man kann sich einfach nicht zusammenreissen, beziehungsweise ist oftmals die Tatsache, dass man noch am Leben ist, Beweis genug, dass man eben trotzdem versucht weiter zu machen.»

Kate

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(Vorwurfsvoll): „Warum arbeitest du eigentlich nicht?“
„Ich würde sehr gerne, mit geringem Pensum.“
„Kein Wunder will dich keiner, du bist psychisch krank und somit nicht belastbar und oft krank und das ist ein Risiko für jede Firma!“
(Damalige „Freundin“)

Floh

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„Du hast Borderline?“
„Ja“
„Aber du hast keine Narben!“
„Nicht jeder macht das“
„Aber alle mit Borderline!“
(Eine Bekannte)

Floh

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Als ich wegen Depressionen krankgeschrieben war, lästerten meine Arbeitskollegen über mich: “Aha, sie ist depressiv, aber mit dem Hund raus kann sie”

Ellen

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Freunde, Bekannte und selbst mein damaliger Chef kamen deutlich besser mit meiner Diagnose »Erkrankung im Formkreis der Schizophrenie« klar als die Verwandtschaft. Bei Ersteren folgten Fragen, oft nach Klischeevorstellungen (»Heisst das, dass Du eine gespaltene Persönlichkeit hast?« – »Also glaubst Du, dass Ausserirdische Dich durch Steckdosen abhören?« usw.), aber eben: Es waren durchwegs FRAGEN, ein Dialog war möglich. Oft lachten wir darüber, die Situation fühlte sich vielleicht ungewohnt, aber nicht »schlimm« an. Es war kein Problem.
Die Verwandtschaft hingegen zeigte sich wenig verständnisvoll oder interessiert: »Was sich junge Leute heutzutage so alles einbilden können …« machte das eine Ende des Spektrums aus, am anderen Ende fand sich eine Tante mit „Wenn Du Stimmen hörst, dann mach das Radio aus!“

Sascha

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«Was ich immer wahrnehme, ist, wie die Leute umschalten, wenn sie denn wissen, dass man eine Depression hat. Man nicht mehr für voll genommen wird. Ein vermeintlich vermindertes Recht, eine eigene Meinung zu haben. Und diese dann auch noch zu äussern. Denn man funktioniert ja gar nicht mehr richtig. Und ich denke, es ist diese Entwürdigung, diese Entwertung die am meisten trifft. Und diesem Zustand fühle ich mich immer ausgesetzt, wenn ich mich in der Gesellschaft bewege. Dieses Gefühl hatte ich vor meiner Erkrankung nicht. Und es wurde mir auch nicht vermittelt. Denn ich gehörte ja dazu. Jetzt anscheinend nicht mehr.»

Davide

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Einige weiterführende Blogartikel von Betroffenen zum Thema:

So unterschiedlich die Erkrankungen und deren Ausprägungen, so ähnlich sind doch oft die Erfahrungen. Auch im Buch «Diskriminiert», für das die Autoren in 84 ausführlichen Interviews chronisch psychisch kranke Menschen nach ihrer Lebensqualität befragt haben, spielt die Reaktion der Umgebung und deren Einfluss auf das Selbstbild der Betroffenen in vielen Gesprächen eine wichtige Rolle:

«Frau C.: Ich habe vier Ausbildungen und kann jetzt gar nichts mehr arbeiten. Ich bin IV-Rentnerin: das ist sehr schlimm für mich, IV-Rentnerin zu sein, ein unnützes Mitglied der Gesellschaft, ein Schmarotzer. Das krieg ich auch oft zu spüren von aussen, wenn ich gefragt, werde: «Was machst du?» Früher habe ich immer gelogen. Habe erzählt, dass ich Krankenschwester bin. Jetzt erzähle ich manchmal, dass ich IV-Rentnerin bin. «Ja wieso? Dir geht’s doch gut». So sehe ich ja auch aus. Man sieht’s mir einfach nicht an. Und einige, die das schon über vielleicht zwei Jahre mitgekriegt haben, die sagen: «Jetzt musst du doch mal wieder, du kannst doch nicht einfach vom Staat leben, andere müssen auch arbeiten»… Und deshalb bin ich auch immer wieder wie eine Verrückte am Rotieren, am Suchen… suche Inserate, rufe an, bewerbe mich, überlege, ob ich dieses oder jenes machen soll…»

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Obwohl Frau C. selbst weiss, dass sie krank ist, verunsichern sie verständnislose Bemerkungen sehr und bewirken, dass sie sich um Arbeitsstellen bemüht, denen sie ohne Anpassungen gar nicht gewachsen ist, was zu weiteren Versagenserfahrungen führt. Baer/Domingo/Amsler: Diskriminiert (2003)

Das fast 500 Seiten starke Buch ist überhaupt eine erschütternde Dokumentation der Diskriminierungserfahrungen von Betroffenen – nicht nur im persönlichen Bereich oder bei der Arbeit, sondern auch im sogenannt «professionellen» Umgebungen. Die Autoren dokumentieren aber nicht nur, sie ordnen ein und formulieren zum Schluss Hinweise für die Rehabilitation und Verbesserung der Lebensqualität psychisch kranker Menschen.

Auch Monika Bütler und Katja Gentinetta formulierten in ihrem Buch «Die IV – Eine Krankengeschichte» (2007) Empfehlungen zum Umgang mit psychisch kranken IV-Bezügern, allerdings der etwas anderen Art:

«Wo keine physische Erwerbsunfähigkeit vorliegt, würde die Verrichtung niederschwelliger gemeinnütziger Arbeiten im zweiten Arbeitsmarkt standardmässig eingeführt. (…) Bei einer Verletzung der Mitwirkungs- und Präsenzpflicht können Sanktionen zum Einsatz kommen, die über eine Reduktion der Unterstützungsleistungen über gewisse Einschränkungen bis zu einem zeitlich befristeten Aussetzen der Hilfeleistungen reichen.»

Das ausserordentlich perfide an dieser diskriminierenden Forderung ist, dass sie so selbstverständlich in ein ansonsten die verschiedenen Akteure klug und klar analysierendes Buch eingebettet ist, genau so wie die NZZ einen wirklich gescheiten Artikel zur besseren Integration von psychisch Kranken in die Arbeitswelt abschätzig mit «Depressiv in der sozialen Hängematte» übertitelt. Wenn ein Boulevardblatt wie 20min die Problematik  psychisch kranker Jugendlicher mit dem Foto eines Bottelon bebildert:20minbotellon

oder ein Vertreter einer einhellig für ihre Polemik bekannten Partei spottet, dass «Jeder, der behaupte, er sehe weisse Mäuse (haha) eine IV-Rente bekomme» ist zumindest klar, auf welchem Niveau dergestaltige Darstellungen und Äusserungen anzusiedeln sind. Wenn aber eine einflussreiche Professorin oder eine altehrwürdige Zeitung, die beide für ihre differenzierten Aussagen bekannt sind, mit aller Selbstverständlichkeit diskriminierende Ansichten und Formulierungen einfliessen lassen, werden diese damit als «völlig in Ordnung» geadelt. Man darf so über psychisch kranke Menschen reden. Die sympathische Professorin und die NZZ tun’s ja schliesslich auch.

Zum Abschluss noch ein Denkanstoss, wie es aussähe, wenn die Umgebung auf körperliche wie auf psychische Krankheiten reagieren würde:2013-11-21-Helpful Advice

8 Gedanken zu „«Wer sagt denn eigentlich all die gemeinen Sachen zu euch Betroffenen?»

  1. Hat dies auf Ein My. rebloggt und kommentierte:
    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich möchte betonen, dass ich auch immer wieder auf offene, tolerante Menschen gestossen bin, wenn es darum ging, dass ich meine Diagnose offenlegen musste. Was aber nicht ansatzweise bedeutet, dass in unserer Gesellschaft keine Vorurteile, Diskriminierungen und Verurteilungen von psychisch kranken Menschen bestehen und erfolgen, wie sich der Herr Ley das offenbar vorstellt.

  2. Noch als Ergänzung zu meinem Radio-Spruch:

    Ich kann die Ablehnung im Familienkreis, die auch immer wieder anderenorts thematisiert wird, nachvollziehen. Da spielen dann auch etwaige Schuldgefühle mit rein, oder eine allgemeine Frustration der eigenen Realitätswahrnehmung. Beide Punkte hauen bei Menschen ganz automatisch rein – Selbstschutz: Mein Neffe ist irgendwie krank, weshalb? Habe ich als Elternteil etwas falsch gemacht? Sind die Gene unserer Familie irgendwie mistig? Ging ich bisher mit rosaroten Brillen / passendem Parteibuch / passendem Weltbild / passender Tradition / passendem Wasauchimmer durchs Leben?

    Dinge zu hinterfragen, die sehr nah an die eigene Substanz gehen, auch an das eigene Selbstverständnis, ist schwierig. Eine Abwehrreaktion ist da nur natürlich. Dass diese in der eigenen Familie heftiger ausfallen kann naheliegend. So nach dem Motto »es kann nicht sein, was nicht sein darf.« Denn wenn sie es darf ist man selbst nicht mehr »sicher«.

    Dennoch unangenehm bis zerstörerisch für die Betroffenen. Und einer der Hauptgründe, weshalb ich so auf Offenheit von Betroffenen poche – macht man nichts gegen die Tabuisierung in der Gesellschaft, verstärkt man diese. Und die Gesellschaft fängt beim eigenen Zwischenmenschlichen an.

    Ich fordere nicht, dass man sich möglichst auffällig oder gar aufdringlich in Szene setzt. Ist mir auch zu blöd. Aber so lange besonders auch bei psychischen Krankheiten die plakative Symbolbild-Ästhetik und -Berichterstattung in Medien und dem gesellschaftlichen Diskurs vorherrscht, wie anders sollen dann Familienmitglieder damit umgehen?

    Um auf meine Radio-Tante zurückzukommen – ja, war dumm, besonders, da am selben Tisch eine andere Tante gerade über den Psychoseschub ihres Sohnes informieren wollte. Aber die Reaktion der Radio-Tante ist mir im Nachhinein verständlich. So lange Tabus vorherrschen und Klischees und Vorurteile kolportiert werden folgt automatisch Abwehr aus Selbstschutz.

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