«Mein» und «Dein» für Anfänger. Und etwas zum Behindertenwesen im Allgemeinen.

Ich find’s wirklich ganz entzückend, wenn man sich bei der Agile dazu herablässt, sich von einem meiner Artikel ziemlich offensichtlich «inspirieren» zu lassen und u.a. auch von mir recherchierte Fakten einfliessen lässt:

Publiziert am 10. Juli 2014 auf ivinfo:

2014: immer noch «Erfolgreiche Bekämpfung des Versicherungsmissbrauchs in der IV» – Der Begriff «Betrug» taucht noch 5 mal auf. Dafür hat der «Missbrauch» in erschreckendem Masse zugenommen. 2012 noch fast unbekannt, wurde er aktuell (2014) 27 mal erwähnt.

Publiziert am 4. September 2014 auf agile.ch:

2014 brauchen die Kommunikationsprofis des BSV in der Medienmitteilung zum IV-Jahr 2013 durchgehend den Begriff Versicherungsmissbrauch. 27 Mal erscheint der Begriff im fünfseitigen ergänzenden Faktenblatt. Der Begriff Betrug oder eine Kombination mit diesem Begriff findet sich gerade noch fünfmal im Faktenblatt.

Aber würd’s euch eventuell was ausmachen, dazu auch die entsprechende Quelle anzugeben? Ich weiss, mit den korrekten Quellenangaben habt ihr’s bei der Agile ja nicht so. Aber wär echt supi, wirklich.

Und… darauf achten, dass beim Abschreiben keine Flüchtigkeitsfehler passieren, ginge das vielleicht auch? Es ist nämlich nicht der Begriff «Versicherungsmissbrauch» der im Dokument 27 mal vorkommt (der kommt nur 20 mal vor) sondern der Begriff «Missbrauch». Hättet ihr selbst gezählt, wüsstet ihr das. Aber hey, kein Problem, echt. Abschreiben ist halt etwas anspruchsvoll.

Immerhin, das mit meinen Links übernehmen, das hat ja richtig gut geklappt. Bravo!
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Warum ich das öffentlich mache: Ich habe mit der Autorin des Agile-Artikels vor einigen Jahren bereits ein ausführliches Gespräch zum Thema geführt. Ganz offensichtlich mit null Lerneffekt. Man verzeihe mir, dass ich deshalb ein kleines bisschen sarkastisch geworden bin.

Da auch andere Akteure des Behindertenwesens in meinem Blog des öfteren eine Art Selbstbedienungsladen sehen, möchte ich an dieser Stelle wiedereinmal ans Copyright erinnern:

«Hier gehört alles mir (Ausser natürlich die Artikel der GastautorInnen, sowie Text- und Bildzitate aus anderen Quellen, die jedoch stets als solche gekennzeichnet sind). Alle Artikel unterstehen dem Urheberrecht und dürfen weder digital noch analog weiterverbreitet werden.
Die Nutzung jenseits kurzer Ausschnitte der Texte (mit Quellennennung) bedarf meiner ausdrücklichen Genehmigung.»

Selbst nicht kreativ zu sein, ist ja nicht schlimm, dann zitiert man halt jemand anderen. Aber sich mit fremden Federn schmücken ist… erbärmlich.

Geradezu unverschämt hingegen wird es, wenn jemand für eine berufliche Aufgabe (wie beim obigen Agile-Artikel) auf meine Recherchen abstellt. Sprich: jemand verdient Geld mit meiner (unentgeltlichen) Arbeit. Wie nennt man das schon wieder? Ah ja… Schmarotzertum.

Aber hey, sind doch alles so gute Menschen im Behindertenwesen. Und das obige Beispiel ist doch bestimmt nur eine Ausnahme….

Nein, ist es nicht. Es ist die Spitze eines Eisberges und absolut symptomatisch. Symptomatisch für die Unfähigkeit zum Respekt. Für die unterschwellige Aggression mit der viele Leute aus diesem Bereich darauf reagieren, wenn jemand etwas ganz anders macht, als es der «Behindertenwesen-Kodex» vorschreibt. Für einen Konkurrenzkampf, der nie offen ausgetragen werden kann, weil sich im Behindertenbereich doch alle lieb haben und so gute Menschen sind. Also macht man es hinterrücks.

Der ehemalige BSV-Direktor Yves Rossier beschrieb 2011, wie er mit Erstaunen diese Machtspiele unter den Organisationen wahrgenommen habe:

«Dass man sich eigentlich nicht fragt: «Wozu arbeiten wir und sollen wir es nicht gemeinsam machen?» Sondern entscheidend ist: Wer wird es schaffen? Und dass man manchmal eher ein Interesse hat, dass jemand etwas nicht schafft, als dass man es gemeinsam schafft.»

Ich kann das nur bestätigen. Ich habe noch in keinen anderen Umfeld soviel Missgunst und passive Aggression gesehen wie im Behindertenbereich. Und noch nie hat mich eine Tätigkeit immer wieder selbst dermassen mit Aggressionen erfüllt, wie die Arbeit an diesem Blog. Ich dachte lange, es liege am halt an sich «negativen Thema». Aber das stimmt nicht. Es liegt an zwei Sorten Menschen, mit denen ich dabei (u.a.) zu tun habe; zum einen gewisse Leute aus dem Bereich der Organisationen und zum anderen derjenige Teil der Betroffenen, die sich ausschliesslich als arme Opfer sehen und das mit nichts anderem als mit aggressivem Schimpfen kommunizieren können. Die auch in meinen Artikeln immer nur ausschliesslich die Kritik sehen («Genau! Alle böse!») aber nie die Anregungen («Hä? Anregungen?») zum Denken, zur Veränderung, zur Weiterentwicklung.

Nun kann man sagen, dass ich das mit meinem Schreibstil auch fördere. Das kann man durchaus so sehen. Es ist aber auch symptomatisch, dass sich die Kritik an meinem Blog meist ausschliesslich um den Stil dreht. Ich warte immer noch auf den Tag, wo mir jemand mal fachlich fundiert und überzeugend entgegenhält, dass ich inhaltlich danebenliege. Das ist bis heute noch nie passiert. Ich finde das sehr enttäuschend. Denn ich glaube, dass nur durch eine offene Auseinandersetzung von kontroversen (aber fundierten) Meinungen eine Weiterentwicklung stattfinden kann.

Der Behindertenbereich jedoch scheut die offene – und auch öffentliche – Auseinandersetzung mit kontroversen Themen. Bezeichnend dazu ist beispielsweise die als Einheitsmeinung daherkommende Stellungnahme zur PID (genauer: Chromosomenscreening) diverser Organisationen. Für die Öffentlichkeit wird ein Bild von sozialistischer Einigkeit demonstriert: «Die Behinderten» heisst es, sind gegen die PID, denn die PID ist behindertenfeindlich. Punkt.

«Die Behinderten» gibt es aber nicht. Wenn einem wirklich etwas daran liegt, dass Menschen mit Behinderung nicht in erster Linie als «Behinderte» wahrgenommen werden, sondern als Individuen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften und Lebenserfahrungen und neben allem halt auch einer Behinderung, dann müssen auch die durch die unterschiedlichen Lebenserfahrungen zustandegekommenen unterschiedlichen Meinungen und Ansichten offen kommuniziert werden dürfen. Und jemand, der eine andere Meinung zu einem Thema hat, nicht einfach als «Verräter» abgewatscht werden.

Ich glaube, wenn eine offene Diskussionskultur vermehrt gefördert würde, würde im Behindertenbereich viel Energie frei werden, die nun gebunden ist in internen Querelen und Machtspielchen. So werden positive Entwicklungen massiv verhindert.

Im diesen Sinne war übrigens auch der Schlusssatz des letzten Artikels gedacht: Der Begriff «Nacktselfie» wurde als ironisch gefärbte Metapher für «Ausgiebiges mit sich selbst beschäftigen» verwendet. Siehe auch: Nabelschau. Aber eben; die Kritik an meinem Stil war einmalmehr wichtiger, als das Nachdenken über den Inhalt der Aussage.