Fragen stellen, Fehler machen, Recht haben und manchmal auch nicht – Trial & Error bei der Suche nach überzeugenden Antworten

Ich hatte da neulich mal folgende Frage ans BSV:

Im BGE 8C_32/2013 wird Cancer-related Fatigue (CrF) nicht den Päusbonog zugerechnet und somit deren – potentiell – invalidisierende Wirkung anerkannt. In der Urteilsbegründung wird u.a. folgendes aus der Fachliteratur zitiert: «Die CrF kann (…) in 30 bis 40 % noch längere Zeit nach Therapieabschluss andauern.

Meine Frage dazu: Mit welcher Methode unterscheiden die IV-Stellen bzw. Gutachter die 30 – 40% Krebspatienten, bei denen eine CrF auftritt, von den 60% – 70%, bei denen dies nicht der Fall ist (das Krankheitsbild also simuliert werden könnte)? Da CrF nicht zu den Päusbonog zählt, können zur Beurteilung der invalidisierenden Wirkung ja nicht die Foerster-Kriterien herangezogen werden.

Zwei Monate und zwei Erinnerungsmails später habe ich so etwas Ähnliches wie eine Antwort bekommen. Die habe ich aber nicht richtig verstanden. Darum darf ich die Antwort hier nicht zitieren. Darüber, mit welcher BSV-Abteilung ich diesen wenig erquicklichen Austausch hatte, hülle ich mich jetzt mal in Schweigen.

Bedeutend erfreulicher war hingegen das Gespräch mit dem hilfsbereiten Herrn aus der BSV-Kommunikation, der mir kürzlich für den Artikel «Wie erfolgreich sind denn eigentlich die Eingliederungsmassnahmen der IV? – Es ist… kompliziert» etwas Klarheit in einen Haufen Zahlen gebracht hat. An dieser Stelle nochmal Danke dafür.

Entgegen einem möglicherweise anderslautenden Eindruck stelle ich nicht täglich fünf Fragen ans BSV, auch nicht wöchentlich oder monatlich sondern allerhöchstens jährlich. Und auch nur dann, wenn ich eine Information wirklich nirgendwo anders finden kann. Ich versuche damit auch niemanden zu ärgern oder in die Pfanne zu hauen, sondern ich versuche, Dinge zu verstehen, damit ich in meinem Blog keine dummen Sachen schreibe.

Das kommt natürlich trotzdem manchmal vor. Es kommt auch vor, dass ich meine Meinung ändere und manche Dinge anders sehe, als vor zwei oder fünf Jahren. In der Regel beruht eine Meinungsänderung auf Informationszugewinn. Manchmal bestätigt ein Informationszugewinn oder schlicht der Lauf der Zeit auch eine anfangs ungefähre Ahnung. Dann würde man zuweilen gerne mit einem T-shirt auf dem gross «I told you so» steht, durch die Welt hüpfen. Für den umgekehrten Fall (komplett daneben gelegen) möchte man lieber kein T-shirt drucken lassen. Aber es gehört genauso dazu: Sich irren, sich täuschen, Fehler machen, u.s.w. oder anders gesagt:

Fail often. Fail fast. Clean it up. Learn from it. Move on. Repeat.

(via Brené Brown )

Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, es gilt auch für ganze Gesellschaften. Allerdings kann das Aushandeln dessen, was eine Gesellschaft im Nachhinein als «Fehler» anerkennt, sehr sehr langwierig sein (Stichwort Verdingkinder). Und das «daraus lernen» ist dann nochmal eine ganz andere Geschichte.

Ich glaube an den Diskurs. Ans Aushandeln dessen, welche Dinge wir als Gesellschaft für tendenziell «richtig» oder tendenziell «eher nicht so gut» halten. Und dieser Diskurs ist nie zu Ende, denn alles ändert sich dauernd. Neue technische und medizinische Möglichkeiten… die Emanzipation der Frauen… politische Entscheide… das Internet…. Alles ist ständig in Bewegung und verursacht dadurch auch viel Unsicherheit. Es ist verlockend, sich in diesem ganzen überwältigend-bunten Chaos von denjenigen die Antworten vorbuchstabieren lassen, die die Welt in schwarz-weiss aufteilen. Je nach eigener Vorliebe sind dann entweder alle IV-Bezüger mit unsichtbaren Erkrankungen Simulanten, oder alle IV-Gutachter unfair.

Differenzieren ist anspruchsvoll. Eine Meinung haben ist einfacher als Ahnung haben. Meckern ist so viel einfacher als konstruktiv kritisieren, weil man zum kontruktiv Kritisieren überhaupt erst Ahnung von einem Thema haben muss. Man kann nicht alles wissen. Nie. Aber man kann bereit sein, dazuzulernen.

Dann fragt man am besten Leute, die sich auskennen. Darum frage ich manchmal im BSV nach. Wenn ich von da keine überzeugenden Antworten bekomme, suche ich sie mir halt anderswo. Gefunden habe ich sie in diesem Fall im von den Rechtsanwälten von Indemnis beim rennomierten Professor Peter Henningsen (Fachbereich Neuro-Psychosomatik) in Auftragg gegebenen Gutachten zu den Päusbonogs (Zusammenfassung und ganzes Gutachten lesenswert):

Es gibt im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Ätiologiemodells keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Situationen, in denen eine organpathologisch definierte Komponente des Körperbeschwerdeerlebens gegeben ist (z.B. bei Fatigue-Syndromen im Rahmen einer Multiplen Sklerose oder im Kontext einer Krebserkrankung) und solchen, in denen eine solche Komponente nicht gegeben ist (in beiden Fällen unterliegt dem Beschwerdeerleben eine ätiologische Mischung der bio-psycho-soziale Komponenten, so sind auch für das Ausmass von Fatigue im Rahmen einer Multiplen Sklerose die psychosozialen Ätiologiekomponenten gewichtiger als die unzweifelhaft biologisch-organische Komponente (vgl Bol 2009) – es gibt nur einen relativen Unterschied in der Gewichtung und Benennbarkeit der biologischen Komponente(…). Es ist insofern nicht gerechtfertigt, Körperbeschwerdesyndrome mit eindeutiger organischer Ätiologiekomponente im Hinblick auf die Begutachtung der Arbeitsfähigkeit anders zu behandeln als solche ohne eindeutige Komponente.

Ich schrieb im Juli 2013:

Und wenn so ein Krebspatient rein zuuufällig ganz besonders stark unter langdauernder Erschöpfung leidet, weil seine psychosozialen Umstände subobtimal bis miserabel sind, dann spielt das bei der IV-Berechnung keine Rolle (weil: der böse Krebs, nicht wahr, alles rein organisch) während die psychosozialen Umstände bei den psychischen und somatoformen Störungen immer explizit als nicht IV-relevant herausgestrichen werden, dann ist das natürlich auch… total fair.
Klar.

Könnte ich jetzt bitte so ein «I told you so» Shirt haben?

(Vielleicht mit einem  «I was wrong» auf dem Rücken, nur… für den Fall…)