Erkenntnisse aus «Wunder muss man selber machen» (Sina Trinkwalder, Manomama) und «Sozialfirmen» (Blattmann/Merz, DOCK)

Wie man eine erfolgreiche Sozialfirma aufbaut, kann man (noch) nirgends lernen. Die drei Frauen Daniela Merz (ehemalige Primarlehrerin), Lynn Blattmann (Geschichts- und Psychologiestudium) und Sina Trinkwalder (ehemalige Inhaberin einer Werbeagentur) haben es geschafft und darüber geschrieben:

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Blattmann/Merz: Sozialfirmen – Plädoyer für eine unternehmerische Arbeitsintegration (2010, Zürich)
Am Beispiel der von ihnen geführten Sozialfirma zeigen die Autorinnen die besonderen Umstände, die spezifischen Managementmethoden, die Stolpersteine, die Erfolgsfaktoren und die Perspektiven für derartige Unternehmen. Sie skizzieren neue Formen der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und setzen sich kritisch mit der aktuellen Rolle des Zweiten Arbeitsmarktes auseinander. (via rüffer & rub)    → dock-gruppe.ch

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Sina Trinkwalder: Wunder muss man selber machen – Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle (2013, München)
Sie holt die Menschen aus der Arbeitslosigkeit. Sie fertigt in Deutschland. Sie bezahlt hohe Löhne. Ihre Kollektion ist schick und ökologisch. Politiker und Medien reissen sich um sie. Sina Trinkwalder ist keine Unternehmerin, die an eine Steigerung der Rendite durch Verlagerung der Jobs nach Asien glaubt – sondern an die fundamentale Bedeutung eines selbstverdienten Lebensunterhalts für Menschen, die dadurch mit Stolz an der Gesellschaft teilhaben können. (via Droemer-Knaur)   → manomama.de

Während Blattmann und Merz ein (schweizerisch) nüchtern-analytisches Sachbuch vorlegen, ist Trinkwalders Buch ein aus persönlicher Sicht geschriebener Erlebnisbericht, bei dem sie sich nicht scheut, auch auftretende Schwierigkeiten äusserst unterhaltsam einzuflechten. Bei allen Unterschieden in Vorraussetzungen (Schweiz/Deutschland), Charakteren, Herangehensweisen und Erfahrungen sind mir einige eindrückliche Parallelen in den beiden Büchern aufgefallen:

Vertrauen & Wertschätzung

Blattmann/Merz:
Ohne Vertrauen geht in einer Sozialfirma nichts. Sie können in diesem Umfeld nicht mit Druck und Drohungen führen. Wer zu uns kommt, hat nichts mehr zu verlieren und dementsprechend wenig Angst vor Sanktionen. Sie können auch nicht mit Argumenten alleine überzeugen: der Weg führt tatsächlich übers Herz, auch wenn das etwas altmodisch klingt. (S. 154)

Trinkwalder:
Einmal sagte mir eine Lady: «Wenn du in zehn Jahren Arbeitslosigkeit komplett auf dich gestellt bist, ist dir ziemlich egal, was der Rest macht. Das legst du auch nicht sofort ab, wenn du eine neue Arbeit hast». Mit viel Hingabe, Geduld und Wertschätzung gelingt es aber, diese ehemaligen Einzelkämpfer wieder zu echten Teamplayern zu machen. Nicht jeden, aber viele. Und das ist es, was mich antreibt. (S. 110)

Klare Führung

Blattmann/Merz:
Wir sind der festen Überzeugung, dass beides zusammen nicht geht; man kann nicht führen und betreuen. Das ist eine Überforderung. Mit einen eindeutigen Bekenntnis zur Führung schafft man Klarheit, nicht zuletzt auch zugunsten der Arbeitnehmenden, die dann wissen woran sie sind. (S. 49)

Trinkwalder:
Meine Ladys wollten keine Freundin. Oder besser gesagt, nicht nur: Sie wünschten sich eine Chefin, die freundlich ist. Eine die mitten unter ihnen sitzt und mitnäht und trotzdem genügend Durchsetzungskraft zeigt, wenn es unangenehme Dinge zu klären gibt. (S. 178)

Einbezug der Mitarbeitenden und deren Vorstellung einer sinnvollen Tätigkeit

Trinkwalder:
Wir starteten mit der Idee, dass eine Näherin ein Kleidungsstück komplett selbst nähte. Grund dafür war meine Annahme, den Mitarbeitern würde es Freude bereiten, ein komplettes Stück zu fertigen. Dem war aber nicht so. (…) Jeder hatte seine Fähigkeiten und Vorlieben, die ich mit meiner gut gemeinten Idee des Gesamtfertigens schlicht überging. So fingen Maria und Suley an, Bestellungen zu bündeln und sich die Arbeiten zu teilen. Jeder nähte was ihm lag – und sie schafften doppelt so viele Kleidungsstücke. Zu allem Überfluss auch noch in einer deutlich besseren Ausführung.
«Das ist ganz normal, Sina! Je öfter du einen Arbeitsgang machst, umso schöner wird das Ergebnis», erklärte mir Suley. (…)
Leuchtete mir ein. Es war dann ab diesem Tag in unserer Manufaktur die Arbeitsteilung eingezogen, wenngleich ich etwas wehmütig meine Idee der Komplettanfertigung zu Grabe trug. Was aber nützt die schönste Idee, wenn der Mensch, den sie betrifft, sich nicht wohl fühlt in der Umsetzung? (S. 134)

Blattmann/Merz:
Hinter den Gussteilen steht ein Kunde, der auf das Erzeugnis wartet, und eine Produkt, das alle verstehen. Wer für ein Auto Teile nachbearbeitet, leistet einen wichtigen Beitrag und ist Teil einer Produktionskette, für die eine Nachfrage besteht. Dieser Aspekt kann mit einen kreativeren Produkt, hinter dem kein klares Bedürfnis steckt und dessen Absatz unsicher ist, viel weniger abgedeckt werden. Unsere Arbeitnehmenden betonen immer wieder, wie wichtig es ist, dass ihr Einsatz wirklich gebraucht wird. Das ist es, was sie zur Leistung anspornt, nicht die Kreativität der Tätigkeit. (S. 66)

Blattmann/Merz:
Wenn es beispielsweise darum geht, ob eine bestimmter Auftrag übernommen werden soll, kann es ausgesprochen nützlich sein, die Arbeitnehmenden einzubeziehen; ihre Argumente, warum etwas klappen kann und wo sie Probleme sehen, können äusserst zweckdienlich sein. (S. 95)

Fazit
Beide Bücher sind aus Sicht der Unternehmens-Chefinnen geschrieben und zeigen deshalb vorwiegend deren Perspektive auf. Auch über das für und wider von Sozialfirmen kann man selbstverständlich endlos diskutieren. Aber was man aus obigen Ausschnitten deutlich lesen kann, ist folgendes: Die Betroffenen wollen nicht «arbeiten spielen», sondern «richtig arbeiten». Das müssen wie in beiden Fällen gezeigt, gar nicht immer die superkreativen Tätigkeiten sein, aber Sinn muss es machen. Und sie möchten in einer Umgebung arbeiten, in dem der Beitrag, den sie zu leisten vermögen, wertgeschätzt wird und man ihnen zwar wohlwollend zugewandt, aber nicht sozialtherapeutisch begegnet.

Den grössten Fehler, den man in diesem Bereich vermutlich machen kann, ist nicht ehrlich zu den Leuten zu sein. Die Betroffenen haben oft schon soviel gesehen, denen macht so schnell keiner was vor. Fehlende Authenzität (zu «nett» wie auch zu gespielt «hart») wird durchschaut und nicht goutiert. Das verlangt (mehr als in der freien Wirtschaft) nach sich selbst stark reflektierenden Führungspersönlichkeiten. Allerdings nicht nach weltfremden Sozialtherapie-Esotherikern, sondern Leuten, die gleichzeitig auch viel von Wirtschaft verstehen, sonst wird das nämlich nix mit dem Unternehmertum.

Man mag Sozialfirmen wie gesagt aus verschiedenen Gründen kritisieren (Ja, sie werden natürlich staatlich mitsubventioniert) aber wie sich die Unternehmerinnen unter wirklich sehr schwierigen Bedingungen (u.a. Konkurrenzverbot des 1. Arbeitsmarktes, teilleistungsfähige MitarbeiterInnen, ect.) behaupten, verdient Respekt. So mancher «erfolgreiche» Unternehmer aus der freien Wirtschaft wäre unter solch anspruchvollen Bedingungen vermutlich schon längst kläglich gescheitert.

2 Gedanken zu „Erkenntnisse aus «Wunder muss man selber machen» (Sina Trinkwalder, Manomama) und «Sozialfirmen» (Blattmann/Merz, DOCK)

  1. Der Beitrag gefällt mir. Da ist ganz vieles drin. Etwas was ich aus meiner sehr persönlichen Perspektive sagen kann, ist eben Menschen unterschiedlich sind. In ihren Fähigkeiten, Neigungen, aber auch was sie für einen Führungsstil brauchen. Ich selbst weiss mittlerweile etwas worin ich gut bin und arbeiten kann und wo nicht. Ich funktioniere nicht in allen Bereichen und Arbeitskontexten. Das finde ich wichtig im Hinterkopf zu behalten, wenn es um Integration geht. Da ist nicht Masse X, die durch Integrationsprogramm Z läuft und dann kommen alle integriert hinten raus. Das ist jetzt sehr plakativ formuliert und eigentlich wohl auch fast jedem klar. Und trotzdem muss es zwischendurch mal gesagt sein. Gemeinden sind sehr unterschiedlich organisiert wenn es um Integration geht. Und nicht bei allen sind die Möglichkeiten so differenziert.

    Ich lese hier davon, wie 3 Powerfrauen die Welt verbessern wollen, indem sie etwas TUN, das dann zumindest Lösungen bringt. Zumindest in Teilbereichen (und mehr wäre auch zuviel verlangt).

    Sie sind damit meilenweit davon entfernt nach Leistungskürzungen zu schreien ohne selbst Probleme zu erkennen und Lösungen zu suchen.

    Eigentlich sollten SOLCHE Powermenschen gefördert werden, damit Integration gelingt. Vermutlich kann man solche Menschen aber nicht einfach auf Knopfdruck produzieren. Aber man könnte ja trotzdem mal damit liebäugeln etwas weniger Käseexport zu subventionieren und dafür etwas mehr solche Menschen zu fördern.

    Bitte mehr von diesen tollen Beispielen :)

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