Patriarchat & Neoliberalismus

Vier Denkanstösse. Aus der NZZ am Sonntag (2.11.2014) vom amerikanischen Ökonomieprofessor Robert H. Frank:

Warum halten Sie Charles Darwin für den wichtigeren Ökonomen als Adam Smith?

Smith sagte: Obwohl jeder sein Selbstinteresse verfolgt, erzeugt der Markt häufig gute Resultate für die ganze Gesellschaft. Ein Hersteller verbessert die Qualität seines Produktes oder bietet es günstiger an, weil er mehr verkaufen will. Die Verfolgung des Eigeninteresses hilft dem Individuum und der Gruppe. Darwin erkannte: Manchmal ist das, was für das Individuum gut ist, schlecht für die gesamte Gattung. Nehmen wir die Elche: Wie die meisten Säuger paart sich ein Elchbulle mit so vielen Elchkühen wie möglich. Davor muss er im Duell gegen andere Bullen gewinnen, sonst kann er sich nicht fortpflanzen. Die Waffen der Bullen sind ihre Geweihe. Die Mutation hat dafür gesorgt, dass die Geweihe immer grösser werden, weil der Sieger mit dem mächtigeren Geweih sich stets fortpflanzt. Doch wenn der Bulle von Wölfen gejagt wird, ist das grosse Geweih bei der Flucht im Wald hinderlich. Wenn alle nur halb so grosse Geweihe hätten, könnten sich die Elche als Gattung besser stellen. Der Konkurrenzkampf produziert mitunter solche Ergebnisse. Darum ist mehr Wettbewerb nicht immer besser.

Aus dem Interview der Krautreporter (4.11.2014) mit der ehemaligen Prostituierten Simone:

Die Qualitäten, die ich in der Erziehung zur Tochter aus gutem Hause gelernt habe, sind die Qualitäten, dank derer ich mich im Bordell heimisch gefühlt habe. Weil ich genau wusste: Du bedienst das, was die Welt von außen an Erwartungen an dich stellt. Und die Welt ist im Patriarchat erst mal eine männliche. Was wir an Hörigkeit den Erwartungen der Welt gegenüber lernen, als Kinder in diesem Schulsystem und später in der Welt aus Studium und Ausbildung, bereitet dich perfekt auf den Puff vor. Was hinzukommt sind Geld und Sex, aber die Qualitäten an sich sind die, die ich als Tochter aus gutem Hause gelernt habe. Eine Gesellschaft mit echtem Interesse müsste fragen, woher können die Prostituierten ihren Job so gut? Und sie müsste sich der Antwort stellen, dass sie selbst ihr das beigebracht hat, und zwar lange vor dem Sex.

Der belgische Psychologieprofessor Paul Verhaeghe in der Freitag (24.10.2014) über den neoliberalen Charakter:

Unsere Gesellschaft behauptet permanent, jeder könne es schaffen, wenn er sich nur genügend anstrenge, während sie gleichzeitig bestehende Privilegien immer weiter zementiert und ihre erschöpften Mitglieder stärker unter Druck setzt. Immer mehr Menschen schaffen es nicht, den eigenen Ansprüchen zu genügen, und fühlen sich deswegen schlecht, machen sich Vorwürfe und schämen sich. Es wird uns immer wieder gesagt, wir seien so frei, unser Leben zu gestalten, wie niemals zuvor, doch außerhalb der Erzählung vom individuellen Erfolg hat diese Freiheit recht enge Grenzen. Wer scheitert, wird als Verlierer oder Schnorrer abgestempelt, der die sozialen Sicherungssysteme missbraucht.
(…)
Unsere mutmaßliche Freiheit ist an eine zentrale Bedingung geknüpft: Wir müssen etwas aus uns „machen“. Wem es trotz guter Ausbildung wichtiger ist, sich um seine Kinder zu kümmern, als Karriere zu machen, der muss mit Kritik rechnen. Wer einen guten Job hat und eine Beförderung ablehnt, weil er lieber mehr Zeit mit anderen Dingen zubringen will, wird angesehen, als habe er den Verstand verloren – es sei denn, diese anderen Dinge dienen dem beruflichen Weiterkommen.

Und der Kinderarzt Remo Largo in der Limmattaler Zeitung (4.11.2014):

Wirtschaft und bürgerliche Parteien würden vorrechnen, wie teuer uns familienfreundliche Strukturen kämen. Das würde auf viele abschreckend wirken.

Natürlich wird uns die Schaffung einer familien- und kinderfreundlichen Gesellschaft finanziell einiges abverlangen. Es liegt deshalb an uns zu entscheiden, was uns eine bessere Lebensqualität wert ist. Wofür lohnt es sich, zu leben? Wie verbringen wir unsere Zeit? Schlimmstenfalls bleibt unser Lebensziel, möglichst bald an einem Burnout zu erkranken. Ich denke aber, die meisten Menschen wollen so arbeiten, dass sie daneben ein befriedigendes Familienleben führen können. Dafür müssen wir unser Wertesystem überdenken und die Gesellschaft dementsprechend umbauen. Dies traue ich – leider – nur den Frauen zu, lasse mich aber gerne von den Männern überraschen.