Würden Sie eine psychisch kranke Person auf Ihr Baby aufpassen lassen?

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Ein Gastbeitrag von My.

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Der Titel dieses Beitrags stammt aus dem Artikel «Über psychische Krankheiten muss mehr geredet werden» den ich hiermit sämtlichen Leser_innen wärmstens ans Herz legen möchte.

14.2% aller Befragten gaben laut einer darin zitierten Umfrage an, dass sie jemanden wie mich auf ihr Baby aufpassen lassen würden. Das traurige daran: Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass es so viele sind. Ich kann nur vermuten, dass diejenigen Personen, die auf diese delikate Frage bei «Ja» ihr Kreuz gesetzt haben, irgendeinen Bezugspunkt zu Menschen mit einer psychischen Krankheit haben. Dass sie vielleicht selber schon mal in einer psychischen Krise gesteckt haben (was statistisch gesehen eigentlich recht wahrscheinlich ist), oder dass eine enge Bezugsperson, ein Familienmitglied, ein Freund oder eine Lebenspartnerin eine psychische Krankheit hat oder hatte. Ob diese Vermutung begründet ist oder nicht, weiss ich selbstverständlich nicht.

Weiter frage ich mich, ob es wohl einen Unterschied machen würde, welche Diagnose ein_e potenzielle Babysitter_in hat. Ob mir fremde Menschen ihr Kind anvertrauen würden, wenn sie von mir wüssten, dass ich an einer «schizoid-affektiven Störung» leide, was ja doch ziemlich beeindruckend klingt?

Ironischerweise – bin ich doch Sozialpädagogin und damit sehr wohl für das Wohl von Kindern fremder Menschen verantwortlich – führt diese Frage gleich zu einer zweiten Aussage des erwähnten Artikels: Gerade mal 38% der Befragten würden eine psychisch kranke Person anstellen. Diese Zahl, das muss ich ehrlich sagen, erschüttert mich, und zwar nicht zu knapp. Ein lausiges Drittel der Befragten können sich vorstellen, einen Menschen mit einer psychischen Krankheit als Arbeitnehmer zu sehen?! Meine Güte!

Was sollen denn die ganzen Betroffenen tun, wenn nicht arbeiten? Ausschliesslich von Renten leben? Irgendwo weitab der Zivilisation in abgeschiedenen Psychiatrien lebenslänglich ihr Dasein fristen? In geschützten Werkstätten Schrauben abzählen, immer acht pro Schachtel, und das bei einem Stundenlohn um die 4 CHF, womit wir wieder bei den Renten sind?

Ich will niemanden blossstellen, und ich will niemanden entwerten. Ich kenne genügend Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Krankheit arbeitsunfähig und auf eine volle Rente angewiesen sind. Es ist eine Realität, dass es Menschen in solchen Lebenssituationen gibt. Es ist leider auch eine Realität, dass eine Herzens-Freundin, die ich in der Tagesklinik kennen gelernt habe, seit einem halben Jahr im geschützten Rahmen Belastungstrainings absolvieren muss, was in ihrem Fall heisst: 3-Königs-Kronen falten. Wir sind gleich alt und haben die selbe Ausbildung absolviert – leider hatte sie weniger Glück im Leben als ich, und ihre Krankheit hat sie seit fast drei Jahren fest im Griff.

Es gibt also auch in meiner rosa Filterblase Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Verfassung nicht oder nicht im ersten Arbeitsmarkt arbeiten können. Aber, hey: Es gibt auch viele Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, die durchaus da arbeiten können. Da allerdings fast zwei Drittel – gemäss Umfrage – potenzieller Arbeitgeber diese Menschen, mich, zum Beispiel, einfach schon mal ausschliessen, wenn bekannt ist, dass eine psychische Krankheit vorliegt, ja dann gute Nacht, schöne Illusion, dass ich irgendwann öffentlich zu meiner Diagnose stehen kann.

Eigentlich wollte ich in diesem Beitrag nicht verallgemeinernd wettern. Ich wollte davon erzählen, wie ich während einer massiven und lang andauernden psychischen Krise, in der ich gut acht Monate arbeitsunfähig war, Patentante wurde, ausgerechnet ich, und das im Titel erwähnte Baby zum ersten Mal zwei Stunden hüten durfte, als es gerade mal vier Wochen alt war. Ich erinnere mich, wie ich dieses kleine Wunder in den Armen hielt und so viel Liebe spürte, dass ich fast zerplatzte. Ich erinnere mich, wie viel Vertrauen meine Schwester, die Mutter dieses Babys, und ihr Partner in mich hatten, dass sie ausgerechnet mir, der Problemschwester mit den Stimmen im Kopf, ihr Kind anvertrauten.

Ich wollte davon erzählen, wie ich trotz massiver Abstürze in den letzten zwölf Jahren immer wieder in der Arbeitswelt Fuss fassen konnte, und von den vielen Menschen, Mitarbeitende, Vorgesetzte, Klient_innen, die meine Arbeit als wertvoll und kompetent ansahen.

Und ich wollte davon erzählen, wie sehr mich der Umstand nervt, dass ich meine Krankheit im beruflichen Feld verschleiern muss, als sei das etwas, wofür ich mich schämen muss oder das ich nicht akzeptieren kann oder will; dabei gehört das zu mir, meine Psychosen gehören zu mir, meine Krankheit macht mich zu dem Menschen, der ich bin.