An die Wirdmanwohlnochsagendürfen-Fraktion: «Political Correctness» hiess früher mal «Anstand»

Im Binnen-I sehen sie nichts weniger als den Niedergang der deutschen Sprache und in der schulischen Integration von Kindern mit Behinderung das Ende des Bildungssystems. Sie beharren darauf, ein Paprikaschnitzel «Zigeunerschnitzel» nennen zu dürfen und mokieren sich über Menschen, die Begriffe wie «Negerkönig» in Pippi-Langstrumpf-Büchern für unzeitgemäss halten. Ihr Motto ist: «Wird man wohl noch sagen dürfen!» und ihr grösster Feind die «Political Correctness». Sie treten ausschliesslich nach unten und sie tun es mit jovial-humoriger Süffisanz. Sie heissen Ulf (Poschardt), Harald (Martenstein), Jan (Fleischhauer) oder Matthias (Matussek) und schreiben für’s deutsche Feuilleton. Es gibt sie auch in der Schweiz. Sie schreiben gerne in der Weltwoche, manchmal auch der NZZ oder dem Schweizer Monat.

Robin Detje hat nun (als «älterer deutscher Mann, der selbst Feuilletonist war») in der Zeit eine lesenswerte Antwort auf #ulfharaldjanmatthias geschrieben:

Denn ja, wenn man so schreibt, dann hat das auch Wirkung. Wenn man öffentlich zündelt, legt auch irgendwann jemand Feuer. Und ja, man hat sehr wohl eine Vorbildrolle in hohen journalistischen Positionen. Man hat eine Verantwortung, der man gerecht werden kann oder nicht. Man hat die Wahl, Ressentiments zu bedienen oder nicht. Ja, es gibt eine Beißhemmung, die unsere Gesellschaft zusammenhält, eine sinnvolle Selbstzensur. Ja, die Presse hat eine aufklärerische Funktion. Und die offene Gesellschaft hat ihre Feinde, auch in den Redaktionen klick- und auflagenstarker Print- und Onlinemedien.

Seltsamerweise lässt sich das, was Political Correctness will, immer auch als Anstand beschreiben. Mit dem Schmähbegriff der Political Correctness wird Anstand dann belegt, wenn Menschen sich über ihn stellen wollen – einfach deshalb, weil sie Männer sind, weiß oder alt oder alles zusammen.

Wenn sie das Recht für sich in Anspruch nehmen wollen, alles, was Minderheiten vorbringen, als nerviges Gezeter abzutun, das ihre Freiheit bedroht. Anstatt zuzuhören, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört. Nein, es ist nicht okay, ein Spaß-Terrorregime aus Kolumnen zu errichten, die Schwächeren den Mund verbieten wollen. Nein, Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen euch weißen Männern nicht die Schwänze abschneiden. Und nein, Randgruppen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen euch nicht die Weltherrschaft wegnehmen. Obwohl – schöner Gedanke eigentlich …

Ganzer Text in der Zeit: Gender-Debatte: Anschwellender Ekelfaktor