«Menschen mit Behinderung sind was ganz Besonderes». Nicht.

Es gibt einige Stereotype, die ich zum Thema Behinderung langsam nicht mehr hören/lesen mag. Ganz weit oben auf der Liste steht dabei die Kategorie «Kinder mit Behinderung sind Sonnenscheine/was ganz Besonderes/eine Bereicherung». Ich hoffe sehr, dass jedes Kind für seine Eltern eine Bereicherung ist, egal ob mit oder ohne Behinderung, mit blauen oder braunen Augen oder ob es extrovertiert oder eher introvertiert ist. Ich verstehe aber natürlich auch, dass Eltern, die sich bewusst für ein Kind mit Behinderung entschieden haben, zuweilen das Gefühl haben, sie müssten sich für ihre Entscheidung rechtfertigen und deshalb stets betonen, was für eine Bereicherung dieses «besondere» Kind doch wäre.

Allerdings gibt es auch Eltern, die nicht nur jedem von ihrem besonderen Kind vorschwärmen, sondern auch ihrem eigenen behinderten Kind erklären, es wäre was ganz Besonderes. So wie beispielsweise eine Mutter ihrem Buben mit Downsyndrom erklärte, er verfüge über «Superkräfte». Dass eine sehr deutliche Antwort darauf unter dem Titel «My son has Down syndrome, not a super power» ausgerechnet auf einer Pro Life-Seite (also von radikalen Abtreibungsgegnern) erschien, verwundert nur auf den ersten Blick. Wer sich generell gegen Abtreibung ausspricht, sieht sich vermutlich deutlich weniger Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, sein behindertes Kind als etwas ganz Besonderes «anzupreisen».

Cassy Fiano, selbst Mutter eines Kindes mit Down Syndrom schreibt also:

«People with Down syndrome are always happy! They’re all so full of love!» People who say this probably don’t realize it, but when you say things like that, you’re reducing all people with Down syndrome to stereotypes, to caricatures. People with Down syndrome are most definitely not always happy, nor are they sparkly unicorns sent to Earth to bring love and rainbows to us all.

(….)

People with Down syndrome are complete people, and yes, they have struggles. But here’s the thing: everyone does. Every single person on this planet has challenges and hurdles to face, and they’re individual to each person. Yet no one goes around saying that someone with the typical number of chromosomes has a super power because man, he’s got a great smile.

Die Rollstuhlfahrerin Laura Gehlhaar schreibt in ihrem Blog unter dem Titel «Inklusion einfordern»:

«Den Status des ‚besonderen Kindes’ hatte ich nie. Meine Behinderung wurde nie schöngeredet oder gar als besonders gesehen. Mir wurde nie ins Ohr geflüstert, dass ich ‚auserwählt’ wurde, dass mir meine Behinderung gegeben wurde, um im Leben eine höhere Aufgabe zu erfüllen. Sie war einfach da. Manchmal war das gut. Manchmal war das schlecht.

Hätte man mir ständig gesagt, dass ich aufgrund meiner Behinderung etwas ganz Besonderes bin, hätte ich mich mit diesem Status gemütlich zurückgelehnt, mir meine besonderen Füße massieren und meinen besonderen Hintern hinterhertragen lassen. (…)

Ich ging aufs Gymnasium und war die ganzen Schuljahre bis hin zum Abitur das einzige Kind mit einer sichtbaren Behinderung. (…) Einige Lehrer suchten Rat bei meiner Mutter und bekamen dann zu hören: „Sie behandeln mein Kind, wie jedes andere Kind: Wenn sie sich nicht benehmen kann, geben Sie ihr eins auf den Deckel.“ Viele meiner Lehrer nahmen sich die Worte meiner Mutter zu Herzen, manche sogar zu sehr, und ich fühlte mich weder bevormundet, noch strenger behandelt. Das war ein gutes Gefühl, denn meine Behinderung spielte einfach keine Rolle mehr. Auch meine Klassenkameraden verstanden meine Behinderung als eine Eigenschaft, die einfach da war und zu mir gehörte. Und logischerweise galten für mich die gleichen Leistungsmaßstäbe, wie für jeden anderen auch. Leider auch in Mathe.

Heute weiß ich, dass es mir sehr gut tat, mich mit anderen Kindern ohne Behinderung zu messen. Ganz einfach, weil es mich auf das spätere ‚normale’ Leben vorbereitet hat.

Laura Gehlhaar erwähnt aber auch, dass es Situationen gab, in denen sie sich mehr Unterstützung von seiten der Lehrer gewünscht hätte, zum Beispiel, als sie von Kindern aus anderen Klassen aufgrund ihrer Behinderung gehänselt wurde und ihr daraufhin nahegelegt wurde, doch einfach die Schule zu wechseln:

Meine Mutter sagte mir damals, dass es ganz allein meine Entscheidung sei, ob ich gehen oder bleiben sollte. Ich blieb. Und kämpfte. Und machte die gute Erfahrung, dass Klassenkameraden, die immer hinter mir standen, sich auch mal vor mich stellten und zum Schlag ausholten. Päng!

Menschen mit Behinderungen brauchen in manchen Situationen vielleicht mehr Unterstützung oder Aufmerksamkeit. Aber das brauchen alle Menschen von Zeit zu Zeit. Sei es während einer vorübergehenden Erkrankung, nach einem Unfall, wenn ein naher Angehöriger stirbt – es gibt unzählige Situationen, die uns Menschen verletzlich oder hilfebedürftig machen. Das ist nicht die Ausnahme, es gehört zum Menschsein dazu. Es wird nur einfach gerne verdrängt. Genau so wie die Tatsache, dass über 90% der Behinderungen keine Geburtsbehinderungen sind, sondern erst später entstehen. Oder dass 50% der Menschen irgendwann in ihrem Leben einmal psychisch erkranken. Oder dass wir alle (oder die meisten) irgendwann mal alt und damit möglicherweise auch gebrechlich werden.

Die Aussonderung von Menschen mit Behinderungen (sei es als etwas «Negatives» oder überhöht als etwas «ganz Besonderes») bedeutet immer auch eine Negation der eigenen Verletzlichkeit, die sich (noch) nicht behinderte Menschen nicht gerne vor Augen führen mögen und sich deshalb sagen: «Die Behinderten»… die sind doch ganz anders als ich.

Aber jeder Mensch ist was ganz Besonderes und einzigartig. Eine Behinderung ist dabei nur ein Merkmal unter vielen und macht niemanden per se zu einem besseren Menschen. Und auch nicht zu einem funkelnden Einhorn, das «Liebe und Regenbögen» auf die Erde bringt.