«Menschen mit Behinderung sind was ganz Besonderes». Nicht. [Teil 2]

In meinem letzten Artikel versuchte ich darzulegen, warum Menschen mit Behinderung eigentlich genau so besonders oder eben «nicht besonders» sind, wie alle anderen Menschen auch. Das heisst natürlich nicht, dass sich durch eine Behinderung keine besonderen Bedürfnisse ergeben können. Niemand würde wohl bestreiten, dass ein Rollstuhl bei einer Gehbehinderung ein durchaus praktisches Hilfsmittel darstellen kann. Naja fast niemand. Die Pro Infirmis teilte nämlich Ende letzten Jahres auf ihrer Facebookseite folgendes Bild:

special need PI[Bildbeschreibung: Eine comic-artige Darstellung eines Jungen im Rollstuhl, daneben der Text: The only special need that I have, is to be loved and accepted just the way I am]

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Rollstuhl des abgebildeten Jungen durch Akzeptanz ersetzt werden kann (oder sollte). Und ob ihm Liebe in einem mehrstöckigen Gebäude ohne Lift tatsächlich weiterhelfen würde. Ausserdem ist «geliebt und akzeptiert zu werden wie man ist» eben genau kein spezielles Bedürfnis von Menschen mit Behinderung, sondern von allen Menschen. Aber ein «Recht auf Liebe» gibt es für Menschen mit Behinderungen genau so wenig wie für solche ohne Behinderungen.

Und wo wir grad beim Thema «Liebe» sind: Es gibt auch kein «Recht auf Sex». Für niemanden. Es existiert ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung (solange man damit niemand anderen beinträchtigt), das Recht auf Schutz vor sexueller Ausbeutung u.s.w. aber ein Recht auf Sex gibt es nicht. Auch wenn sogenannte SexualbegleiterInnen ihre Dienstleistungen gerne damit bewerben, dass auch «Behinderte ein Recht auf Sex» hätten» und es dabei schliesslich «gefühlvoller» zugehe als in der «echten» Prostitution.

Ironischerweise liegt aber gerade im gekonnten Verkauf von Illusionen (besonders gefühlvoll!) der Kern der Prostitution. Oder wie es eine ehemalige Sexworkerin beschreibt:

Sie hat zu sagen, zu denken und zu fühlen, was er sich von ihr verspricht. Das heisst sie tut so als ob. Je perfekter, desto besser. Und egal wie oder was er macht, sie hat es absolut geil zu finden. Sexworkerinnen sind ausgezeichnete Schauspielerinnen. Der Trick ist, (…) ihm das Gefühl zu vermitteln, er, nur er, sei der Einzige, bei dem sie je einen Orgasmus hatte. Wer einen Freier persönlich kennt, wird genau das von ihm hören: “Bei mir ist es ihr wirklich gekommen“

Und nun vergleichen wir das Ganze mit der Aussage des körperlich behinderten John Blades im Film über die australische Sexualbegleiterin Rachel Wotton:

Blades sitzt nach seiner Nacht mit Wotton in einem Strandcafé und feiert sich als Sexmaschine. „Ich glaube, ich war besser als jeder 22-Jährige!“

Menschen (oder sagen wir besser: Männer*) mit Behinderung haben kein «Recht auf Sex», aber sie können sich – genau wie nichtbehinderte Männer – eine Illusion kaufen. Die Illusion. Nicht die Frau. Denn gekaufter Sex bleibt immer Sex mit jemandem, der einem weder liebt noch begehrt. Sonst müsste man ja nicht dafür bezahlen. Oder wie es die deutsche Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp formuliert:

Prostitution ist letzten Endes die institutionalisierte Idee vom Recht auf sexuellen Egoismus. Ihre Existenz garantiert, dass Männer „Fickrechte“ in Anspruch nehmen können, ohne sich über ihre sexuellen Wünsche mit anderen auseinandersetzen zu müssen.

Jeder kann, darf und soll selbst entscheiden, ob sie oder er sexuelle Dienstleistungen anbieten oder in Anspruch nehmen möchte. Es ist allerdings nicht ersichtlich, weshalb man den «nackten Tatsachen» im Falle von behinderten Männern* mit dem Wort «Sexualbegleitung» ein kaschierendes Mäntelchen der Wohltätigkeit umhängen sollte.

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*Natürlich gibt es auch Frauen, die sich sexuelle Dienstleistungen kaufen. Sie machen allerdings eine verschwindend kleine Zahl aus.