Schau mir in die Augen, Kleines

In den letzten Jahren haben verschiedene Organisationen aus dem Behindertenbereich eine ähnliche Grundidee für ihre Awareness-Kampagnen benutzt, um plakativ aufzuzeigen, was eine Behinderung bedeuten kann:

MS_ZementsackMultiple Sklerose Gesellschaft Wien, 2008 (BBDO)

postcard_eiger_parcMuskelgesellschaft, 2008 (Luar)

ms_marathonSchweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft, 2011 (Draftfcb/Lowe Group)

Aut_DiplomAutismus Forum Schweiz, 2012 (Ruf Lanz)

Obwohl ich die Kampagne des Autismus Forum (es gibt noch weitere Sujets) einerseits sehr gut finde, weil sie eindrücklich aufzeigt, wie schwierig Alltagssituationen für Betroffene sein können, vermittelt sie mit dem Diplomsujet doch auch etwas leicht paternalistisches. Würde man einem MS-Betroffenen ein Diplom fürs «Zuckersäcklein aufheben» verleihen, würde das möglicherweise etwas merkwürdig anmuten. Bei körperlichen Krankheiten stellt sich nämlich viel weniger die Frage, ob sich der/die Betroffenen auch genug (diplomwürdig) anstrengt, sich möglichst «unbehindert» zu verhalten.

Benjamin Falk hat in seinem Blog Realitätsfilter eindrücklich beschrieben, was es für ihn als Autismusbetroffenen bedeutet, jemandem in die Augen zu schauen schauen zu müssen. Und er stellt am Schluss die entscheidende Frage dazu:

Ich kann an dieser Stelle natürlich nicht für andere Autisten sprechen, aber mich überfordert der Blick in die Augen meines Gesprächspartners sehr schnell. Die Augenpartie ist eine Körperregion, die im Kontext von Gesprächen Unmengen an Informationen vermittelt, welche aber für mein Empfinden vergleichsweise schwer und nur mit viel Konzentration zu interpretieren sind. Dazu kommt, dass ich die Informationen ja nicht nur wahrnehmen, auf die wesentlichen Dinge filtern und den Rest ignorieren müsste, sondern auch noch eine angemessene Reaktion von mir auf diese Erkenntnisse finden muss. Zusätzlich dazu müsste ich dann noch Konzentration für die inhaltliche Ebene des Gesprächs aufwenden, denn was nutzt es zu wissen, wie mein gegenüber Dinge sagt, wenn ich keine Ahnung habe, was es eigentlich grade sagt. Unabhängig vom Blickkontakt ist Kommunikation für mich kein Gesamtkonzept, sondern ich nehme Subtexte, Sachinhalte, sowie Gestik und Mimik als einzelne Dinge wahr, deren Interpretation ich jedes mal zu einem (im Idealfall) stimmigen Gesamtbild zusammenfüge.

Ich wäre also sehr wohl in der Lage, einer anderen Person in die Augen zu schauen. Allerdings würde mir die Konzentration für den Rest des Gespräches fehlen, so dass meine Beteiligung langfristig auf das Niveau eines geschmolzenen Gummibärchens sinken würde, weil ich kaum in der Lage wäre, das alles in Echtzeit zu tun.

Eine wesentliche Frage, ist die nach dem Nutzen des Blickkontakts. Mir wurde nie antrainiert, jemandem in die Augen zu schauen. Sehr wohl erlangte ich irgendwann die Erkenntnis, dass man Menschen zumindest ins Gesicht schauen sollte, wenn man ein Gespräch mit ihnen führt, um Aufmerksamkeit auszudrücken. Das geht aber auch sehr gut, ohne einander dabei in die Augen zu schauen. In Situationen, in denen es wirklich auf einen guten Eindruck ankommt, blicke ich dabei auf den Nasenrücken, der ist nah genug an den Augen, so dass niemand den Unterschied bemerkt, mir bleibt aber die Informationsdichte der Augen erspart.
(….)
Da ich nicht der einzige Autist bin, den Augenkontakt überfordert, drängt sich der Verdacht auf, dass Autisten aus gutem Grund auf Augenkontakt verzichten.

Die wesentliche Frage ist:
Wenn man Autisten Blickkontakt antrainiert, nutzt es dem Autisten irgendetwas, oder nimmt es ihm nicht ein Hilfsmittel, sich in Gesprächen trotz Reizfilterschwäche auf das Wesentliche zu konzentrieren und wäre ihnen nicht viel mehr damit geholfen, Werkzeuge zu erarbeiten, das unauffälliger zu machen?

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