Schmerz-Outsourcing

Im letzten Artikel habe ich aus einem Blogbeitrag von Realitätsfilter zitiert, der aufzeigt, dass das «nicht in die Augen schauen (können)» bei Autisten kein Zeichen von Unhöflichkeit ist, sondern schlicht eine Strategie darstellt, trotz Reizfilterschwäche überhaupt ein Gespräch führen zu können.

Solche Strategien gibt es auch bei vielen anderen Behinderungen oder Erkrankungen. Für Aussenstehende wirken diese Bewältigungsstrategien je nachdem unhöflich, merkwürdig oder «gestört» und vor allem unverständlich. Speziell selbstschädigendes Verhalten wie übermässiger Alkohol/Drogen/Medikamentenkonsum oder auch Essstörungen gelten zudem als Zeichen mangelnder Disziplin. Dabei dienen gerade diese Verhaltensweisen (anfangs) oft dazu, dass die Betroffenen überhaupt irgendwie klarkommen und Leistung erbringen können.

Das mag paradox klingen, wenn man bei Alkohol oder Drogenkonsum nur an jene Extremfälle denkt, die in Obdachlosigkeit und Verwahrlosung enden. Alkoholkonsum ist aber als «Selbsttherapie» beispielsweise bei Angststörungen oder Depressionen weit verbreitet und fällt nicht (sofort) auf. Betroffene fangen nicht mit dem Trinken an, weil sie irgendwann auf der Strasse landen möchten, sondern «weil es so schön entspannt», «den Schmerz betäubt», oder man nach ein paar Gläsern Wein «besser schlafen kann». Das ist vermutlich für die meisten noch einigermassen nachvollziehbar. Selbstschädigung im direkten Wortsinn, nämlich als selbstverletzendes Verhalten zum Beispiel in Form von Ritzen wirkt dann doch einiges schwerer verständlich.

Im Gemeinschaftsblog kleinerdrei beschreibt eine anonym bleiben wollende Gastautorin, warum sie sich selbst verletzt:

Meistens passiert es in Situationen, in denen ich mich unglaublich verletzt fühle und verdammt alleine. Ich bin sehr perfektionistisch und oft kommt es dann dazu, wenn ich meiner Meinung nach etwas nicht erfüllt habe. Das kann sich entweder alles nur in meinem Kopf abspielen (also, dass ich in dem Moment ganz alleine denke, ich wäre nicht gut genug), oder Kommentare von außen sind der Auslöser – die Chefin, der Betreuer, die Schwester oder ein Bekannter sagen irgendwas, das mir vermittelt, dass ich es nicht drauf habe, anstrengend bin oder dergleichen.
Ich befinde mich dabei blöderweise oft auf der Arbeit. Zur Zeit arbeite ich an meiner Doktorarbeit, da verbringt man nicht gerade viel Zeit zuhause (jedenfalls nicht in meinem Fachgebiet). Wenn also nun z.B. meine Chefin etwas sagt, was mich tief trifft und in mir diese Art Selbsthass auslöst, dann muss ich in diesem Moment etwas finden, um damit umzugehen. Wäre ich alleine zuhause, könnte ich erst mal heulen und dann gucken, ob es besser geht. Auf der Arbeit will ich das nicht.

Weil es aber in diesen Momenten in mir drin so so so weh tut, kann ich auch nicht einfach lächeln und weiterarbeiten. Also suche ich nach einem Weg, den Schmerz zu verlagern – Outsourcing quasi. Damit sich mein Kopf und meine Seele nicht mehr damit beschäftigen müssen, gebe ich das Problem an meinen Körper weiter. Und sobald ich das tue und danach dann konstant einen physischen Schmerz empfinde, kann ich sehr konzentriert mit meiner Arbeit weitermachen. Ich habe dann durch das selbstverletzende Verhalten Kontrolle über zumindest eine Art von Schmerz und das gibt mir die nötige Sicherheit wieder, um mich der Welt draußen erst mal wieder zu stellen.

Hinter dem selbverletzenden Verhalten steht in jedem Falle eine sehr persönliche Geschichte, die Betroffene begreiflicherweise nicht mit jedem (sofort) teilen möchten. Die Autorin wünscht sich deshalb, dass man sie lieber nicht direkt auf ihre Narben anspricht:

Solltet ihr also mal jemandem begegnen, der_die eine Menge Narben mit sich herumträgt: vielleicht lieber nicht nachfragen. Seht ihr die Person öfter und kennt sie ein bisschen besser und sollte es dazu kommen, dass ihr dauernd neue Pflaster bemerkt, dann sagt höchstens das, was ihr zu einem Menschen sagt, dem es mies geht: „Alles okay? Kann ich dir was Gutes tun/dir irgendwie helfen?“. Das kann man fragen, ohne jemanden konkret auf irgendwas anzusprechen. Wie gesagt: SVV ist oft ein Symptom und nicht das Problem selbst. Ich persönlich jedenfalls könnte damit besser umgehen, als wenn jemand auf meine Narben zeigt und genau darüber mit mir reden will.

Was bei mir persönlich auch hilft bzw. in der Vergangenheit geholfen hat, waren Reden und Sport. Reden vor allem dann, wenn jemand einfach nur zuhört und nicht urteilt. Wenn jemand sagt „Mach das doch nicht…“ hat das eher zur Folge, dass ich es vor dieser Person umso mehr verstecken möchte. Auch Angebote wie „Ruf mich an, statt zu schneiden“ helfen nur bedingt – wenn ich in dem Moment einfach irgendwie Blut sehen muss, dann rufe ich niemanden an. Aber ich bin dankbar, wenn es dann Menschen gibt, die nicht nachfragen, sondern einfach da sind. Dasein kann in dem Zusammenhang für mich sehr verschieden aussehen. Manchmal möchte ich dann in den Arm genommen werden. Manchmal möchte ich einfach nur abgelenkt werden. Manchmal möchte ich auch tatsächlich über den Kram reden, der das SVV in dem Fall getriggert hat. Für mich ist dann nur wichtig, dass ich bestimmen kann, was mir in dem Moment hilft.

Ganzen Artikel «Schmerz-Outsourcing – Zu selbstverletzendem Verhalten» bei kleinerdrei lesen

Ein Gedanke zu „Schmerz-Outsourcing

  1. SSV?….nur wenn man wegschaut…?..es kann sein dass da sogar eine Kurzsichtigkeit vorlegt, was bedeutet man fängt an zu schielen.. das ist nicht als Spass gemeint.. aber jetzt mal meine Geschichte.. von ein wenig Scheu und etwas Anstand..
    Und Billy The Kid Spielchen.. Von wegen einem Anstarren oder Wegschauen.. oder einfach in Gedanken ein Gespräch führen und seine Gedanken dazu haben..

    Es ist darum gegangen eine Einigung zu finden bezgl .Therapie, die mir vorgeschlagen würde und ich so meine Gedanken hatte..Schon wieder diese Gedanken ..
    Am traurigsten waren die Aussagen meines Gegenübers, ( Ein Hr. Psychiater war das..)am Ende diese Gespräches.
    Eigentlich sehr miese Bemerkungen. Selbstverständlich Fach – Äusserungen….es würde mir da vorgeworfen grundsätzlich alle..alle.. Psychiater zum Teufel jagen zu willen.. dies sind wortwörtlich die Aussagen eines..sich selbst grossartig einschätzendem Hr . Psychiater..vorweggenommen das ein Mensch der einen HR. Psychiater besucht.. ja sich keine Gedanken zu haben soll/te.. muss, dies von wegen freien Meinungs-Äusserungen..oder das nicht Schnallen was wir brauchen..
    Es war ein Gespräch voller Klischee-Vorstellungen, aber ein Einfacher Ich..wie ich bin kann solches nicht beurteilen

    Auf jedem Fall ..zurück zum Schau mich in die Augen du kleiner..fing er plötzlich an zu sagen warum ich ihn nicht in die Augen anschaue..überraschend für mich, weil ich dachte ich tat..!!Und dann sagte er mir, ohne auf meine Antwort zu warten.. er denkt , dass ich denke.. dass er ein Arschloch sei.
    Bam, Gutnacht dann!!..Ich war ein Moment fassungslos.
    Ja, zutiefst empört.
    Zweimal nacheinander sagte er das..!! ES ergibt heut noch kein Sinn darin zu erkennen.. als höchstens im Nachhinein festzustellen dass er tatsächlich einer war.
    Bei Sinnen gekommen sagt ich zu ihm. Spielen wir hier Billy the Kid..? Er liebte es die Leute penetrant anzuschauen und zu provozieren wie ich später erfuhr.War Arrogant.
    Ich habe nach dem Vorfall einen Brief geschrieben ,damit er mich mal sagen konnte warum er mir das gesagt hatte.(ich habe Tatsächlich nicht so etwas gedacht.. wieder dieses Denken.)was das auf sich hatte.
    Nun ja sein Stundenprogram machte es ihn offenbar nicht möglich mir zu Antworten.
    Der Clou ist… ich brauchte tatsächlich einige Monate später eine Brille. All die Zeit daneben geschaut.. so eine Ironie!!
    Also kein Autist.. kein SSV.. sondern wie wir, Du und ich.

    Aber Hr. Psychiater darf denken er kann Gedanken lesen..
    stell mal vor was diese Gedankenleserei bewirkt. So macht man IV -Fälle.. Die Einsicht ist nur für die , die auf der Seite der Vernünft stehen..ich meine dies sarkastisch. .Aber wieviel Leid verursacht solch eine Falschheit..? Denn seine Aussagen gehen in den Akten.. und die Interpretation dessen ist eine Krankheit worden…und alle die das einsehen sind ja ein wenig verwandt mit Hr.P.. Gedankengut…daran ist nicht zu rütteln. Dies ist eine wahre Gegebenheit..Den Brief habe ich immer noch. Da ist noch einiges mehr passiert mit dem Brief.
    Aber ich beschränke mich auf den Augenblick…Lass sich niemand mehr einschüchtern von wegen Augenkontakt haben, in den meisten solchen Gespräche machst Du sowieso der Zweite..

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