Die Disziplinierung der «Faulen». Ein Ablenkungsmanöver.

«Viele sind nicht motiviert, früh aufzustehen und eine Arbeit zu machen, bei der sie kaum mehr verdienen als mit der Sozialhilfe.»

HSG-Professorin Monika Bütler, Blick 20.12.2014

Das ist einer der Sätze, die so alltäglich sind, dass sie schon gar nicht mehr hinterfragt werden, sondern als «wahr» gelten. Für einmal möchte ich nicht auf die Anreizthematik eingehen, sondern auf die Implikation, dass sich «rechtschaffende Menschen» dadurch auszeichnen, dass sie früh aufstehen. Obwohl man mittlerweile weiss, dass «früh aufstehen» und vor allem «früh morgens leistungsfähig sein»* nicht allein vom «guten Willen» abhängt, sondern auch davon, welchem (genetisch bedingten) Chronotypen (Lerche, Mischtyp oder Eule) jemand angehört, gilt «Frühaufstehen» nach wie vor als Tugend.

Auch die wichtigste Aufgabe von sogenannten «Integrationsmassnahmen» für ALV-/IV-/Sozialhilfebezüger scheint oft darin zu bestehen, diesem (angeblich) faulen Pack das «früh aufstehen» beizubringen. Jedenfalls bekommt man den Endruck, wenn man regelmässig Zeitungsberichte über oder Selbstbeschreibungen von entsprechenden Anbietern liest. So sagte beispielsweise der Ingeus-Geschäftsleiter anno 2010 gegenüber dem Tagesanzeiger:

«Es kann aber auch vorkommen, dass ein Berater seine Klientin eine Zeit lang jeden Morgen anruft, um sie zum Aufstehen zu bewegen.»

Wie wir mittlerweile wissen, fiel die Integrations-Bilanz von Ingeus eher suboptimal aus. Offenbar braucht es für erfolgreiche Integration noch etwas anderes als ein Frühaufsteh-Bootcamp und Bauchtanzkurse. Im letzten Jahr veröffentlichten Abschlussbericht wurde u.a. festgestellt, dass die vor allem bei psychisch Kranken miserable Eingliederungsbilanz möglicherweise auch damit zusammenhängt, dass die Ingeus-Berater keine Fachkompetenzen in diesem Bereich haben.

Hätten sie ebendiese gehabt, hätten sie vielleicht gewusst, dass bei vielen psychischen Krankheiten Schlafstörungen auftreten und Depressive häufig unter einem sogenannten «Morgentief» leiden. An dieser Stelle würde ich dann einfach mal gerne fragen, ob die «EingliederunsgberaterInnen» Seh- und Hörbehinderte auch dahingehend «unterstützen», dass sie ihnen erklären, wenn sie genügend «motiviert» wären, würde das mit dem Sehen oder Hören auch bald besser klappen?

Auch wenn sehr viele Menschen das einfach nicht wahrhaben wollen (inklusive diverse Politiker, IV-Stellen und das Bundesgericht), ist es so, dass psychische Erkrankungen in vielen Fällen leider allerhöchstens (ein bisschen) behandelbar, aber nicht heillbar sind. Wären die alle heilbar, hätten wir nämlich keine 100’000 IV-Bezüger mit chronischen psychischen Krankheiten. Und es wäre auch nicht ein Drittel der RAV-und Sozialhilfe-Klienten psychisch krank.

Man wird dem grossen Leid und den mit solchen Erkrankungen verbundenen massiven Einschränkungen nicht gerecht, wenn man die Betroffenen medial immer wieder als «Idioten» hinstellt, die einfach noch nicht gemerkt haben, dass sie halt früher aufstehen sollten. Als ob alleine dadurch sämtliche behinderungsbedingten Einschränkungen wie von Zauberhand verschwänden.

Das «Frühaufstehen» bzw. «der Tagesrhythmus» ist ein immer wiederkehrendes Thema in der medialen Berichterstattung über Integrationsmassnahmen, ein plakatives Symbol für die angestrebte «Erziehung» speziell psychisch Kranker zu «Normalen» oder «rechtschaffenden Menschen». Angesichts der Tatsache, dass wir mittlerweile in einer 24 Stunden-Gesellschaft leben, in der viele Menschen zu den unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten arbeiten (Tankstellenshopangestellte, Fluglotsen, Pflegepersonal, Securitas und und und…) sowie flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice sich immer weiter verbreiten, wirkt das Trimmen auf «Frühaufstehen» ein wenig (ein wenig sehr) anachronistisch. Aber irgendwie passt das ja zum Schweizer Behindertenbereich, in dem die Uhren geschätzte 10 Jahre nachzugehen zu scheinen. Oder wie es Niklas Baer, der Leiter der Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation Baselland, mal formulierte:

«Für Arbeitsplatzerhalt und Eingliederung von Menschen mit komplexen Erlebens- und Verhaltensproblemen in ebenso komplexe Arbeitsumgebungen gibt es nach wie vor weniger Anleitungen als für das Layout eines BSV-Forschungsberichts».

Infos Insos, Juli 2012

Wenn ich noch ergänzen dürfte: funktionierende Anleitungen. Wenn man sich nämlich mal die letzten vier abgeschlossenen Pilotversuche zur Förderung der Eingliederung (Art. 68quater IVG) auf der Seite des BSV anschaut, sieht die Bilanz in der Tat nach wie vor wenig überzeugend aus:

Man macht es sich schon sehr bequem, wenn man diese Misserfolge wenig selbstkritisch samt und sonders der «Faulheit» der Betroffenen anlastet. Je länger je mehr wirkt das einfach nur noch wie ein Scheinargument einer Gesellschaft, die nicht fähig oder willens ist, gesundheitlich/psychisch beeinträchtigte Menschen mit/trotz ihrer Beeinträchtigung im Arbeitsmarkt aufzunehmen. Stattdessen sollen die Betroffenen erstmal «normal» sprich «nichtbehindert» werden. Und als Zeichen der erfolgreichen «Erziehung zur Normalität» gilt dann eben plakativ das «Frühaufstehen können». Selbstverständlich kann Frühaufstehen und ein geregelter Tagesrhythmus genau das sein, was jemand braucht, um funktionieren zu können. Nur: es kann genausogutsein, dass ein chronisch Depressiver es in seinem Leben nicht mehr schafft, morgens um 7.30 frischfröhlich irgendwo aufzutauchen, aber an einem Arbeitsplatz, wo er um 14 Uhr beginnen kann, durchaus gute Leistungen erbringen könnte.

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*Britische Wissenschaftler haben bei einer Untersuchung der Leistungsfähigkeit von Wettkampfsportlern kürzlich herausgefunden, dass der Unterschied zwischen maximaler und minimaler Leistung bei den unterschiedlichen Chronotypen über den Tag verteilt bis zu 26 Prozent betragen kann. Die Forscher folgerten daraus ganz erstaunlicherweise nicht, dass sich die Sportler eben mehr «zusammenreissen» müssten, sondern dass die Wettkampfzeiten je nachdem, welchem Chronotyp der Sportler angehöre, über Sieg oder Niederlage entscheiden könnten.

4 Gedanken zu „Die Disziplinierung der «Faulen». Ein Ablenkungsmanöver.

  1. Ich denke der Ansatz von ökonomischer Seite dieses Problem angehen zu wollen ist von Anfang an zum scheitern verurteilt. Ökonomen fehlt das nötige Basiswissen und wohl auch das Interesse sich mit Behinderten und ihren Krankheiten auseinander zusetzen. Von logischer Seite betrachtet sind so praktisch alle Versuchsanordnungen von Anfang an zum scheitern verurteilt. Hauptsache man kann sich dann zu was äussern. Auch zu Fachdisziplinen, die man nicht versteht. Schliesslich hat man sich damit befasst. Ob es in einem Fiasko endet ist dann auch nur noch zweitrangig. Es geht vielleicht tatsächlich nur noch um Meinungsmache, um eine breite Basis für eine Meinungsbildung auf ökonomischer Basis zu verankern. Um die nächste Studie finanziert zu bekommen, auf der dann weitere Reformen entwickelt werden. Egal ob das dann noch etwas mit Menschen zu tun hat. Hauptsache die Zahlen stimmen für ein paar wenige Nutzniesser, ausserhalb der eigentlichen Thematik, die dann davon profitieren. Auf die Eine oder Andere Art.

  2. Ja, ich schliesse mich diesem Kommentar an; es lohnt sich, die Aussortierten zu bewirtschaften. Deshalb geht es weiter. Was in einem Leben eines Menschen möglich wäre, steht im krassen Widerspruch zu dem, was gewisse Gesellschaften mit ihnen machen. Mir ist in all den hübschen Programmen, an denen ich teilzunehmen hatte, eines aufgefallen: Die Ausführenden der sehr rigiden Regeln, verhielten sich wie „Eichmenschlis“ (wie ich sie für mich nenne). Also, sie führten aus, und wenn man sie durch gezielte Fragen zum Nachdenken brachte, gerieten sie – im besten Fall – ins Trudeln, sagten jedoch immer in etwa, dies seien nunmal die Vorschriften. Weiterhin eine Unterhaltung führen zu wollen, war kaum möglich. Diese „Gehorsamen um jeden Preis“, schienen innerlich derart abgestorben, dass man fürchten musste, es könne nichts mehr sterben. Leider habe ich für dieses Land keine grosse Hoffnung mehr, denn wenn man historisch studiert, wie mit Menschen, die nicht in das bürgerliche Schema passten, über Jahrzehnte, umgegangen wurde, muss man zum Schluss kommen, dass sich eine Verhaltenstradition eingebissen hat. Erstaunlich gut (und erschreckend) ist die Solidaritätsverhinderung unter den Nichtinsschemapassenden organisiert.

    • Der Grossteil der Leute, die im Bereich Integration tätig sind, ist in erster Linie darum besorgt, seinen eigenen Arbeitsplatz zu behalten. Egal ob „Jobcoach“, IV-Integrationsmassnahmen oder geschützte Arbeitsplätze. Aufgrund der Verflechtung mit der IV hört man es dort zudem nicht besonders gerne, wenn der/die KlientIn eigene, enttäuschende Erfahrungen mit der IV erwähnt, auch wenn diese relevant sind. Gerade in einem kleineren Betrieb ist die Angst zu gross, dass man zum „IV-Kritischen“ abgestempelt wird.

      Trotzdem würde ich nicht zu hart urteilen, denn wer ist schon bereit dazu, hinter seinem Klienten zu stehen und damit seinen Job zu riskieren? Hat schon jemand je erlebt, dass ein Ausbildner/Coach/Vorgesetzter der IV widerspricht?

  3. Eigentlich muss man realiter jedem dankbar sein, dass er sich nicht auch noch in den seit dem SNB-Akt massiv veränderten Arbeitsmarkt drängt. Personalchefs belästigen ist nicht sehr sinnvoll in Firmen, die am Rande ihrer Existenzmöglichkeit leben.
    Die Irrealität einer Invalidenversicherung, die von einem „ausgeglichenen Arbeitsmarkt“ ausgeht, darf nicht mit der Realität in der jetzigen Arbeitswelt verwechselt werden. Sonst entsteht da nur Unsinn. Die Schlucht dazwischen ist in keiner Weise überbrückbar.
    Die aktuelle Politik in der Schweiz hat das Risiko schon für Nichtbehinderte, ihre Arbeitsstelle zu verlieren. Das ist die böse Realität. Da haben auch leicht eingeschränkte Menschen k-(aum) eine Chance.

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