Kann man denn da nichts machen?

Eine Situation, die niemand erleben will, beschrieb Frau Frogg kürzlich im Gemeinschaftsblog von avanti donne:

«Die Ärztin zieht die Stirn in Falten und sagt: «Also, Frau Soundso, es ist jetzt klar: Sie haben die F’sche Krankheit. Es wird schlimmer werden. Wir können leider nichts dagegen tun.»  Wer eine chronische Krankheit hat, kennt diesen Moment. Frau Soundso sitzt dann da und denkt: «Aber auf den Mond fliegen können sie, diese IdiotInnen von der Wissenschaft!» Und würde sie am liebsten auch gleich dorthin schicken. Nun beginnt ein grosses Hasten und Rennen: Frau Soundso sucht Rettung bei der Alternativmedizin. Bei Gesundbetern. Bei weisen Büchern. Das Angebot ist riesig.

Die daraufhin von Frau Frogg mit sarkastischen Unterton beschriebene Odyssee von Akkupunktur bis Geistheiler kennen vermutlich die meisten Betroffenen, die mit einer ähnlich unliebsamen Diagnose konfrontiert wurden. Und wenn dann halt doch nichts wirklich hilft, bleibt am Schluss nur noch dies:

«Bekannte geben einem ja immer neue Tipps. Aber irgendwann begann ich erschöpft abzuwinken. Ich habe jetzt eine neue Methode: Ich geniesse das Leben. Geht nicht immer, aber so oft wie möglich. Wenn ich meine Freundin treffe, auch eine Frau Soundso, trinken wir zusammen ein Cüpli. Und ganz, ganz selten erlaube ich mir sogar eine Zigarette. Es geht mir zwar nicht besser. Die Krankheit schreitet fort. Aber es könnte mir schlechter gehen.»

Was im oben zitierten Text leicht anklingt, sind die vier Trauerphasen (die je nach Autor etwas unterschiedlich benannt werden, untenstehend jene von Verena Kast). Zwar sind sie auf den Tod eines nahestehenden Menschen bezogen, aber sie treffen meiner Meinung nach auch auf den Umgang mit einer schweren Krankheit zu, auch da geht es um einen schmerzlichen Verlust, den der eigenen Gesundheit nämlich:

  1. Nicht wahrhaben wollen, Schock
  2. Aufbrechende Emotionen (Wut, Trauer ect.)
  3. Suchen und sich Trennen
  4. Neuorientierung

Selbstverständlich verlaufen diese Phasen nicht bei allen gleich, können sich auch überschneiden und in Intensität und Dauer variieren. Komplett unberührt lässt es wohl aber kaum jemanden, wenn er mit einer schweren chronischen Krankheit oder bleibenden Unfallfolgen konfrontiert ist. Schubförmige und/oder fortschreitende Krankheiten erfordern zudem eine zusätzliche stetige Anpassungsleistung der Betroffenen; jede weitere Einschränkung bedeutet wieder von neuem einen schmerzlichen Verlust von Möglichkeiten und Lebensqualität.

Trotz allem bleibt Betroffenen schlussendlich nichts anderes übrig, ausser Akzeptanz. Akzeptanz der Grenzen der Medizin, Akzeptanz der eigenen Einschränkungen, Akzeptanz des neuen Ich’s. Akzeptanz ist aber nicht etwas, was einmal erreicht ist, sondern immer wieder neu errungen werden muss. Nicht selten ist dabei zu beobachten, dass Betroffene sich langsam mit ihrer Situation arrangieren, während sich ihre Umgebung nach wie vor schwer tut.

«Kann man denn da nichts machen?» fragen wohlmeinende Bekannte und empfehlen Wunderheiler oder eine makrobiotische Diät (siehe oben). Als ob die Betroffenen nicht schon alles versucht hätten. Als ob sie einfach zu dumm wären, gesund zu werden oder zu faul oder… es gar toll fänden, krank zu sein. Manchmal scheinen alle diese Begründungen für Aussenstehende besser erträglich als die nackte Wahrheit: Nein, da kann man nichts machen (Oder: nicht mehr, als der Betroffene schon tut).

Das macht Angst und ist schwer auszuhalten. Besonders schwer für diejenigen, die tief überzeugt sind, dass mit Zusammenreissen und genügend Anstrengung alles erreicht werden kann. Dass es physische und psychische Schmerzen/Verletzungen gibt, die nur bedingt zu therapieren sind und Anstrengungen sich leider nicht immer gerecht auszahlen; schlicht, dass das Leben halt einfach nicht fair ist – diese Realität ist für viele Menschen kaum zu ertragen.

Doch es wäre genau das, was Betroffene oft brauchen würden; dass andere Menschen diese/ihre Realität mit ihnen aushalten.

Die Frage würde dann nicht lauten: «Kann man denn da nichts machen?» sondern: «Kann ich etwas für dich tun?»

Vielleicht möchte die/der Betroffene reden. Oder lieber schweigen. Wäre froh, zum Arzt begleitet zu werden oder dass mal jemand einen Nachmittag auf die Kinder aufpasst, wenn Schmerzen/Erschöpfung zu gross sind. Jeder ist anders und braucht was anderes, aber Unterstützung anbieten (nicht aufdrängen) ist besser als «Kann man denn da nichts machen?» weil da oft ein gewisser unterschwelliger Vorwurf an die Betroffenen mitschwingt, warum sie denn eigentlich überhaupt (immer noch) krank seien.