Dieter Widmer, IV-Stelle Bern: «Oft wird Kritik an uns adressiert, meint aber das System»

Der Kontakt mit der IV – konkret: mit den bei der IV-Stellen tätigen Mitarbeitenden – führt bei Betroffenen nicht selten zu Verunsicherung, Ängsten, Ohnmachtsgefühlen, Ärger und Wut. Daraus ergeben sich Situationen, die auch für die IV-Mitarbeitenden nicht einfach sind. Dieter Widmer, der Direktor der IV-Stelle Bern, greift das Thema deshalb im Vorwort zum diesjährigen Jahresbericht seiner IV-Stelle auf:

(…) Als IV-Stelle sind wir kein «gewöhnliches» Unternehmen. Wir verdanken unsere Existenz einem Bundesgesetz. Unser Auftrag besteht darin, es unvoreingenommen und objektiv umzusetzen. Wie wir das angehen, steht uns weitgehend frei. Wir versuchen, es auf eine möglichst effiziente und dienstleistungsorientierte Weise zu tun. An diesem Anspruch lassen wir uns gerne messen. Beim «Was» setzen uns die rechtlichen Grundlagen verbindliche Grenzen. Diese können wir weder verschieben noch ignorieren. Selbst dann nicht, wenn sie zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen. Oft wird Kritik an uns adressiert, meint aber das System. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind kompetent und motiviert. Sie geben jeden Tag ihr Bestes. Ich wünschte mir deshalb, die Kritikerinnen und Kritiker würden zwischen dem «Wie» und dem «Was» unterscheiden. Nachfolgend beschreibe ich zwei gesetzlich verankerte Eckpunkte, die immer wieder für Kritik sorgen, jedoch weder verhandelbar sind noch von uns beeinflusst werden können.

Nachhaltige Eingliederung
Bei jeder Anmeldung prüfen wir, ob der Erhalt des bisherigen Arbeitsplatzes oder die Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt möglich sind. Bei instabilen Verhältnissen dauert es Monate, ja manchmal sogar Jahre, bis Klarheit herrscht. Erst wenn feststeht, dass keine Eingliederungsmassnahmen (mehr) infrage kommen, dürfen wir, so hält es das Gesetz ausdrücklich fest, das Ausrichten einer Rente prüfen. Dies führt in Kombination mit den nicht selten sehr langwierigen medizinischen Abklärungen zu viel zu langen Bearbeitungszeiten. Zu lange, weil inzwischen der Anspruch auf Lohnfortzahlung oder Taggeld ausgeschöpft ist. Das kann den Gang zum Sozialamt notwendig machen. Das würden wir den Betroffenen gern ersparen, können es aber nicht. (…)

Hohe Hürden für den Bezug einer Rente
Verfassung und Gesetz setzen die Hürde für den Bezug einer Rente sehr hoch an. Menschen, die trotz gesundheitlicher Einschränkungen mehr als 60 Prozent ihres bisherigen Lohnes verdienen können, gehen leer aus. Das ist hart. Wir setzen alles in unserer Macht Stehende daran, dass sie im ersten Arbeitsmarkt bleiben oder dahin zurückkehren können. Im letzten Jahr ist uns dies bei 2014 versicherten Personen gelungen. Dieser Erfolg war nur möglich, weil sie trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen arbeiten wollten und auf einen Arbeitgeber trafen, der seine soziale Verantwortung wahrnahm. Es gibt noch eine Besonderheit zu  beachten. Wir dürfen nicht per se auf das tatsächliche Gehalt abstellen. Massgebend ist, was eine versicherte Person bei einem «ausgeglichenen» Arbeitsmarkt verdienen könnte.  Ob es realistisch ist, eine entsprechende Stelle zu finden, darf nicht in die Beurteilung einfliessen.(…)

Quelle: Jahresbericht 2014 der IV-Stelle Bern

3 Gedanken zu „Dieter Widmer, IV-Stelle Bern: «Oft wird Kritik an uns adressiert, meint aber das System»

  1. Ha! Gestern sagte ich in der Sozialkontrolle („hilfe“ kann ich sie nicht nennen): „Warum schafft die Schweiz nicht endlich wieder Armen- und Arbeitshäuser, das wäre wenigstens ehrlich.“ Immerhin, dieses Vorwort kann man dann in 100 Jahren zur Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte verwenden! „sorry he, duet mer sooo leid, aber dä hät gseit, ich mues dir dä und dä und ssssst, dä! Stromschlag gä. Ups, bisch tod? Hallooo!?“
    Erst dazu schauen, dass Besitz zu ausgewähltem Personal wandert, dann die Sozialversicherungen aushöhlen, warten, bis die EL überborden, dann da kürzen, usw. und in diesem Tun nur nicht vergessen, die Menschen in Gruppen zu teilen, unterschiedlich zu behandeln, dann gegeneinander ausspielen.
    Sagte der Fabrikbesitzer: Ich brauche keine 3000 Arbeiter, 500 müssen gehen. Sagten die Arbeiter: Wir brauchen keinen Fabrikbesitzer.
    Wie ich mir wünschte, dass die Menschen sich endlich regten. Aber, ich verstehe es; diese Schwachköpfe von Entscheidungsträgern haben eine richtig üble Mühle geschaffen, die fast jeden zermürbt.
    Und dazu die unerträgliche, inzwischen fast tägliche!, mediale Hetze.
    Ja, wenn das Herrli sagt, passt auf die Lügen, dann sagen alle, die sind verlogen. Wenn das Herrli sagt, passt auf die stehlen, sagen alle es war Raub. Wenn das Herrli sagt, passt auf die töten, sagen alle, es war Mord. Wenn das Herrli sagt, lasst Gruben graben, greifen alle die Schaufel rasch. Wenn das Herrli sagt, jetzt wird geschossen, nehmen alle die Gewehre aus dem Schrank.
    Und niemand hat es gemerkt, niemand konnte irgendetwas wissen, nicht wahr?
    Ein Beispiel: In Zürich muss man inzwischen mit Arztzeugnis nachweisen, dass Obdachlosigkeit nicht ertragbar ist, sonst muss man die Wohnung, die etwas über dem erlaubten Mietbereich ist, verlassen. Ich habe extra noch nachgefragt, als ich das hörte. Und wenn man dann mal obdachlos ist, geht es rasch, weil man durch die Lande gejagt wird, als hätte man die Pest.

  2. Hinter jedem System stecken Akteure und Akteurinnen. Das System kann laufend verbessert werden.

  3. Die IV, richtig sie ist an ein System gebunden. In diesem System Arbeiten Menschen die mit Menschen zu tun haben. Die Frage Herr Widmer ist wie:
    Im Zuge der letzten Revision wurde mir eröffnet, dass ich nun eben wegen dem System nicht mehr Rentenberechtigt sei. Sie haben 3 Tage Zeit einer Wiedereingliederung zuzustimmen oder nicht. Wenn nicht ist die Rente jetzt weg. Jetzt.
    Sie müssen wieder arbeiten dass wird dann hart. Sie hatten jetzt ….Jahre Ferien.
    Für alles mögliche haben wir heute in Kriesensituationen Psychiater und Manager…… für uns nicht. Die Eingliederung ist gescheitert…. Vorsichtlicher Konkurs…am….Gruss ans System oder an die IV stelle….

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