«Die Anderen»

Der Fall der jungen Frau, die kürzlich in Emmen von einem Unbekannten vom Velo gerissen und vergewaltigt wurde (und nun in Folge der schweren Verletzungen im Paraplegiker-Zentrum behandelt wird), rief verständlicherweise heftige Reaktionen hervor. Da der Täter laut der Polizei «gebrochen deutsch» sprach, ruft das auch diejenigen auf den Plan, die das tragische Ereignis für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. So wird SVP-Nationalrat Hans Fehr im 20 Minuten zitiert mit:

«Diese Tat ist absolut unfassbar. Deshalb müssen wir die Zuwanderung in den Griff bekommen».

Ich könnte nun ebenfalls polemisch antworten: Warum Zuwanderung generell? Wir könnten auch einfach nur noch Frauen aufnehmen. Die vergewaltigen eher selten. Und auch von den Insassen in Schweizer Gefängnissen sind nur 5% Frauen. Interessanterweise wird aber gerade diese Zahl (95% der Gefängnisinsassen in der Schweiz sind Männer) kaum je thematisiert. Obwohl die Männerquote unter den Gefängnisinsassen bedeutend höher ist als die Ausländerquote. Nun sind aber diejenigen, die an vorderster Front gegen Ausländerkriminalität kämpfen, meist Männer. Bei der SVP gibt es soviele Frauen in einflussreichen Positionen, wie es in der Weltwocheredaktion Journalistinnen gibt, die über etwas anderes als «Frauenthemen» (Beziehungen, Kunst ect.) schreiben (dürfen): Tendenziell gegen null. Die Chefedaktoren der meisten anderen Zeitungen sind ebenfalls Männer und die Politikressorts liegen auch überwiegend in Männerhand.

Über «die (kriminellen) Ausländer» schreiben ist deshalb – egal von welcher politischen Position aus – soweit ok. denn das sind ja «die anderen», aber «die Männer», das wäre man(n) dann ja selbst. Und man käme damit in die unangenehme Situation, dass man sich als Mann von den anderen Männern (den gewalttätigen/kriminellen) distanzieren müsste. So wie das immer von Ausländern, Muslimen you-name-it erwartet wird. Viel wahrscheinlicher wäre allerdings, dass man(n) als Journalist/Politiker ect. gar nicht auf die Idee kommt, sich zu distanzieren, weil man sich als Individuum begreift und nicht als «Mitglied» einer bestimmten Gruppe. Ein weisser heterosexueller Mittelklassemann zu sein, gilt nämlich nicht als spezielle Eigenschaft, sondern sozusagen als die «Default-Einstellung» des Menschen. Grayson Perry hat sich dazu letztes Jahr im langen, aber sehr lesenswerten Artikel «The rise and fall of Default Man» im New Statesman Gedanken gemacht:

If they do something bad it is also down to the individual and not to do with their gender, race or class. If a Default Man commits a crime it is not because fraud or sexual harassment, say, are endemic in his tribe (coughs), it is because he is a wrong ’un. (…)

When we talk of identity, we often think of groups such as black Muslim lesbians in wheelchairs. This is because identity only seems to become an issue when it is challenged or under threat. Our classic Default Man is rarely under existential threat; consequently, his identity remains unexamined. (…)

When talking about identity groups, the word “community” often crops up. The working class, gay people, black people or Muslims are always represented by a “community leader”. We rarely, if ever, hear of the white middle-class community. “Communities” are defined in the eye of Default Man. Community seems to be a euphemism for the vulnerable lower orders. Community is “other”. Communities usually seem to be embattled, separate from society. “Society” is what Default Man belongs to.

Um nochmal auf das Eingangsthema «Vergewaltigung» zurückzukommen. In diesem Zusammenhang lässt sich der von Perry beschriebene Unterschied der Gruppen- bzw. eben Nichtgruppenzuschreibung auch sehr gut beobachten. Wird eine Frau von einem Mann vergewaltigt, wird von der «Männercommunity» (die es so eben gar nicht gibt) nie gesagt: «Dieser Mann schadet uns allen mit seiner Tat!». Erhebt eine Frau fälschlicherweise einen Vergewaltigungsvorwurf, wird ihr (auch von Männern) vorgeworfen, damit «allen Frauen, die wirklich vergewaltigt wurden» zu schaden. Frauen, Ausländer u.s.w. werden nicht als Individuen behandelt, sondern als Repräsentanten eine Sondergruppe, die «ihrer Community» gefälligst nicht zu schaden zu haben.

Dieser Anspruch kommt sowohl von Aussen wie – gleichzeitig verständlich aber auch fatalerweise – oft auch aus der «Community» selbst.

Dieses Phänomen hat sich kürzlich auch in der deutschen «Behindertenszene» exemplarisch gezeigt. Ausgangspunkt war ein Interview mit Monica Lierhaus. Die frühere Sportschau-Moderatorin liess sich 2009 wegen eines Aneurysmas operieren, lag danach aufgrund von Komplikationen monatelang im Koma und musste mühsam wieder Laufen und Sprechen lernen. Sie sagte im Interview, dass sie zu «zu 85 Prozent wieder hergestellt sei» aber auch, dass ihre Gangart sie nach wie vor «nerve» und – noch einmal vor die Entscheidung gestellt – würde sie sich gegen die (lebensrettende) Operation entscheiden, da ihr dann vieles erspart geblieben wäre.

Daraufhin erntete sie empörte Reaktionen aus der deutschen «Behindertencommunity» so beispielsweise von der querschnittgelähmten Christiane Link:

Wer täglich gegen das Vorurteil kämpft, dass das Leben mit einer Behinderung nicht lebenswert oder zumindest bemitleidenswert sei, dem hat Monica Lierhaus einen Bärendienst erwiesen.

der gehörlosen Julia Probst:

Die Art, wie Monica Lierhaus über ihr Leben mit einer Behinderung  spricht, ist sehr schädlich für das Bild von Menschen mit Behinderungen

Und der mit Glasknochen lebenden Rebecca Maskos:

Auffällig zu gehen statt leichtfüßig und leistungsbereit im Studio zu stehen, nicht ganz deutlich zu sprechen statt souverän Interviews zu führen – es sind ihre eigenen Körperideale und die Scham über das vermeintliche Scheitern, die Lierhaus depressiv machen. Möglicherweise aber auch der Defizitblick auf Behinderung, den ihr die Journalistenkollegen täglich präsentieren.

Was bei allen drei Frauen auffällt, ist die energische (ich finde; teilweise übergriffig wirkende) Art, wie Lierhaus als «Behinderte» vereinahmt wird: «Die» gehört «zu uns» und damit hat sie gefälligst diejenige Rolle zu spielen, die der «Community» nützt. Diese Haltung stiess allerdings auch auf viel Kritik: Lierhaus dürfe schliesslich selbst darüber entscheiden, wie lebenswert sie ihr Leben empfinde und wie sie darüber kommuniziere.

Das Ganze erinnert auch an die in der Schweizer Behindertenszene intensiv geführte Auseinandersetzung um die PID. Auch dort war zu beobachten, dass vorwiegend Menschen mit Geburts- oder Frühbehinderungen (wie es die oben zitierten Aktivistinnen auch alle sind), bzw. deren Organisationen für sich gepachtet haben wollten, was «im Sinne der Behinderten» zu vermitteln sei.

Es ist verständlich, dass die Zugehörigkeit zu und die Einigkeit in der «Community» für diejenigen, welche bereits ihr Leben lang als «anders» behandelt wurden, eine grosse Rolle spielt. Für Menschen, die mit einer Behinderung aufwachsen, ist diese integraler Bestandteil der Persönlichkeit, sie haben sich selbst nie ohne Behinderung erlebt und haben es nie erlebt, ohne Behinderung wahrgenommen zu werden. Sie haben während des Aufwachsens i.d.R. auch Strategien  entwickelt, (entwickeln müssen) wie sie damit umgehen. Menschen, die erst später (nach 20) behindert werden, kennen aber ein Vorher und Nachher. Während ihrer Identitätsbildung in der Pubertät mussten sie den Faktor «Behinderung» nicht integrieren und sie wissen, wie es ist, NICHT zu den «anderen» zu gehören und nicht als jemand von «den anderen» behandelt zu werden.

Dieser Unterschied in der Reaktion der Umgebung kann sehr frappant und verstörend sein. (Protipp für Nichtbehinderte: Einfach mal einen Tag im Rollstuhl in der Öffentlichkeit verbringen; Sie werden sich wundern, wie anders Sie «mit Behinderung» wahrgenommen und behandelt werden, obwohl sie doch derselbe Mensch sind).

So verständlich der Wunsch der Aktivistinnen ist, Lierhaus möge ihre Prominentheit im Sinne «der Community» nutzen, so sehr läuft er doch ihrem an anderer Stelle geltend gemachten Anspruch zuwider, Menschen mit Behinderungen sollten als Individuum und nicht vorrangig als «Behinderte» sprich:  als eine/r von «den Anderen» wahrgenommen werden («Die Anderen» sind alle gleich, verhalten sich gleich und vertreten auch alle klongleich dieselbe «behindertentypische» Meinung).