Leuchtende Augen

Falls Sie selbst keine Behinderung/chronische Erkrankung haben, stellen Sie sich folgendes vor: Sie haben vor einiger Zeit eine neue Arbeitststelle angetreten und in der Zeitung wird darüber berichtet. Sie selbst kommen allerdings im Bericht nicht zu Wort, aber Ihre Vorgesetzte sagt über Sie:

«Er/Sie hatte leuchtende Augen, als ich ihm/ihr einen Arbeitsvertrag anbot.»

Und:

«Er/Sie ist mir ans Herz gewachsen. Es könnte mein Kind sein.»

So spricht Christine Begert, Inhaberin der Begert Gastro AG und Geschäftsführerin des Restaurants Noa in Bern im Interview mit der Bernerzeitung über ihre «Schützlinge», die sich im Rahmen eines sogenannten Arbeitsversuches der IV «bewährt» hatten.

Es handelt sich dabei um eine junge Frau (20, gelernte Praktikerin Hauswirtschaft) und einen jungen Mann, der eine Lehre als Küchenangestellter absolviert hat und

«überhaupt nicht stressresistent und hochsensibel ist, aber ein erstaunlich grosses Wissen hat».

Man weiss nichts weiteres über die Behinderungen, aber aufgrund der Ausbildung könnte man vermuten, dass es sich eventuell um junge Menschen mit Lernbehinderungen handelt.

Ganz anders waren die Erfahrungen mit älteren potentiellen Mitarbeitenden:

Eine Frau Mitte 50 ist entgegen der Abmachung am ersten Tag gar nicht erschienen. Und ein rund 45-jähriger Koch, Bäcker und Konditor, gut ausgebildet, hat schon am ersten Tag sein Unbehagen ausgedrückt und die Arbeitsversuche der IV kritisiert. Er warf Arbeitgebenden, die für solche Versuche kostenlos zu Arbeitskräften kämen, Profitgehabe vor. «Da war für mich klar, dass die Chemie nicht stimmen kann», sagt Christine Begert.

Ist natürlich sehr schlecht, entweder nicht zu erscheinen oder der Arbeitgeberin «Profitgehabe» vorzuwerfen. Da kann man es auch gleich bleiben lassen. Allerdings ist es auch nicht komplett unverständlich, dass ein 45-jähriger gut ausgebildeter Mann mit nicht unbeträchtlicher Berufserfahrung nicht ganz so viel Begeisterung für ein halbjähriges unbezahltes «Praktikum» zeigt, wie eine 20-Jährige. Und wenn man sich die eingangs angeführten Zitate der Arbeitgeberin nochmal vor Augen führt, kann man es dem Mann nicht verdenken, wenn für ihn «die Chemie» auch nicht gestimmt hat.

Für nicht mehr ganz junge Menschen mit guter Ausbildung und Berufserfahrung finde ich den «Arbeitsversuch» der IV eine sehr zwiespältige Sache. Es kann für jemanden, der durch eine schwerwiegende Behinderung/Erkrankung aus der Bahn geworfen wurde, unbestritten eine Chance sein, einem möglichen Arbeitgeber (für diesen weitgehend risikolos) zu beweisen, dass er oder sie sehr wohl (wieder) leistungsfähig ist. Dass aber kein Arbeitsvertrag besteht, der Arbeitgeber keinen Lohn zahlt (Die IV zahlt entweder weiterhin die Rente oder ein Taggeld) und der Betroffene sich trotzdem wie ein normaler Arbeitnehmer zu verhalten hat, ist für Menschen, die vorher bereits längere Zeit im Berufsleben standen – möglicherweise auch in einer Position mit einer gewissen Verantwortung – sicher nicht immer ganz einfach auszuhalten.

Bei einem «Arbeitsversuch» geht die IV (anders als bei sogenannten Integrationsmassnahmen) davon aus, dass schon eine einigermassen gute Arbeitsfähigkeit besteht, wo jedoch noch getestet werden muss, ob Leistungsfähigkeit/Stabilität ect. auch auf längere Dauer gegeben sind. Oft wird von Arbeitgeberseite argumentiert, ein «Arbeitsversuch» sei halt schon ein enormer Aufwand, der sich nicht lohne, wenn man auch noch Lohn zahlen müsste (ganz abgesehen von Kündigungsfristen ect. die bei einem Arbeitsverhältnis entstehen würden). Allerdings ist das Ausbilden von Lehrlingen und Praktikanten auch ein grosser Aufwand und trotzdem bekommen diese zumindest eine kleine Entschädigung für ihre Arbeit.

Dazu kommt, dass später erkrankte/behinderte Menschen auch den Vorher-Nacher-Vergleich ihrer Leistungsfähigkeit verarbeiten müssen und wenn dann signalisiert wird, dass ihre Arbeit nun erstmal «gar nichts mehr wert» ist, kann das zusätzlich demotivierend wirken. «Geld» ist halt auch eine Form von Wertschätzung und wird von Arbeitnehmern jenseits der 25 vielleicht etwas mehr gewichtet, als wenn man der Chefin «ans Herz wächst» und sie einem «wie ein eigenes Kind» behandelt. Tut mir ja leid, dass ich die Kinderbilder des eidgenössischen Büros für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung wieder mal bemühen muss, aber «Jöh, Behinderte!» halt.

Als erwachsener Mensch mit einer gewissen Berufs- und auch Lebenserfahrung möchte man von einer Arbeitgeberin doch eigentlich eingestellt werden, weil sie einem – und die Arbeit die man leistet – schätzt. Für jemanden arbeiten, dem man dankbar sein muss, dass man für ihn (zuerst auch noch «gratis») arbeiten darf, birgt ein gewisses Konfliktpotential, wenn die Augen dann mal nicht ganz so dankbar leuchten.

Aus dem selben Grund sehe ich Preisverleihungen für Unternehmer, die sich durch ihr soziales Engagement hervortun, mit gemischten Gefühlen. Z.B. diese Aussage eines Preisträgers, dessen Firma «Trainingsarbeitsplätze» anbietet:

«Wir unterstützen Leute, die eingeschränkt sind, aber wir unterstützen keine faulen Leute».

Kein Unternehmen würde jemals bei gesunden Mitarbeitern explizit betonen, dass man keine «Faulen» einstelle. Das versteht sich ja von selbst. Solche Äusserungen sagen aber eine ganze Menge über das Bild aus, das manche sich «sozial gebenden» Arbeitgeber von sich und «den anderen» haben.

3 Gedanken zu „Leuchtende Augen

  1. Ich sehe in diesem Fall vor allem, dass die Betroffenen eine ernsthafte Chance hatten einen Job zu bekommen. Das finde ich von daher schon mal ein gutes Beispiel. Übler sehe ich die zahlreichen Trainings und Praktikas wo keine Aussichten bestehen.

    Als Betroffene habe ich es aber jeweils vorgezogen eine Tagesstruktur zu haben und ein paar Zusatzkompetenzen zu gewinnen, als daheim zu sein. Ich finde aber, dass das dann jeder für sich entscheiden soll, gerade wenn wenig Perspektive besteht bei der jeweiligen Massnahme. Irgendeine Form von Nutzen muss sie für Betroffene haben. Und nicht jeder braucht Tagesstruktur.

  2. Ein Problem der IV ist, dass sie keine Kritik akzeptiert, wenn diese von Seiten der Versicherten kommt. Ihre Haltung deckt sich dabei mit derjenigen der Firmen: Versicherte sollen gefälligst froh sein, dass sie ein Angebot kriegen. Auch wenn dieses eine Leerlaufübung ist. Ich habe selbst erlebt, in den Integr.massnahmen, dass ein einmaliger, winziger Verbesserungsvorschlag im Schlussbericht als „schwieriges Verhalten“ beschrieben wurde.
    Bei einem Arbeitsversuch stelle ich mir die Evaluationsgespräche besonders schwierig vor: Da die Vorgesetzte, die die Leistung kommentiert. Dort die IV-Person, die eigentlich auch die Erkrankung berücksichtigen sollte, aber häufig von Psychiatrie sehr wenig versteht (eigene Erfahrung). Und die/der Versicherte, die/der in der Unterzahl ist. Die ersten beiden decken sich immer. Ich weiss aus eigener Erfahrung und derer vieler Lernenden, die mir davon erzählen, dass niemand der IV widerspricht (bei Ausbildungen) und die IV wiederum keinem Arbeitgeber (bei Praktika usw.).
    Wer alles abnickt, hat keine Probleme und passt in das „romantische“ Bild des „netten Behinderten“, der pflegeleicht ist.
    Was das Abnicken betrifft, sind die Parallelen zum Militärdienst unübersehbar.

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