Arbeitsplatzerhalt bei psychisch belasteten Mitarbeitenden – Leitlinien für ArbeitgeberInnen und PsychiaterInnen

Es gilt als Binsenwahrheit, dass psychische Störungen stark zunehmen und daran der Druck in der modernen Arbeitswelt schuld ist. Als Beleg dafür werden der hohe Anteil psychischer Krankheiten bei Krankschreibungen und Invalidisierungen (45% der IV-Bezüger haben ein psychische Erkrankung) herangezogen. Effektiv ist es aber so, dass die Prävalenz psychischer Störungen nicht zunimmt, sondern schon immer hoch war, denn rund 50% der Bevölkerung erkranken einmal im Leben psychisch. Psychische Störungen werden heute allerdings eher erkannt, präziser diagnostiziert (früher hiess es vielleicht «Schlafstörungen» oder «Rückenschmerzen») und häufiger behandelt.

Vor allem leichtere und mittelschwere psychische Erkrankungen werden jedoch nach wie vor zu wenig erkannt und behandelt. Dies ist auch aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutend, da die Betroffenen zwar häufig am Arbeitsplatz präsent, aber nur eingeschränkt leistungsfähig sind. Nicht behandelte Erkrankungen können zudem zu Chronifizierung und Invalidität führen, was für die Betroffenen sehr belastend und für die Arbeitgeber erst recht teuer wird.

Vermutlich nicht zuletzt aus diesem Grund wird seit einiger Zeit der Prävention psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz vermehrt Beachtung geschenkt. Das SECO hat Flyer zu psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz veröffentlicht und an der nationalen Tagung für betriebliches Gesundheitsmanagement / 4. Netzwerktagung Psychische Gesundheit vom 26. August 2015 befassten sich viele Beiträge mit Präventionsmöglichkeiten.

So gut und wichtig der Präventionsgedanke ist, täuscht er doch darüber hinweg, dass 50% der psychischen Erkrankungen vor dem 14. und 75% vor dem 25. Altersjahr beginnen. Das heisst, das klassische «Burn-out« gibt es zwar, die meisten Betroffenen werden aber nicht durch «Arbeitsstress» krank, sondern treten schon vulnerabel in den Arbeitsmarkt ein. Stress oder ein schlechtes Arbeitsklima können – wie belastende Ereignisse wie Scheidung, Tod eines Angehörigen ect. – zwar einen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben, insgesamt ist «Arbeit» aber eher ein Schutzfaktor, und keine Arbeit zu haben macht oft erst recht psychisch krank.

Untersuchungen zeigen auch, dass psychisch Kranke schneller gesunden, wenn sie  – ggf. mit Anpassungen – am Arbeitsplatz tätig bleiben können oder wissen, dass sie nach einem Klinikaufenthalt an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Damit Betroffene trotz und mit einer psychischen Erkrankung ihren Arbeitsplatz behalten können, wäre ein Austausch zwischen dem Arbeitgeber und dem behandelnden Psychiater häufig sinnvoll. Arbeitgeber merken nämlich in der Regel schon früh, wenn mit einem Mitarbeiter etwas nicht (mehr) stimmt, trauen sich aber oft nicht, es anzusprechen und sind unsicher, wie sie den erkrankten Mitarbeiter unterstützen können.

Einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Psychiater/Psychologen stehen allerdings verschiedene Hürden (u.a. das Arztgeheimnis) im Weg. Nicht zuletzt bestehen auch viele Vorurteile von Seiten der Psychiater («Der Arbeitgeber will den Mitarbeiter sowieso nur loswerden») wie Arbeitgebern («Psychiater haben keine Ahnung von der Arbeitswelt»). Um diese sich fremden Welten zusammenzubringen, organisierten die Stiftung Rheinleben und die Psychiatrie Baselland letzten Herbst einen runden Tisch für Wirtschaftsvertreter und Psychiater aus der Region Basel (Interview mit Mitinitiant Niklas Baer dazu in der Tageswoche vom 29.10.2014). Auf der Grundlage dieses Austausches wurden zwei Leitfäden erarbeitet, die nun praxisnah aufzeigen, wie Arbeitgeber und Psychiater dazu beitragen können, dass psychisch erkrankte Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten können. Kernpunkt beider Leitlinien ist die bessere Kommunikation zwischen Arbeitgeber und PsychiaterIn. Dabei werden folgende Fragen zur gegenseitigen Klärung vorgeschlagen:

WAS DER ARBEITGEBER VOM PSYCHIATER WISSEN MUSS

Einschränkungen

  • Was kann der Mitarbeiter (nicht)?
  • Was darf ich von ihm verlangen?
  • Wo darf ich Druck machen, wo nicht?

Führungsverhalten

  • Wie soll ich mit dem Mitarbeiter umgehen?
  • Muss ich immer Verständnis zeigen, oder darf ich auch konfrontieren?
  • Soll ich das Team informieren– und wie soll ich es informieren?
  • Welche Arbeitsplatzanpassungen sind sinnvoll?

Prognose und weiteres Procedere

  • Wann kann der Mitarbeiter wieder an den Arbeitsplatzplatz zurückkehren, mit welchem Pensum und mit welcher Leistung?
  • Ist mit einer vollständigen Gesundung zu rechnen oder bleibt die Problematik, wenn auch stabilisiert, langfristig auf einem tieferen Niveau?
  • Wie kann der Psychiater den Vorgesetzten künftig unterstützen?
  • Welche Anzeichen deuten auf einen Rückfall hin und was ist dann zu tun?

WAS DER PSYCHIATER VOM ARBEITGEBER WISSEN MUSS

  • Welche Arbeitsaufgaben hat der Patient genau?
  • Welche Fähigkeiten werden verlangt am Arbeitsplatz?
  • Welche Auffälligkeiten bezüglich Verhalten, Arbeitsverhalten und Leistung wurden beobachtet?
  • Was bewirken diese Einschränkungen im Arbeitsumfeld?
  • Wie reagiert das Team?
  • Wie gefährdet ist der Arbeitsplatz des Patienten?

Der Leiftaden für ArbeitgeberInnen (pdf) beantwortet auch Fragen wie: Woran erkenne ich eine psychische Erkrankung? Wann und wie soll ich Auffälligkeiten bei Mitarbeitenden ansprechen? Wie kann der Arbeitsplatz angepasst werden? Wann soll ich Unterstützung von aussen zuziehen?

Der Leitfaden für PsychiaterInnen (pdf): Wie können psychische Krankheiten in eine konkrete Arbeitsplatzanpassung übersetzt werden? Was sind mögliche Vor- und Nachteile, für den Patienten, wenn er seine Krankheit beim Arbeitgeber offenlegt? Wie und mit wem soll ich in Kontakt treten (HR, Vorgesetzter)? Wann soll krankgeschrieben werden; wann eher nicht?

Das alles wird sehr informativ, praxisbezogen und kompakt auf wenigen Seiten dargestellt.

Bericht zum Thema in der Basler Zeitung vom 1. September 2015: Krankgeschrieben – Warum wenige Menschen mit psychischen Problemen an den Arbeitsplatz zurückkehren

Quellen Zahlen und Fakten:
OECD: Fit Mind, Fit Job, 2015
OECD: Mental health and work: Switzerland, 2014