Akte der Unterwerfung

Jedes Schuljahr beginnen wir von vorn. Mit einer Sprechstunde bei allen Lehrern. Befunde werden vorgelegt, das Notfall-Set erklärt, es wird versichert, dass ich kein Risiko für die anderen bin. Nur auf die Zunge, darauf sollen sie Acht geben. Damit ich nicht an ihr ersticke. Bei meinem ersten Anfall in der neuen Schule kurz nach Turnen erschrickt die junge Lehrerin so sehr, dass sie mich danach nicht mehr unterrichten will.

Seitdem zieht die Mutter ihre Runden. Am Anfang jedes Schuljahres kauft sie Wein, Bildbände und Pralinen. Zusammen sind wir eine Stunde lang devot. Bedanken uns für das Verständnis, lassen alles über uns ergehen. Die Mutter hält die langen, schönen Finger mit den spitzen Nägeln versteckt unter dem Tisch. Nur manchmal, wenn das Wort behindert fällt, verkrallen sie sich ineinander. So fest, dass man die Spuren noch viel später auf ihren Handflächen entdecken kann. Ich bin meist passiv und spiel das kranke Kind. Traurig und still, bedanke ich mich artig und knickse beim Verabschieden. So haben wir es einstudiert, so klappt es gut in allen Schulen, seit vielen Jahren. Im Auto weint die Mutter manchmal. Vor Wut. Sie drückt mich an sich. Zu fest wie immer. Sodass mir kurz die Luft wegbleibt. Irgendwann beruhigt sie sich und sagt mit lauter Stimme, es wird vorbei gehen. Und wir werden es ihnen zeigen. Ich weiß nicht, wie und wann. Ich nicke stumm. Ich möchte heim zu Wellensittich, Lieblingsbüchern und meinen Geschwistern.

Bei den Mitschülern ist es wie bei den Lehrern. Nur ohne Wein, Bildbände und Pralinen. Schon in der Volksschule hat man mir eingebläut, nichts zu erzählen. Abzuwarten, zu beobachten, mich niemandem zu schnell anzuvertrauen. Bis ich ganz sicher bin und alle Freundschaftstests bestanden sind.

Aus «Die Geister in mir» – Barbara Kaufmann über ihre Kindheit mit Epilepsie

Bei Barbara Kaufmann hat sich die Epilepsie «ausgewachsen». Kinder und Jugendliche deren Behinderung/Erkrankung bleibend ist, lernen aber mit solchen «Lektionen» was «für‘s Leben». Die Fähigkeit, sich zu unterwerfen, sich zu entschuldigen für «die Umstände» die sie anderen mit ihrer Behinderung/Erkrankung machen, wird das ganze Leben lang nützlich sein. Je grösser der Unterstützungsbedarf (durch IV, Behindertenorganisationen und andere «Helfer») desto eher werden die Betroffenen immer wieder auch mit Menschen konfrontiert werden, die selbstverständlich «gerne helfen», wenn die/der Unterstützungsbedürftige nur genügend Demut, Dankbarkeit und «leuchtende Augen» zeigt.

Wer mal kurzeitig durch einen Arm- oder Beinbruch auf fremde Hilfe angewiesen war, weiss, wie sehr das nerven kann und wie froh man ist, wenn man wieder alles selbst machen kann. Sich  – von klein auf  – für die eigene Existenz und Bedürfnisse entschuldigen und rechtfertigen müssen, prägt einen Menschen. Es kann die Betroffenen auch wütend und aggressiv machen, immer wieder Verständnis und Unterstützung einfordern und annehmen zu müssen für etwas, wofür sie selbst nichts können. Und wird diese Wut gegen Helfende gerichtet, kann sich eine richtiggehende Negativspirale in Gang setzen (Wenn man den «Behinderten» hilft, sollten sie doch dankbar sein!).

2009 hat das Bundesamt für Sozialversicherungen diese Erwartungen an Menschen mit Behinderungen sogar schweizweit plakatiert (Zuerst stand auf den Plakaten nur der schwarze Text, die rote Auflösung folgte etwas später):
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Hier wurde der Eindruck vermittelt, dass Menschen mit einer Behinderung/chronischen Krankheit «der Gesellschaft grundsätzlich auf Tasche liegen», aber wenn man sich schon dazu herablässt, dass ihre Fähigkeiten genutzt werden (Passivform), dann sollen die Betroffenen ihre Dankbarkeit dafür bitte dadurch ausdrücken, dass sie «morgens die ersten im Büro sind» oder «120% geben». Also ihre Behinderung «wettmachen».

Warum heisst es eigentlich nicht: «Menschen liegen uns nur auf der Tasche – wenn wir ihre Fähigkeiten nicht nutzen»?

Weil dann jeder sowohl der «auf der Tasche Liegende» als auch der Arbeitende/Finanzierende sein könnte? Egal ob mit oder ohne Behinderung? Weil dann die Grenzen verschwimmen, zwischen den «Gesunden» und «den Anderen»? Und das darf nicht sein, weil…

… es nur bei Behinderten opportun ist, dass man ihre Teilhabe am Arbeitsleben als von den Nichtbehinderten huldvoll gewährte Grosszügigkeit auslegt?

Und diese «Grosszügigkeit» hat natürlich Grenzen. Die emeritierte Rechtsprofessorin und liberale Alt-Nationalrätin Suzette Sandoz äusserte 2011 in der NZZ am Sonntag unter dem Titel «Die Anpassung an Bedürfnisse von Behinderten hat Grenzen» ihr deutliches Unbehangen darüber, dass blinden StudentInnen behinderungsbedingte Prüfungsanpassungen zugestanden werden und fragte, ob es vernünftig sei, dass im Tessin ein Blinder in den Staatsrat möchte. Madame Sandoz befand: Nein, denn er könnte aufgrund seiner Behinderung das Amt gar nicht ausführen und würde nur zur Wahl aufgestellt, um «das Mitleid der Wähler auszunützen».

Der Mann, den Sandoz einfach nur «den Blinden» nannte, hat einen Namen: er heisst Manuele Bertoli, ist Jurist und wurde kurz darauf zum Staatsrat gewählt und dieses Frühjahr in seinem Amt bestätigt.

Vielleicht ist es das, was Leuten wie Sandoz Angst macht, wenn «die Behinderten zu sehr unterstützt werden»; dass Menschen mit Behinderungen dann die Möglichkeit erhalten, in (berufliche) Positionen zu kommen, wo sie (mit)bestimmen können – auch über die Belange von Nichtbehinderten. Und das stellt dann die «naturgegebene Ordnung» auf den Kopf, wonach Menschen mit Behinderungen immer die sind, denen man grosszügigerweise etwas gewährt – und nicht etwa umgekehrt.

2 Gedanken zu „Akte der Unterwerfung

  1. Von Frau Sandoz darf man nichts Anderes erwarten. Ihre Haltung zu sozialen Themen ist konservativ und religiös gefärbt, auch wenn sie dies mit rechtlichem Vokabular und einem gewissen elitär-arroganten Zynismus zu verstecken versucht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie mit polemischen Aussagen das Scheinwerferlicht sucht (siehe Homosexualität, Armut). Und sie spricht nur das aus, was viele Leute ihres Alters und/oder ihrer Ideologie im Stillen denken.
    Manche Leute mit dem nötigen Vermögen „schiessen“ auf alle möglichen Mitmenschen, weil sie wissen, dass sie mit diesen zeitlebens nie in Kontakt kommen werden, wenn sie dies nicht wollen.

  2. Wenn ich das Datum von Suzette Sandoz Artikel in der NZZ nicht gelesen hätte, hätte ich spontan auf 70er Jahre getippt!

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