Wer sind wir ohne Arbeit?

Eine ältere Dame erzählte mir vor einiger Zeit, ein schöner Aspekt des Alters sei, dass sich nun in gewisser Weise alle in der gleichen Situation befänden. Nach der Pensionierung sei es nicht mehr so wichtig, ob jemand früher Chefärztin oder Schreiner war. Es zähle jetzt vor allem der Mensch. Allerdings falle es in ihrem Umfeld besonders jenen Männern, die sich früher stark über ihren Beruf definiert haben, nicht ganz leicht, sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Der Psychiater Christian Peter Dogs bietet Seminare für gestresste Top-Manager an und berichtete kürzlich im Tages-Anzeiger über ähnliche Erfahrungen: «In meinen Seminaren fordere ich die Teilnehmer jeweils auf, sich in der Runde vorzustellen, ohne ihre berufliche Funktion zu erwähnen. Das überfordert sie alle, weil kaum einer sagen kann, was er ist, ausser dem, was er tut.»

Man braucht kein Top-Manager sein, um bei dieser Aufgabe ins Straucheln zu kommen. Wenn man neue Menschen kennenlernt, ist oft eine der ersten Fragen: Was machst du? Damit ist selten gemeint, ob das Gegenüber gerne Handorgel spielt oder häkelt. Nennt nämlich jemand eine kreative Tätigkeit wie beispielsweise Schreiben oder Musizieren, wird gleich nachgefragt: Und davon kann man leben? Denn eigentlich wollen die Leute wissen: Womit verdienst du dein Geld?

Der Beruf spielt im zwischenmenschlichen Miteinander sowohl für das eigene Selbstverständnis als auch für die Wahrnehmung durch andere eine wichtige Rolle. Welcher Arbeit jemand nachgeht, vermittelt dem Gegenüber eine Vielzahl an Informationen, aus der wir weitere Schlüsse ziehen können. Zum Beispiel, ob die Person eher viel oder weniger Geld verdient, oder ob sie eine einflussreiche Position innehat. Nicht zuletzt sagt der Beruf oft auch etwas über die eigenen Interessen aus und ist deshalb ein wichtiger Anknüpfungspunkt für ein vertiefenden Gespräch.

Illustration: Rahel Eisenring

Menschen im erwerbsfähigen Alter, die kurz- oder längerfristig keiner bezahlten Arbeit nachgehen können, ist die Frage nach der beruflichen Tätigkeit deshalb meist unangenehm. Wie stellt man sich vor, wie sieht einen das Gegenüber, wenn man auf diese Frage keine einfache Antwort geben kann? Hinter einer Erwerbslosigkeit steht oft eine sehr persönliche Geschichte wie beispielsweise gesundheitliche Probleme. Das sind keine Themen für einen lockeren Smalltalk mit jemandem, den man gerade erst kennengelernt hat. Die meisten Menschen sprechen zudem – auch mit Freunden und Bekannten – lieber über ein spannendes Projekt, an dem sie gerade arbeiten, als darüber, dass sie am Morgen die 87. Absage auf eine Stellenbewerbung aus dem Briefkasten geholt haben.

Viele Menschen, die keine Arbeit haben, haben das Gefühl, es sei ihre Schuld – auch wenn sie gar nichts dafür können, weil ihre Kündigung beispielsweise aus betriebsbedingten Gründen erfolgte. Aus Scham ziehen sie sich zurück und fürchten sich richtiggehend davor, beim Einkaufen unverhofft einem Bekannten zu begegnen, der fragen könnte, was man denn jetzt so mache. Schliesslich könnten sie ausgerechnet auf jenen Kollegen treffen, der sich immer so abfällig über Menschen äussert, die es sich seiner Meinung nach «in der sozialen Hängematte gemütlich machen».

Personen, die selbst nie erwerbslos waren, stellen sich Arbeitslosigkeit oft als «endlose Ferien» vor, statt als einen für die Betroffenen unangenehmen Zustand. Doch vermutlich würden gerade diejenigen, die laut über Menschen wettern, die es sich in der «sozialen Hängematte gemütlich machen», nach wenigen Wochen ohne Job und der damit verbundenen Anerkennung selbst ziemlich kleinlaut werden. Kurt, der Lastwagenfahrer, wäre dann plötzlich einfach nur noch Kurt. Ohne Lastwagen. Und Johannes, der Medizinprofessor, wäre ohne Titel und die E-Mailadresse eines renommierten Instituts nur noch johannes1963@emailfuerdich.ch

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Obiger Text ist meine aktuelle Kolumne im Strassenmagazin Surprise. Meine Kolumne «all inclusive» erscheint einmal monatlich jeweils in den Surprise-Ausgaben mit den ungeraden Nummern.

In der aktuellen Surprise-Ausgabe geht Andres Eberhard ausserdem der Frage nach, wie es Menschen geht, die eine IV-Rente beziehen. Der Artikel dazu beginnt (obwohl weder ich beim Schreiben der Kolumne den Inhalt der Interviews noch der Autor meine Kolumne kannte), mit folgenden Worten:

Michael Hofer hat sich angewöhnt, nicht mehr darüber zu sprechen, wovon er lebt: «Wenn die Leute fragen, was ich beruflich mache, dann erzähle ich irgendwelche Sachen. Dass ich Lagerist sei oder Elektroniker.»