Weg vom Fenster [Filmtipp]

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Einige Monate nach seinem Psychiatrieaufenthalt sollte der ehemalige Geschäftsführer Matthias N. im Rahmen einer beruflichen Wiedereingliederungsmassnahme in einem Integrationsbetrieb Mineralwasser in Gläser abfüllen und Eiswürfel dazu geben. Er stand vor den Gläsern und war völlig überfordert mit der Entscheidung, wieviele Eiswürfel er nun in jedes Glas geben sollte.

Die Anekdote aus dem Dok-Film «Weg vom Fenster» zeigt eindrücklich, wie schwer eine Erschöpfungsdepression (im Volksmund häufig als «Burnout» bezeichnet) die Leistungsfähigkeit der Betroffenen beeinträchtigen kann.

Der Filmemacher Sören Senn hatte ursprünglich die Idee, einen von einer Erschöpfungsdepression betroffenen Menschen während seiner Erkrankung und auf dem Gesundungsweg zu begleiten. Während der Recherche stellte er jedoch fest, dass eine direkte Begleitung nicht möglich ist, da Betroffene in der akuten Krankheitsphase überhaupt keine Kapazitäten haben, um an einem Filmprojekt mitzuwirken.

Deshalb lässt Senn seinen Protagonisten Matthias N. rückblickend (und sehr reflektiert) erzählen, wie es zu seinem Burnout kam und wie er zwei Jahre brauchte, um über verschiedene Stationen und Umwege wieder in die Arbeitswelt zurückzufinden.

Der Film ist dort besonders stark, wo Matthias N. an den Originalschauplätzen über seine damalige Gefühlslage erzählt. Wie demütigend er es beispielsweise empfand, als ehemaliger Manager in einer geschützten Werkstätte Hölzchen in WC-Rollen zu stecken. Wie wütend ihn das machte und wie schwer es ihm fiel, sich einzugestehen, dass er nicht in der Lage war, mehr zu leisten.

Bei den Szenen, in denen Gespräche mit Fachpersonen der IV (re)inszeniert werden, beschleicht einem hingegen zuweilen das Gefühl, einen Imagefilm der IV-Stelle Bern anzuschauen. Alle haben wahnsinnig viel Verständnis, niemand setzt Druck auf, Länge und Kosten der Eingliederungsmassnahmen spielen scheinbar keine Rolle und für Matthias N. wird ein Praktikumsplatz gefunden, der exakt auf seine beruflichen Vorkenntnisse zugeschnitten ist.

Trotzdem: Eindrücklich und sehenswert.

Film angucken

Electroboy – Zwischen Grössenwahn und Totalabsturz [Filmtipp]

Auf der Webseite von 3Sat kann man sich zur Zeit den eindrücklichen Dok-Film «Electroboy» des Schweizer Filmemachers Marcel Gisler anschauen.

«Electroboy» erzählt die bewegte Lebensgeschichte von Florian Burkhardt. Er zieht aus, begibt sich auf die Suche nach Ruhm und Anerkennung, wird ein international erfolgreiches Fotomodell, Webdesign-Pionier und Musikdesigner. Und stützt jäh ab. Zur Zeit der Filmaufnahmen lebt Burkhardt ein zurückgezogenes Leben als IV-Bezüger in einer Wohnung, die er danach ausgesucht hat, dass er sich für wichtige Besorgungen nicht zu weit von seinem Zuhause entfernen muss.

«Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anteilen einer sozialen Phobie.» Dieser Satz aus der psychiatrischen Akte, die nach Florians Selbsteinlieferung angelegt worden war, gab für Marcel Gisler den Ausschlag, das Dokumentarfilmprojekt über den «Electroboy» anzugehen.

Gisler führt ein langes Interview mit Florian Burkhardt in dessen Wohnung in Bochum. Dieses Gespräch ist der Lebensnerv des Films. Florian erzählt, wie sein eigenes Leben mit 21 Jahren begonnen hatte. Er hatte das Lehrerpatent in der Tasche und liess das strenge Diktat des Elternhauses hinter sich. Mit Hilfe eines Freundes baute er eine komplette Identität als künftiger Filmstar auf. In Los Angeles fand er auch gleich den passenden Agenten.

Florian Burkhardts Erinnerungen bekommen nicht nur durch seine Formulierungen eine manische Qualität. Es ist vor allem auch sein eigenes, fast ungläubiges Staunen über die eigene Unverfrorenheit, den naiven Erfolgsdrive, der ihn damals beherrschte – und ihm offensichtlich Flügel verlieh. Ihm, und seinem Mentor, Freund, Manager, Financier, Chauffeur, Agent Urs «Fidji» Keller. Und dann folgt Gislers Film in bewährter Dokumentarfilmdramaturgie, immer wieder eine neue Seite umzublättern, eine weitere Überraschung aus der Vergangenheit aufzudecken, weitere Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Die unglaublichen und zu guten Teilen unglaublich erfolgreichen Selbst-Erfindungen des Florian Burkhardt sind schon für sich genommen derart phantastisch, dass es manchmal schwer fällt, alles für bare Münze zu nehmen. Marcel Gisler ist es offenbar schon bei den Recherchen ebenso ergangen. Aber verblüffenderweise ist es dann ausgerechnet Florian Burkhardts eigenes, distanziertes und analytisches Erzählen, welches die Glaubwürdigkeit herstellt. Der Mann hat in den wenigen Jahren, seit seinen Höhenflügen, eine kritische Distanz zum eigenen Leben entwickelt, die mitreisst und mitleiden lässt.

Vielleicht liegt es daran, dass einen die effiziente und zupackende Dramaturgie des Filmes unruhig werden lässt. Denn die Geschichte wird immer mehr zum Familiendrama, ihre Protagonisten schälen sich unter Schmerzen aus der eigenen Vergangenheit heraus, und das Publikum im Saal weiss sich des öfteren seines eigenen Unbehagens nur noch durch Lachen zu erwehren. Wenn Gisler mit seiner Zwiebelschäldramaturgie den wilden Ritt also noch wilder macht, kann einem schon wind und weh werden.

Aber am Ende ist auch dies eine der grossen Qualitäten des Films. Denn das Lachen gilt, wie meist, der Diskrepanz zwischen dem Offensichtlichen und dem Formulierten, dem Abgrund zwischen dem, was sichtbar wird und dem was man bloss vermuten kann. Wir reagieren mit Sympathie und Mitleid. Die Burkhardts sind bei aller Tragik und in ihrer aussergewöhnlichen Konstellation doch auch eine typische Schweizer Familie; die ungleichen Brüder Florian und Claudius sind in der gleichen Zeit aufgewachsen wie viele von uns.

Text: Michael Sennhauser bei srf.ch

Arbeitsplatzerhalt bei psychisch belasteten Mitarbeitenden – Leitlinien für ArbeitgeberInnen und PsychiaterInnen

Es gilt als Binsenwahrheit, dass psychische Störungen stark zunehmen und daran der Druck in der modernen Arbeitswelt schuld ist. Als Beleg dafür werden der hohe Anteil psychischer Krankheiten bei Krankschreibungen und Invalidisierungen (45% der IV-Bezüger haben ein psychische Erkrankung) herangezogen. Effektiv ist es aber so, dass die Prävalenz psychischer Störungen nicht zunimmt, sondern schon immer hoch war, denn rund 50% der Bevölkerung erkranken einmal im Leben psychisch. Psychische Störungen werden heute allerdings eher erkannt, präziser diagnostiziert (früher hiess es vielleicht «Schlafstörungen» oder «Rückenschmerzen») und häufiger behandelt.

Vor allem leichtere und mittelschwere psychische Erkrankungen werden jedoch nach wie vor zu wenig erkannt und behandelt. Dies ist auch aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutend, da die Betroffenen zwar häufig am Arbeitsplatz präsent, aber nur eingeschränkt leistungsfähig sind. Nicht behandelte Erkrankungen können zudem zu Chronifizierung und Invalidität führen, was für die Betroffenen sehr belastend und für die Arbeitgeber erst recht teuer wird.

Vermutlich nicht zuletzt aus diesem Grund wird seit einiger Zeit der Prävention psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz vermehrt Beachtung geschenkt. Das SECO hat Flyer zu psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz veröffentlicht und an der nationalen Tagung für betriebliches Gesundheitsmanagement / 4. Netzwerktagung Psychische Gesundheit vom 26. August 2015 befassten sich viele Beiträge mit Präventionsmöglichkeiten.

So gut und wichtig der Präventionsgedanke ist, täuscht er doch darüber hinweg, dass 50% der psychischen Erkrankungen vor dem 14. und 75% vor dem 25. Altersjahr beginnen. Das heisst, das klassische «Burn-out« gibt es zwar, die meisten Betroffenen werden aber nicht durch «Arbeitsstress» krank, sondern treten schon vulnerabel in den Arbeitsmarkt ein. Stress oder ein schlechtes Arbeitsklima können – wie belastende Ereignisse wie Scheidung, Tod eines Angehörigen ect. – zwar einen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben, insgesamt ist «Arbeit» aber eher ein Schutzfaktor, und keine Arbeit zu haben macht oft erst recht psychisch krank.

Untersuchungen zeigen auch, dass psychisch Kranke schneller gesunden, wenn sie  – ggf. mit Anpassungen – am Arbeitsplatz tätig bleiben können oder wissen, dass sie nach einem Klinikaufenthalt an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Damit Betroffene trotz und mit einer psychischen Erkrankung ihren Arbeitsplatz behalten können, wäre ein Austausch zwischen dem Arbeitgeber und dem behandelnden Psychiater häufig sinnvoll. Arbeitgeber merken nämlich in der Regel schon früh, wenn mit einem Mitarbeiter etwas nicht (mehr) stimmt, trauen sich aber oft nicht, es anzusprechen und sind unsicher, wie sie den erkrankten Mitarbeiter unterstützen können.

Einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Psychiater/Psychologen stehen allerdings verschiedene Hürden (u.a. das Arztgeheimnis) im Weg. Nicht zuletzt bestehen auch viele Vorurteile von Seiten der Psychiater («Der Arbeitgeber will den Mitarbeiter sowieso nur loswerden») wie Arbeitgebern («Psychiater haben keine Ahnung von der Arbeitswelt»). Um diese sich fremden Welten zusammenzubringen, organisierten die Stiftung Rheinleben und die Psychiatrie Baselland letzten Herbst einen runden Tisch für Wirtschaftsvertreter und Psychiater aus der Region Basel (Interview mit Mitinitiant Niklas Baer dazu in der Tageswoche vom 29.10.2014). Auf der Grundlage dieses Austausches wurden zwei Leitfäden erarbeitet, die nun praxisnah aufzeigen, wie Arbeitgeber und Psychiater dazu beitragen können, dass psychisch erkrankte Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten können. Kernpunkt beider Leitlinien ist die bessere Kommunikation zwischen Arbeitgeber und PsychiaterIn. Dabei werden folgende Fragen zur gegenseitigen Klärung vorgeschlagen:

WAS DER ARBEITGEBER VOM PSYCHIATER WISSEN MUSS

Einschränkungen

  • Was kann der Mitarbeiter (nicht)?
  • Was darf ich von ihm verlangen?
  • Wo darf ich Druck machen, wo nicht?

Führungsverhalten

  • Wie soll ich mit dem Mitarbeiter umgehen?
  • Muss ich immer Verständnis zeigen, oder darf ich auch konfrontieren?
  • Soll ich das Team informieren– und wie soll ich es informieren?
  • Welche Arbeitsplatzanpassungen sind sinnvoll?

Prognose und weiteres Procedere

  • Wann kann der Mitarbeiter wieder an den Arbeitsplatzplatz zurückkehren, mit welchem Pensum und mit welcher Leistung?
  • Ist mit einer vollständigen Gesundung zu rechnen oder bleibt die Problematik, wenn auch stabilisiert, langfristig auf einem tieferen Niveau?
  • Wie kann der Psychiater den Vorgesetzten künftig unterstützen?
  • Welche Anzeichen deuten auf einen Rückfall hin und was ist dann zu tun?

WAS DER PSYCHIATER VOM ARBEITGEBER WISSEN MUSS

  • Welche Arbeitsaufgaben hat der Patient genau?
  • Welche Fähigkeiten werden verlangt am Arbeitsplatz?
  • Welche Auffälligkeiten bezüglich Verhalten, Arbeitsverhalten und Leistung wurden beobachtet?
  • Was bewirken diese Einschränkungen im Arbeitsumfeld?
  • Wie reagiert das Team?
  • Wie gefährdet ist der Arbeitsplatz des Patienten?

Der Leiftaden für ArbeitgeberInnen (pdf) beantwortet auch Fragen wie: Woran erkenne ich eine psychische Erkrankung? Wann und wie soll ich Auffälligkeiten bei Mitarbeitenden ansprechen? Wie kann der Arbeitsplatz angepasst werden? Wann soll ich Unterstützung von aussen zuziehen?

Der Leitfaden für PsychiaterInnen (pdf): Wie können psychische Krankheiten in eine konkrete Arbeitsplatzanpassung übersetzt werden? Was sind mögliche Vor- und Nachteile, für den Patienten, wenn er seine Krankheit beim Arbeitgeber offenlegt? Wie und mit wem soll ich in Kontakt treten (HR, Vorgesetzter)? Wann soll krankgeschrieben werden; wann eher nicht?

Das alles wird sehr informativ, praxisbezogen und kompakt auf wenigen Seiten dargestellt.

Bericht zum Thema in der Basler Zeitung vom 1. September 2015: Krankgeschrieben – Warum wenige Menschen mit psychischen Problemen an den Arbeitsplatz zurückkehren

Quellen Zahlen und Fakten:
OECD: Fit Mind, Fit Job, 2015
OECD: Mental health and work: Switzerland, 2014

Erkenntnisse aus «Wunder muss man selber machen» (Sina Trinkwalder, Manomama) und «Sozialfirmen» (Blattmann/Merz, DOCK)

Wie man eine erfolgreiche Sozialfirma aufbaut, kann man (noch) nirgends lernen. Die drei Frauen Daniela Merz (ehemalige Primarlehrerin), Lynn Blattmann (Geschichts- und Psychologiestudium) und Sina Trinkwalder (ehemalige Inhaberin einer Werbeagentur) haben es geschafft und darüber geschrieben:

BlattmannMerz

Blattmann/Merz: Sozialfirmen – Plädoyer für eine unternehmerische Arbeitsintegration (2010, Zürich)
Am Beispiel der von ihnen geführten Sozialfirma zeigen die Autorinnen die besonderen Umstände, die spezifischen Managementmethoden, die Stolpersteine, die Erfolgsfaktoren und die Perspektiven für derartige Unternehmen. Sie skizzieren neue Formen der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und setzen sich kritisch mit der aktuellen Rolle des Zweiten Arbeitsmarktes auseinander. (via rüffer & rub)    → dock-gruppe.ch

trinkwalder

Sina Trinkwalder: Wunder muss man selber machen – Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle (2013, München)
Sie holt die Menschen aus der Arbeitslosigkeit. Sie fertigt in Deutschland. Sie bezahlt hohe Löhne. Ihre Kollektion ist schick und ökologisch. Politiker und Medien reissen sich um sie. Sina Trinkwalder ist keine Unternehmerin, die an eine Steigerung der Rendite durch Verlagerung der Jobs nach Asien glaubt – sondern an die fundamentale Bedeutung eines selbstverdienten Lebensunterhalts für Menschen, die dadurch mit Stolz an der Gesellschaft teilhaben können. (via Droemer-Knaur)   → manomama.de

Während Blattmann und Merz ein (schweizerisch) nüchtern-analytisches Sachbuch vorlegen, ist Trinkwalders Buch ein aus persönlicher Sicht geschriebener Erlebnisbericht, bei dem sie sich nicht scheut, auch auftretende Schwierigkeiten äusserst unterhaltsam einzuflechten. Bei allen Unterschieden in Vorraussetzungen (Schweiz/Deutschland), Charakteren, Herangehensweisen und Erfahrungen sind mir einige eindrückliche Parallelen in den beiden Büchern aufgefallen:

Vertrauen & Wertschätzung

Blattmann/Merz:
Ohne Vertrauen geht in einer Sozialfirma nichts. Sie können in diesem Umfeld nicht mit Druck und Drohungen führen. Wer zu uns kommt, hat nichts mehr zu verlieren und dementsprechend wenig Angst vor Sanktionen. Sie können auch nicht mit Argumenten alleine überzeugen: der Weg führt tatsächlich übers Herz, auch wenn das etwas altmodisch klingt. (S. 154)

Trinkwalder:
Einmal sagte mir eine Lady: «Wenn du in zehn Jahren Arbeitslosigkeit komplett auf dich gestellt bist, ist dir ziemlich egal, was der Rest macht. Das legst du auch nicht sofort ab, wenn du eine neue Arbeit hast». Mit viel Hingabe, Geduld und Wertschätzung gelingt es aber, diese ehemaligen Einzelkämpfer wieder zu echten Teamplayern zu machen. Nicht jeden, aber viele. Und das ist es, was mich antreibt. (S. 110)

Klare Führung

Blattmann/Merz:
Wir sind der festen Überzeugung, dass beides zusammen nicht geht; man kann nicht führen und betreuen. Das ist eine Überforderung. Mit einen eindeutigen Bekenntnis zur Führung schafft man Klarheit, nicht zuletzt auch zugunsten der Arbeitnehmenden, die dann wissen woran sie sind. (S. 49)

Trinkwalder:
Meine Ladys wollten keine Freundin. Oder besser gesagt, nicht nur: Sie wünschten sich eine Chefin, die freundlich ist. Eine die mitten unter ihnen sitzt und mitnäht und trotzdem genügend Durchsetzungskraft zeigt, wenn es unangenehme Dinge zu klären gibt. (S. 178)

Einbezug der Mitarbeitenden und deren Vorstellung einer sinnvollen Tätigkeit

Trinkwalder:
Wir starteten mit der Idee, dass eine Näherin ein Kleidungsstück komplett selbst nähte. Grund dafür war meine Annahme, den Mitarbeitern würde es Freude bereiten, ein komplettes Stück zu fertigen. Dem war aber nicht so. (…) Jeder hatte seine Fähigkeiten und Vorlieben, die ich mit meiner gut gemeinten Idee des Gesamtfertigens schlicht überging. So fingen Maria und Suley an, Bestellungen zu bündeln und sich die Arbeiten zu teilen. Jeder nähte was ihm lag – und sie schafften doppelt so viele Kleidungsstücke. Zu allem Überfluss auch noch in einer deutlich besseren Ausführung.
«Das ist ganz normal, Sina! Je öfter du einen Arbeitsgang machst, umso schöner wird das Ergebnis», erklärte mir Suley. (…)
Leuchtete mir ein. Es war dann ab diesem Tag in unserer Manufaktur die Arbeitsteilung eingezogen, wenngleich ich etwas wehmütig meine Idee der Komplettanfertigung zu Grabe trug. Was aber nützt die schönste Idee, wenn der Mensch, den sie betrifft, sich nicht wohl fühlt in der Umsetzung? (S. 134)

Blattmann/Merz:
Hinter den Gussteilen steht ein Kunde, der auf das Erzeugnis wartet, und eine Produkt, das alle verstehen. Wer für ein Auto Teile nachbearbeitet, leistet einen wichtigen Beitrag und ist Teil einer Produktionskette, für die eine Nachfrage besteht. Dieser Aspekt kann mit einen kreativeren Produkt, hinter dem kein klares Bedürfnis steckt und dessen Absatz unsicher ist, viel weniger abgedeckt werden. Unsere Arbeitnehmenden betonen immer wieder, wie wichtig es ist, dass ihr Einsatz wirklich gebraucht wird. Das ist es, was sie zur Leistung anspornt, nicht die Kreativität der Tätigkeit. (S. 66)

Blattmann/Merz:
Wenn es beispielsweise darum geht, ob eine bestimmter Auftrag übernommen werden soll, kann es ausgesprochen nützlich sein, die Arbeitnehmenden einzubeziehen; ihre Argumente, warum etwas klappen kann und wo sie Probleme sehen, können äusserst zweckdienlich sein. (S. 95)

Fazit
Beide Bücher sind aus Sicht der Unternehmens-Chefinnen geschrieben und zeigen deshalb vorwiegend deren Perspektive auf. Auch über das für und wider von Sozialfirmen kann man selbstverständlich endlos diskutieren. Aber was man aus obigen Ausschnitten deutlich lesen kann, ist folgendes: Die Betroffenen wollen nicht «arbeiten spielen», sondern «richtig arbeiten». Das müssen wie in beiden Fällen gezeigt, gar nicht immer die superkreativen Tätigkeiten sein, aber Sinn muss es machen. Und sie möchten in einer Umgebung arbeiten, in dem der Beitrag, den sie zu leisten vermögen, wertgeschätzt wird und man ihnen zwar wohlwollend zugewandt, aber nicht sozialtherapeutisch begegnet.

Den grössten Fehler, den man in diesem Bereich vermutlich machen kann, ist nicht ehrlich zu den Leuten zu sein. Die Betroffenen haben oft schon soviel gesehen, denen macht so schnell keiner was vor. Fehlende Authenzität (zu «nett» wie auch zu gespielt «hart») wird durchschaut und nicht goutiert. Das verlangt (mehr als in der freien Wirtschaft) nach sich selbst stark reflektierenden Führungspersönlichkeiten. Allerdings nicht nach weltfremden Sozialtherapie-Esotherikern, sondern Leuten, die gleichzeitig auch viel von Wirtschaft verstehen, sonst wird das nämlich nix mit dem Unternehmertum.

Man mag Sozialfirmen wie gesagt aus verschiedenen Gründen kritisieren (Ja, sie werden natürlich staatlich mitsubventioniert) aber wie sich die Unternehmerinnen unter wirklich sehr schwierigen Bedingungen (u.a. Konkurrenzverbot des 1. Arbeitsmarktes, teilleistungsfähige MitarbeiterInnen, ect.) behaupten, verdient Respekt. So mancher «erfolgreiche» Unternehmer aus der freien Wirtschaft wäre unter solch anspruchvollen Bedingungen vermutlich schon längst kläglich gescheitert.

SVA Zürich sensibilisiert Arbeitgeber für Integration

Bereits letztes Jahr fiel mir der Jahresbericht der SVA Zürich aufgrund der darin zum Ausdruck kommenden reflektierenden Haltung positiv auf. Die SVA Zürich schrieb damals:

Es bedarf grosser Anstrengungen, Unternehmen für einen Eingliederungsversuch zu gewinnen (…). Besonders gross sind noch immer die Vorbehalte gegenüber Personen mit einer psychischen Problematik. Psychische Krankheiten lösen bei Arbeitgebern Unsicherheit und Vorbehalte aus. Die bestehenden Vorurteile werden vom Bild in den Medien bestätigt. Ist die Rede von IV-Rentnerinnen und IV-Rentnern, steht dies meist in einem negativen Kontext.(…) Das Bild des IV-Rentners in den Medien steht fast immer im Widerspruch zu den Erwartungen des Arbeitgebers an seine Mitarbeitenden und im Widerspruch zu unseren Erfahrungen, denn die Mehrheit der IV-Rentnerinnen und Rentner möchte die Chance für einen beruflichen Neuanfang nutzen. Die IV-Rente ist ein Stigma für alle, die sich für eine Stelle bewerben. Damit die Eingliederung aus Rente gelingen kann, braucht es einen Sensibilisierungsprozess auf breiter Ebene.»

Nun hat die SVA Zürich die obigen Beobachtungen in einem Sensibilisierungs-Video-Clip für Arbeitgeber umgesetzt. Ziemlich treffend, wie ich finde.

Dass der Claim demjenigen der Pro Infirmis-Kampagne von 2011 stark ähnelt (dieser lautete: «Müssen wir uns verkleiden, damit wir uns näher kommen?») spricht nicht gegen den Clip – Berührungsängste sind beim Thema Behinderung/Krankheit nun mal ein – leider – oft zentrales Thema. Es ist gut, wenn diese Ängste auf eine humorvolle Art angesprochen werden und damit zum Nachdenken anregen. Trotzdem wäre es meines Erachtens für zukünftige Kampagnen wünschenswert, wenn statt einem Vorwurf (Du, Zuschauer/Arbeitgeber machst was «falsch») ein positives Bild im Vordergrund stünde, zu dessen Zustandekommen der Zuschauer etwas beitragen kann. Im Falle eines Clips zum Thema Integration könnte als Einstieg in den Film eine effektive Arbeitssituation (z.B. gute Zusammenarbeit in einem Team) dargestellt und mit einer kurzen Rückblende die zugehörige Hintergrundgeschichte erzählt werden.

Ich würde als Arbeitgeberin jedenfalls mit einem Bild angesprochen werden wollen, das mir v.a. zeigt, dass ich eine qualifizierte und einsatzfreudige Mitarbeiterin bekomme (die als eine Eigenschaft unter vielen auch eine Behinderung oder Krankheitserfahrung haben kann). Und ich vermute, die meisten Betroffenen möchten auch lieber als «qualifizierte MitarbeiterInnen» eingestellt werden und nicht als «IV-Fall, dem man eine Chance gibt».

Denn wie ich unter dem Titel «Behindert sein ist keine Qualifikation» 2012 schrieb: «Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter. Eine Einstellung muss sich für sie lohnen. Es schafft auch niemand extra Arbeitsplätze einfach so, «weil er sich ein bisschen sozial fühlt».

Nichtsdestotrotz: Der Clip legt den Finger auf einen wichtigen Punkt. Denn um zeigen zu können, dass sie gute Mitarbeiter sein können, müssen Betroffene diese Chance ja überhaupt erstmal erhalten.

Mehr Punk, weniger Hölle!

In Island fand ein einzigartiges politisches Experiment statt: Vier Jahre lang regierten Anarchisten die Hauptstadt Reykjavik. Und diese Amateure haben Erstaunliches vollbracht. Constantin Seibt beschreibt heute im Tagesanzeiger unter dem Titel «Mehr Punk, weniger Hölle!» den Weg des Komikers Jón Gnarr zum Bürgermeister von Reykjavik und was er und seine Mitstreiter mit seiner ursprünglich als reine Persiflage des Politbetriebs gegründeten Spasspartei bewegten. Sehr lesenswert. Und lustig. Aber nicht einfach nur lustig, denn «Die Bilanz von vier Jahren Anarchisten an der Macht ist ziemlich unerwartet: Die Punks haben die Finanzen saniert.»

Hier noch ein Auszug aus dem Buch von Jón Gnarr: «Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! – Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte»:

WORAN ICH GLAUBE, IN DER POLITIK

Theorien sind eine clevere Sache. In der Politik gibt es eine Menge Theorien, die durchaus Sinn machen: der Sozialismus beispielsweise, inklusive Klassenlosigkeit, Gleichberechtigung und Brüderlichkeit. Oder der Liberalismus, der jedem Einzelnen den Spielraum geben will, den er braucht, um sich frei zu entfalten. Auch in Bildung und Kultur gibt es kluge Anschauungen. Und in den Religionen. Aber leider gibt es etwas, wogegen keine dieser hervorragenden Theorien gefeit ist: die menschlichen Schwächen. Unreife gehört dazu. Egoismus. Habgier. Ganz gleich, welcher Ideologie du anhängst, früher oder später kommen dir Habgier und Egoismus in die Quere, und zwar bevorzugt da, wo es um menschliche Begegnungen geht. Ob in Partnerschaft und Familie, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Überall dort, wo Menschen versuchen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, kann schon ein Einzelner alles zum Einsturz bringen. Wir kennen das aus Mehrfamilienhäusern.

Sobald nur einer aus der Reihe tanzt, läuft die Sache aus dem Ruder. In solchen Häusern gibt es meist irgendein Regelwerk, das die gemeinsame Nutzung von Wasch- und Trockenräumen koordiniert. Solange alle die Spielregeln befolgen, funktioniert das wunderbar. Aber leider gibt es immer jemanden, der offenbar nicht dazu in der Lage ist. Wer kennt sie nicht, die Nachbarn, die ihre Wäsche tagelang in der  Waschküche hängen lassen? So was bringt das ganze System ins Wanken. Wenn sich dagegen alle ein bisschen bemühen, brauchen wir keine Regeln.

Ich habe die Menschen schon immer in zwei Kategorien eingeteilt: in die Gebenden, Großzügigen, die Verantwortung übernehmen und weder weltlichen noch geistigen Müll hinterlassen. Und dann die anderen, die nie etwas hergeben, weil sie es aus irgendeinem Grund nicht können oder wollen, vielleicht weil sie finden, dass die anderen ihnen etwas schuldig sind. Sie sind immer schnell dabei, fremde Hilfe anzunehmen, kommen aber nie auf die Idee, anderen Hilfe anzubieten. Geistige Blutsauger nennt man so was.

Nachdem ich dieses Problem schon mein ganzes Leben mit mir herumschleppe, bin ich inzwischen ziemlich routiniert darin, die Menschen in »gebend« und »nehmend« einzuteilen. Mir geht es gut, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die mir etwas mitgeben, nicht zuletzt Lebensfreude. Besonders dankbar bin ich für Leute, die mich überraschen. Die etwas Schönes, Lustiges oder Verblüffendes aus dem Hut zaubern, ohne eine bestimmte Gegenleistung zu erwarten. Die einfach etwas verschenken – worauf ich versuche, dasselbe zu tun.

Ich bin Anarchist – aber glaube ich deswegen ernsthaft, dass sich der Traum von der idealen Gesellschaft, in der jeder auf jeden Rücksicht nimmt und jeder die Rechte des anderen respektiert, real verwirklichen lässt? Eine Gesellschaft, in der man keine Regeln braucht, weil alle so gut und reif und intelligent sind? Nein, daran glaube ich nicht. Deshalb habe ich es mir in puncto Demokratie und Politik bisher auch eher in der passiven Haltung bequem gemacht. Die «Beste Partei» ist ein erster Versuch einer positiven Einmischung. Wie oft ist eine neue politische Bewegung, die auf einer wirklich guten Grundidee basierte, schon kurz nach ihrer Gründung wieder von der Bildfläche verschwunden, weil sich die falschen Leute zusammengefunden hatten.

Als ich die «Beste Partei» gründete, machte ich es mir deshalb zum Prinzip, möglichst viele Leute aufzutreiben, die ich kenne und für großzügige, intelligente und aufrichtige Menschen halte. Die meisten dieser Leute sind, so wie viele andere von dieser Sorte, auf dem passiven Weg gelandet. Mit der «Besten Partei» wollte ich genau diese Leute ansprechen und sie zum Mitmachen, zu einer positiven Einmischung bewegen.

Ganze Leseprobe als PDF

Integration in den freien Arbeitsmarkt trotz Behinderung/psychischen Problemen? – Aber klar geht das!

Die Sendung «Schweiz aktuell» zeigte am 20. Februar 2014 zwei Beipiele gelungener Integration von Jugendlichen mit einer Behinderung oder psychischen Problemen in den freien Arbeitsmarkt. Tolle Arbeitgeber – und die Fernsehbeiträge wurden auf Augenhöhe mit den Betroffenen umgesetzt. Zur Nachahmung empfohlen.

Lehrlingsprojekt Migros Bern
Rund 700 Jugendliche pro Jahr beantragen im Kanton Bern eine Invaliden-Rente. Wegen ihrer körperlichen oder psychischen Probleme haben sie fast keine Chance auf eine Lehrstelle. Die Migros bietet diesen jungen Leuten als erstes Grossunternehmen im Kanton Bern einen Ausbildungsplatz. Ein Besuch in der Filiale Bubenberg. Im Portrait: Eine junge Frau mit psychischen Problemen.
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Metzgerei Angst
Viele Betriebe schrecken davor zurück, Menschen mit Behinderung anzustellen, da sie den Arbeitsablauf bremsen könnten. Stiftungen wie die RGZ, die sich für die Förderung von Menschen mit einer Behinderung einsetzt, treffen oft auf grossen Widerstand und viele Befürchtungen. Der Chef der Zürcher Grossmetzgerei Angst aber hatte keinerlei Berührungsängste, er stellte zwei behinderte Mitarbeiter ein – gegen den grossen Widerstand des Kaders.
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