Alles nur geklaut – Teil 2, Konkrete Beispiele

Im letzten Artikel habe ich behauptet, dass die Inhalte der von Agile und dem Gleichstellungsrat herausgegebenen Broschüre «Sprache ist verräterisch» grösstenteils von anderen Quellen abgeschrieben sind. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, dem Machwerk der Agile keine Bühne zu bieten. Aber einfach was behaupten ohne konkrete Beweise – Da könnte ja jede/r kommen! Deshalb reiche ich hier zur besseren Nachvollziehbarkeit meiner Kritik noch einige exemplarische Beispiele nach. (Vergrössern durch Anklicken)

Haltung

Links: Aus dem vor zwei Jahren von der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern herausgegebenen «Sprachleitfaden Behinderung», Rechts: Agile

Dass der zentrale Punkt mit den Spendengeldern von Agile entfernt wurde, spricht für sich.

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abnormalLinks: Leidmedien.de, Rechts: Agile

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besbedLinks: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration (Beate Firlinger, 2003), Rechts: Agile

Wenn man statt «(…) werden als Personengruppe mit „besonderen“, Bedürfnissen gezeigt.» einfach «Menschen mit Behinderungen sind kein besonderer Menschenschlag» schreibt und den Satz statt an den Anfang ans Ende stellt, bemerkt auch überhaupt niemand die Parallelen – oder?

Man könnte so fast den ganzen Inhalt der Broschüre einer Quelle gegenüberstellen, aber die obigen Beispiele zeigen das Prinzip wohl ausreichend. Wie erwähnt, muss man das Rad nicht komplett neu erfinden, aber man würde ja denken, die Damen, welche unter «Redaktion» aufgeführt sind (und über ein Hochschulstudium bzw. gar über einen Doktortitel verfügen) hätten so eine ungefähre Ahnung vom Zitieren und von Quellenangaben. Würde man jetzt so denken.

Interessant ist auch – wie schon beim ersten Beispiel aufgezeigt – was nicht übernommen wurde. Beispielsweise die folgenden Ausführungen von Leidmedien.de zum Begriff «Krüppel»:

Behinderte Menschen als „Krüppel“ zu bezeichnen war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts normal, gilt aber heute als sehr beleidigend. Einige behinderte Menschen haben sich diesen Begriff jedoch positiv angeeignet: Sie nennen sich selbst „Krüppel“ – nicht abwertend sondern selbstbewusst. Angelehnt ist diese Praxis an andere Minderheiten – homosexuelle Männer beispielsweise definierten die einstige Beleidigung „schwul“ erfolgreich um. Im Gegensatz zu „schwul“ ist „Krüppel“ aber noch kein neutraler Begriff und kann positiv nur innerhalb der Gruppe behinderter Menschen verwendet werden.

Wie schon im letzten Artikel geschrieben, definiert Agile, was «die Behinderten» angeblich als beleidigend empfinden. Da passen solche «Querschläger» natürlich nicht ins Bild der von oben verordneten Einigkeit.

Aber wenn man nicht bei Leidmedien.de abschreibt, dann halt bei Wikipedia:

krueppelLinks Wikipedia, Rechts Agile

Das Abschreiben bei Wikipedia hat allerdings so seine Tücken. Agile hat nämlich unbesehen den Ausdruck «geistige Behinderung» übernommen. Ein Ausdruck, den sie im eigenen Leitfaden ein paar Seiten zuvor als «Out» geisselt. «In» wäre laut Agile «Mensch mit Lernbehinderung, mit intellektueller Behinderung, mit kognitiver Behinderung».

Wie war nochmal der Name der Broschüre?
«Sprache ist verräterisch»
Immerhin wird der Inhalt dem Titel gerecht.

Alles nur geklaut

Letzten Herbst rief Agile (Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen in der Schweiz) auf Facebook mit folgenden Worten zum Spenden auf:

AGILE.CH hat ein spannendes und wichtiges Projekt in der Pipeline. Da wir keine reiche Organisation sind, versuchen wir nun zum ersten Mal überhaupt, die nötigen Finanzen über Crowdfunding aufzutreiben.

Und wie man das heute so macht, hat Agile dazu auch ein supersexy YouTube-Video veröffentlicht.

39 SpenderInnen fanden das Video so sexy überzeugend oder die Aussicht auf ein persönliches Dankesschreiben vom Agile-Präsidenten (Bei 10.- Spende), ein Zvieri im Agile-Büro (200.-) oder ein Besuch mit Agile im Bundeshaus (500.-) so verlockend, dass sie das Projekt bereitwillig unterstützten. Die «für die Erarbeitung, die Gestaltung und den Druck der Broschüre» benötigten 7000.- wurden sogar übertroffen und die Broschüre «Sprache ist verräterisch» konnte produziert werden.

Agile schreibt:

Um eine Kommunikation zu fördern, die zu weniger Missverständnissen, Enttäuschungen und Verletzungen führt, hat AGILE.CH 2‘000 Exemplare an Lehrpersonen, Medienschaffende, Politiker und Verwaltungen verschickt. Tragen auch Sie dazu bei, Sprache und Denken zu verändern. Bestellen Sie noch heute die 24-seitige Broschüre «Sprache ist verräterisch» zum Selbstkostenpreis von 8 Franken.

Eine PDF-Version der Broschüre kann auf der Seite von Agile nicht heruntergeladen werden. Ob «Sensibilisiert euch gefälligst! Aber nur gegen Bezahlung!» für eine Behindertenorganisation der richtige Ansatz ist, sei mal dahingestellt. Werfen wir trotzdem einen Blick in die von Agile und dem Gleichstellungsrat herausgegebene Broschüre «Sprache ist verräterisch». Die Einleitung beginnt folgendermassen:

Gesagtes und Gemeintes sind nicht immer identisch. Der eine sagt oder schreibt etwas und geht ganz selbstverständlich davon aus, dass der Zuhörer oder Leser es auch so versteht, wie es gemeint war. Oft aber ist das, was beim Empfänger ankommt, nicht das, was der Absender ausdrücken wollte. Vorstellungen und Assoziationen schwingen mit, die dem Inhalt einen negativen Beigeschmack verleihen. Und wenn in diesem Zusammenhang dann noch das Thema «Behinderung» mit ins Spiel kommt, wird es heikel.

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht und einen Anspruch darauf, genauso respektvoll behandelt zu werden wie Menschen ohne Behinderungen. Dies auch dann, wenn über sie gesprochen oder geschrieben wird. So manches ist Gewohnheit, leicht und schnell dahingesagt. Aber Diskriminierung drückt sich nicht nur durch Handlungen, sondern auch in der Sprache aus.

Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit dann bitte nochmal auf die ersten Sätze lenken dürfte: «der eine», der Zuhörer, der Leser, der Empfänger, der Absender. In der Einleitung erstmal ausschliesslich die männliche Form verwenden und dann ein paar Zeilen später dozieren, «dass sich Diskriminierung auch in der Sprache ausdrückt»? Man ist ein bisschen verunsichert, ob die HerausgeberInnen das Thema der Broschüre selbst auch wirklich verstanden haben.

Um die Sache kurz zu machen: Nein, haben sie nicht. Ist auch ein bisschen schwierig, wenn die Eigenleistung einer 24-seitigen Broschüre sich auf die wenigen Sätze der Einleitung beschränkt. Der ganze restliche Inhalt ist nämlich schlichtweg abgeschrieben. Beim von der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern bereits vor zwei Jahren herausgegebenen «Sprachleitfaden Behinderung» (Ich habe damals darüber geschrieben), beim von Betroffenen getragenen Projekt Leidmedien.de und beim bei Leidmedien als Quelle angegebenen Lexikon von Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration (2003).

Alles nur geklaut. Wie man das eben so macht bei Agile und beim Gleichstellungsrat. Natürlich ohne Quellenangabe. Wie man das eben so macht bei Agile und beim Gleichstellungsrat.

Man muss ja nicht das Rad neu erfinden (wenn man die Quellen angibt), aber mit dem Wenigen, was man selbst beiträgt, die gute Arbeit der Quellen total zu verbocken, das muss man auch erstmal schaffen. Leidmedien.de stellt nämlich gleich zu Beginn klar:

Ein Rezept haben auch wir nicht. Auch unter behinderten Menschen sind die Bezeichnungen umstritten. (…) Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie die Person selbst, wie sie gerne benannt werden möchte!

Agile hingegen macht diese Differenzierung nicht; sie gibt vor, für alle Behinderten zu sprechen und schreibt als letzten Satz in der oben angeführten Einleitung:

Noch immer sind Begriffe gebräuchlich, die Menschen mit Behinderungen als diskriminierend und entwertend empfinden.

Und Agile kategorisiert die Begriffe dann in einer Tabelle nach «in» bzw. «out». «in & out» klingt wie eine Überschrift für Stylingtipps in der Bravo. In den 80-igern. Gleichzeitig wirken die teils ausführlich-oberlerhrerhaften Begriffserklärungen ziemlich deplaziert für ein Sensibilisierungs-Tool. Aber das ist halt so, wenn man einfach aus einem Lexikon  abschreibt, das für einen anderen Zweck konzipiert wurde.

Als Sahnehäubchen sind zur «Auflockerung» noch einige unlustige Comics (Wir können auch witzig! haha!) eingestreut. Die Comics wurden – natürlich – auch nicht passgenau für diesen Zweck entworfen, sie existierten schon vorher.

Bleibt die Frage: Wofür wurden eigentlich die über 7000.- gesammelt?

Für‘s Abschreiben der Texte? Für die Übernahme der bereits existierenden Illustrationen? Für das Layout? (Entschuldigung, welches Layout?) Und auch der Druck einer solchen Broschüre kostet keine 7000.- Und mit einem durchdachten Konzept und Layout hätte man dafür auch keine 24 Seiten drucken lassen müssen, aber ach… ich fange gar nicht erst an. Für ein schluddrig zusammengeschustertes Machwerk mit kaum sichtbarer Eigenleistung sind 7000.- jedenfalls eine geradezu unverschämte Summe.

Nicht nur «Sprache ist verräterisch» sondern auch die Haltung der Herausgebenden, welche sich in dieser Broschüre an allen Ecken & Enden widerspieglt.

Für «die Behindis» reicht es, wenn wir wie die alte Fasnacht mit einem ausgelutschten Thema ankommen, als wäre das der «aktuelle heisse Scheiss». Für die Behindis muss man auch keine inhaltlich und visuell eigenständig gestaltete Broschüre zu einem Thema entwickeln, Copy & Paste reicht auch. Quellenangaben? Natürlich nicht – dadurch könnte ja ein/e UnterstützerIn, die/der für das Projekt gespendet hat, noch drauf kommen, dass wir so gut wie alles abgeschrieben haben.

Ich würde das mal als komplette Verarsche bezeichnen. Von Betroffenen, den wirklichen AutorInnen der Texte, den Crowdfunding-UnterstützerInnen und potentiellen KäuferInnen der Broschüre.

Bei der Produktion einer Broschüre alle verarschen und in ebendieser Broschüre dann Respekt «im Namen der Behinderten» einfordern? Man müsste lachen, wenn es nicht so widerwärtig und absurd wäre.

Ausserdem @Agile: Wenn man einen Motionstext (Der Begriff «invalid» soll in der nationalen Gesetzgebung ersetzt werden) für eine Nationalrätin schreibt, sollten die Argumente dann schon korrekt sein:

Begriffe wie «Idiotie» (…) sind aus dem Regelwerk der nationalen Gesetze verschwunden.

Äh nein. Der Begriff wird in der aktuellen IV-Gebrechenscodierung immer noch verwendet.

Wenn man selbst recherchieren muss und nicht einfach irgendwo abschreiben kann, wird‘s halt schnell etwas anspruchsvoller. Aber warum auch präzise? Für die Behindis reicht doch auch «ungefähr».

Präszise und gut zu arbeiten wäre ein Zeichen von Respekt gegenüber den Menschen, die man vorgibt, zu vertreten. Dazu würde auch gehören, eigenständige, sorgfältig durchdachte und inhaltlich, konzeptionell und visuell ansprechende Kommunkationsmittel zu aktuellen Themen zu entwickeln. Das Geld war hier offensichtlich nicht das Problem. Problematisch sind vielmehr das offensichtliche Fehlen von Ideen, Kreativität, Sensibilität für kommende (und nicht schon tot gekaute) Themen sowie einem grundlegenden Wissen in professioneller Kommunikation.

Das ist jämmerlich, aber noch viel jämmerlicher ist, dass man im Behindertenbereich mit solch lausigen Leistungen immer noch durchkommt. Es fragt sich, sich, ob Organisationen, die den Respekt gegenüber den von ihnen vertretenen Menschen nicht selbst vorleben, die Richtigen sind, eben diesen Respekt «im Namen der Behinderten» einzufordern. Und ob diese Organisationen durch ihr unprofessionelles Verhalten den Betroffenen nicht mehr schaden als nützen.

Weiterführende Links zum Sprachgebrauch:
Leidmedien.de (unter «Journalistische Tipps»)
Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration
Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern: «Sprachleitfaden Behinderung»

Nachtrag: Zum besseren Verständnis meiner Kritik hier einige konkrete Vergleiche zwischen den Originaltexten und der Broschüre von Agile.

SVP: «Gesunde sollen nicht als psychisch Kranke stigmatisiert werden». [Finde den Fehler]

Es gibt wohl kaum eine Publikation, welche in den letzten Monaten nicht über die im Mai 2013 erschienene Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM 5) der American Psychiatric Association berichtet hat. Meist mit einem drohenden Unterton à la «Der Wutanfall wird zur Krankheit». Auch wenn hiesige Psychiater beschwichtigen, dass in der Schweiz nicht das DSM sondern das ICD als Klassikfikationssystem gilt, zitierten viele Journalisten mit allergrösster Wonne (und einem gruseligen Schaudern) den bekannten amerikanischen Psychiater Allen Frances, der eindringlich vor dem DSM 5 warnt, denn danach gälte bereits die normale Trauer nach einem Todesfall als Depression und der Wutanfall eines Kindes als «schwere Emotionsregulationsstörung».

Geht man nach dem Grundtenor der Schweizer Medien ist das alllerallergrösste Problem, dass wir als Gesellschaft im Umgang mit psychischen Erkrankungen momentan haben, dass man als psychisch «Gesunder» ungerechtfertigterweise als «psychisch krank» eingestuft werden könnte. Und böse Medikamente nehmen müsse. Und an allem seien die bösen Psychiater und die noch böseren Pharmafirmen schuld. Als ob komplett gesunde Menschen auf der Strasse mit grossen Netzen eingefangen, in die Psychiatrie verschleppt und dort gegen ihren Willen zwangsweise Medikamente verabreicht bekämen.

Im Kontext-Gespräch vom 24. April 2013 erläuterte der Psychiater Paul Hoff die ganze Thematik angenehm unaufgeregt und differenziert und legte u.a. dar, dass psychiatrische Diagnosen vor allem als «Handwerkszeug» dienen und nicht in «Stein gemeisselt» sind. Sein Kollege Wulf Rössler sagte zudem in der Schweiz am Sonntag: «Wir suchen ja die Leute nicht und erklären sie für krank, sondern sie kommen zu uns, weil sie an einem psychischen Problem leiden und Hilfe suchen»

Unaufgeregt und differenziert ist ja aber leider eher nicht nicht so das Ding der SVP und so beglückt sie uns aktuell – nachdem das Thema jetzt monatelang medial wunderbar vorgespurt wurde – mit der parlamentarischen Interpellation «Inflation psychischer Störungen»: «In den letzten Jahren ist in der Psychiatrie eine Tendenz zur Findung und Ausweitung von Diagnosen auszumachen, bei welchen ehemals normale Verhaltensweisen zu Krankheiten umdefiniert werden(…)»

Darauf werden eine ganze Reihe Fragen gestellt:

  • 3. Wie hoch sind die gesamten Gesundheitskosten von psychischen Störungen und deren Behandlungen in der Schweiz?
  • 4. Wie hoch sind die dadurch anfallenden Kosten bei den Krankenversicherungen und Invalidenversicherung?
  • 8. Welche Instanz prüft neue psychische Störung in Bezug auf deren Anerkennung bei der IV und der obligatorischen Krankenversicherungen?
  • 10. Mit welchen Massnahmen gedenkt der Bundesrat sich einem allfälligen Trend der stetigen Ausweitung von psychischen Störungen und deren Definition als Krankheiten entgegenzustellen, zumal dadurch (…) die Stigmatisierung von Personen mit Problemen als psychisch Kranke (…) verhindert werden könnten?

Die SVP sagt hier also, dass psychische Krankheiten mit einem Stigma verbunden sind. Und damit nicht etwa GESUNDE, die einfach nur «ein Problem haben» aber auf gar keinen Fall «echt» psychisch krank sind, fälschlicherweise mit dem Stigma einer psychischen Krankheit leben müssen, muss der Bundesrat was tun. (Auf Deutsch: «Also die mit den neumodischen Krankheiten halten wir zwar nach wie vor für faule Scheininvalide, die eine Menge Kosten verursachen, aber PR-mässig kommt es besser, wenn wir uns um deren Stigmatisierung sorgen. Wir hatten da ja auch diesen Fall in der eigenen Partei… Burn-out oder… und deshalb muss man das Ganze jetzt etwas einfühlsam wirkend formulieren»)

Ähm wo war ich? Ja eben, weil für «Gesunde» ist so ein Stigma eine echte Zumutung, aber die wirklich Kranken, die haben’s ja nicht anders verdient… (Siehe auch: Angebliche Depression = rufschädigend?)

Einmal mehr macht hier die SVP etwas zum «Problem» was nicht das echte Problem ist. Das grösste Problem, das wir in der Schweiz mit psychischen Krankheiten haben, ist nämlich nicht, dass Gesunde fälschlicherweise für krank erklärt werden, sondern dass die SVP sich seit 10 Jahren anmasst, die Deutungshoheit über ein medizinisches Fachgebiet zu übernehmen, von dem sie nichts versteht dass psychisch Kranke oft erst zu spät behandelt werden, weil Betroffene sich aus Furcht vor Stigmatisierung nicht trauen, über ihre Probleme zu reden. 50% der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens einmal an einer psychischen Störung, das ist also kein Nischenproblem einiger «Freaks». Unbehandelt können sich jedoch hartnäckige und chronifizierte Krankheiten entwickeln, die im schlimmsten Fall zur Invalidität führen können. Mit einer frühzeitigen und fachgerechten Behandlung könnte diese Entwicklung in vielen Fällen vermieden oder vermindert werden. Kostet dann auf lange Sicht auch weniger. Dazu müssen diese Krankheiten aber entstigmatisiert werden.

Aber genau das will die SVP nicht. Wär ja blöd, dann hätte man eine Randgruppe weniger, auf der man rumhaken kann – Entstigmatisierung psychisch Kranker… wo kämen wir denn da hin, wenn wir diese Freaks als Menschen sehen würden?

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Apropos «Stigmatisierung bitte nur für die Anderen»: In der aktuellen Diskussion um die Revision des Strafrechts findet die SVP, dass es einen Unterschied gäbe zwischen «eigentlichen Kriminellen» und «zehntausenden von Strassenverkehrsteilnehmern» die – wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt kämen – nicht als «kriminell» stigmatisiert werden dürften. Woher kennen wir das Prinzip gleich nochmal? Ahja: alle IV-Bezüger sind Betrüger, denen man die Leistungen kürzen muss, ausser die (teil)invaliden Bauern, denen soll eine Sonderbehandlung zukommen.

Die Gefühlswelt eines Mülleimers

Da schreibt man kürzlich, es wäre höchste Zeit für eine Kampagne für Prävention/gegen Stigmatisierung psychischer Krankheiten und erwähnt noch nebenbei die ohne-Dings-kein-Bums-Kampagne. Und was kriegt man postwendend? Die Zuger Sensibilisierungs-Kampagne «Psyche krank? Kein Tabu!» an deren Konzeption auch die ohne-Dings-kein-Bums-Werber mitbeteiligt waren.

Im Folgenden einige Kampagnen-Sujets (weitere hier) im vorgesehenen Anwendungsbereich, nebenstehend jeweils der zugehörige Text in Vergrösserung:

boden

plakat

bier

abfall

Psychisch kranke Menschen mit Bierdeckeln, schiefen Plakaten und dreckigen Mülleimern vergleichen. Wie originell. Und so witzig.

Mal eine ernsthafte Frage an die Werber: Was nehmt ihr eigentlich für Drogen?
Und sieht damit auch lila auf einmal echt sexy aus? (Lila ist eine der unbeliebtesten Farben überhaupt. Schon mal ein lilafarbenes Auto gesehen? Eben)

Und für die allerlustigste Version «Ich fühle mich beschissen – Bei Toiletten kann das sein. Bei Menschen auch» waren’s dann doch nicht genug Drogen oder wie? Ach ihr hättet ja schon… aber die Auftraggeber hatten Bedenken (Ich wünschte, die hätten tatsächlich Bedenken gehabt) Und jetzt heult ihr, weil ihr mit dieser orginellen Idee (Kleber auf öffentlichen Toiletten!) bestimmt zu den Werbern des Jahres gekürt worden wärt….? [Anmerkung: Die letzten Zeilen ich mir jetzt einfach mal so ausgedacht].

Wie auch immer, man hielt die Idee offenbar für umwerfend – völlig ungeachtet dessen, dass psychisch Erkrankte mit einer geballten Ladung ausschliesslich negativer Aussagen («Durchhängen», «Am Boden sein», «Tiefpunkt» «Schräg drauf sein») in Verbindung zu bringen und als Nonplusultra «Mir geht’s dreckig» auf einem Abfalleimer (Wtf?!) zu platzieren antistigmatisierungs-technisch hochgradig kontraproduktiv ist. Aber wen kümmert das schon. (Ich dachte eigentlich, Antistigmatisierung wäre die Grundaufgabe solcher Kampagnen…?)

Mal zum Vergleich: Bei der Insieme hat man das mit den «lustigen Sprüchen» immerhin einigermassen gut hingekriegt. Zwar ist «Sprung in der Schüssel» auch ein negativ konnotiertes Attribut  – und man kann wahrlich drüber diskutieren, ob das nun wirklich glücklich gewählt ist – Nichtsdestotrotz wird im Gesamtzusammenhang von Bild, Text und Darstellung ein spürbares Selbstvertrauen der Betroffenen vermittelt (Geistig behindert? So what!):

insieme

Eine geistige Behinderung ist natürlich was grundlegend anderes als eine psychische Erkrankung (Zur Erinnerung: geistige Behinderung IQ < 70; Psychische Erkankung = kein Einfluss auf den IQ) Trotzdem: Warum kann oder will man Informationen über psychische Krankheiten in der Schweiz nicht selbstbewusst und positiv kommunizieren? Dass das möglich ist, zeigte die schottische Kampagne «See me»:

boss

teen
Eine psychische Erkrankung macht nur einen Teil eines Menschen aus, nicht den ganzen Menschen. Einem Krebspatienten in der Chemo geht’s auch dreckig. Trotzdem käme man bei der Krebsliga bzw. deren Werbeagentur wohl kaum auf die Idee, Krebspatienten mit Abfall/Dreck in Verbindung zu bringen.

Warum ich eigentlich immer meckern muss? Weil es mich ärgert, wieviel im Sozialbereich als «gut gemeint» durchschlüpfen darf, obwohl es einfach schlecht gemacht, nicht zu Ende gedacht und schlussendlich kontraproduktiv ist.

Könnte bei der nächsten Kampagne psychische Krankheiten betreffend bitte drauf geachtet werden, dass endlich mal eine ordentliche Portion «positive Grundstimmung» und «Selbstwert von und für die Betroffenen» vermittelt wird? Nach dem jahrelangen Scheininvalidengeplärr (und dem damit einhergehenden Lächerlichmachen und Verleugnen psychischer Krankheiten) ist das nämlich bitter nötig. Aber für diesen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang hat die nötige Sensibilität hier offenbar  – einmal mehr – gefehlt.

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Nachtrag 20. Agust 2013: Natürlich habe ich das alles total falsch verstanden und die Idee ist «richtig kreativ» – Sagt jedenfalls die Werberselbstbeweihräucherungsplattform: «Doch weil den Menschen das Reden so schwer fällt, brauchte es die „richtige kreative Idee“: Gegenstände, die keine Scham kennen, sollen es vormachen und nennen ihre Probleme offen und ehrlich beim Namen(…)»

Ach so: Sprechende Mülleimer, die keine Scham kennen, als Vorbilder für die psychisch Kranken. Ja das macht’s natürlich viel besser.

Und dann noch bei HR Today: «Psyche krank? Kein Tabu!» sei eine «mutige Kampagne», sagte der Zuger Gesundheitsdirektor Urs Hürlimann (FDP). Die Plakataktion habe schon vor dem Start erzürnte Reaktionen ausgelöst – vor allem die Kleber an den Abfallkübeln. Das zeige, dass das Thema psychische Erkrankungen ein höchst sensibler Bereich sei.

Bitte mal eine Abfalleimer-Aktion mit Krebspatienten (oder MS, Paraplegie oder Down-Syndrom – sucht Euch was aus) durchführen und die geharnischten Reaktionen aus der Bevölkerung beobachten. Dann reden wir nochmal über «sensible Bereiche».

Die Armutsindustrie [ARD-Doku]

Eine ARD-Doku von 2009 über die vom Staat subventionierte 2. Arbeitswelt. Unter anderem über einen Unternehmer, der einen Weg suchte, um Trampoline in Deutschland herstellen zu lassen: zu Preisen, die mit China konkurrieren können. Die Lösung dieses Problems: Arbeitslose stellen die Teile her und die Arbeit wird über Lohnkostenzuschüsse, also mit öffentlichen Geldern finanziert. Die ARGE schickt die Arbeitslosen als 1-Euro-Jobber zu Firmen, die auf dieser Basis Leute beschäftigen bzw. für sie sogenannte “Praktika” veranstalten. So entsteht eine parallele, weitgehend entrechtete Arbeitswelt. Dieser Film zeigt, wie aus dem Mangel an Arbeit ein Geschäft geworden ist und fragt: Wer profitiert eigentlich davon?

Könnte in der Schweiz vielleicht auch bald zum lukrativen Geschäftsmodell werden.

Der Blick legt nach

Gestern vermeldete der Blick, dass die Boxerin Aniya Seki aufgrund ihrer Bulimie eine IV-Rente «kassiere» und die Kommentatoren durften sich entrüsten. Heute legt der Blick nochmal nach und befragt Passanten, ob sie Sekis IV-Rentenbezug für korrekt halten. Und wer sein Gesicht nicht in die Kamera halten mag, der darf dafür auf Blick.ch anonym darüber abstimmen, ob er eine IV-Rente aufgrund von Bulimie ganz generell für gerechtfertigt hält oder nicht.

Bildquelle: Blick.ch

Was kommt als nächstes beim Blick? Bilder von Krebspatienten mit «I like»- Buttons drunter, wo man darüber abstimmen kann, ob deren Behandlung von der Krankenkasse bezahlt werden soll oder nicht? Ja, wir leben (zum Glück) in einer Demokratie – aber es gibt gute Gründe, warum über gewisse Dinge nicht demokratisch entschieden werden soll.

Und es würde dem einen oder anderen (insbesondere den Verantwortlichen bei gewissen Online-Medien) gut anstehen, sich nicht nur über die ppphhhöööse cybermobbende Jugend zu entrüsten, sondern sich mal zu überlegen, wie es denn mit der eigenen Vorbildfunktion diesbezüglich aussieht.