«Ein Querschnittgelähmter schildert seine Beobachtungen»

In der neuen SRF-Webserie «True Talk» kommen Menschen zu Wort, die aufgrund bestimmter Merkmale, Eigenschaften oder Vorlieben häufig mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Rainer Stadler schreibt dazu in seiner Medienkolumne in der NZZ:

Die erste Folge präsentiert einen jungen Mann, der seit fünf Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Geschnitten sind seine Aussagen gemäss dem Prinzip Zappelphilipp. Das macht den Zuschauer nervös, ergibt aber wenig Sinn. Was der Mann über seinen Alltag erzählt, ist allerdings interessant, und er sagt es auf prägnante Art. Ich hätte gerne mehr erfahren. Doch der Film dauert bloss 2 Minuten und 22 Sekunden. Muss es wirklich so kurz sein für die Generation Internet?

Unter dem Screenshot, der den Protagonisten zeigt, stand gestern bei Veröffentlichung von Stadlers Kolumne: «Ein Querschnittgelähmter schildert seine Beobachtungen». Auch im gesamten Artikel stand an keiner Stelle, wer «der Querschnittgelähmte» ist. Ich machte Rainer Stadler darauf aufmerksam und merkte an, dass unter seinem eigenen Foto ja auch nicht stehe «Ein Fussgänger schildert seine Beobachtungen». Hat gewirkt. Naja, ein bisschen. Unter dem Foto steht jetzt: «Simon Hitzinger, querschnittgelähmt, schildert seine Beobachtungen».

Mit dem Zappelphilipp-Schnitt hat Stadler allerdings recht. Man kann kaum hinsehen.

Für die, die nicht hinsehen mögen, hier ein Ausschnitt aus «True Talk» in «unbewegt Bild» (Untertitel sei Dank), weil Simon «Hitzi» Hitzinger es so schön prägnant auf den Punkt bringt:

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Schritt für Schritt – aus dem Rollstuhl an den Cybathlon [Filmtipp]

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Philipp Wipfli und Studierende der ETH Zürich

[Text: srf] Als Querschnittgelähmter aufrecht gehen. Was unmöglich erscheint, ist das Ziel von Philipp Wipfli und Werner Witschi. Die beiden Paraplegiker wollen am Cybathlon teilnehmen, dem weltweit ersten Wettkampf, an dem sich Menschen mit körperlichen Behinderungen dank robotischer Hilfsmittel messen können.

Die Teilnahme möglich machen, soll ein sogenanntes Exoskelett: Ein Roboteranzug, gebaut von Studenten der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Mit Hilfe der Maschinenbeine sollen die Familienväter aus ihren Rollstühlen aufstehen und den anspruchsvollen Parcours meistern können.

Die Roboter-Mensch-Olympiade ist ein Pionierprojekt der ETH Zürich. Der Erfinder des Cybathlon, der Professor für sensomotorische Systeme Robert Riener, will damit andere Wissenschaftler anspornen, Hilfsmittel für Betroffene zu entwickeln, sie zu verbessern und alltagstauglich zu machen. Im Gegensatz zu den Paralympics richten sich die Wettkampfdisziplinen an den täglichen Bedürfnissen der Menschen mit körperlichen Behinderungen aus.

Bis zur Teilnahme am Cybathlon im Oktober 2016 ist es ein weiter Weg. Buchstäblich Schritt für Schritt versuchen Philipp, Werner und das Studententeam alle Probleme zu lösen, die bei der Entwicklung der Roboterbeine auftauchen. Eine technologische Lösung für ein menschliches Problem wie körperliche Behinderung zu finden, wirft aber auch Fragen auf, die weit über die technische Machbarkeit hinausgehen.

Sinn und Zweck von robotischen Hilfsmitteln sind umstritten. Die Geräte sind teuer und ein Exoskelett wird für einen Querschnittgelähmten wohl nie den Rollstuhl ersetzen. Das Geld für die Forschung in diesem Bereich kommt zudem oft aus Militärkreisen. Eine Problematik, mit der sich auch Robert Riener auseinandersetzen muss.

Filmemacher Adrian Winkler konfrontiert den ETH-Professor mit den ethischen Problemen, die eine Veranstaltung wie der Cybathlon aufwirft. Der Film kreist um die Frage, ob die Wissenschaftler tatsächlich nützliche Maschinen für Menschen mit einer körperlichen Behinderung schaffen oder nur teure Prestigeobjekte mit wenig praktischem Nutzen. Vor allem begleitet der Film aber die beiden Querschnittgelähmten Philipp Wipfli und Werner Witschi bei ihrem Kampf um die Teilnahme am Cybathlon. Schritt für Schritt.

Film online angucken

Der Filmautor Adrian Winkler hat selbst erlebt, wie sich sein Leben nach einem Unfall drastisch verändert hat. Heute kann er mit Hilfe von orthopädischen Stützen erstaunlich gut gehen. Wie beeinflussen diese Geräte das tägliche Leben und das Selbstempfinden?

Winkler schreibt über den persönlichen Hintergrund zu seinem Film:

Naheliegenderweise interessiere ich mich sehr für technische und medizinische Forschung, die meine Einschränkung mindern oder sogar heilen könnte. Denn obwohl ich mit meiner Beeinträchtigung gut leben kann, sie bleibt lästig und ich würde sie gerne wieder loswerden. Wenn ich also von neuen Durchbrüchen in der Forschung lese, löst dies bei mir – und wohl auch den meisten meiner «Leidensgenossen» – gemischte Gefühle aus. Einerseits hoffe ich natürlich, dass schlaue Köpfe etwas gefunden haben, dass mich wieder «auf die Beine» bringt. Andererseits versuche ich gleichzeitig meine Hoffnung zu dämpfen, um mich vor einer Enttäuschung zu bewahren.

Aus diesem Grund habe ich den Hauptfokus des Filmes vor allem auf die emotionalen Auswirkungen gesetzt, die der Cybathlon auf die Protagonisten hat. Mich haben weniger die technischen und sportlichen Aspekte interessiert, dafür umso mehr die Gefühle, welche die Vorbereitung zu den ersten «Bionischen Spielen» bei den Betroffenen auslöst. Welche Hoffnungen verbinden sie mit der Teilnahme? Welche Erfolgserlebnisse und Enttäuschungen erleben sie auf dem Weg zum Cybathlon und wie verändert die Technologie ihr Leben und ihr Selbstempfinden? Schaffen es die Forscher überhaupt Geräte zu bauen, die den Betroffenen wieder auf die «Beine helfen»? Und, ist dies überhaupt nötig? (…)

Obwohl ich selbst von technischen Entwicklungen direkt profitiere, und sie mir auch herbeisehne, beobachte ich diese Entwicklung mit einiger Skepsis. Mein Interesse am Cybathlon geht deshalb auch weit über meine eigene Betroffenheit hinaus. Schliesslich geht uns die Entwicklung, die der Cybathlon öffentlich macht, alle an. Die Austragung von Bionischen Spielen und der Beginn des Cyborg-Zeitalters werfen viele ethische, philosophische und sogar juristische Fragen auf.

Ganzer Text von Adrian Winkler beim srf.

AHVplus würde die Situation «der Ärmsten» verschlechtern / «Verdiente» statt «benötigte» AHV?

Nach Ansicht der Initiantinnen und Initianten von «AHVplus» sind die AHV-Altersrenten zu niedrig – vor allem für Personen mit tiefen und mittleren Einkommen. Die Initiative fordert deshalb, dass alle AHV-Altersrenten um 10 Prozent erhöht werden. Die Witwer-, Witwen- und Waisenrenten der AHV und die Invalidenrenten der IV würden nicht erhöht.

Quelle: Abstimmungsbüchlein zur Volksabstimmung vom 25. September 2016

AHV- und IV-Renten sind bisher gleich hoch; die maximale AHV/IV-Rente für eine Einzelperson beträgt aktuell 2350.-/Monat. Die minimale AHV/IV-Rente 1175.-/Monat. Personen, deren weitere Einkommensquellen (Erwerbseinkommen, Pensionskasse, 3. Säule, Vermögen) den Existenzbedarf nicht decken, haben Anrecht auf Ergänzungsleistungen. Der Existenzbedarf der Ergänzungsleistungen liegt deutlich höher als jener der Sozialhilfe. Das liegt darin begründet, dass die Sozialhilfe eigentlich nur als kurzfristige Überbrückungshilfe in akuten Notlagen gedacht ist, während Ergänzungsleistungen bei längerfristigen AHV/IV-BezügerInnen nicht nur das «Überleben», sondern auch eine Teilnahme am sozialen Leben ermöglichen sollen.

Die Initianten von «AHVplus» argumentieren schwerpunktmässig mit «Personen mit tiefen Einkommen», also jenen, die sowieso Anrecht auf Ergänzungsleistungen haben. Laut Abstimmungsbüchlein würde sich aber die finanzielle Situation für die Mehrheit der EL-beziehenden AHV-BezügerInnen (140’000 Personen) durch eine Erhöhung der AHV nicht verbessern, weil die Ergänzungsleistungen einfach entsprechend sinken. Aufgrund unterschiedlicher Schwelleneffekte hätten 15’000 EL-BezügerInnen gar weniger Geld zur Verfügung, 49’000 aber mehr. Allerdings ist (mir) nicht bekannt, wieviel «mehr».

AHV-Renten werden jedoch besteuert und Ergänzungsleistungen nicht und je nach Wohnort kann sich deshalb auch eine kleine Verschiebung von den EL zur AHV steuertechnisch negativ auswirken. Das heisst, viele der 140’000 EL-Bezüger, für die sich laut Abstimmungsbüchlein «einkommensmässig nichts ändern würde» hätten unter dem Strich (nämlich nach Bezahlen der Steuern) einige hundert Franken weniger als heute zur Verfügung.

Profitieren würden von einer Erhöhung der AHV vor allem diejenigen, die schon heute überhaupt keine Ergänzungsleistungen beziehen müssen. Also mitnichten «die Ärmsten».

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«Verdiente» statt «benötigte» AHV?

Sieht man von der spezifischen Situation der ErgänzungsleistungsbezügerInnen einmal ab, fragt man sich auch, warum die InitiantInnen bei den AHV-BezügerInnen eine Erhöhung der Rente für dringend notwendig halten, bei den IV-BezügerInnen (deren Renten wie eingangs erwähnt, gleich hoch bzw. tief sind) aber nicht. «Für die Behindis reicht das schon» – oder wie? (Was sagen eigentlich die Behindertenorganisationen dazu?)

Der Erhalt einer AHV-Rente scheint in der Wahrnehmung der Bevölkerung ganz generell etwas zu sein, was man sich «verdient» hat, worauf man ein «Recht» hat, während der Bezug einer IV-Rente nach wie vor für viele Leute etwas «Gschämigs» ist. Eher eine huldvoll gewährte Barmherzigkeit seitens der Gesellschaft, denn eine Versicherungsleistung, auf die man im Schadensfall ein Anrecht hat. Das ist insofern paradox, als bei einer Invalidität eine medizinisch begründete Erwerbsunfähigkeit vorliegt, während die allerwenigsten AHV-RentnerInnen mit dem 64./65. Geburtstag über Nacht eine plötzliche und komplette Erwerbsunfähigkeit erleiden.

AHV-Renten bei (grösstenteils) noch bestehender Arbeitsfähigkeit ist so gesehen ein Luxus, den sich unsere Gesellschaft (noch) leistet. Als die AHV eingeführt wurde, lebten die Menschen aufgrund oft körperlich anstrengender Arbeit und schlechterer medizinischer Versorgung nicht noch 20 oder 30 Jahre von der AHV. Statt des angeblichen «Sozialabbaus» geschah ein sukzessiver Ausbau; viele Menschen müssen – zum Glück – nicht mehr «bis zum Umfallen» arbeiten, sondern leben nach der Pensionierung oft noch viele Jahre bei relativ guter Gesundheit unbelastet von Arbeit und finanziellen Sorgen (zur Not helfen Ergänzungsleistungen). Allerdings nicht alle: 15 Prozent der Männer beziehen kurz vor dem Pensionsalter bereits eine Invalidenrente. Und laut Aussage der Unia (ich habe das nicht nachgeprüft) sind gar 60 Prozent der 55- bis 65-jährigen Maler und Gipser IV-Bezüger.

Umgekehrt arbeiten manche Menschen, die in körperlich weniger anstrengenden Berufen tätig sind, auch über das Pensionsalter hinaus. Angesichts dieser unterschiedlichen Erwerbsfähigkeiten im Alter könnte man sich mal versuchsweise vorstellen, wie es wäre, wenn es gar keine AHV mehr gäbe, sondern nur noch eine IV bzw. eine EUV (Erwerbsunfähigkeitsversicherung). Renten würden dann nicht mehr automatisch beim Erreichen eines gewissen Alters ausgezahlt, sondern nur noch aufgrund einer tatsächlichen (medizinisch begründeten) Erwerbsunfähigkeit.

An dieser Stelle folgt jetzt vermutlich lauter Protest: Man hat sich die AHV doch verdient! In die IV zahlt man allerdings auch ein Leben lang ein und ist dann doch froh, wenn man sie nicht, oder falls doch, möglichst spät braucht. Möglicherweise ist die Vorstellung einer von der effektiven Erwerbsfähigkeit abhängigen Altersrente auch deshalb unangenehm, weil wir uns weigern, das eigene Altern als eine – zunehmende – «Behinderung» zu sehen. Behindert? ich doch nicht! («Nein, ich brauche kein Hörgerät!», «Warum schreiben die das Kleingedruckte immer kleiner?» u.s.w.)

Selbst eine ritualisierte Sichtbarmachung der abnehmenden Kräfte im Alter mit einer gestaffelten Teil-AHV* würde als Vorschlag vermutlich vor allem von männlicher Seite vehement abgelehnt, widerspricht sie doch der nach wie vor verbreiteten männlichen Unverwundbarkeitsvorstellung: «100% bis zum letzten Tag» (und dann kurz nach der «verdienten» Pensionierung einen Herzinfarkt).

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65: 80% Erwerbstätigkeit, 20% AHV
66: 60% Erwerbstätigkeit, 40% AHV
67: 40% Erwerbstätigkeit, 60% AHV
68: 20% Erwerbstätigkeit, 80% AHV
69: 100% AHV

Yo, ihr Hipster… und privilegierten Feuilletonisten. Betroffene verteidigen ihre Interessen. Wie ihr auch. Gewöhnt euch dran.

Die Werber der deutschen Agentur Jung von Matt (Die Schweizer «Filiale» von JvM konzipiert seit einigen Jahren die Spots für Pro Infirmis) veröffentlichten im April einen Werbespot für den Fremdsprachendienst Arenalingua. Im Video wollen Bankräuber nach ihrem Coup die Flucht antreten. Da es sich um ein englisches Original handelt, werden deutsche Untertitel eingeblendet. Die Bankräuber stolpern allerdings auf der Flucht über die kastenförmigen Untertitel, da diese als reale Objekte in den Film eingebaut werden. Die Botschaft des Spots: Untertitel zerstören Filme. Lernt Englisch!

Der deutsche Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen kommentierte dies auf Twitter mit:

Und die gehörlose Julia Probst twitterte:

Probst und Krauthausen haben auf Twitter zusammen fast 70’000 Follower. Statt Begeisterung für ihre «kreative» Idee ernteten die Werber von JvM einen heftigen Shitstorm. Über diesen Shitstorm schreibt Simon Urban in seinem Artikel «Ein Volk der Beleidigten» am 31.7.2016 in der Zeit:

Noch schlimmer wird es, wenn die Beleidigten nicht mal gemeint wurden, aber trotzdem beleidigt sind, weil sie zwanghaft alles auf sich beziehen. Machen wir uns nichts vor: pedantische Inklusionsaktivisten, die einen Werbespot kritisieren, der ihre politische Agenda nicht mal streift, sind mehr als nur die Vorboten einer völlig mutierten Empörungskultur. Sie sind der nörgelnde Beweis dafür, dass es bereits fünf vor zwölf ist.

Wenn wir unsere liberale Normalität und unsere nahezu uneingeschränkte Kunstfreiheit langfristig erhalten wollen, müssen wir endlich zu der Einsicht kommen, dass sich hinter überbordenden Shitstorms und permanent „verletzten Gefühlen“ keine menschlichen Tragödien verbergen, die es zu bedauern gilt.

(…) Falls wir also in zehn Jahren in einem Land leben wollen, in dem man als Sexist gilt, wenn man bei einer Kellnerin in einer Cocktailbar einen Sex on the Beach bestellt, dann sollten wir unbedingt so weitermachen.Wenn wir der Ansicht sind, dass individuelle Unzufriedenheit immer schon der Preis für die Freiheit aller war, dann müssen wir die Auswüchse des Beleidigtseins von erdoğanhafter Qualität viel konsequenter zurückweisen als bisher.

Urbans Artikel ist einer von gefühlt hunderten in den letzten Jahren, in denen i.d.R. gutsituierte, weisse, heterosexuelle Männer Minderheiten darüber belehren, dass sie sich gefälligst nicht so wehleidig anstellen sollen. Darauf aufmerksam zu machen, dass Untertitel weder überflüssig noch «uncool» sondern für Gehörlose sehr wichtig sind, ist «gefühlsduseliges Gejammer», während die Befürchtung eines weissen heterosexuellen Mannes, dass er in Zukunft möglicherweise keinen Sex on the Beach mehr bestellen kann, ohne als Sexist zu gelten, ein echtes Problem darstellt.

Während der WHM wild um sich schlägt, merkt er gar nicht, wie sehr er selbst seine eigenen subjektiven Befindlichkeiten zelebriert.

Was Urban (und all seinen Mitstreitern im Geiste) so unangenehm ist, ist nämlich, dass das «Gejammer» der vemeintlichen «Randgruppen» die naturgegebene (sprich durch den WHM definierte und dominierte) Ordnung in Frage stellt. Jetzt kommen da tatsächlich Menschen mit Behinderung und wagen es, den Hipstern einer Werbeagentur zu sagen, dass sie so gar nicht hip sind?

Vor nicht allzulanger Zeit, war «der Behinderte» der Dorftrottel, und wurde wie Weltwocheautor Phillip Gut das in einem Artikel romantisch verklärt darstellte, von allen «Walterli» genannt. «Walterli» war froh, wenn man ihm ab und zu «einen Fünfliber in die Hand drückte» und zettelte keine Shitstorms im Internet an. Menschen wie «Walterli» konnte man sich entspannt haushoch überlegen fühlen. Genausowenig musste man sich damit auseinandersetzen, was all die «Minderwertigen» (Schwuchteln! Neger! Möngis! Weibsbilder!) denken (Können die überhaupt denken?).

Die Idee, dass die Sichtweisen sogenannter Randgruppen (also alles was vom WHM abweicht) gleichberechtigt neben derjenigen der WHM stehen und man miteinander ausdiskutiert, nach welchen Regeln das gemeinsame Zusammenleben ausgestaltet wird, scheint jedoch auch für den NZZ-Feuilletonchef René Scheu heute noch eine komplett absurde Vorstellung zu sein.

Scheu schwurbelt sich in seinem Artikel «Diskriminierung und Viktimisierung: Der neue Opferautoritarismus» (NZZ, 12.8.16) mithilfe von privilegierten ausschliesslich männlichen Kronzeugen (Anthropologen, Philosophen, vor 200 Jahre lebender französischer Adliger) eine Weltsicht zurecht, laut der «der Wettbewerb um den Status des Meistdiskriminierten den gesellschaftlichen Diskurs beherrsche».

Scheu behauptet, dass es in einer (laut Scheu) «egalitär-inklusiven» Gesellschaft wie der unsrigen (wer ist «uns»?) keine «echten» Diskriminierten mehr gäbe, sondern nur noch Heulsusen. Als Beleg dafür zitiert er (neben den adligen französischen Denkern) den 86-jährigen (weissen heterosexuellen) Schauspieler Clint Eastwood, der (mehr Männlichkeitsklischee geht nicht) als Western- und Actionheld bekannt wurde, zu Beginn des Artikels mit:

Die Leute beschuldigen einander, Rassisten zu sein. Als ich ein Kind war, hat man all diese Dinge nicht rassistisch genannt.»

und zum Ende das Artikels:

«Mich quält der Gedanke an all die Arschlöcher, die sich beklagen. Ich sah Leute, denen es wirklich mies ging.» Eastwood spricht als guter alter Individualist à la Tocqueville, seine Botschaft ist uramerikanisch: Hört auf zu jammern – und macht das Beste aus eurem privilegierten Leben.

Man fragt sich: Glaubt Scheu wirklich, dass er als dunkelhäutige Muslimin mit Behinderung heute NZZ-Feuilletonchefin wäre? Oder wissen er und seine liberalen Mitstreiter, dass sie ihre berufliche und gesellschaftliche Stellung selbstverständlich nicht nur ihrem Können und ihrer Leistung zu verdanken haben, sondern auch gewissen völlig unverdienten Privilegien (Geschlecht, Hautfarbe ect.)? Und schreiben sie deshalb so vehement und unermüdlich davon, dass «Diskriminierung nicht existiert», um von ihren eigenen Privilegien abzulenken und sie weiter aufrecht erhalten zu können?

Es ist nämlich beispielsweise ein sehr grosses Privileg, seine eigene Weltsicht als «Wahrheit» in der NZZ kundtun zu dürfen. Allerdings haben Journalisten heute nicht mehr das selbe Welterklärungsmonopol wie «in den guten alten Zeiten». Heute kann ja jeder Schwule oder Behinderte (und dann auch noch die Frauen!) was ins Internet schreiben und zuweilen wird das dann sogar beachtet. Da kann man(n) schon etwas griesgrämig werden.

Zum Thema:
Christiane Link: Debattenkultur: Wenn Randgruppen nicht mehr am Rand stehen 
Marlies Hübner: «Der intellektuelle, privilegierte Mensch hat einen neuen Feind: Die Minderheit, die sich gegen Diskriminierung wehrt und gleichberechtigte Teilhabe am Leben fordert. Gleichberechtigte Teilhabe! Das muss man sich mal vorstellen! (…)» 

ÄrztIn werden trotz psychischer Beeinträchtigung? Die SVP meint: Das geht gar nicht! – Populistisch-diskriminierende «Argumente» gegen den Nachteilsausgleich

Am 23. Juni 2016 hat die SVP ihre Vernehmlassungsanwort zur abschliessenden Inkraftsetzung der Änderungen des Medizinalberufegesetzes (MedBG) veröffentlicht. Die wählerstärkste Partei der Schweiz hat offensichtlich ein Problem mit dem neuen Artikel 12 in der Prüfungsverordnung:

Art. 12a Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderungen

1 Menschen mit Behinderungen können bei der MEBEKO, Ressort Ausbildung, ein Gesuch um Nachteilsausgleich stellen. Die MEBEKO legt in ihren Richtlinien nach Artikel 5a Buchstabe b die Details des Gesuchsverfahrens fest.

2 Die MEBEKO, Ressort Ausbildung, bestimmt auf Vorschlag der Prüfungskommission diejenigen Anpassungsmassnahmen, die zum Ausgleich des behinderungsbedingten Nachteils geeignet sind. Die Anpassungsmassnahmen dürfen keine Herabsetzung der Prüfungsanforderungen darstellen und müssen sich mit verhältnismässigem Aufwand realisieren lassen.

Und zwar ein ziemlich grosses Problem (Hervorhebungen durch die Bloggerin):

Erstens ist aus unserer Sicht in Art. 12a der Begriff der Behinderung zu weit gefasst. Der Artikel sollte dahingehend präzisiert werden, dass nur Menschen mit körperlichen Behinderungen ein Gesuch um Nachteilsausgleich stellen können. Menschen mit geistigen oder psychisch/seelischen Beeinträchtigungen, wie etwa einer Konzentrationsstörung oder einer Lese-Rechtschreibschwäche, sollten von solchen Ausgleichsmassnahmen ausgenommen werden. Dies deshalb, weil sich hier sehr viel schwieriger feststellen lässt, ob es sich um eine Behinderung oder einfach um verminderte geistige Leistungsfähigkeit handelt. Würde die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs von der Art der Behinderung entkoppelt, bestünde die Gefahr, dass vermehrt Personen davon profitieren, die für den angestrebten Medizinalberuf schlicht nicht geeignet sind. Es gilt hier nämlich zu beachten, dass die Ausübung der im MedBG geregelten Berufe allesamt hohe Anforderungen an die intellektuellen Kapazitäten der ausübenden Personen stellen. Dabei ist es in der Praxis dann bei weitem nicht immer möglich, wie in einer Prüfungssituation Kompensationsmassnahmen zu treffen. Ein Chirurg, der eine mehrstündige Operation durchführen muss, kann sich nicht auf ein Aufmerksamkeitsdefizit berufen und deshalb die Operation einfach verlängern. Ebenso wenig kann eine Leseschwäche als Vorwand gelten, wieso ein Arzt keine Fachartikel lesen muss, obwohl das zur beruflichen Weiterbildung unabdingbar wäre.

Ich zitiere einfach nochmal aus dem Art 12a:

Die Anpassungsmassnahmen dürfen keine Herabsetzung der Prüfungsanforderungen darstellen.

Also alles klar – oder? Dann vielleicht noch Folgendes aus dem seit 2004 gültigen BehiG, Art 2:

1 In diesem Gesetz bedeutet Mensch mit Behinderungen (Behinderte, Behinderter) eine Person, der es eine voraussichtlich dauernde körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigung erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen vorzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und fortzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben.

2 Eine Benachteiligung liegt vor, wenn Behinderte rechtlich oder tatsächlich anders als nicht Behinderte behandelt und dabei ohne sachliche Rechtfertigung schlechter gestellt werden als diese, oder wenn eine unterschiedliche Behandlung fehlt, die zur tatsächlichen Gleichstellung Behinderter und nicht Behinderter notwendig ist.

(…)

5 Eine Benachteiligung bei der Inanspruchnahme von Aus- und Weiterbildung liegt insbesondere vor, wenn:

a. die Verwendung behindertenspezifischer Hilfsmittel oder der Beizug notwendiger persönlicher Assistenz erschwert werden;
b. die Dauer und Ausgestaltung des Bildungsangebots sowie Prüfungen den spezifischen Bedürfnissen Behinderter nicht angepasst sind.

Angesichts der klaren Gesetzeslage könnte man nun süffisant anmerken, dass die Autoren der Vernehmlassungsanwort der SVP offensichtlich selbst unter einer ähm… «Leseschwäche» leiden. Aber man weiss bei der SVP natürlich ganz genau, worum es beim Nachteilsausgleich geht. Was man aber noch viel besser weiss, ist, dass sich das Thema hervorragend eignet, um – einmmalmehr – bei denjenigen Wählern zu punkten, deren «verminderte geistige Leistungsfähigkeit» ihnen tatsächlich eine akademische Karriere verwehrt. Und dem Wählerklientel der SVP mit akademischem Hintergrund kann man weismachen, dass ihre mühsam errungenen Titel weniger wert seien, wenn sie bald jeder «Behindi» mittels «Nachteilsausgleich» erringen könnte. Das gute alte rechtspopulistische «DIE nehmen euch was weg/bekommen Vorteile, obwohl es DENEN nicht zusteht» funktioniert halt auf allen Ebenen.

Und das Thema greift die SVP natürlich nicht einfach aus der Luft. Bereits vor einem Jahr titelte die Aargauer Zeitung reisserisch: Leichtere Prüfungen bei Behinderung: Wer hat Anspruch, wer nicht? und das, obwohl die befragte Expertin im Interview deutlich sagt:

Der Nachteilsausgleich ist für die Betroffenen nie eine Erleichterung. Er ist der Ausgleich einer Benachteiligung.

Und:

Zudem gilt es zu beachten: Der NTA schraubt die Lernziele nicht hinunter. Er bringt nur Anpassungen bei den formellen Rahmenbedingungen, zum Beispiel mit einen Zeitzuschlag. Nur dank eines NTA wird niemand die Lehrabschlussprüfung bestehen. Da muss man schon auch noch tüchtig lernen – das gilt für Behinderte und für Nichtbehinderte.

Der selbe Journalist, der das Interview durchgeführt hat, fragt dann in seinem zugehörigen Kommentar trotzdem dummdämlich:

Ist es richtig, ein Kind mit Hilfsmitteln durch eine Prüfung und in eine Schule zu boxen, wo es vielleicht einfach nicht hingehört? Schliesslich gibt es im (Berufs-)Leben draussen auch keinen NTA.

Auch die NZZ titelt am 7.4.2016: Nachteilsausgleiche an Zürcher Kantonsschulen: Benachteiligt oder zu wenig intelligent?

«Es handelt sich nach wie vor um Einzelfälle», sagt Daniel Kunz, der an der Kantonsschule Zürich Nord seit Jahren für das Thema zuständig ist. Von den rund 2000 Schülerinnen und Schülern haben derzeit 43 eine sogenannte «Vereinbarung über Massnahmen zum Nachteilsausgleich». Über die Hälfte, 27 Personen, leiden an einer Dyslexie (Legasthenie, Lese-Rechtschreib-Schwäche). Weiter gibt es 4 Personen mit einer Autismusspektrum-Störung, ebenfalls 4 mit einer Hörbehinderung, 2 mit einer Sehbehinderung und jeweils eine Person mit ADHS, Dyskalkulie, Muskelschwäche, sozialer Phobie, einer starken körperlichen Behinderung (im Rollstuhl) und einen Stotterer. «Diese Jugendlichen sind alles andere als dumm», sagt Kunz.

Die betroffenen Jugendlichen sind «alles andere als dumm» aber trotzdem titelt die NZZ: «Benachteiligt oder zu wenig intelligent?»

Gewissen Kreisen wäre es aus kleinkarierten egoistischen Motiven offensichtlich lieber, man liesse die Jugendlichen (egal auf welcher Ausbildungsstufe) aufgrund ihrer Behinderung überhaupt keinen Abschluss machen und stecke sie dann in die «Behindertenversicherung». Da gehören die ja schliesslich hin. Ach nein, ich vergass, Arbeitgeberverband und Gewerbeverband forderten in ihren Vernehmlassungsantworten zur 7. IV-Revision, dass «an Personen unter 30 Jahren keine Renten mehr gesprochen werden sollten».

Was ist denn da die Message an die betroffenen Jugendlichen?

Keine IV-Rente! Integriert euch! Und dann: Nachteilsausgleich? Geht’s noch? Mit so einer Behinderung habt ihr im Berufsleben eh keine Chance!

Vielleicht könnte man sich mal entscheiden, was man eigentlich will?

Endlos auf Jugendlichen mit Beeinträchtigungen herumhacken können, um daraus politisches Kapital zu schlagen?

Ja, das dachte ich mir.

Weiterführend:
FAQ Nachteilsausgleich
hindernisfreie-hochschule.ch

Alles nur geklaut – Teil 2, Konkrete Beispiele

Im letzten Artikel habe ich behauptet, dass die Inhalte der von Agile und dem Gleichstellungsrat herausgegebenen Broschüre «Sprache ist verräterisch» grösstenteils von anderen Quellen abgeschrieben sind. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, dem Machwerk der Agile keine Bühne zu bieten. Aber einfach was behaupten ohne konkrete Beweise – Da könnte ja jede/r kommen! Deshalb reiche ich hier zur besseren Nachvollziehbarkeit meiner Kritik noch einige exemplarische Beispiele nach. (Vergrössern durch Anklicken)

Haltung

Links: Aus dem vor zwei Jahren von der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern herausgegebenen «Sprachleitfaden Behinderung», Rechts: Agile

Dass der zentrale Punkt mit den Spendengeldern von Agile entfernt wurde, spricht für sich.

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abnormalLinks: Leidmedien.de, Rechts: Agile

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besbedLinks: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration (Beate Firlinger, 2003), Rechts: Agile

Wenn man statt «(…) werden als Personengruppe mit „besonderen“, Bedürfnissen gezeigt.» einfach «Menschen mit Behinderungen sind kein besonderer Menschenschlag» schreibt und den Satz statt an den Anfang ans Ende stellt, bemerkt auch überhaupt niemand die Parallelen – oder?

Man könnte so fast den ganzen Inhalt der Broschüre einer Quelle gegenüberstellen, aber die obigen Beispiele zeigen das Prinzip wohl ausreichend. Wie erwähnt, muss man das Rad nicht komplett neu erfinden, aber man würde ja denken, die Damen, welche unter «Redaktion» aufgeführt sind (und über ein Hochschulstudium bzw. gar über einen Doktortitel verfügen) hätten so eine ungefähre Ahnung vom Zitieren und von Quellenangaben. Würde man jetzt so denken.

Interessant ist auch – wie schon beim ersten Beispiel aufgezeigt – was nicht übernommen wurde. Beispielsweise die folgenden Ausführungen von Leidmedien.de zum Begriff «Krüppel»:

Behinderte Menschen als „Krüppel“ zu bezeichnen war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts normal, gilt aber heute als sehr beleidigend. Einige behinderte Menschen haben sich diesen Begriff jedoch positiv angeeignet: Sie nennen sich selbst „Krüppel“ – nicht abwertend sondern selbstbewusst. Angelehnt ist diese Praxis an andere Minderheiten – homosexuelle Männer beispielsweise definierten die einstige Beleidigung „schwul“ erfolgreich um. Im Gegensatz zu „schwul“ ist „Krüppel“ aber noch kein neutraler Begriff und kann positiv nur innerhalb der Gruppe behinderter Menschen verwendet werden.

Wie schon im letzten Artikel geschrieben, definiert Agile, was «die Behinderten» angeblich als beleidigend empfinden. Da passen solche «Querschläger» natürlich nicht ins Bild der von oben verordneten Einigkeit.

Aber wenn man nicht bei Leidmedien.de abschreibt, dann halt bei Wikipedia:

krueppelLinks Wikipedia, Rechts Agile

Das Abschreiben bei Wikipedia hat allerdings so seine Tücken. Agile hat nämlich unbesehen den Ausdruck «geistige Behinderung» übernommen. Ein Ausdruck, den sie im eigenen Leitfaden ein paar Seiten zuvor als «Out» geisselt. «In» wäre laut Agile «Mensch mit Lernbehinderung, mit intellektueller Behinderung, mit kognitiver Behinderung».

Wie war nochmal der Name der Broschüre?
«Sprache ist verräterisch»
Immerhin wird der Inhalt dem Titel gerecht.

Alles nur geklaut

Letzten Herbst rief Agile (Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen in der Schweiz) auf Facebook mit folgenden Worten zum Spenden auf:

AGILE.CH hat ein spannendes und wichtiges Projekt in der Pipeline. Da wir keine reiche Organisation sind, versuchen wir nun zum ersten Mal überhaupt, die nötigen Finanzen über Crowdfunding aufzutreiben.

Und wie man das heute so macht, hat Agile dazu auch ein supersexy YouTube-Video veröffentlicht.

39 SpenderInnen fanden das Video so sexy überzeugend oder die Aussicht auf ein persönliches Dankesschreiben vom Agile-Präsidenten (Bei 10.- Spende), ein Zvieri im Agile-Büro (200.-) oder ein Besuch mit Agile im Bundeshaus (500.-) so verlockend, dass sie das Projekt bereitwillig unterstützten. Die «für die Erarbeitung, die Gestaltung und den Druck der Broschüre» benötigten 7000.- wurden sogar übertroffen und die Broschüre «Sprache ist verräterisch» konnte produziert werden.

Agile schreibt:

Um eine Kommunikation zu fördern, die zu weniger Missverständnissen, Enttäuschungen und Verletzungen führt, hat AGILE.CH 2‘000 Exemplare an Lehrpersonen, Medienschaffende, Politiker und Verwaltungen verschickt. Tragen auch Sie dazu bei, Sprache und Denken zu verändern. Bestellen Sie noch heute die 24-seitige Broschüre «Sprache ist verräterisch» zum Selbstkostenpreis von 8 Franken.

Eine PDF-Version der Broschüre kann auf der Seite von Agile nicht heruntergeladen werden. Ob «Sensibilisiert euch gefälligst! Aber nur gegen Bezahlung!» für eine Behindertenorganisation der richtige Ansatz ist, sei mal dahingestellt. Werfen wir trotzdem einen Blick in die von Agile und dem Gleichstellungsrat herausgegebene Broschüre «Sprache ist verräterisch». Die Einleitung beginnt folgendermassen:

Gesagtes und Gemeintes sind nicht immer identisch. Der eine sagt oder schreibt etwas und geht ganz selbstverständlich davon aus, dass der Zuhörer oder Leser es auch so versteht, wie es gemeint war. Oft aber ist das, was beim Empfänger ankommt, nicht das, was der Absender ausdrücken wollte. Vorstellungen und Assoziationen schwingen mit, die dem Inhalt einen negativen Beigeschmack verleihen. Und wenn in diesem Zusammenhang dann noch das Thema «Behinderung» mit ins Spiel kommt, wird es heikel.

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht und einen Anspruch darauf, genauso respektvoll behandelt zu werden wie Menschen ohne Behinderungen. Dies auch dann, wenn über sie gesprochen oder geschrieben wird. So manches ist Gewohnheit, leicht und schnell dahingesagt. Aber Diskriminierung drückt sich nicht nur durch Handlungen, sondern auch in der Sprache aus.

Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit dann bitte nochmal auf die ersten Sätze lenken dürfte: «der eine», der Zuhörer, der Leser, der Empfänger, der Absender. In der Einleitung erstmal ausschliesslich die männliche Form verwenden und dann ein paar Zeilen später dozieren, «dass sich Diskriminierung auch in der Sprache ausdrückt»? Man ist ein bisschen verunsichert, ob die HerausgeberInnen das Thema der Broschüre selbst auch wirklich verstanden haben.

Um die Sache kurz zu machen: Nein, haben sie nicht. Ist auch ein bisschen schwierig, wenn die Eigenleistung einer 24-seitigen Broschüre sich auf die wenigen Sätze der Einleitung beschränkt. Der ganze restliche Inhalt ist nämlich schlichtweg abgeschrieben. Beim von der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern bereits vor zwei Jahren herausgegebenen «Sprachleitfaden Behinderung» (Ich habe damals darüber geschrieben), beim von Betroffenen getragenen Projekt Leidmedien.de und beim bei Leidmedien als Quelle angegebenen Lexikon von Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration (2003).

Alles nur geklaut. Wie man das eben so macht bei Agile und beim Gleichstellungsrat. Natürlich ohne Quellenangabe. Wie man das eben so macht bei Agile und beim Gleichstellungsrat.

Man muss ja nicht das Rad neu erfinden (wenn man die Quellen angibt), aber mit dem Wenigen, was man selbst beiträgt, die gute Arbeit der Quellen total zu verbocken, das muss man auch erstmal schaffen. Leidmedien.de stellt nämlich gleich zu Beginn klar:

Ein Rezept haben auch wir nicht. Auch unter behinderten Menschen sind die Bezeichnungen umstritten. (…) Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie die Person selbst, wie sie gerne benannt werden möchte!

Agile hingegen macht diese Differenzierung nicht; sie gibt vor, für alle Behinderten zu sprechen und schreibt als letzten Satz in der oben angeführten Einleitung:

Noch immer sind Begriffe gebräuchlich, die Menschen mit Behinderungen als diskriminierend und entwertend empfinden.

Und Agile kategorisiert die Begriffe dann in einer Tabelle nach «in» bzw. «out». «in & out» klingt wie eine Überschrift für Stylingtipps in der Bravo. In den 80-igern. Gleichzeitig wirken die teils ausführlich-oberlerhrerhaften Begriffserklärungen ziemlich deplaziert für ein Sensibilisierungs-Tool. Aber das ist halt so, wenn man einfach aus einem Lexikon  abschreibt, das für einen anderen Zweck konzipiert wurde.

Als Sahnehäubchen sind zur «Auflockerung» noch einige unlustige Comics (Wir können auch witzig! haha!) eingestreut. Die Comics wurden – natürlich – auch nicht passgenau für diesen Zweck entworfen, sie existierten schon vorher.

Bleibt die Frage: Wofür wurden eigentlich die über 7000.- gesammelt?

Für‘s Abschreiben der Texte? Für die Übernahme der bereits existierenden Illustrationen? Für das Layout? (Entschuldigung, welches Layout?) Und auch der Druck einer solchen Broschüre kostet keine 7000.- Und mit einem durchdachten Konzept und Layout hätte man dafür auch keine 24 Seiten drucken lassen müssen, aber ach… ich fange gar nicht erst an. Für ein schluddrig zusammengeschustertes Machwerk mit kaum sichtbarer Eigenleistung sind 7000.- jedenfalls eine geradezu unverschämte Summe.

Nicht nur «Sprache ist verräterisch» sondern auch die Haltung der Herausgebenden, welche sich in dieser Broschüre an allen Ecken & Enden widerspieglt.

Für «die Behindis» reicht es, wenn wir wie die alte Fasnacht mit einem ausgelutschten Thema ankommen, als wäre das der «aktuelle heisse Scheiss». Für die Behindis muss man auch keine inhaltlich und visuell eigenständig gestaltete Broschüre zu einem Thema entwickeln, Copy & Paste reicht auch. Quellenangaben? Natürlich nicht – dadurch könnte ja ein/e UnterstützerIn, die/der für das Projekt gespendet hat, noch drauf kommen, dass wir so gut wie alles abgeschrieben haben.

Ich würde das mal als komplette Verarsche bezeichnen. Von Betroffenen, den wirklichen AutorInnen der Texte, den Crowdfunding-UnterstützerInnen und potentiellen KäuferInnen der Broschüre.

Bei der Produktion einer Broschüre alle verarschen und in ebendieser Broschüre dann Respekt «im Namen der Behinderten» einfordern? Man müsste lachen, wenn es nicht so widerwärtig und absurd wäre.

Ausserdem @Agile: Wenn man einen Motionstext (Der Begriff «invalid» soll in der nationalen Gesetzgebung ersetzt werden) für eine Nationalrätin schreibt, sollten die Argumente dann schon korrekt sein:

Begriffe wie «Idiotie» (…) sind aus dem Regelwerk der nationalen Gesetze verschwunden.

Äh nein. Der Begriff wird in der aktuellen IV-Gebrechenscodierung immer noch verwendet.

Wenn man selbst recherchieren muss und nicht einfach irgendwo abschreiben kann, wird‘s halt schnell etwas anspruchsvoller. Aber warum auch präzise? Für die Behindis reicht doch auch «ungefähr».

Präszise und gut zu arbeiten wäre ein Zeichen von Respekt gegenüber den Menschen, die man vorgibt, zu vertreten. Dazu würde auch gehören, eigenständige, sorgfältig durchdachte und inhaltlich, konzeptionell und visuell ansprechende Kommunkationsmittel zu aktuellen Themen zu entwickeln. Das Geld war hier offensichtlich nicht das Problem. Problematisch sind vielmehr das offensichtliche Fehlen von Ideen, Kreativität, Sensibilität für kommende (und nicht schon tot gekaute) Themen sowie einem grundlegenden Wissen in professioneller Kommunikation.

Das ist jämmerlich, aber noch viel jämmerlicher ist, dass man im Behindertenbereich mit solch lausigen Leistungen immer noch durchkommt. Es fragt sich, sich, ob Organisationen, die den Respekt gegenüber den von ihnen vertretenen Menschen nicht selbst vorleben, die Richtigen sind, eben diesen Respekt «im Namen der Behinderten» einzufordern. Und ob diese Organisationen durch ihr unprofessionelles Verhalten den Betroffenen nicht mehr schaden als nützen.

Weiterführende Links zum Sprachgebrauch:
Leidmedien.de (unter «Journalistische Tipps»)
Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration
Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern: «Sprachleitfaden Behinderung»

Nachtrag: Zum besseren Verständnis meiner Kritik hier einige konkrete Vergleiche zwischen den Originaltexten und der Broschüre von Agile.