«Jöh, Behinderte!»

Man spricht von «Menschen mit Behinderung», redet von «Inklusion» und «Partizipation» und dass die Betroffenen «Experten in eigene Sache seien». Doch die alten Vorurteile, Ängste und Bevormundungen schimmern unter der dünnen Firnis der politisch korrekten Ausdrucksweise oft noch überdeutlich durch. Besonders unglücklich wirkt das bei denjenigen Institutionen, deren Aufgabe eigentlich darin bestände, auf solche Benachteiligungen und Stereotype aufmerksam zu machen, statt sie selbst zu reproduzieren.

2014 lancierte das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) unter dem Motto «Wir haben auch ein Wort mitzureden!» ein auf zwei Jahre angelegtes Schwerpunktprogramm zum Thema «Partizipation». Am 1. Dezember 2014 fand dazu eine Fachtagung statt. Fachtagung heisst; Erwachsene Fachleute mit und ohne Behinderung reden darüber, wie die Partizipation von Menschen mit Behinderung verbessert werden kann. Es ging weder um schulische Inklusion noch generell spezifisch um Kinder mit Behinderung (Referate auf der Seite des EDI einsehbar). Die erste (verschickte) Version des zugehörigen Veranstaltungsprogramms sah so aus (Alle Bilder lassen sich durch Anklicken vergrössern):
EBGB_Partizipation

Die auf der Webseite aufgeschaltete Version so:
EBGB_Partizipation2

Ebenfalls lanciert wurden entsprechende Plakate zum Thema «Partizipation» (v.l.n.r: «Kinder», «Jugendliche», «Erwachsene»):
Plakate_EBGB

Ich weiss nicht, was sich die ausführende Werbeagentur und das EBGB dabei genau gedacht haben*, aber der Fotograf hat ganz offensichtlich das Briefing «Kindergeburtstag; 80-iger Jahre» bekommen. Und wie sich das für Behinderte so gehört, wurden diejenigen ProtagonistInnen, die dem Jöh-Alter entwachsen sind, zumindest in kindlich einheitlich bedruckte T-Shirts gesteckt. (Von Keith Haring – 80iger eben – inspiriertes Sujet der T-Shirts: «mitenand – fürenand» – Ferienlager für Jugendliche mit und ohne Behinderung).

*Nachdem ich diesen Artikel schon fertig geschrieben hatte, habe ich entdeckt, dass das Motto des Fotoshootings an dem die Kinderbilder offenbar entstanden sind, tatsächlich «Geburtstag» war:

«Zum 10 jährigen Jubiläum des BehiG und aus Anlass der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen lanciert das EBGB eine Postkarte. Sie zeigt 10-jährige Kinder mit und ohne Behinderungen, die gemeinsam zur Schule gehen. Damit soll aufgezeigt werden, dass Gleichstellung ein gemeinsames Ziel und ein Gewinn für uns alle ist.»

Postkarte2014EBGB

Das ändert allerdings nichts an meinen dazu formulierten Gedanken, im Gegenteil, es bestätigt sie umsomehr:

Ich würde ja gerne glauben, dass das einfach ein ganz ausgeklügelte Tarnstrategie für die heimlich geplante Weltrevolution zur Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung darstellt («Alles gaaanz harmlos, geht nur um so Kinderkram, nichts Bedrohliches), aber ich befürchte, soviel Kalkül steckt da nicht dahinter. Vielmehr ist es wohl schlicht mangelnde Sensibilität für die damit visuell transportierte Aussage (Behinderte = Kinder).

Das Dumme am so vermittelten Bild ist, dass die Umgebung es nur zu gerne aufnimmt. So war der Aufruf von Bundesrat Burkhalter zum Tag der behinderten Menschen am 3. Dezember 2014 übertitelt mit «Ihr redet mit – und baut mit an unserem gemeinsamen Haus: der Schweiz».

Auf meine Anfrage, weshalb Bundesrat Burkhalter Menschen mit Behinderungen duze, erklärte mir Jean-Marc Crevoisier (Chef Information EDA):

Mit den von Ihnen erwähnten Formulierungen wollte Bundesrat Burkhalter – dem Charakter des Texts als Aufruf entsprechend – seine Nähe und Verbundenheit zu Menschen mit Behinderungen zum Ausdruck bringen. Daher wählte er die direktere Form der Anrede anstelle der Höflichkeitsform, die sich im Deutschen leicht mit der distanziert klingenden dritten Person Mehrzahl verwechseln lässt. Bei seiner Wortwahl war es jedoch keineswegs die Absicht von Bundesrat Burkhalter, es den angesprochenen Personen gegenüber an Respekt mangeln zu lassen – im Gegenteil. Falls der Aufruf bei Ihnen diesen Eindruck hinterlassen sollte, bedauern wir dies sehr.

Im Übrigen möchten wir Sie noch darauf hinweisen, dass der Aufruf in Zusammenarbeit mit namhaften Organisationen publiziert wurde (Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, Dachverband  AGILE.CH, Pro Infirmis und Dachorganisationenkonferenz der privaten Behindertenhilfe DOK). Kritische Rückmeldungen zum Text des Aufrufs sind uns von dieser Seite nicht bekannt.

Na, wenn die Behindertenorganisationen das unterstützen, wird’s schon passen. Behindertenorganisationen würden ja auch nie im Leben auf die Idee kommen, Menschen mit Behinderungen zum Zweck der Spendengenerierung (und Rechtfertigung der Daseinsberechtigung der Organisation) absichtlich als bemitleidenswerte und unselbständige Kinder darzustellen. (Nun doch, genau das tun sie).

Man stelle sich mal vor, auf dem Tagungsprogramm, den Postern und Postkarten wären auch Abbildungen von Menschen mit Behinderung jenseits des Jugendalters zu sehen, Erwachsene in individueller Kleidung statt im einheitlichen Jugendlager-Shirt! Womöglich auch welche im Businesskostüm oder Anzug! Und die wollen mitreden? Und vielleicht sogar mehr nur «ein Wort», wie es das Motto vorgibt?

Scary.

Hat grad jemand gelacht? Nun… darüber, dass der sichtbar behinderte CVP-Nationalrat Christian Lohr bei der IV-Debatte mehr als nur «ein Wort» mitredet, waren einige ParlamentarierInnen ganz und gar nicht amüsiert. Von «Emotionaler Betroffenheitspolitik» war da unter anderem die Rede und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel wurde es beim Anblick von Menschen mit Behinderungen in der Wandelhalle nach eigener Angabe «fast schlecht». Anders, als wenn solche Aussagen Homosexuelle betreffen würden, erhebt sich dann aber kein Aufschrei. Und während die Mehrheit des Nationalrates letzte Woche einer Erweiterung des Anti-Rassismus-Artikels zustimmte, wonach eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar werden soll, hatte das Parlament den deckungsgleichen Antrag auf Erweiterung des Anti-Rassismus-Artikels im Bezug auf Menschen mit Behinderung letztes Jahr abgelehnt.

Um dazu mal wieder den deutschen Inklusions-Aktivisten Raúl Krauthausen zu zitieren:

Wir sind mit der Alltäglichkeit von Behinderungen momentan ungefähr da, wo die Homosexualität Anfang der Neunziger war. In etwa zu Zeiten von Komödien wie ,Der bewegte Mann’, als Schwule noch vorwiegend als lustige Tunten gezeigt wurden

Nur, dass Behinderte nicht als «lustige Tunten», sondern als «herzige Kinder» gezeigt werden, die pro forma (weil ja jeder weiss, dass Kinder nicht wirklich was zu sagen haben) «ein Wort mitreden» dürfen. Menschen mit Behinderung als «lustige Tunten» darzustellen, wäre so gesehen schon ein enormer Fortschritt. Die wären zumindest erwachsen. Und trügen garantiert keine einheitlich bedruckten T-Shirts eines Jugendferienlagers.

Behindert und nicht erwerbstätig? Selbst schuld, weil; behindert! Oder: Potential? Welches Potential?!

«Ich bin nicht behindert, ich werde behindert» hört oder liest man immer wieder von Behinderten-AktivistInnen vor allem aus dem angelsächsischen Raum. In der Schweiz ist das soziale Modell von Behinderung (noch) nicht ganz so selbstverständlich. Behinderungen werden noch vielfach als (ausschliesslicher) Makel der betroffenen Person angesehen und ihre Anstrengungen, sich möglichst wie Nichtbehinderte zu verhalten, werden gelobt und bewundert. («Seine Wohnung liegt im zweiten Stock, einen Lift gibt′s nicht. So stemmt sich der Mann mit Spina bifida («offener Rücken») jedesmal mit Krücken die Treppen hoch.» – «Supermann mit Handicap» (März 2014) Ostschweizer Anzeiger über den Thurgauer Rollstuhlsportler Marcel Hug)

Auch das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG) geht von der medizinischen Sicht auf Behinderung aus, wonach die Verantwortung für eine durch Behinderung oder Krankheit verursachte Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit ausschliesslich bei der betroffenen Person liege:

Art. 7 Pflichten der versicherten Person
1 Die versicherte Person muss alles ihr Zumutbare unternehmen, um die Dauer und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit (Art. 6 ATSG2) zu verringern und den Eintritt einer Invalidität (Art. 8 ATSG) zu verhindern.

2 Die versicherte Person muss an allen zumutbaren Massnahmen, die zur Erhaltung des bestehenden Arbeitsplatzes oder zu ihrer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in einen dem Erwerbsleben gleichgestellten Aufgabenbereich (Aufgabenbereich) dienen, aktiv teilnehmen. Dies sind insbesondere:

a. Massnahmen der Frühintervention (Art. 7d);
b. Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Art. 14a);
c. Massnahmen beruflicher Art (Art. 15-18 und 18b);
d. medizinische Behandlungen nach Artikel 25 KVG3;
e. Massnahmen zur Wiedereingliederung von Rentenbezügerinnen und Rentenbezügern nach Artikel 8a Absatz 2.

Art. 7a Zumutbare Massnahmen
Als zumutbar gilt jede Massnahme, die der Eingliederung der versicherten Person dient; ausgenommen sind Massnahmen, die ihrem Gesundheitszustand nicht angemessen sind.

Art. 7b Sanktionen
1 Die Leistungen können nach Artikel 21 Absatz 4 ATSG2 gekürzt oder verweigert werden, wenn die versicherte Person den Pflichten nach Artikel 7 dieses Gesetzes oder nach Artikel 43 Absatz 2 ATSG nicht nachgekommen ist.
(…)

Währenddessen:

Art. 7c Mitwirkung des Arbeitgebers
Der Arbeitgeber arbeitet aktiv mit der IV-Stelle zusammen. Er wirkt bei der Herbeiführung einer angemessenen Lösung im Rahmen des Zumutbaren mit.

Im Parlament regte sich im Dezember 2012 heftigster Widerstand als der Artikel 7c im Rahmen der IV-Revision 6b folgendermassen geändert werden sollte:

(neu) Mitwirkung des Arbeitgebers
Ordnet die IV-Stelle Frühinterventions- oder Eingliederungsmassnahmen an, so lädt sie den Arbeitgeber ein, das Arbeitsverhältnis mit der versicherten Person nicht aufzulösen, ohne mit der IV-Stelle Rücksprache genommen zu haben.

Noch zwei Jahre zuvor, bei der Debatte über die IV-Revision 6a (Dezember 2010) wehrte sich die Mehrheit des Parlaments ebenso erbittert (und ebenso erfolgreich) gegen eine moderate Quote, welche bei der vorgesehenen Eingliederung von 16’000 IV-Bezügern auch auf Seiten der Arbeitgeber für etwas Druck sorgen sollte. Unvergessen dabei das Votum gegen die Quote von FDP-Nationalrat Pierre Triponez: «Man will ja beide Parteien mit Liebe und Vertrauen zueinander führen.»

Das mit dem «mit Liebe zusammenführen» war, wie wir mittlerweile wissen, eher mässig erfolgreich. Die geglückten «Integrationen aus Rente» sind etwa so häufig wie die Exemplare einer bedrohten Tierart kurz vorm Aussterben.

Und während die Eingliederung von Frauen und älteren Arbeitnehmern in den Arbeitsmarkt im Rahmen der Masseneinwanderungsinitiative und dem Fachkräftemangel umfassend diskutiert wird, ist das diesbezügliche Potential von Menschen mit Behinderungen offenbar eher… nebensächlich. Weil der Bund sich nicht einmal dafür interessiert nicht einmal weiss, wie wie gross das Potential durch eine verstärkte Integration dieser Gruppe wäre, möchte SP-Ständerätin Pascale Bruderer in der kommenden Session einen entsprechenden Vorstoss einreichen.

Bis das dann evaluiert ist, heisst es also vermutlich noch eine ganze Weile: Potential? Welches Potential?!

Wer auf eine IV-Rente verzichtet, ist ein besserer Mensch. Nicht.

Auf meiner Nichtmehrlesen/hören mögen-Liste der stereotypen Darstellung von Menschen mit Behinderungen («Downsyndrom Kinder sind Sonnenscheine») ganz weit oben steht auch die Kategorie «An den Rollstuhl gefesselte Supermänner, die auf eine IV-Rente verzichten» der ich bereits letzten März den entsprechenden Artikel gewidmet habe und noch ein Jahr zuvor «Der sympathische Projektmanager im Rollstuhl mit der Katze vs. die anonyme psychisch kranke Kantinenmitarbeiterin mit Migrationshintergrund».

Diese Darstellungsart ist bei Journalisten allerdings so beliebt, dass man ständig neue Artikel mit neuen Beispielen anfügen könnte. Aktuell im Grenchnertagblatt: «Mit Beinprothese: Christian Stuber schuftet, um zu vergessen». Ein Auszug:

Auf eine IV-Rente verzichtet Christian Stuber zum grössten Teil. «Sonst reden die mir zu viel drein.» Er will selber über sein Geschäft bestimmen. Viel verdiene er zwar nicht damit. «Aber ich arbeite nicht für Geld, sondern für die Freude.» Ausserdem habe er so immer etwas zu tun. Arbeiten, das ist für Stuber auch Therapie. Ist er am Abend nicht müde, kommt er ins Grübeln, dann kommt der Schmerz. «Manchmal träume ich noch davon.»

Als Christian Stuber vor fünf Jahren die Umgebung des Restaurants Kreuz in Tscheppach instand gesetzt hat, verzichtete er auf den Lohn. Der damalige Gemeindepräsident Günter Fenten lobt Stubers Hilfsbereitschaft. «Wenn er zum Wohl der Gemeinde etwas tun kann, dann macht er das ohne viel Federlesen.» Es sei vorgekommen, dass man ihn mehrmals erinnern musste, endlich seine Arbeit in Rechnung zu stellen. «Es ist bewundernswert, wie er mit seinem Schicksal umgeht», sagt Fenten.

Portraitierte wie Schreibende sind bei solchen Artikeln immer Männer. Männer schreiben über heroische Männer, die trotz körperlichen (nie seelischen) Gebrechen heldenhaft «ihren Mann stehen», Chrampfen bis zum Umfallen und sich damit die Anerkennung anderer Männer (im Beispiel oben u.a. des Gemeindepräsidenten) verdienen. Man könnte angesichts dieser sich immer wiederholenden Artikel meinen, es gäbe keine andere Art, als Mann mit einer Behinderung umzugehen. Sehr wichtig scheint dabei auch immer das sich Abgrenzen von den «nichtsnutzigen», «jammernden» Behinderten zu sein, oder wie es im Artikel formuliert ist:

«Aber der kantige Kerl mag nicht jammern. Im Gegenteil. Aus der Rehabilitationsklinik verschwand er nach dem Unfall schnell wieder. «Wenn die Leute dort nach dem Wochenende zurückkamen, klagten sie ständig über ihre Schmerzen. Das hat mir nicht gepasst.»

Jeder soll selbstverständlich nach seiner eigenen Façon glücklich werden, aber Menschen Männer mit Behinderung, die auf eine IV-Rente «verzichten», sind nicht die «besseren Menschen». Zum ersten lässt es ihr Gesundheitszustand offenbar zu, dass sie auf eine IV-Rente verzichten können (das ist Glück, und kein Verdienst), zum zweiten fragt sich da manchmal, wie lange das gut geht (Stichwort Überkompensation) und zum dritten ist der Verzicht auf einem zustehende Sozialleistungen nicht unbedingt dem eigenen «Anstand» geschuldet, wie das eine Wirtschaftsprofessorin neulich glauben machen wollte, sondern hat wohl auch nicht unwesentlich damit zu tun, welches Bild man von sich selbst haben und der Umgebung vermitteln möchte. Als «Sozialschmarotzer» zu gelten, bringt einem im «Werben um die Liebe der Welt» nicht unbedingt Bonus-Punkte.

Unter Umständen ist es also für nicht wenige Menschen zwar nicht finanziell, aber persönlich lohnender, auf eine IV-Rente zu verzichten, um das eigene Selbstbild des «Tüchtigen» aufrechterhalten zu können (auch weit über die eigentlichen Leistungsgrenzen hinaus). Von den sozialen Kontakten, der Sinngebung, Ablenkung und Anerkennung, die eine Arbeitstätigkeit mit sich bringt, gar nicht erst zu reden. Ganz so «selbstlos» und «anständig» wie es auf den ersten Blick scheinen mag (und in den entsprechenden Artikeln immer wieder vermittelt wird) ist so ein «Verzicht» also nicht. Teilnehmen zu wollen am «ganz normalen Leben» ist keine Sonderleistung, sondern ein Grundbedürfnis jedes Menschen.

Schlussendlich möchten wir alle ein «sinnvolles Leben» führen und wir alle «werben um die Liebe der Welt». Ob behindert oder nicht.

«Menschen mit Behinderung sind was ganz Besonderes». Nicht.

Es gibt einige Stereotype, die ich zum Thema Behinderung langsam nicht mehr hören/lesen mag. Ganz weit oben auf der Liste steht dabei die Kategorie «Kinder mit Behinderung sind Sonnenscheine/was ganz Besonderes/eine Bereicherung». Ich hoffe sehr, dass jedes Kind für seine Eltern eine Bereicherung ist, egal ob mit oder ohne Behinderung, mit blauen oder braunen Augen oder ob es extrovertiert oder eher introvertiert ist. Ich verstehe aber natürlich auch, dass Eltern, die sich bewusst für ein Kind mit Behinderung entschieden haben, zuweilen das Gefühl haben, sie müssten sich für ihre Entscheidung rechtfertigen und deshalb stets betonen, was für eine Bereicherung dieses «besondere» Kind doch wäre.

Allerdings gibt es auch Eltern, die nicht nur jedem von ihrem besonderen Kind vorschwärmen, sondern auch ihrem eigenen behinderten Kind erklären, es wäre was ganz Besonderes. So wie beispielsweise eine Mutter ihrem Buben mit Downsyndrom erklärte, er verfüge über «Superkräfte». Dass eine sehr deutliche Antwort darauf unter dem Titel «My son has Down syndrome, not a super power» ausgerechnet auf einer Pro Life-Seite (also von radikalen Abtreibungsgegnern) erschien, verwundert nur auf den ersten Blick. Wer sich generell gegen Abtreibung ausspricht, sieht sich vermutlich deutlich weniger Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, sein behindertes Kind als etwas ganz Besonderes «anzupreisen».

Cassy Fiano, selbst Mutter eines Kindes mit Down Syndrom schreibt also:

«People with Down syndrome are always happy! They’re all so full of love!» People who say this probably don’t realize it, but when you say things like that, you’re reducing all people with Down syndrome to stereotypes, to caricatures. People with Down syndrome are most definitely not always happy, nor are they sparkly unicorns sent to Earth to bring love and rainbows to us all.

(….)

People with Down syndrome are complete people, and yes, they have struggles. But here’s the thing: everyone does. Every single person on this planet has challenges and hurdles to face, and they’re individual to each person. Yet no one goes around saying that someone with the typical number of chromosomes has a super power because man, he’s got a great smile.

Die Rollstuhlfahrerin Laura Gehlhaar schreibt in ihrem Blog unter dem Titel «Inklusion einfordern»:

«Den Status des ‚besonderen Kindes’ hatte ich nie. Meine Behinderung wurde nie schöngeredet oder gar als besonders gesehen. Mir wurde nie ins Ohr geflüstert, dass ich ‚auserwählt’ wurde, dass mir meine Behinderung gegeben wurde, um im Leben eine höhere Aufgabe zu erfüllen. Sie war einfach da. Manchmal war das gut. Manchmal war das schlecht.

Hätte man mir ständig gesagt, dass ich aufgrund meiner Behinderung etwas ganz Besonderes bin, hätte ich mich mit diesem Status gemütlich zurückgelehnt, mir meine besonderen Füße massieren und meinen besonderen Hintern hinterhertragen lassen. (…)

Ich ging aufs Gymnasium und war die ganzen Schuljahre bis hin zum Abitur das einzige Kind mit einer sichtbaren Behinderung. (…) Einige Lehrer suchten Rat bei meiner Mutter und bekamen dann zu hören: „Sie behandeln mein Kind, wie jedes andere Kind: Wenn sie sich nicht benehmen kann, geben Sie ihr eins auf den Deckel.“ Viele meiner Lehrer nahmen sich die Worte meiner Mutter zu Herzen, manche sogar zu sehr, und ich fühlte mich weder bevormundet, noch strenger behandelt. Das war ein gutes Gefühl, denn meine Behinderung spielte einfach keine Rolle mehr. Auch meine Klassenkameraden verstanden meine Behinderung als eine Eigenschaft, die einfach da war und zu mir gehörte. Und logischerweise galten für mich die gleichen Leistungsmaßstäbe, wie für jeden anderen auch. Leider auch in Mathe.

Heute weiß ich, dass es mir sehr gut tat, mich mit anderen Kindern ohne Behinderung zu messen. Ganz einfach, weil es mich auf das spätere ‚normale’ Leben vorbereitet hat.

Laura Gehlhaar erwähnt aber auch, dass es Situationen gab, in denen sie sich mehr Unterstützung von seiten der Lehrer gewünscht hätte, zum Beispiel, als sie von Kindern aus anderen Klassen aufgrund ihrer Behinderung gehänselt wurde und ihr daraufhin nahegelegt wurde, doch einfach die Schule zu wechseln:

Meine Mutter sagte mir damals, dass es ganz allein meine Entscheidung sei, ob ich gehen oder bleiben sollte. Ich blieb. Und kämpfte. Und machte die gute Erfahrung, dass Klassenkameraden, die immer hinter mir standen, sich auch mal vor mich stellten und zum Schlag ausholten. Päng!

Menschen mit Behinderungen brauchen in manchen Situationen vielleicht mehr Unterstützung oder Aufmerksamkeit. Aber das brauchen alle Menschen von Zeit zu Zeit. Sei es während einer vorübergehenden Erkrankung, nach einem Unfall, wenn ein naher Angehöriger stirbt – es gibt unzählige Situationen, die uns Menschen verletzlich oder hilfebedürftig machen. Das ist nicht die Ausnahme, es gehört zum Menschsein dazu. Es wird nur einfach gerne verdrängt. Genau so wie die Tatsache, dass über 90% der Behinderungen keine Geburtsbehinderungen sind, sondern erst später entstehen. Oder dass 50% der Menschen irgendwann in ihrem Leben einmal psychisch erkranken. Oder dass wir alle (oder die meisten) irgendwann mal alt und damit möglicherweise auch gebrechlich werden.

Die Aussonderung von Menschen mit Behinderungen (sei es als etwas «Negatives» oder überhöht als etwas «ganz Besonderes») bedeutet immer auch eine Negation der eigenen Verletzlichkeit, die sich (noch) nicht behinderte Menschen nicht gerne vor Augen führen mögen und sich deshalb sagen: «Die Behinderten»… die sind doch ganz anders als ich.

Aber jeder Mensch ist was ganz Besonderes und einzigartig. Eine Behinderung ist dabei nur ein Merkmal unter vielen und macht niemanden per se zu einem besseren Menschen. Und auch nicht zu einem funkelnden Einhorn, das «Liebe und Regenbögen» auf die Erde bringt.

Vom Feminismus lernen: Geduld. Und die Überzeugung, dass es sich lohnt. Irgendwann.

SaffaSchneckeAm Eröffnungsumzug der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) im Jahre 1928 fuhr ein denkwürdiger Wagen mit: Eine überdimensionale Schnecke mit der Aufschrift «Fortschritte des Frauenstimmrechts in der Schweiz». Die Organisatorinnen wurden für die Schnecke scharf kritisiert und die Kritiker sahen diese als Zeichen für die politische Unreife der Frauen.

Wenn ich mir dieses Foto anschaue, bin ich den Frauen darauf  – und all ihren unsichtbaren Mitstreiterinnen von damals und in den Jahren darauf – sehr dankbar. Sie haben sich gegen grosse Widerstände dafür eingesetzt, dass ich als Frau heute abstimmen und wählen darf. Und anders als meine Grossmutter oder Mutter durfte ich mit dem Gefühl aufwachsen, dass dies selbstverständlich ist; denn als ich geboren wurde, existierte das Frauenstimmrecht (auf eidgenössischer Ebene) bereits.

Auch für viele andere Dinge, die für mich als Frau heute selbstverständlich sind (Studium, Berufsausübung, rechtliche Gleichstellung, Recht auf Abtreibung ect.) haben sich sehr sehr viele Frauen sehr sehr unbeliebt machen müssen. Wenn ich Bücher darüber lese, oder Sendungen dazu sehe, bin ich auch dafür immer wieder zutiefst dankbar. Und ich reagiere mit einem gewissen Unverständnis auf junge Frauen, die «Feminismus» ziemlich «bäh» finden und meinen, das sei doch eine Sache von «hässlichen Politikerinnen» und habe irgendwas mit «langen Achselhaaren» zu tun. Für mich ist «Feminismus» weder «bäh» noch ist er an ein äusseres Erscheinungsbild gebunden, vielmehr ist es eine innere Einstellung, sich für Gleichberechtigung und Entscheidungsfreiheit einzusetzen, die über die eigene Nasenspitze hinausgeht. Auch wenn ich selbst, sagen wir mal nie Kaminfegerin werden wollte (dafür bin ich zuwenig schwindelfrei), finde ich es wichtig, dass diejenigen Mädchen, welche eine solche Lehre machen möchten, das auch können. Genauso wie umgekehrt auch Buben, die Kindergärtner werden wollen, das können sollen. Beides ist heute glücklicherweise möglich.

Und genau so geht es mir mit Rechten und Möglichkeiten von Menschen mit Behinderungen. Ich wünsche mir, dass (reale wie innere) Barrieren immer mehr verschwinden, dass Betroffene eines Tages mit derjenigen Selbstverständlichkeit von Gleichberechtigung und Freiheit aufwachsen und leben können, wie ich das als Frau dank ganz vielen engagierten Frauen in den Generationen vor mir darf.

Das Doofe daran ist; dass das nicht von selbst geht. Dass man dafür (unter anderem) gewissen Behörden und den dort arbeitenden Leuten wahnsinnig lästig auf den Füssen herumstehen muss. Und entgegen möglicherweise anderswirkendem Eindruck macht mir das keinen Spass. Niemand macht sich gerne unbeliebt. Und wenn man in der Weltwoche als «Behinderten-Aktivistin» bezeichnet wird, wird damit vermutlich ungefähr jenes Bild verbunden, welches anno 1920 den «Feministinnen» zugedacht wurde:

ein Plakat, Darauf ist eine dürre männlich gekleidete Frau mit Brille (Typ Oberlehrerin/alte Jungfer abgebildet ). Darüber steht die Frage: Wollt Ihr solche Frauen? Und unten: Frauenstimmrecht: Nein.
Das Tröstliche daran ist, dass sich – wenn man sich mal so umsieht – die Prophezeihungen Befürchtungen von 1920 nicht bewahrheitet haben. Ja vielmehr noch, heute kommt «Feminismus» vielerorts unverkrampfter daher (wobei man den Kreateurinnen der SAFFA-Schnecke im ersten Bild einen gewissen Humor ja auch nicht absprechen kann). Und wenn sich heute Männer wie Barack Obama (sic!) und Daniel Craig in einem Kampagnen-Clip gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen aussprechen, ist das gar nicht «bäh» sondern doch ein starkes Zeichen und irgendwie schon ziemlich cool:

Ein anderes aktuelles Beispiel ist der Clip von Hygieneartikelhersteller Always, in dem gefragt wird: Warum ist es eigentlich eine Beschimpfung, etwas «wie ein Mädchen» zu tun?

Das Thema an sich ist sehr wohl ernst, aber die Form hat sich gewandelt. Ähnliche Bestrebungen gibt es glücklicherweise auch beim Thema Behinderung, Laura Gehlhaar hat sich dazu mal Gedanken gemacht unter dem Titel: «Inklusive Werbespots – Wie Behinderung zum Lifestyle wird» und stellt auch den hier bereits einmal gezeigten Werbespot von Guinness vor:

Die Welt verändert sich zwar nicht allein anhand von Werbespots, aber sie sind eine Möglichkeit, ein anderes Bild von «Frausein» oder «Behinderung»zu prägen. Die Kombination dieser beiden Themen hat auch die EBGB-Publikation «Bericht zur Gleichstellung behinderter Frauen in der Schweiz» (erschienen 2013, erarbeitet von avanti donne) mit einem überraschenden Titelbild umgesetzt:

EBGB_Titel

Im Bericht ist dazu zu lesen: «Auf der Titelseite einer Publikation über die Gleichstellung von Frauen mit Behinderungen erwarten die meisten LeserInnen wahrscheinlich eines der typischen Erkennungszeichen für «Behinderte» bzw. für «Behinderung»: Rollstuhl, Krücken, Taststock… Die gewohnheitsmässige Verwendung dieser Symbole zeigt, wie stark Menschen mit Behinderungen, ob Frau oder Mann, über sichtbare Merkmale von Beeinträchtigungen identifiziert werden. Wir haben deshalb ein Symbol vorgezogen, das für Weiblichkeit steht und für die Vielfalt an möglichen weiblichen Rollen.»

Auch die Frauen-Portraits im Innenteil von Flavia Trachsel, die als Fotografin selbst vom Rollstuhl aus arbeitet, zeigen selbstbewusste Bilder von Frauen mit Behinderung (Vergössern durch Anklicken):

jaelleeidamfabienneweissanjareichenbach

Abgesehen von den Bildern ist der Bericht natürlich auch inhaltlich sehr lesenswert und behandelt ganz verschiedene Themen; die UNO-Behindertenkonvention, Ausbildung, Arbeit, Ungleichberechtigung bei der IV, PID oder auch Interessenvertretung. Persönlich hat mir  – natürlich – speziell das Kapitel «Frauen mit Behinderungen in den Medien: Begrenztes Rollenspektrum» gefallen, das mit folgendem Abschnitt schliesst:

Anzeichen, dass hier vielleicht ein Umdenken im Gang ist, lieferte kürzlich überraschend eine Gratiszeitung: Als «Single des Tages» sucht die 22-jährige KV-Angestellte Zaira «einen süssen Südländer». Wie in der Rubrik üblich, sind allerlei Eigenschaften und Wünsche aufgelistet. Dass die junge Frau mit einer Behinderung lebt, sieht man erst auf den zweiten Blick. Das Bild zeigt einen Teil ihres Rollstuhls. Weder aufdringlich noch schamhaft versteckt, sondern einfach als ein Merkmal von vielen. Genau darum geht es.

Der Bericht kann in der gedruckten Version beim Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen kostenlos bestellt oder als PDF heruntergeladen werden.

Bis die auch darin formulieren Forderungen verwirklicht sein werden, muss ich – zusammen mit ganz vielen anderen Menschen auch – halt noch eine Weile «die Unbequeme» sein. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass eines Tages nicht mehr diejenigen mit den Forderungen nach Gleichberechtigung die «Mühsamen» sein werden, sondern dass diejenigen, die anderen die Gleichberechtigung absprechen, sich erklären werden müssen. Dass nicht mehr die (angeblich) «überrissenen Forderungen» der «Behinderten» nach einem barrierfereien öffentlichen Verkehr ins Lächerliche gezogen werden, wie das Journalist Joel Weibel im Juni in seinem unsäglichen Zeit-Artikel «Bis die Alpen platt sind» tat, sondern Unternehmen es sich es aus Imagegründen schlichtweg nicht mehr werden leisten können, ihre Angebote und Produkte NICHT barrierefrei zu gestalten.

Dazu wird nicht zuletzt auch die immer älter werdende Gesellschaft beitragen, in der viele Menschen trotz altersbedingten Einschränkungen und Behinderungen noch möglichst lange selbständig bleiben und sich beispielsweise ihr Konfiglas gerne selbst aufmachen wollen. Die Migros hat das schon gemerkt und deshalb kürzlich Konfitüren mit easy open-Verschluss lanciert. Ich bin mir sicher, da geht noch mehr. Viel mehr.

Sich wandelnde Strukturen

Am 20. Juni 2014 hielt Bundesrat Johann Schneider-Ammann eine Rede im KKL Luzern. Unter anderem sprach er über die wirtschaftlichen Folgen der Abstimmung zur Masseneinwanderung vom 9. Februar 2014:

Wir kommen nicht darum herum, uns wieder vermehrt aus dem eigenen Reservoir zu versorgen. Es gibt ein ungenutztes Potential. Ich denke da in erster Linie an die zahlreichen ausgezeichnet ausgebildeten Frauen. Durch gezielte Vereinbarkeitsmassnahmen muss man ihnen – und ihren Männern – ermöglichen, ihre Erwerbsarbeitszeit angemessen zu erhöhen. Ich denke aber auch an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich mit 65 nicht zur Ruhe setzen wollen. Auch dieses Potential ist besser zu nutzen. Hier sind in erster Linie die Unternehmen gefordert: je früher sie handeln, umso eher bleiben sie am Arbeitskräftemarkt und damit ganz generell am Markt. Wir müssen aber vor allem auch optimale Bedingungen schaffen, dass die Leute in der Arbeit bleiben.

Ich würde jetzt mal behaupten, es hätte nichts an Schneider-Ammanns Rede geändert, wenn der Bericht über die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, der am 27. Juni 2014 vom BFS  veröffentlicht wurde, schon früher vorgelegen hätte. Dass laut dem Bericht Menschen mit Behinderungen heute besser ausgebildet sind als vor fünf Jahren, aber deren Arbeitsmarktbeteiligung nach wie vor 17% tiefer liegt als bei Nichtbehinderten und in effektiven Zahlen ausgedrückt nur jede zweite Person mit starker Behinderung überhaupt eine Arbeitsstelle hat, hätte Schneider-Ammann (wenn denn er oder sein Redenschreiber sich dafür interessiert hätten) vermutlich auch nicht dazu gebracht,  auf das brachliegende Potential von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen hinzuweisen.

Weil… Menschen mit Behinderungen und «Potential»…? Wie meinen…? Behinderte sind doch diese… Zimmerpflanzen, die man – wenn’s denn halt unbedingt sein muss – irgendwo in eine stille Ecke, wo sie möglichst wenig stören, in die Möblierung hineinintegriert. Und die sich bitte auch gefälligst anzustrengen haben, möglichst «unbehindert» zu wirken sein. Währenddessen die Behinderungen «Frau» bzw. «Alter» mit «optimalen» Arbeitsbedingungen ausgeglichen werden sollen, auf dass Frauen und Ältere ihr wertvolles Potential möglichst «unbehindert» der Wirtschaft zur Verfügung stellen mögen.

Soweit die schöne Theorie jedenfalls. Bei jenen, die sie «unters Volk» bringen sollten hakt’s allerdings noch etwas, so machte Arbeitgeberdirektor Roland Müller Ende April die «innere Einstellung» der Frauen zur Berufsausübung für deren im Vergleich zu den Männern nach wie vor tieferen Löhne verantwortlich:

«Für gewisse Stellen müsse man bereit sein, höhere Anstrengungen auf sich zu nehmen, sagte Müller. Abklärungen hätten ergeben, dass sich eher Männer bereit erklärten, Arbeitszeiten weit über die regulären acht Stunden hinaus zu leisten, während Frauen vermehrt reguläre Arbeitszeiten und geordnete Arbeitsverhältnisse verlangten. Das sei ein wesentlicher Faktor für die Lohnunterschiede.»

Immerhin fügte Müller noch hinzu: «Somit sind es strukturelle Probleme, welche die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau verhindern.» Dass er nicht «biologische» sondern «strukturelle» Gründe für die vermeintliche «Faulheit» der Frauen angab, kann man als geradezu «fortschrittlich» einstufen. So als Aussage eines privilegierten WHM (weisser heterosexueller Mann) über 50, der in seinem Leben vermutlich eher selten bis nie seine Kinder rechtzeitig aus der Kita abholen, zum Fussballtraining bringen, mit ihnen in Wartezimmern von Kinderärzten sitzen oder nach der Arbeit kurz vor Ladenschuss das Essen für die ganze Famile einkaufen und selbiges dann auch noch kochen musste.

Oder wie es die Politologin Michelle Beyeler einmal treffend formulierte: «Zu verdanken haben wir diese Situation einem Verständnis von Liberalismus bei dem der Mann von Selbstverantwortung spricht, damit aber eigentlich die Betreuungsdienstleistungen seiner abhängigen Ehefrau meint».

«Eigenverantwortung» ist ja ein Wort, dass im Zusammenhang mit der Invalidenversicherung auch gerne mal bemüht wird. Oder «mit zumutbarer Willensanstrengung überwindbar». Gesagt wird es in der Regel von gesundheitlich, beruflich und sozial privilegierten Menschen Männern, denen die herrschenden Strukturen es erlauben, ihre Arbeitskraft weitestgehend ungehindert auszuschöpfen.

Un«behindert» von schweren gesundheitlichen Beinträchtigungen, Care-Verpflichtungen und zugleich gut unterstützt von einem Heer meist weiblicher «fleissiger Bienchen» im Hintergrund (beispielsweise die Mutter, die dem Jungkarrieristen die Wäsche wäscht, später die Kinder hütet, und noch später wiederrum von der Ehefrau gepflegt wird) die sich darum kümmern, dass der betreffende Herr seine «Eigenverantwortung» (*Hüstel*) voll und ganz wahrnehmen kann.

Wie wenig diese Strukturen (und vor allem die zum grossen Teil unbezahlte Gratisarbeit auf der sie fussen) hintersinnt werden, zeigt die kürzlich auf Twitter geführte Konversation:

ivinfo: Wenn wegen der #mei Frauen vermehrt berufstätig sein sollen; wer macht dann die bisher unbezahlte Care-Arbeit? Hat @Avenir_Suisse eine Idee?

Avenir_Suisse: Wer die Care-Arbeit macht, ist ein privater Entscheid. Wichtig ist eine höhere Flexibilität zwischen Familie und Beruf

ivinfo: Wenn unbezahlte Arbeit plötzlich kostet (Krippen, Pflegeheime ect) ist das kein privates sondern auch polit.+wirtsch. Problem.

Eine liberale DENK-Fabrik sollte darauf schon eine ungefähre Antwort haben. Dass sie keine hat, zeigt wie wenig man(n) sich bewusst ist, wie sehr die eigene so sehr gepriesene «Leistungsfähigkeit» auf Strukturen basiert, die das optimale Ausschöpfen der eigenen Arbeitskraft vor allem für einen ganz bestimmten Typus Mensch Mann begünstigt.

Die Aussage von Arbeitgeberdirektor Müller, dass «Frauen sich eben weniger anstrengen mögen» hat – zurecht – lautstarke Proteste hervorgerufen. Diese Proteste hätte es vermutlich vor nicht allzulanger Zeit so noch nicht gegeben, da war «klar»: Wer als Frau beruflich erfolgreich sein will, hat gefälligst wie ein Mann zu sein; sprich: nicht schwanger zu werden und auch keine Betreuungsaufgaben für Kinder zu haben.

Mittlerweile wirbt aber beispielsweise eine grosse Versicherung als «moderne Arbeitgeberin» in einem aktuellen Werbespot explizit mit flexiblen Arbeitszeitmodellen für Väter. Weil man – natürlich – gemerkt hat, dass den Bedürfnissen der MitarbeiterInnen angepasste Strukturen deren Zufriedenheit und damit auch deren Leistungsfähigkeit verbessern.

Diese Entwicklung stimmt mich doch einigermassen zuversichtlich, dass man irgendwann auch noch erkennen wird, dass man Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht ums Verrecken an die «Norm» (so wie einst der nicht schwangerwerdenkönnende Mann die «Norm» war) anpassen muss, sondern vielmehr Strukturen geschaffen werden, in denen sie – ähnlich wie Frauen mit Betreuungsaufgaben (was früher einmal eine veritable «Behinderung» im Arbeitsleben darstellte) ihr Potential zur Geltung bringen können.

Und ich glaube auch, dass solche Veränderungen nicht nur Menschen mit gesundheitlichen Beinträchträchtigungen, sondern allen MitarbeiterInnen zugute kommen werden. So wie heute selbstverständlich nicht nur Frauen, sondern auch Männer von flexiblen Arbeitszeitmodellen profitieren. Widerstandlos wird das nicht zu haben sein, aber das entlarvende am Widerstand ist ja, dass sich immer jene am erbittersten gegen eine Veränderung wehren, deren eigene Privilegien dadurch ins Wanken geraten. Könnte ja noch jemand merken, dass die eigene Position nicht ausschliesslich dem so plakativ hochgehaltenen Leistungswillen zu verdanken ist, sondern auch durch strukturelle Vorteile begünstigt wurde. Das hört man im liberalen wer-will-der-kann-Universum natürlich nicht so gern, das macht schon etwas Bauchweh.

Tasse Pfefferminztee, meine Herren?

Social(media)-Kompetenz der Pro Infirmis: Zero points

tl; dr Man muss als «grösste Fachorganisation der Schweiz für Menschen mit Behinderung» nicht auf Kritik einer Bloggerin reagieren, aber wenn man’s tut, wirft ein öffentliches «Fuck you» nicht unbedingt das beste Licht auf die Organisation.

Ich kann gut verstehen, dass man bei der Pro Infirmis nicht sehr erfreut ist über meinen letzten Artikel. «Man muss sich doch nicht von einer Bloggerin belehren lassen, wo man doch mit diversen Werber-Preisen (nicht nur dem Effie) geadelt worden ist!» dachte man sich wohl in der Socialmedia-Abteilung und retweetete als Reaktion auf meinen Blogartikel folgende zwei Tweets dazu (es sind btw. die einzigen negativen unter weit mehr positiven):

Bild 9Bild 8
(Für nicht-Twitter-User: die Retweets sehen alle Follower der Pro Infirmis)

Für dieses kommunikationstechnisch suboptimale Verhalten in den Socialmedia gibt’s (Trotz allen Werber-Preisen): Zero points. Für eine mit 42Mio-Bundesgelder pro Jahr subventionierte Organisation ist eine solche Reaktionen schlicht unprofessionell und unangebracht. Auch wenn blöde Bloggerinnen blödes Zeug schreiben. Die blöden Bloggerinnen dürfen das, weil sie nämlich keine 42 Mio Bundesgelder bekommen und auch keine Meinung ausser der ureigensten vertreten. Darum darf ich als Privatperson dummes Zeug schreiben und die PI als Organisation sollte – wenn sie denn schon reagiert – besonnen reagieren.

Wenn die Pro Infirmis schreibt: «Die Aktion von Pro Infirmis (…) regt zum Nachdenken über die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung an.» Und man genau das dann – öffentlich – tut: nämlich Nachdenken über die Kampagne und die Pro Infirmis – die dieses «Nachdenken» ja auch einfach hätte ignorieren können – mit einer Art «Fuck you» reagiert (das man dann sogar noch von Dritten entlehnt), sagt das schon was aus. Und zwar nichts Gutes über die Art und Weise wie man meint, die Meinungshoheit darüber haben zu wollen, wie über Behinderung (und Behindertenorganisationen) öffentlich nachgedacht werden darf.

Würde man an irgend eine Firma in der freien Wirtschaft eine öffentliche Kritik richten (sagen wir mal an die Migros) kriegen Sie von der Migros garantiert keine «Fuck you»-Antwort, sondern – und mag das unter noch so grossem Zähneknirschen der zuständigen Medienverantwortlichen/Sachbearbeiterin geschehen – ein «Wir bedanken uns für Ihre Kritik und werden das prüfen/besprechen/wasauchimmer». Und noch besser kommt es, wenn der Kunde dann auch sieht, dass seine Kritik tatsächlich ernstgenommen und umgesetzt wird (Grössere Schrift auf einer Verpackung, Chriesi fürs Joghurt nur noch aus artgerechter Haltung ect.).

Ein solch arrogant-unprofessionelles Verhalten wie dasjenige der Pro Infirmis kann man sich heutzutage wirklich nur noch als eine vom Bund subventionierte Organisation geschützte Werkstätte leisten, die sich nach wie vor als Bevormundungs-Organisation (und wer nicht spurt kriegt eins auf’s Maul) und nicht als Dienstleistungsanbieter für Menschen mit Behinderungen versteht.

Auf Kritik öffentlich mit «Fuck you» reagieren? Deutlicher hätte man die in meinem letzten Artikel angetönte von-oben-herab-Haltung der Pro Infirmis wirklich nicht bestätigen können.

Ich glaube, ich habe jetzt etwas oft den Ausdruck «Fuck you» benutzt. Entschuldigung.