Vom Feminismus lernen: Geduld. Und die Überzeugung, dass es sich lohnt. Irgendwann.

SaffaSchneckeAm Eröffnungsumzug der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) im Jahre 1928 fuhr ein denkwürdiger Wagen mit: Eine überdimensionale Schnecke mit der Aufschrift «Fortschritte des Frauenstimmrechts in der Schweiz». Die Organisatorinnen wurden für die Schnecke scharf kritisiert und die Kritiker sahen diese als Zeichen für die politische Unreife der Frauen.

Wenn ich mir dieses Foto anschaue, bin ich den Frauen darauf  – und all ihren unsichtbaren Mitstreiterinnen von damals und in den Jahren darauf – sehr dankbar. Sie haben sich gegen grosse Widerstände dafür eingesetzt, dass ich als Frau heute abstimmen und wählen darf. Und anders als meine Grossmutter oder Mutter durfte ich mit dem Gefühl aufwachsen, dass dies selbstverständlich ist; denn als ich geboren wurde, existierte das Frauenstimmrecht (auf eidgenössischer Ebene) bereits.

Auch für viele andere Dinge, die für mich als Frau heute selbstverständlich sind (Studium, Berufsausübung, rechtliche Gleichstellung, Recht auf Abtreibung ect.) haben sich sehr sehr viele Frauen sehr sehr unbeliebt machen müssen. Wenn ich Bücher darüber lese, oder Sendungen dazu sehe, bin ich auch dafür immer wieder zutiefst dankbar. Und ich reagiere mit einem gewissen Unverständnis auf junge Frauen, die «Feminismus» ziemlich «bäh» finden und meinen, das sei doch eine Sache von «hässlichen Politikerinnen» und habe irgendwas mit «langen Achselhaaren» zu tun. Für mich ist «Feminismus» weder «bäh» noch ist er an ein äusseres Erscheinungsbild gebunden, vielmehr ist es eine innere Einstellung, sich für Gleichberechtigung und Entscheidungsfreiheit einzusetzen, die über die eigene Nasenspitze hinausgeht. Auch wenn ich selbst, sagen wir mal nie Kaminfegerin werden wollte (dafür bin ich zuwenig schwindelfrei), finde ich es wichtig, dass diejenigen Mädchen, welche eine solche Lehre machen möchten, das auch können. Genauso wie umgekehrt auch Buben, die Kindergärtner werden wollen, das können sollen. Beides ist heute glücklicherweise möglich.

Und genau so geht es mir mit Rechten und Möglichkeiten von Menschen mit Behinderungen. Ich wünsche mir, dass (reale wie innere) Barrieren immer mehr verschwinden, dass Betroffene eines Tages mit derjenigen Selbstverständlichkeit von Gleichberechtigung und Freiheit aufwachsen und leben können, wie ich das als Frau dank ganz vielen engagierten Frauen in den Generationen vor mir darf.

Das Doofe daran ist; dass das nicht von selbst geht. Dass man dafür (unter anderem) gewissen Behörden und den dort arbeitenden Leuten wahnsinnig lästig auf den Füssen herumstehen muss. Und entgegen möglicherweise anderswirkendem Eindruck macht mir das keinen Spass. Niemand macht sich gerne unbeliebt. Und wenn man in der Weltwoche als «Behinderten-Aktivistin» bezeichnet wird, wird damit vermutlich ungefähr jenes Bild verbunden, welches anno 1920 den «Feministinnen» zugedacht wurde:

ein Plakat, Darauf ist eine dürre männlich gekleidete Frau mit Brille (Typ Oberlehrerin/alte Jungfer abgebildet ). Darüber steht die Frage: Wollt Ihr solche Frauen? Und unten: Frauenstimmrecht: Nein.
Das Tröstliche daran ist, dass sich – wenn man sich mal so umsieht – die Prophezeihungen Befürchtungen von 1920 nicht bewahrheitet haben. Ja vielmehr noch, heute kommt «Feminismus» vielerorts unverkrampfter daher (wobei man den Kreateurinnen der SAFFA-Schnecke im ersten Bild einen gewissen Humor ja auch nicht absprechen kann). Und wenn sich heute Männer wie Barack Obama (sic!) und Daniel Craig in einem Kampagnen-Clip gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen aussprechen, ist das gar nicht «bäh» sondern doch ein starkes Zeichen und irgendwie schon ziemlich cool:

Ein anderes aktuelles Beispiel ist der Clip von Hygieneartikelhersteller Always, in dem gefragt wird: Warum ist es eigentlich eine Beschimpfung, etwas «wie ein Mädchen» zu tun?

Das Thema an sich ist sehr wohl ernst, aber die Form hat sich gewandelt. Ähnliche Bestrebungen gibt es glücklicherweise auch beim Thema Behinderung, Laura Gehlhaar hat sich dazu mal Gedanken gemacht unter dem Titel: «Inklusive Werbespots – Wie Behinderung zum Lifestyle wird» und stellt auch den hier bereits einmal gezeigten Werbespot von Guinness vor:

Die Welt verändert sich zwar nicht allein anhand von Werbespots, aber sie sind eine Möglichkeit, ein anderes Bild von «Frausein» oder «Behinderung»zu prägen. Die Kombination dieser beiden Themen hat auch die EBGB-Publikation «Bericht zur Gleichstellung behinderter Frauen in der Schweiz» (erschienen 2013, erarbeitet von avanti donne) mit einem überraschenden Titelbild umgesetzt:

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Im Bericht ist dazu zu lesen: «Auf der Titelseite einer Publikation über die Gleichstellung von Frauen mit Behinderungen erwarten die meisten LeserInnen wahrscheinlich eines der typischen Erkennungszeichen für «Behinderte» bzw. für «Behinderung»: Rollstuhl, Krücken, Taststock… Die gewohnheitsmässige Verwendung dieser Symbole zeigt, wie stark Menschen mit Behinderungen, ob Frau oder Mann, über sichtbare Merkmale von Beeinträchtigungen identifiziert werden. Wir haben deshalb ein Symbol vorgezogen, das für Weiblichkeit steht und für die Vielfalt an möglichen weiblichen Rollen.»

Auch die Frauen-Portraits im Innenteil von Flavia Trachsel, die als Fotografin selbst vom Rollstuhl aus arbeitet, zeigen selbstbewusste Bilder von Frauen mit Behinderung (Vergössern durch Anklicken):

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Abgesehen von den Bildern ist der Bericht natürlich auch inhaltlich sehr lesenswert und behandelt ganz verschiedene Themen; die UNO-Behindertenkonvention, Ausbildung, Arbeit, Ungleichberechtigung bei der IV, PID oder auch Interessenvertretung. Persönlich hat mir  – natürlich – speziell das Kapitel «Frauen mit Behinderungen in den Medien: Begrenztes Rollenspektrum» gefallen, das mit folgendem Abschnitt schliesst:

Anzeichen, dass hier vielleicht ein Umdenken im Gang ist, lieferte kürzlich überraschend eine Gratiszeitung: Als «Single des Tages» sucht die 22-jährige KV-Angestellte Zaira «einen süssen Südländer». Wie in der Rubrik üblich, sind allerlei Eigenschaften und Wünsche aufgelistet. Dass die junge Frau mit einer Behinderung lebt, sieht man erst auf den zweiten Blick. Das Bild zeigt einen Teil ihres Rollstuhls. Weder aufdringlich noch schamhaft versteckt, sondern einfach als ein Merkmal von vielen. Genau darum geht es.

Der Bericht kann in der gedruckten Version beim Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen kostenlos bestellt oder als PDF heruntergeladen werden.

Bis die auch darin formulieren Forderungen verwirklicht sein werden, muss ich – zusammen mit ganz vielen anderen Menschen auch – halt noch eine Weile «die Unbequeme» sein. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass eines Tages nicht mehr diejenigen mit den Forderungen nach Gleichberechtigung die «Mühsamen» sein werden, sondern dass diejenigen, die anderen die Gleichberechtigung absprechen, sich erklären werden müssen. Dass nicht mehr die (angeblich) «überrissenen Forderungen» der «Behinderten» nach einem barrierfereien öffentlichen Verkehr ins Lächerliche gezogen werden, wie das Journalist Joel Weibel im Juni in seinem unsäglichen Zeit-Artikel «Bis die Alpen platt sind» tat, sondern Unternehmen es sich es aus Imagegründen schlichtweg nicht mehr werden leisten können, ihre Angebote und Produkte NICHT barrierefrei zu gestalten.

Dazu wird nicht zuletzt auch die immer älter werdende Gesellschaft beitragen, in der viele Menschen trotz altersbedingten Einschränkungen und Behinderungen noch möglichst lange selbständig bleiben und sich beispielsweise ihr Konfiglas gerne selbst aufmachen wollen. Die Migros hat das schon gemerkt und deshalb kürzlich Konfitüren mit easy open-Verschluss lanciert. Ich bin mir sicher, da geht noch mehr. Viel mehr.

Die Grenzen von gutem Willen und Eigenverantwortung

Katja Gentinetta, Vizedirektorin der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse hat in Publikationen wie «Die IV – Eine Krankengeschichte» sowie in verschiedenen Stellungsnahmen und Vorträgen zum Thema Ergänzungsleistungen immer wieder das neoliberale Credo der Eigenverantwortung durchdekliniert. Grundtenor: Die Leistungen wären zu hoch, würden zu breit gestreut und setzen Fehlanreize, die dazu führen, dass der Bezug der ensprechenden Leistung erstrebenswerter wäre, als zu arbeiten.

Die wirtschaftsfreundliche Lösung welche von Gentinetta/Avenir Suisse für diese Problematik propagiert wird, heisst: damit weder IV noch EL «erstrebenswert» sind, müssen diese Sozialleistungen auf das Existenzminimum gesenkt werden und alles, was über dem Bedarfsminimum liege, müsse sich der/die BezügerIn eben selbst erarbeiten. Das klingt an sich ersteinmal gar nicht so schlecht. Insbesondere aus der Sicht derjenigen, deren Stundenansatz weit über dem liegt, was andere nicht einmal in einer ganzen Woche verdienen (der Durchschnittlohn in der Behindertenwerkstätte „Drahtzug“ in Zürich beträgt durchschnittlich 2.40/Stunde und kann als Beispiel für die ganzen «Branche» gelten).

Was bei der ganzen Theorie auf dem Papier nämlich irgendwie (absichtlich) vergessen geht: IV-Leistungen bekommen diejenigen, deren Erwerbsfähigkeit aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung körperlicher, geistiger oder psychischer Art vermindert bzw. überhaupt nicht (mehr) gegeben ist. Und selbst wenn eine gewisse (Rest)arbeitsfähigkeit noch vorhanden sein sollte, hängt deren wirtschaftliche Nutzung (auch wenn uns das neoliberale Kreise immer und immer wieder anders vorkauen) bei weitem nicht alleine am Willen und der Selbstverantwortung der Betroffenen sondern auch und zu einem erheblichen Teil an der Bereitschaft einer Gesellschaft, die Bedingungen zu schaffen, dass auch Menschen mit einer Behinderung ihre Ressourcen überhaupt erst nutzen können.

Wäre Frau Gentinetta nicht 1968 geboren, sondern nur 50 Jahre früher, wäre aus ihr auch unter Aufbietung allen «guten Willens» und aller «Eigenverantwortung» mit Verlaub wahrscheinlich keine Vizedirektorin geworden, sondern allerhöchstens eine Direktionssekretärin. Und wäre sie gar 100 Jahre früher in eine Schweizer Bergbauernfamilie hinein geboren, hätte sich ihre Schulbildung als Mädchen auf allerhöchstens 4 Jahre beschränkt. Falls überhaupt. Eine weitergehende Schulbildung oder gar ein Hochschulstudium wären praktisch unereichbar gewesen. Und selbst wenn sie zu jenen wenigen Frauen gehört hätte, welche ein Hochschulstudium in Jura oder Medizin erfolgreich abschlossen, war die Eröffnung einer eigenen Kanzlei (Iris von Roten in den 1940iger Jahren) oder einer eigenen Arztpraxis (Caroline Farner 1880er Jahre) unmöglich bzw. die Frauen wurden gesellschaftlich geächtet und lächerlich gemacht.

Die Behinderung «Frausein» beschränkt sich heutzutage darauf, dass Katja Gentinetta trotz bester Qualifikationen und Vorraussetzungen den Direktionsjob bei Avenir Suisse, um den sie sich beworben hatte, nicht bekommen hat. Bekommen hat ihn ein Mann, der sich nicht einmal dafür beworben hatte: Gerhard Schwarz, der Wirtschaftschef der NZZ. Im Tagesanzeiger lässt Rolf Soiron durchblicken, dass bei solchen Entscheidungen möglicherweise «Männliche Netzwerke» ein Rolle spielten.

Die Hoffung ist eine leise, dass Gentinetta bei ihren weiteren Publikationen diese eigene Erfahrung miteinfliessen lässt, dass der eigene gute Wille manchmal eben nicht ausreicht, sondern der «gute Wille» der Umgebung eben durchaus auch entscheidend sein kann, wie weit man kommt. Viele Menschen im Rollstuhl stossen beispielsweise nicht erst im Vizedirektorium an eine «gläserne Decke» sondern für sie ist schon vor dem Gebäude Schluss, aus dem profanen Grund, dass der barrierefreie Zugang für sie nicht gewährleistet ist. Wie im Beispiel jenes Psychologen, der vom Eigentümer des Gebäudes, in dem sich seine Praktikumsstelle befand, keine Einrichtung eines Treppenlifts erwirken konnte, obwohl die Invalidenversicherung sämtliche Kosten(!) getragen hätte.

Nationalrat Luc Recordon (Grüne) hat dazu im Parlament die Inititive «Keine Diskriminierung von Personen mit Behinderungen beim Zugang zu Gebäuden in fremdem Eigentum» eingereicht, welche beim schweizerischen Hauseigen-tümerverband auf erbitterten Widerstand stösst; insbesondere auch: «(…)weil ein Grossteil der nichtbehinderten Mietinteressenten derartige Änderungen als störend empfindet.»

Solange ein Treppenlift, andere behindertengerechte Umbauten oder schlicht die Anwesenheit von Mitmenschen mit Behinderungen «störend» empfunden werden, wie kann da ernsthaft behauptet werden, dass Menschen mit Behinderungen (und das sind Bezüger von Invalidenrenten nun mal per defintionem) doch einfach nur genügend «guten Willen» zeigen müssten, um sich in die Arbeitswelt zu integrieren?

Auch das Frauenstimmrecht bekamen die Schweizer Frauen nicht durch eigenen «guten Willen» es wurde ihnen von den Männern nach alter Schweizer Sitte im Rahmen einer Abstimmung 1971 (und nach mehreren Anläufen) schliesslich und endlich eingeräumt (Ausser in Appenzell Ausserhoden, da wurde es per Bundesgerichtentscheid 1990 eingeführt). Eine bestehende Diskriminierung kann nie alleine durch «Eigenverantwortung» der Diskriminierten aufgelöst werden, die Verantwortung von Seiten der Diskriminierenden (und Privilegierten) und deren Mut und Wille zur Veränderung bestehender (Macht)Verhältnisse ist entscheidend.

Vielleicht macht sich Frau Gentinetta aus aktuellen Anlass auch mal Gedanken darüber.