«Jöh, Behinderte!»

Man spricht von «Menschen mit Behinderung», redet von «Inklusion» und «Partizipation» und dass die Betroffenen «Experten in eigene Sache seien». Doch die alten Vorurteile, Ängste und Bevormundungen schimmern unter der dünnen Firnis der politisch korrekten Ausdrucksweise oft noch überdeutlich durch. Besonders unglücklich wirkt das bei denjenigen Institutionen, deren Aufgabe eigentlich darin bestände, auf solche Benachteiligungen und Stereotype aufmerksam zu machen, statt sie selbst zu reproduzieren.

2014 lancierte das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) unter dem Motto «Wir haben auch ein Wort mitzureden!» ein auf zwei Jahre angelegtes Schwerpunktprogramm zum Thema «Partizipation». Am 1. Dezember 2014 fand dazu eine Fachtagung statt. Fachtagung heisst; Erwachsene Fachleute mit und ohne Behinderung reden darüber, wie die Partizipation von Menschen mit Behinderung verbessert werden kann. Es ging weder um schulische Inklusion noch generell spezifisch um Kinder mit Behinderung (Referate auf der Seite des EDI einsehbar). Die erste (verschickte) Version des zugehörigen Veranstaltungsprogramms sah so aus (Alle Bilder lassen sich durch Anklicken vergrössern):
EBGB_Partizipation

Die auf der Webseite aufgeschaltete Version so:
EBGB_Partizipation2

Ebenfalls lanciert wurden entsprechende Plakate zum Thema «Partizipation» (v.l.n.r: «Kinder», «Jugendliche», «Erwachsene»):
Plakate_EBGB

Ich weiss nicht, was sich die ausführende Werbeagentur und das EBGB dabei genau gedacht haben*, aber der Fotograf hat ganz offensichtlich das Briefing «Kindergeburtstag; 80-iger Jahre» bekommen. Und wie sich das für Behinderte so gehört, wurden diejenigen ProtagonistInnen, die dem Jöh-Alter entwachsen sind, zumindest in kindlich einheitlich bedruckte T-Shirts gesteckt. (Von Keith Haring – 80iger eben – inspiriertes Sujet der T-Shirts: «mitenand – fürenand» – Ferienlager für Jugendliche mit und ohne Behinderung).

*Nachdem ich diesen Artikel schon fertig geschrieben hatte, habe ich entdeckt, dass das Motto des Fotoshootings an dem die Kinderbilder offenbar entstanden sind, tatsächlich «Geburtstag» war:

«Zum 10 jährigen Jubiläum des BehiG und aus Anlass der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen lanciert das EBGB eine Postkarte. Sie zeigt 10-jährige Kinder mit und ohne Behinderungen, die gemeinsam zur Schule gehen. Damit soll aufgezeigt werden, dass Gleichstellung ein gemeinsames Ziel und ein Gewinn für uns alle ist.»

Postkarte2014EBGB

Das ändert allerdings nichts an meinen dazu formulierten Gedanken, im Gegenteil, es bestätigt sie umsomehr:

Ich würde ja gerne glauben, dass das einfach ein ganz ausgeklügelte Tarnstrategie für die heimlich geplante Weltrevolution zur Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung darstellt («Alles gaaanz harmlos, geht nur um so Kinderkram, nichts Bedrohliches), aber ich befürchte, soviel Kalkül steckt da nicht dahinter. Vielmehr ist es wohl schlicht mangelnde Sensibilität für die damit visuell transportierte Aussage (Behinderte = Kinder).

Das Dumme am so vermittelten Bild ist, dass die Umgebung es nur zu gerne aufnimmt. So war der Aufruf von Bundesrat Burkhalter zum Tag der behinderten Menschen am 3. Dezember 2014 übertitelt mit «Ihr redet mit – und baut mit an unserem gemeinsamen Haus: der Schweiz».

Auf meine Anfrage, weshalb Bundesrat Burkhalter Menschen mit Behinderungen duze, erklärte mir Jean-Marc Crevoisier (Chef Information EDA):

Mit den von Ihnen erwähnten Formulierungen wollte Bundesrat Burkhalter – dem Charakter des Texts als Aufruf entsprechend – seine Nähe und Verbundenheit zu Menschen mit Behinderungen zum Ausdruck bringen. Daher wählte er die direktere Form der Anrede anstelle der Höflichkeitsform, die sich im Deutschen leicht mit der distanziert klingenden dritten Person Mehrzahl verwechseln lässt. Bei seiner Wortwahl war es jedoch keineswegs die Absicht von Bundesrat Burkhalter, es den angesprochenen Personen gegenüber an Respekt mangeln zu lassen – im Gegenteil. Falls der Aufruf bei Ihnen diesen Eindruck hinterlassen sollte, bedauern wir dies sehr.

Im Übrigen möchten wir Sie noch darauf hinweisen, dass der Aufruf in Zusammenarbeit mit namhaften Organisationen publiziert wurde (Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, Dachverband  AGILE.CH, Pro Infirmis und Dachorganisationenkonferenz der privaten Behindertenhilfe DOK). Kritische Rückmeldungen zum Text des Aufrufs sind uns von dieser Seite nicht bekannt.

Na, wenn die Behindertenorganisationen das unterstützen, wird’s schon passen. Behindertenorganisationen würden ja auch nie im Leben auf die Idee kommen, Menschen mit Behinderungen zum Zweck der Spendengenerierung (und Rechtfertigung der Daseinsberechtigung der Organisation) absichtlich als bemitleidenswerte und unselbständige Kinder darzustellen. (Nun doch, genau das tun sie).

Man stelle sich mal vor, auf dem Tagungsprogramm, den Postern und Postkarten wären auch Abbildungen von Menschen mit Behinderung jenseits des Jugendalters zu sehen, Erwachsene in individueller Kleidung statt im einheitlichen Jugendlager-Shirt! Womöglich auch welche im Businesskostüm oder Anzug! Und die wollen mitreden? Und vielleicht sogar mehr nur «ein Wort», wie es das Motto vorgibt?

Scary.

Hat grad jemand gelacht? Nun… darüber, dass der sichtbar behinderte CVP-Nationalrat Christian Lohr bei der IV-Debatte mehr als nur «ein Wort» mitredet, waren einige ParlamentarierInnen ganz und gar nicht amüsiert. Von «Emotionaler Betroffenheitspolitik» war da unter anderem die Rede und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel wurde es beim Anblick von Menschen mit Behinderungen in der Wandelhalle nach eigener Angabe «fast schlecht». Anders, als wenn solche Aussagen Homosexuelle betreffen würden, erhebt sich dann aber kein Aufschrei. Und während die Mehrheit des Nationalrates letzte Woche einer Erweiterung des Anti-Rassismus-Artikels zustimmte, wonach eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar werden soll, hatte das Parlament den deckungsgleichen Antrag auf Erweiterung des Anti-Rassismus-Artikels im Bezug auf Menschen mit Behinderung letztes Jahr abgelehnt.

Um dazu mal wieder den deutschen Inklusions-Aktivisten Raúl Krauthausen zu zitieren:

Wir sind mit der Alltäglichkeit von Behinderungen momentan ungefähr da, wo die Homosexualität Anfang der Neunziger war. In etwa zu Zeiten von Komödien wie ,Der bewegte Mann’, als Schwule noch vorwiegend als lustige Tunten gezeigt wurden

Nur, dass Behinderte nicht als «lustige Tunten», sondern als «herzige Kinder» gezeigt werden, die pro forma (weil ja jeder weiss, dass Kinder nicht wirklich was zu sagen haben) «ein Wort mitreden» dürfen. Menschen mit Behinderung als «lustige Tunten» darzustellen, wäre so gesehen schon ein enormer Fortschritt. Die wären zumindest erwachsen. Und trügen garantiert keine einheitlich bedruckten T-Shirts eines Jugendferienlagers.

Mama hört Stimmen, Papa trinkt – Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern [Club-Sendung]

«Kann die neue Club-Moderatorin Mona Vetsch das denn?» Ist offenbar die Hauptfrage, die Tagi-Jounalist Philippe Zweifel am gestrigen Club bewegt hat. Das Thema des Clubs (Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern) ist denn in seinem Artikel eher Nebensache, wichtig ist vor allem, wie die Moderatorin damit umging: «(…)Trotzdem machte Vetsch hier keine betretene Miene oder setzte ein ernstes Psychiatergesicht auf (wie es ihre Vorgängerin Christine Maier wohl getan hätte). Im Gegenteil: Oft schaffte sie es, den schlimmen Anekdoten komische Seiten abzugewinnen und so ein Lächeln auf die Gesichter der anwesenden Gäste zu zaubern – was dem traurigen Thema nur gut tun konnte».

Zum ersten: Ja, die Mona Vetsch kann das. Und ja, sie hat auch aus meiner Sicht eine angenehme Gesprächsatmosphäre geschaffen, in dem sie die Gäste ausreden liess und das Gespräch unaufdringlich und kompetent geleitet hat. Soviel dazu.

Die positive Grundatmosphäre beruhte aber auch auf den eingeladenen Gästen, besonders auf den beiden mittlerweile erwachsenen Kindern von psychisch kranken Eltern, Dominik Bernet (Autor «Der grosse Durst», wuchs mit alkoholkrankem Vater auf ) und Verena Dyczmons, (ihre Mutter litt unter Depression und Wahnvorstellungen), die neben den selbstverständlich nicht immer einfachen Situationen auch zuweilen sehr humor- und liebevoll die positiven Seiten ihrer «speziellen» Eltern schilderten. Mich persönlich hat das sehr berührt. Ebenso als der Familienvater Ralf Eschweiler (seine Ehefrau hat Wahnvorstellungen und ist zurzeit in einer psychiatrischen Klinik) davon erzählte, wie seine Frau in gesunden (oder gesünderen) Phasen eine sehr gute Mutter sei oder Constantine Bobst darüber sprach, wie ihr Vater in manischen Phasen wunderbare Musikstücke komponierte.

Ja natürlich ist die Thematik insgesamt nicht ganz einfach. Die Schilderung einer Zwangseinweisung in die Psychatrie ist vielleicht nicht unbedingt das, was sich der gemeine Fersehzuschauer spätabends als wohlige Gutenachtgeschichte wünscht. Aber es gehört nunmal zur Thematik dazu. Worauf ich persönlich gut hätte verzichten können, waren die in dozierender Grabes-Stimme (oder Stimmung) vorgetragenen Einwürfe von Christine Gäumann (Leiterin Adoleszentenpsychiatrie iPW) wie furchtbar das ja alles ist und die immer wieder (aus meiner Sicht: unnötige) «einordnende» Kommentare über das von den Betroffenen Geschilderte abgab (zum Glück kann man sowas ja beim Onlinegucken überspringen). Wesentlich zurückhaltender und trotzdem gehaltvoller waren hingegen die Äusserungen des zweiten Fachmanns in der Runde; Kurt Albermann (Kinderarzt und Kinderpsychiater, Chefarzt Sozialpädiatrisches Zentrum Kantonsspital Winterthur). Albermann erwähnte bespielsweise, dass laut Forschung ein Drittel der Kinder psychisch kranker Eltern selbst gesund bleiben, ein weiteres Drittel (zeitweise) mit gewissen psychischen Problemen zu kämpfen hätten und ein Drittel später selbst schwer psychisch erkranke.

Warum das genau so ist, liess er offen, aber Verena Dyczmons hatte in einem früheren Teil des Gespräches dazu etwas Interessantes geäussert; sie erzählte, dass sie erst lernen musste, eine Beziehung zu führen, sich beispielsweise auch mal mit ihrem Partner zu streiten – denn das hätte sie zu Hause nicht gelernt. Damit sprach sie etwas an, was wohl in vielen Familien mit einem psychisch kranken Elternteil Realität ist: Mit dem kranken Familienmitglied ist (je nach Erkrankung) oft keine «normale» Beziehungsgestaltung möglich. Sei es, aufgrund der Erkrankung an sich, weil der betroffene Elternteil durch den Partner und die Kinder «geschont» wird/werden muss, sei es, weil Kinder schon (zu) früh Verantwortung (also die Elternrolle übernehmen), oder auch weil sie Schuldgefühle entwickeln (denken, sie seinen Schuld am Zustand des kranken Vaters, der kranken Mutter) ect.

Dass die Kinder der psychisch erkrankten Eltern bis vor kurzem (und wohl auch heute noch oft) nicht in die Therapie miteinbezogen ja geradezu vergessen werden, wurde im Gespräch mehrmals erwähnt. Langsam sollte sich – eben auch angesichts der oben erwähnten Zahlen – hier nun etwas ändern. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die BSV-Studie «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» 2009 ergeben hatte, dass bei 38% der untersuchten Dossiers von IV-BezügerInnen aus psychischen Gründen bereits in der Herkunftsfamilie psychische Erkrankungen bestanden hatten. Man kann nun natürlich die zur Zeit enorm im Trend liegende «genetische Veranlagung» zur Erklärung heranziehen, ich persönlich glaube (höchst unwissenschaftlich natürlich), dass die oben erwähnten Faktoren, also die Umstände unter denen Kinder psychisch kranker Eltern aufwachsen (nicht zuletzt auch die damit verbundene Stigmatisierung und Tabuisierung – es darf ja niemand wissen, dass Mami oder Papi psychisch krank ist) bei der Entwicklung einer späteren eigenen psychischen Erkrankung der Kinder auch eine entscheidene Rolle spielen (können).

Den Club kann man online gucken.