Liebe Pro Infirmis, wir müssen über Eure Darstellung von Menschen mit Behinderung reden. [Mal wieder…]

Am 16. März 2015 habe ich unter dem Titel «Jöh, Behinderte!» ausführlich beschrieben, warum ich es leicht suboptimal finde, wenn das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) seine Werbemittel (ausschliesslich) mit Kinderfotos bebildert.
Am 12. April 2015 beendete ich einen Blogbeitrag mit folgendem Abschnitt:

Solange allerdings Organisationen wie die Pro Infirmis ihre Facebookauftritte mit Kindern bebildern (die ganz offensichtlich zu bevormunden sind) wird sich am Bild in den Köpfen auch nichts ändern:

Facebook-Header von Pro Infirmis im Februar 2015:
pi_feb

Facebook-Header von Pro Infirmis im März 2015:
pi_maerz

Zufälligerweise hat dann Pro Infirmis wenige Tage später folgendes FB-Headerbild eingestellt:

16April15

Und einen Monat später diesen Aufruf veröffentlicht:
Aufruf

Darauf folgten einige Header, die persönliche Geschichten erzählten (leider habe ich bei den ersten beiden Bildern von den zugehörigen Texten keine Sreenshots gemacht).

Anfang Juni:
3juni15

Ende Juni (Julia Della Rossa, Angelman-Syndrom)
24juni15

Anfang Juli
2Juli15

Geschichte:
paartext

Mitte Juli
9juli15

Geschichte:
uwehaucktext

Diese Bilder und Geschichten haben viel Lebensnähe ausgestrahlt. Aber es ist natürlich aufwendig, Betroffene zu finden, die abgebildet werden möchten und ihre Geschichte erzählen mögen. Vermutlich aus diesem Grund sahen die Headerbilder seit Ende Juli 2015 leider wieder so aus:
19juli15

August:
12aug15

September:
4sept15

Oktober:
19okt15

Und aktuell (Januar 2016):
2jan16

Anonyme Agenturbilder ohne persönliche Geschichte und vor allem mal wieder hauptsächlich das stereotype «herzige Down-Syndrom-Kind».

Es ist allerdings bei Bild-Agenturen tatsächlich auch nicht ganz einfach, unterschiedliche, lebensnahe und nicht stereotype Bilder von Menschen mit Behinderungen zu finden. Ein besonderes Ärgernis sind die von Christiane Link so treffend beschriebenen «Hübschen Menschen in hässlichen Rollstühlen». Die (unbehinderten) Models werden dafür meist in alte Krankenhausrollstühle gesetzt und die Bilder wirken dann auch dementsprechend «unnatürlich». Link schreibt:

Die Bilder wirken so, wie sich viele Menschen das Leben im Rollstuhl vorstellen: ungelenker Kasten, der einen behindert. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Rollstühle werden individuell angepasst, zumindest bei jungen Leuten, sind wendig und leicht.

Die Frage die sich hier stellt, wäre dann einfach: Kann es sich eine so grosse Organisation wie die Pro Infirmis nicht leisten, einfach mal eine Fotografin quer durch die Schweiz zu schicken, die Bilder von realen Menschen mit Behinderungen in ganz verschiedenen Situationen macht? Beispielsweise beim Sport (Rollstuhlbasketball, Elektrorollstuhl-Hockey, Segeln) oder in der ganz normalen Freizeit und auch – Arbeitswelt. Und nein, nicht (nur) in den Werkstätten.

Solche Bilder (inkl. zugehörge Geschichten) dürfte man als Behindertenorganisation doch sowieso immer wieder und nicht nur für die Facebookseite brauchen. Die Fotografin Flavia Trachsel (selbst Rollstuhlfahrerin) hat zum Beispiel schöne Portraits für den Frauen-Bericht des EBGB gemacht. Unterer anderem dieses hier von Anja Reichenbach:
anjareichenbach

(Das EBGB kann es also schon, wenn es will – bzw. wenn jemand externer den Finger draufhält…)

Wunderbar lebensnahe Fotos zum Thema Inklusion macht auch der deutsche Fotograf Andi Weiland. Beispielsweise dieses hier von der Bloggerin Laura Gehlhaar und ihrem Mann:
laurag

Es gibt sie also, die anderen Bilder jenseits der stereotypen «herzige-Down-Syndrom-Kinder-Ästhetik.» Und als grösste Behindertenorganisation der Schweiz hätte man eine Verantwortung, die möglichst vielfältige Darstellung von Menschen mit Behinderungen aktiv zu fördern (Z.B. Fotoaufträge an mit dem Begriff «Inklusion» vertraute FotografInnen zu vergeben. Und zwar völlig selbstverständlich und unabhängig von grossen protzigen Kampagnen). Zur Abwechslung einfach mal selbst konsequent positives Vorbild sein, statt «milde Gaben» im Namen der «armen Behinderten» einfordern. Wie wär’s, Pro Infirmis?

«Menschen mit Behinderung sind was ganz Besonderes». Nicht.

Es gibt einige Stereotype, die ich zum Thema Behinderung langsam nicht mehr hören/lesen mag. Ganz weit oben auf der Liste steht dabei die Kategorie «Kinder mit Behinderung sind Sonnenscheine/was ganz Besonderes/eine Bereicherung». Ich hoffe sehr, dass jedes Kind für seine Eltern eine Bereicherung ist, egal ob mit oder ohne Behinderung, mit blauen oder braunen Augen oder ob es extrovertiert oder eher introvertiert ist. Ich verstehe aber natürlich auch, dass Eltern, die sich bewusst für ein Kind mit Behinderung entschieden haben, zuweilen das Gefühl haben, sie müssten sich für ihre Entscheidung rechtfertigen und deshalb stets betonen, was für eine Bereicherung dieses «besondere» Kind doch wäre.

Allerdings gibt es auch Eltern, die nicht nur jedem von ihrem besonderen Kind vorschwärmen, sondern auch ihrem eigenen behinderten Kind erklären, es wäre was ganz Besonderes. So wie beispielsweise eine Mutter ihrem Buben mit Downsyndrom erklärte, er verfüge über «Superkräfte». Dass eine sehr deutliche Antwort darauf unter dem Titel «My son has Down syndrome, not a super power» ausgerechnet auf einer Pro Life-Seite (also von radikalen Abtreibungsgegnern) erschien, verwundert nur auf den ersten Blick. Wer sich generell gegen Abtreibung ausspricht, sieht sich vermutlich deutlich weniger Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, sein behindertes Kind als etwas ganz Besonderes «anzupreisen».

Cassy Fiano, selbst Mutter eines Kindes mit Down Syndrom schreibt also:

«People with Down syndrome are always happy! They’re all so full of love!» People who say this probably don’t realize it, but when you say things like that, you’re reducing all people with Down syndrome to stereotypes, to caricatures. People with Down syndrome are most definitely not always happy, nor are they sparkly unicorns sent to Earth to bring love and rainbows to us all.

(….)

People with Down syndrome are complete people, and yes, they have struggles. But here’s the thing: everyone does. Every single person on this planet has challenges and hurdles to face, and they’re individual to each person. Yet no one goes around saying that someone with the typical number of chromosomes has a super power because man, he’s got a great smile.

Die Rollstuhlfahrerin Laura Gehlhaar schreibt in ihrem Blog unter dem Titel «Inklusion einfordern»:

«Den Status des ‚besonderen Kindes’ hatte ich nie. Meine Behinderung wurde nie schöngeredet oder gar als besonders gesehen. Mir wurde nie ins Ohr geflüstert, dass ich ‚auserwählt’ wurde, dass mir meine Behinderung gegeben wurde, um im Leben eine höhere Aufgabe zu erfüllen. Sie war einfach da. Manchmal war das gut. Manchmal war das schlecht.

Hätte man mir ständig gesagt, dass ich aufgrund meiner Behinderung etwas ganz Besonderes bin, hätte ich mich mit diesem Status gemütlich zurückgelehnt, mir meine besonderen Füße massieren und meinen besonderen Hintern hinterhertragen lassen. (…)

Ich ging aufs Gymnasium und war die ganzen Schuljahre bis hin zum Abitur das einzige Kind mit einer sichtbaren Behinderung. (…) Einige Lehrer suchten Rat bei meiner Mutter und bekamen dann zu hören: „Sie behandeln mein Kind, wie jedes andere Kind: Wenn sie sich nicht benehmen kann, geben Sie ihr eins auf den Deckel.“ Viele meiner Lehrer nahmen sich die Worte meiner Mutter zu Herzen, manche sogar zu sehr, und ich fühlte mich weder bevormundet, noch strenger behandelt. Das war ein gutes Gefühl, denn meine Behinderung spielte einfach keine Rolle mehr. Auch meine Klassenkameraden verstanden meine Behinderung als eine Eigenschaft, die einfach da war und zu mir gehörte. Und logischerweise galten für mich die gleichen Leistungsmaßstäbe, wie für jeden anderen auch. Leider auch in Mathe.

Heute weiß ich, dass es mir sehr gut tat, mich mit anderen Kindern ohne Behinderung zu messen. Ganz einfach, weil es mich auf das spätere ‚normale’ Leben vorbereitet hat.

Laura Gehlhaar erwähnt aber auch, dass es Situationen gab, in denen sie sich mehr Unterstützung von seiten der Lehrer gewünscht hätte, zum Beispiel, als sie von Kindern aus anderen Klassen aufgrund ihrer Behinderung gehänselt wurde und ihr daraufhin nahegelegt wurde, doch einfach die Schule zu wechseln:

Meine Mutter sagte mir damals, dass es ganz allein meine Entscheidung sei, ob ich gehen oder bleiben sollte. Ich blieb. Und kämpfte. Und machte die gute Erfahrung, dass Klassenkameraden, die immer hinter mir standen, sich auch mal vor mich stellten und zum Schlag ausholten. Päng!

Menschen mit Behinderungen brauchen in manchen Situationen vielleicht mehr Unterstützung oder Aufmerksamkeit. Aber das brauchen alle Menschen von Zeit zu Zeit. Sei es während einer vorübergehenden Erkrankung, nach einem Unfall, wenn ein naher Angehöriger stirbt – es gibt unzählige Situationen, die uns Menschen verletzlich oder hilfebedürftig machen. Das ist nicht die Ausnahme, es gehört zum Menschsein dazu. Es wird nur einfach gerne verdrängt. Genau so wie die Tatsache, dass über 90% der Behinderungen keine Geburtsbehinderungen sind, sondern erst später entstehen. Oder dass 50% der Menschen irgendwann in ihrem Leben einmal psychisch erkranken. Oder dass wir alle (oder die meisten) irgendwann mal alt und damit möglicherweise auch gebrechlich werden.

Die Aussonderung von Menschen mit Behinderungen (sei es als etwas «Negatives» oder überhöht als etwas «ganz Besonderes») bedeutet immer auch eine Negation der eigenen Verletzlichkeit, die sich (noch) nicht behinderte Menschen nicht gerne vor Augen führen mögen und sich deshalb sagen: «Die Behinderten»… die sind doch ganz anders als ich.

Aber jeder Mensch ist was ganz Besonderes und einzigartig. Eine Behinderung ist dabei nur ein Merkmal unter vielen und macht niemanden per se zu einem besseren Menschen. Und auch nicht zu einem funkelnden Einhorn, das «Liebe und Regenbögen» auf die Erde bringt.

We’re not here for your inspiration

Im Juli 2012 veröffentlichte Stella Young, Redakteurin bei Ramp Up, den vielbeachteten Artikel «We’re not here for your inspiration»  in dem sie den Begriff «Inspiration porn» anhand eines auf Socialmedia oft geteilten Bildes erklärte (Um die Ironie der Geschichte, welche der Bild-Text-Kombination mit Pistorius inzwischen noch eine neue Dimension hinzugefügt hat, ging’s damals noch nicht):

Young schreibt:

«Inspiration porn is an image of a person with a disability, often a kid, doing something completely ordinary – like playing, or talking, or running, or drawing a picture, or hitting a tennis ball – carrying a caption like „your excuse is invalid“ or „before you quit, try“. Increasingly, they feature the Hamilton quote.»

(…)

Let me be clear about the intent of this inspiration porn; it’s there so that non-disabled people can put their worries into perspective. So they can go, „Oh well if that kid who doesn’t have any legs can smile while he’s having an awesome time, I should never, EVER feel bad about my life“. It’s there so that non-disabled people can look at us and think „well, it could be worse… I could be that person“.

In this way, these modified images exceptionalise and objectify those of us they claim to represent. It’s no coincidence that these genuinely adorable disabled kids in these images are never named: it doesn’t matter what their names are, they’re just there as objects of inspiration.

But using these images as feel-good tools, as „inspiration“, is based on an assumption that the people in them have terrible lives, and that it takes some extra kind of pluck or courage to live them.

For many of us, that is just not true.

(…)

I can’t help but wonder whether the source of this strange assumption that living our lives takes some particular kind of courage is the news media, an incredibly powerful tool in shaping the way we think about disability. Most journalists seem utterly incapable of writing or talking about a person with a disability without using phrases like „overcoming disability“, „brave“, „suffers from“, „defying the odds“, „wheelchair bound“ or, my personal favourite, „inspirational“.

If we even begin to question the way we’re labelled, we slide immediately to the other end of the scale and become „bitter“ and „ungrateful“. We fail to be what people expect.

Which brings us back to Scott Hamilton and his mantra. The statement „the only disability in life is a bad attitude“ puts the responsibility for our oppression squarely at the feet, prosthetic or otherwise, of people with disabilities. It’s victim blaming. It says that we have complete control of the way disability impacts our lives. To that, I have one thing to say. Get stuffed.

By far the most disabling thing in my life is the physical environment. It dictates what I can and can’t do every day. But if Hamilton is to be believed, I should just be able to smile at an inaccessible entrance to a building long enough and it will magically turn into a ramp. I can make accessible toilets appear where none existed before, simply by radiating a positive attitude. I can simply turn that frown upside down in the face of a flight of stairs with no lift in sight. Problem solved, right?

I’m a natural optimist, but none of that has ever worked for me.

Inspiration porn shames people with disabilities. It says that if we fail to be happy, to smile and to live lives that make those around us feel good, it’s because we’re not trying hard enough. Our attitude is just not positive enough. It’s our fault. Not to mention what it means for people whose disabilities are not visible, like people with chronic or mental illness, who often battle the assumption that it’s all about attitude. And we’re not allowed to be angry and upset, because then we’d be „bad“ disabled people. We wouldn’t be doing our very best to „overcome“ our disabilities.

I suppose it doesn’t matter what inspiration porn says to us as people with disabilities. It’s not actually about us. Disability is complex. You can’t sum it up in a cute picture with a heart-warming quote. So next time you’re tempted to share that picture of an adorable kid with a disability to make your facebook friends feel good, just take a second to consider why you’re really clicking that button.»

Obiges sind nur einige Auszüge aus Youngs Artikel «We’re not here for your inspiration». Ich empfehle den gesamten Text zur Lektüre.

Ebenfalls empfehlenswert sind die daran anlehnenden deutschsprachigen Artikel «Inspiration» von Laura Gehlhaar («Fremde klopfen mir anerkennend auf die Schulter allein deswegen, weil ich existiere. Und genau in diesem Moment fühle ich mich zum Objekt degradiert. In diesem Augenblick verschwinden mein Charakter, meine Eigenschaften und mein Wesen hinter meiner Behinderung.») und «Wir sind hier nicht zur Inspiration» von Raúl Krauthausen.