Tod nach Plan – André, psychisch krank und lebensmüde

Ein schwer psychisch kranker Mann will sterben und wird in seinen letzten Lebenswochen von der Kamera begleitet – Darf man das zeigen? Und dann auch noch zur besten Sendezeit? Der Film über André Rieder, der mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben gehen möchte, löste schon vor der Ausstrahlung Kontroversen aus.

Doch DOK-Autor Hanspeter Bäni ist ein so einfühlsamer und bewegender Film gelungen, dass die Medien danach kaum Kritikpunkte finden konnten. Ausser – so die NZZ«dass die Schwere des Leidens des Sterbewilligen nicht wirklich fassbar wurde» oder wie es der Blick formulierte.: «Das Bizarre daran: Der Mann ist nicht todkrank. Er wirkt stabil, glücklich, und manchmal lacht er sogar im Film».

Und genau diese Irritation ist aus meiner Sicht eine der ganz grossen Stärken des Films, die Darstellung oder Vermittlung von psychischem Leiden ist schwierig, eigentlich unmöglich. Wird es trotzdem versucht, wirkt es oft platt, stark abstrahiert – und in den meisten Fällen für Gesunde nicht nachvollziehbar. Filmer Bäni und Protagonist Rieder versuchen es deshalb gar nicht erst. Nur in kurzen nüchternen Fragmenten wird die Leidensgeschichte von Rieder aufgezeigt: Seit 20 Jahren manisch-depressiv, ein ganzer Tisch voller Medikamente, um die 20 Kinkaufenthalte, oft mittels Fürsorgerischem Freiheitsenzug eingeleitet, U-Haft wegen Körperverletzung in einer manischen Phase, im Wiederholungsfall droht ihm die Verwahrung in einer psychiatrischen Klinik. Das Ausmass des Leidens wird dem Zuschauer nicht durch Beschreibung klar, sondern durch die wohlüberlegte Entscheidung Rieders, den Tod diesem Leiden vorzuziehen.

Sofern der Zuschauer, die Zuschauerin, bereit und willens ist, diesen Gedankengang zu machen. Dass ausgerechnet im 20 Minuten moniert wird, «es fehle dem Film ein Hoffnungsschimmer» und ach so politisch korrekt darauf hinweist, dass es in der Schweiz schliesslich zahlreiche Beratungsangebote gäbe, die psychisch Kranken helfen würden, ist an Doppelmoral kaum zu überbieten. Ausgerechnet 20 Minuten, dass sich just zwei Tage zuvor genüsslich und ausführlich über einen psychisch kranken IV-Rentner ausgelassen hatte, der sich einer Polizeikontrolle widersetzt hatte… was hätte 20 Minuten über André Rieder getitelt? «Psychisch kranker IV-Rentner wegen Körperverletzung in U-Haft»?

Schlagzeilen, die das «ungebührliche» oder gar «kriminelle» Verhalten inbesondere von IV-Bezügern/Betrügern mit psychischen Kankheiten anprangern garantieren 20 Minuten doch stets die höchsten Klickraten.

Sobald der «anonyme psychisch kranke IV-Bezüger A. R.» aber einen vollen Namen, ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte erhält, wird das etwas schwierig mit den Vorurteilen.

Und André Rieder macht es den Vorurteilsbehafteten wirklich nicht leicht; er ist gebildet, kulturell interessiert, war beruflich sehr erfolgreich – und verfügt, wie der Film eindrücklich zeigt, über einen unterstützenden Freundeskreis. Nichts davon passt auf das gängige Bild «eines schwer psychisch Kranken». Und die Tragik an der ganzen Geschichte; wäre er seinen Weg nicht konsequent zu Ende gegangen, hätte ihm wohl kaum einer die Schwere seines Leidens abgenommen.

Vielleicht ist das André Rieders Vermächtnis, das aufrütteln sollte; selbst bei denjenigen, deren Leiden so stark ist, dass sie nicht weiterleben mögen, können wir es von aussen kaum sehen. Es darf nicht sein, dass als nachträglicher Beweis der Schwere eines unsichtbaren Leidens bald nur noch der Suizid der Betroffenen gelten kann. Weit davon entfernt sind wir ja nicht mehr.

Das scheint übertrieben? Nun, wie hätte denn die Überschrift im 20 Minuten wohl gelautet, wenn André Rieder sich gegen den Tod entschieden hätte? Vielleicht: «Angeblich psychisch kranker IV-Rentner vergnügt sich in Zauber- schau und Picassoausstellung»…?

Den Dok-Film kann man bei SF DRS ansehen. Eindrücklich auch der Hintergrundbericht des Filmers Hanspeter Bäni.