Was wir nicht sehen wollen

Viel wird derzeit geschrieben über den Fall des Behindertenbetreuers, der über Jahre hinweg in verschiedenen Heimen über 100 Kinder und Jugendliche missbraucht hat. Entsetzen wird kundgetan und von allen Seiten nach Verbesserung und verschärften Kontrollen gerufen. Von vielen Politikern vorraussichtlich gerade so lange, wie ihnen ein Mikrophon unter die Nase gehalten wird und bei den nächsten Entscheiden, die sie über die Belange von Behinderten treffen werden, haben sie das alle schon wieder vergessen und werden – selbstverständlich damit argumentieren, dass «auch die Behinderten ihren Beitrag zu den allgemeinen Sparbemühungen beizutragen haben». Oder was ihnen halt sonst so einfällt.

Zum Beispiel das hier: «Ich habe Ihnen beim Eintreten gesagt, dass wir keinen einseitigen Ausbau der IV akzeptieren. Mit dem Antrag der Mehrheit zu Artikel 42quinquies wird der Assistenzbeitrags-anspruch auf Angehörige ausgedehnt.  (…) Wenn ich mich recht erinnere, hat die IV ein finanzielles Problem, und wir haben hier eine Vorlage, die beabsichtigt, die IV in einem ersten Schritt teilweise zu sanieren. Sie haben der Bevölkerung versprochen, eine Sanierung der IV an die Hand zu nehmen. Dann geht es aber nicht an, dass Sie mit der Mehrheit unnötige grössere Ausgaben in der IV beschliessen». Das waren Toni Bortoluzzis Worte in der Wintersession zur IV-Revision 6a und die bürgerliche Mehrheit folgte ihm und lehnte es mit Blick auf ihre Wähler ab, dass Assistenz gebende Angehörige (Eltern, Kinder, Partner) mit einem Drittel des Assistenzbeitrages entschädigt werden könnten.

Was hat das nun alles mit den Missbrauchsfällen zu tun? Nun, Mark Zumbühl von der Pro Infirmis (diesmal hoffentlich richtig zitiert) sagt im Interview mit der NZZ: «Vermehrt diskutieren müssen wir auch die Frage, ob Behinderte ausserhalb von Institutionen nicht besser aufgehoben sind, also zum Beispiel in anderen Wohnformen mit teilzeitlicher Betreuung, je nach Bedarf.» Und auch Peter Wehrli vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben spricht im Interview mit dem Tagesanzeiger alternative Wohnformen an: «Behinderte und Kinder, die in Heimen untergebracht sind, brauchen mehr Kontakte mit der Aussenwelt. Sie sollen sich, wenn möglich, in der normalen Welt bewegen können. Behinderte wären ausserhalb von Institutionen besser aufgehoben und besser geschützt als in Heimen, wo sie praktisch alleine mit ihren Betreuern hinter verschlossenen Türen leben. Am besten wäre es, wenn sie im familiären Rahmen betreut werden und wohnen könnten. Dort ist für Behinderte die Wahrscheinlichkeit kleiner, Opfer von Missbräuchen zu werden, weil es eine soziale Kontrolle durch das normale Umfeld gibt.»

Nun mag man natürlich angesichts der Tatsache, dass generell die meisten Miss- bräuche in der Familie bzw. dem sogenanten sozialen Nahraum stattfinden, kurz irritiert reagieren auf das Bild der Familie als sicherer Ort – aber im Falle von Menschen mit Behinderungen ist das Risiko sexuellen Missbrauchs in Heimen und Institutionen tatsächlich um ein vielfaches erhöht. Irritierend jedenfalls, wenn Aiha Zemp, die vormalige Leiterin der Fachstelle Behinderung und Sexualität (Ende 2010 aufgrund fehlender Finanzierung geschlossen) von einem Zürcher Behindertenheim berichtet, in dem alle Frauen über 16 hormonell verhüten müssen, da sie sonst nicht aufgenommen werden. Offiziell begründet wird dies mit dem Schutz vor einer unerwünschten Schwangerschaft (obwohl nur wenige behinderte Frauen in Heimen in einer Partnerschaft sind)  inoffiziell aus der Angst heraus, sie könnten vergewaltigt werden.

Um nun noch ein dritten Mal das Wort «irritierend» zu benutzen – denn ein anderes fällt mir dazu nicht ein: der Bericht gestern im 10vor10, der sich hauptsächlich um die Frage drehte, warum dem Täter immer wieder so gute Arbeitszeugnisse ausgestellt wurden. Nun mag zum einen sicher das berühmte «Wegschauen wollen» ein Rolle gespielt haben, zum anderen aber finde ich die Frage auch irgendwie seltsam. Diese Idee vom menschlichen Monster, das sich in allen Bereichen und für jeden sofort ersichtlich dermassen unangebracht verhält, dass ein jeder gleich darauf kommt, dass da etwas nicht stimmen kann – entspricht einfach nicht der Realität. Das hätten wir Menschen gerne so – damit wir einfach unterscheiden könnten zwischen «gut» und «böse» – zwischen «richtig» und «falsch».

Wir wollen nicht sehen, dass der kultivierte Arzt gleichzeitig der eiskalte Mörder sein kann, der seine Frau mit der Armeewaffe erschiesst. Wir wollen nicht sehen, dass der Mann, der als guter Pfarrer gilt, seine Tochter missbraucht hat, denn das kann nicht sein. Und weil wir in unserer Wahrnehmung von «richtig» und «falsch» nicht verunsichert werden möchten, suchen wir Gründe, warum unsere Wahrnehmung richtig sein muss.

Ein absolutes Paradebeispiel dafür lieferte der Tagesanzeigerjournalist Stefan Hohler letzten Sommer, als er über den oben erwähnten Fall des Thalheimer Pfarrers einen Kommentar mit dem Titel «in dubio pro reo» schrieb. Er begann mit dem Satz: «Der Vorwurf war schier unglaublich: Der reformierte Pfarrer von Thalheim im Kanton Aargau soll seine minderjährige Tochter vergewaltigt und sexuell missbraucht haben – nicht nur einmal, sondern unzählige Male und über Jahre hinweg. (…)» und diskrediterte dann in aller Ausführlichkeit die Tochter als unglaubwürdig, da es sich bei ihr «um eine sehr instabile Persön-lichkeit mit einem Borderline-Syndrom handle, die ist seit Jahren in psychiatrischer und psychologischer Beratung sei». Dass langjähriger Missbrauch oftmals ein Grund für schwerwiegende psychische Störungen (und insbesondere das Borderline-Syndrom) darstellen kann, interessierte den Jounalisten in seiner «Beweisführung» nicht, er befand: «Mit der gerichtlichen Aufarbeitung und dem Freispruch ist dem Fall nun Genüge getan.» Kürzlich wurde dazu bekannt: Der erstinstanzliche Freispruch des ehemaligen Dorf- pfarrers von Thalheim ist nicht rechtskräftig: Die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt.

Das seltsame Verständnis von Pro Infirmis für Gleichstellung

In Deutschland sieht man die Sache folgendermassen: «Ein Behinderten-parkplatz ist eine spezielle Parkmöglichkeit für behinderte Menschen. Er ist eine (von vielen) Massnahmen zum Ausgleich von Nachteilen, die Behinderte haben». Die spezielle Parkkarte für Behindertenparkplätze erlaubt auch das Parkieren auf normalen Parkplätzen – und zwar umsonst.

In Aarau sieht man es folgendermassen: «Wer als Behinderter länger als 2,5 Stunden parkieren will (Parkzeitbegrenzung auf Behindertenparkplätzen in Aarau, in Deutschland sind es 24 Stunden), soll gefälligst die öffentlichen Parkplätze benutzen und dafür bezahlen. Dieser Meinung sind nicht nur das aargauische Stadtbauamt und die Stadtpolizei sondern auch der Sprecher von Pro Infirmis Mark Zumbühl, der von der Aargauer Zeitung folgendermassen zitiert wird: «Man kann als behinderter Mensch nicht erwarten, dass man nichts zahlt für einen Parkplatz. Das wäre nicht zu Ende gedachte Gleichstellung. Falls es aber die finanzielle Situation eines Rollstuhlfahrers nicht zulassen würde, einen Parkplatz zu bezahlen, müsste er bei einer zuständigen Stelle Erlass beantragen.»

Man könnte ja nun annehmen hoffen, dass es bei der Pro Infirmis auch den einen oder anderen Rollstuhlfahrer unter den Mitarbeitenden oder in der Geschäftsleitung gibt, der Herr Zumbühl mal erklären könnte, worin der tiefere Sinn von speziellen Behindertenparkplätzen liegt. Dass nämlich Rollstuhl-fahrerInnen zum Ein- und Aussteigen eine Türbreite Abstand zur Wand, zum Bordstein oder zum nächsten Auto benötigen und Behindertenparkplätze deshalb in der Regel breiter sind als reguläre Abstellplätze. Und dass Geh- behinderte oder Rollstuhlfahrer oftmals nicht einfach beliebig weite Distanzen zurücklegen können.

Ausserdem scheint es Herr Zumbühl offenbar auch nicht bekannt zu sein, dass der öffentliche Verkehr in der Schweiz noch alles andere als barrierefrei ist. Mobilitäts-Behinderte also nicht frei entscheiden können, ob sie nun lieber mit dem Bus oder dem Auto in die Stadt fahren möchten.

Und und zu guter Letzt vervollständigt der Hinweis, dass «Behinderte, die sich den Parkpatz eben nicht leisten können, doch bei den zuständigen Stellen um Erlasse bitten betteln sollen» mal wieder das von der pro Infirmis zur Spenden-generierung fleissig bewirtschaftete Bild der armen unselbständigen Behin-derten als Bittsteller und Almosenempfänger.

Hallo, Pro Infirmis? Diese parternalistische Haltung Behinderten gegenüber ist einfach nicht mehr angebracht. Wir sind nicht mehr im 19. sondern mittlerweile im 21. Jahrhundert. Einfach so als Hinweis, falls das irgendwie an den Büros der Pro Infirmis vorbeigegangen sein sollte…

Und eigentlich dachte ich, dass Behindertenorganisationen dazu da sind, sich für die Belange von Behinderten einzusetzen und nicht, sich gegen die Betroffenen zu wenden.

Oder hat da die Aargauer Zeitung in ihrem Artikel über den Rollstuhlfahrer Nicolas Hausammann und die Aargauer Behindertenparkplatzpolitik den Pro Infirmis-Sprecher Mark Zumbühl einfach nur falsch zitiert?

Wollen wir’s mal hoffen.