Kampagne «Wie geht’s dir?»

Als am 10. Oktober die Kampagne «Wie geht’s dir?» gegen das Schweigen über psychische Krankheiten lanciert wurde, hatte ich dazu drei Gedanken:

1. Endlich! (Da wurde jetzt lange genug drauf gewartet)
2. bieder solide Könnte schlimmer sein.
3. Dieser schrecklich gestaltete gelbe Button: War das der Schnupperstift?!

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Mittlerweile sind mir die Sujets schon mehrfach auf der Webseite des Tagesanzeigers als Einblender-Werbung begegnet. Und das finde ich gut. Gescheite Nutzung der neuen Medien bei etwas, wo Pro Mente Sana involviert ist. Das lässt hoffen. Auch wenn die Medienarbeit ansonsten eher diskret zu sein scheint; die Zuger Kampagne mit den sprechenden Mülleimern hatte im August 2013 jedenfalls ein deutlich breiteres Echo ausgelöst.

Immerhin erschien in der Limmattaler Zeitung ein lesenswertes Interview mit dem Psychiater Wulf Rössler unter dem Titel «Wir sind alle schizophren» Rössler sagt darin:

Ich hätte deshalb gerne mal eine Kampagne gemacht mit dem Titel: Wir sind alle schizophren.

Warum?

Im Prinzip gibt es kein psychiatrisches Symptom, das wir nicht alle kennen. Wir können also nicht so tun, als hätte dies alles nichts mit uns zu tun. Wenn wir auf andere zeigen, dann schauen immer auch einige Finger auf uns zurück.

(…)

Wie kann man Stigmatisierungen von psychisch kranken Menschen konkret vorbeugen?

Indem man sich die wichtige Erkenntnis vor Augen hält: Das könnte mir auch passieren. Und: Das, was diese Person durchmacht, kenne ich auch — wenn auch vielleicht in einem eher schwächeren Ausmass. Es geht also darum, nicht die Unterscheidung zu machen zwischen denen und uns. Zudem kennt fast jeder von uns — wenn man nicht gar selber betroffen ist — eine Person in seinem Umfeld, der ein psychiatrisches Problem hat. Es geht also auch darum, der Verleugnung von psychischen Erkrankungen entgegenzutreten.

Auch die NZZ berichtete über die Kampagne, konstatierte allerdings etwas herablassend: «Was sie als national deklarieren, ist zumindest vorläufig eher eine regionale Angelegenheit. Neben Zürich beteiligen sich zwar auch noch die Kantone Schwyz, Luzern und Bern, grossräumig sichtbar sein wird die Kampagne aber vor allem in Zürich und Schwyz.» Dass die Schwierigkeiten bei der Finanzierung auch dazu geführt haben, dass es so lange dauerte, bis zu dieses wichtigem Thema überhaupt einmal eine Kampagne zustande gekommen ist, lässt die NZZ unter den Tisch fallen.

Zur Geltung kommt diese Problematik hingegen auch an folgender Stelle auf der Webseite: «Die Broschüre kann für Fr. 2.- pro Exemplar (zuzüglich Versandkosten) mit unten stehendem Formular bestellt werden. Bestellungen aus den Kantonen Schwyz und Luzern sind kostenlos. Bestellungen bis zu 20 Ex. aus dem Kanton Zürich ebenfalls». Kantönligeist at its best.

Immerhin, die Informationsbroschüre im PDF-Format darf aus allen Kantonen gratis heruntergeladen werden. Und die Informationen zu vielen wichtigen Themen auf der Webseite (z.B. «Kinder psychisch erkrankter Eltern», «Therapiemethoden» oder «Gesprächstipps für das Umfeld») sind verdankenswerterweise auch aus allen Kantonen zugänglich.

Es wäre deshalb erfreulich, wenn sich am weiteren Verlauf der Kampagne (geplant sind 3 Jahre, mit verschiedenen Themenschwerpunkten) auch weitere Kantone nicht nur ideell, sondern auch finanziell beteiligen würden. Die Kosten, die psychische Krankheiten in der Schweiz jährlich verursachen, liegen nämlich bei rund 19 Milliarden Franken. Da sollte einem Prävention und Aufklärung vielleicht auch mal ein bisschen was wert sein.

Let’s talk about… money

Die Zürcher EVP-Nationalrätin Maja Ingold kritisiert in einem Artikel die aktuelle Stopp-Aids-Kampagne des BAG und schliesst mit folgendem Abschnitt:

«Die Budgets der Aids-Prävention leben von der Vergangenheit der ehemals tödlichen Krankheit. Heute sterben mehr Menschen durch Suizid. Für Suizidprävention besteht nicht einmal eine gesetzliche Grundlage. Hier ist politischer Handlungsbedarf. Die Mittelverteilung muss einer Neubeurteilung unterzogen werden und dem Bedarf an Prävention von gesamtgesellschaftlicher Relevanz angepasst werden.»

Dass ich die bisher schärfste öffentliche Infragestellung der aktuellen Mittelverteilung im Behinderten- bzw. Gesundheitsbereich mal ausgerechnet von einer EVP-Nationalrätin auf jesus.ch lesen würde, hätte ich mir jetzt nicht unbedingt träumen lassen… aber vielleicht kann man es ja als überdeutliches Zeichen dafür sehen, dass da tatsächlich so einiges im Argen liegt.

Ich wollte ja schon lange mal die Frage stellen, ob mir jemand erklären kann, weshalb die Elternvereinigung Insieme, welche (nach eigenen Angaben) 50’000 Betroffene (inkl. Kinder und Menschen im AHV-Alter) mit einer geistigen Behinderung «vertritt» aktuell pro Jahr 11 Millionen Franken BSV-Gelder* bekommt, während die Pro Mente Sana vom BSV nur 2 Millionen Franken bekommt, obwohl über 100’000 Menschen in der Schweiz eine IV-Rente aus psychischen Gründen beziehen (Zu den 100’000 kommen dann noch alle jene mit psychischen Erkrankungen dazu, die keine IV-Rente beziehen, sowie Kinder und Personen im AHV-Alter).

Ausserdem:

Und wir haben als eines der reichsten Länder der Welt – bislang – kein Geld für ein breit aufgestelltes und national koordiniertes Präventions/Sensibilisierungs/Forschungsprogramm im Bereich psychische Krankheiten?

Really?

Wir sollten wirklich ganz dringend mal über eine Mittelverteilung reden, die der aktuellen «gesamtgesellschaftlichen Relevanz» entspricht.

Braucht man bei der Pro Mente Sana (und den anderen Akteuren im Bereich psychische Gesundheit) dafür nochmal einen Wecker, oder kriegt ihr das auch so hin?

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* In den Vergleich wurden nur die beiden grössten deutschsprachigen Organisationen im jeweiligen Bereich einbezogen, aber am deutlichen Missverhältnis ändert der Einbezug der anderssprachigen Organisationen nicht viel. Auflistung aller Organisationen und deren Beiträge: Art.74 IVG und Art.101 AHVG: IV/AHV-Beiträge pro Jahr an Organisationen der privaten Behindertenhilfe für die Periode 2011-2014 

Nachtrag: Eine aktuelle und detaillierte Auflistung der Aktivitäten der einzelnen Kantone im Bereich psychische Gesundheit gibt’s beim Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz inkl. jeweilige Stellenprozente und Budget. Die Spannweite reicht von Kantonen, die weder Aktivitäten noch Budgets dafür haben (u.a. TI, SH, OW, NW, GL, BL) bis 800’000 Budget im Kanton Zürich u.a. für Suizidprävention und eine geplante Kampagne. Interessse an einer nationalen Kooperation hätten 18 Kantone.

Ergänzung 8.6.2014: NR Maja Ingold hat im Parlament die Interpellation «Mitteleinsatz des BAG für Prävention» eingereicht.
Auszug: Offensichtlich ist die Bevölkerung wenig betroffen von der HIV-Gefahr, hingegen sehr beunruhigt durch Burnout und Depression, die für den Grossteil von Suiziden mit- wenn nicht hauptverantwortlich sind. Wie antwortet der Bundesrat auf diese tiefe Besorgnis von zunehmenden psychischen Krankheiten? Wie steuert der Bundesrat seine Präventionsbemühungen gemäss neuem allfälligem Bedarf?