Hans-Martin Zöllner: «Wenn der Patient macht, was wir wollen, nennen wir das Compliance»

Dr. phil. Hans-Martin Zöllner: Wenn man für die Patienten zu wissen glaubt, wo sie am besten wohnen, wie sie am besten Beziehungen gestalten, welche Psychoedukation sie brauchen und welches Wohnheim, oder auch nicht in ein Wohnheim, bei den Eltern oder nicht bei den Eltern, hat man schon verloren. Die Patienten wissen selber eigentlich, was sie brauchen. Manchmal muss man mit ihnen ein bisschen darüber reden, dass es klar wird, und dann müssen sie es tun. Ich habe nie, auch am Anfang nicht, mir für irgendeinen Patienten seinen Lebensweg ausgedacht. Und das passiert heute in der Psychiatrie so oft. Man sitzt zusammen, nennt das  Standort – ich  weiss auch nicht, warum man das so nennt, das ist eigentlich eine Verwirrungskampagne – und jedermann sagt, was er sich für den Patienten ausgedacht hat. Und dann wird der Patient da reingeholt, ganz verschüchtert,  wegen der vielen Menschen da; und dann sagt man: Wissen Sie, Herr Tobler, wir haben uns überlegt: Für Sie wäre doch das Beste, …… Und der Patient denkt: Die müssen es ja wissen, was das Beste ist. Na klar, ist ja … Und dann wird er wahrscheinlich in der nächsten Woche entlassen, weil er das macht, was wir wollen. Und das benennen wir dann mit dem Fremdwort «Compliance». So geht das heute in der Psychiatrie, und das macht mich zornig.

Boothe: Und was wollen die Patienten, wenn sie ihren eigenen Weg oder ihre eigene Situation selber bestimmen und jemanden wie Sie haben, der das dann auch wirklich hört, zur Kenntnis nimmt und respektiert?

Zöllner: Sie wollen wohl verstanden werden. Unter anderem wollen sie auch über Schuld und Scham reden. Was ist eigentlich passiert, dass ich, Hugentobler, schizophren geworden bin und du, Zöllner, ja offensichtlich nicht? Bist denn du der bessere Mensch? Bin ich der Schlechtere? Das ist so ein Thema, das Patienten interessiert (…)

Auszug aus einem ausführlichen und spannenden Gespräch zum Thema «Gute psychiatrische Praxis heute» zwischen Dr. phil. Hans-Martin Zöllner (Ehemals leitender Psychologe PUK Zürich) und Prof. Dr. phil. Brigitte Boothe im Rahmen des Forschungskolloquiums FS 11 vom 13. April 2011. Ganzes Gespräch lesen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Vor einigen Tagen sendete 10vor10 anlässlich des IV-Sparwahns bei der SGK-N einen Beitrag über die schwierige Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Untenstehend ein Filmstill aus dem Beitrag:

Das Still «zeigt» M.R. welcher kurz vor der Matura an Schizophrenie erkrankt ist, trotzdem später eine KV-Lehre absolviert und erst nach langer Suche eine 50%-Stelle im «normalen» Arbeitsmarkt gefunden hat.
Was dieses Bild auch zeigt: Was Stigmatisierung bedeutet.
Psychisch kranke Menschen möchten ihr Gesicht nicht zeigen. Sie bleiben lieber anonym. Das ist verständlich, da sie –  leider nicht zu Unrecht – befürchten müssten, im beruflichen und/oder persönlichen Umfeld mit Vorurteilen und anderen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden, würden sie sich öffentlich «outen».

Das Problem an der ganzen Sache ist; dadurch entsteht ein sich selbst aufrechterhaltender Teufelskreis. Solange Menschen mit einer psychischen Erkrankung in den Medien entweder nur als gefährlich oder als unscharfer Umriss dargestellt werden, bleibt die Stigmatisierung aufrechterhalten. Denn die Menschen dahinter bleiben verborgen.

Und politisch ist eine «anonyme Masse» sehr viel einfacher zu diskriminieren, als Menschen mit Namen, Gesicht und Stimme.

Manchmal denke ich, manchen psychisch soweit «gesunden» Menschen macht der Gedanke an Gemeinsamkeit/Ähnlichkeit mit psychisch Kranken viel mehr Angst als die Unterschiede zu ihnen. Diese Unterschiede sind nämlich in vielen Bereichen oftmals gar nicht so gross.

Auch psychisch kranke Menschen möchten sich – soweit es ihre Krankheit zulässt –  einbringen, ihre Talente entfalten, sich nützlich fühlen. Es ist wesentlich einfacher, diese Tatsachen zu verleugnen*, und die Betroffenen als komplett anders als man selbst – nämlich als faul und unwillig darzustellen (womit Politiker und andere Akteure die immer weiter verschärfte IV-Gesetzgebung rechtfertigen) als einzugestehen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der offenbar (noch) eine so grosse Stigmatisierung von psychisch Kranken besteht, dass es Betroffenen nicht mal möglich ist, sich ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit zu äussern.

Wenn das nicht möglich ist – wie soll dann erst Integration funktionieren?

Video-Beitrag 10vor10

Siehe auch Blogeintrag: Wen würden Sie einstellen?

*Festzustellen, dass psychisch kranke Menschen vielleicht gar nicht so anders sind als man selbst, bedeutet eben auch anzuerkennen, dass man selbst vielleicht auch psychisch erkranken könnte – und dadurch vorübergehend oder dauerhaft das verlieren könnte, worauf man so unglaublich stolz ist: Mit dem eigenen Willen «alles» erreichen zu können. Also sagt man lieber, «die» sind ganz anders als ich. Ich bin rechtschaffen, pflichtbewusst, arbeitsam. «Die» nicht.

Was ist Ihr Wort wert, Herr Bundesrat Burkhalter?

Nachdem der Nationalrat am 16. Dezember 2010 die Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a über die «pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebilder» angenommen hatte, beschrieb ich in einem Blog-Artikel, weshalb diese Schlussbestimmung die Grundlage dazu legen würde, dass praktisch sämtliche psychischen Krankheiten von IV-Leistungen ausgeschlossen werden können – auch wenn Herr Bundesrat Burkhalter noch so oft beteuerte, dass die Schlussbestimmung eigentlich gar nicht so gemeint sei, wie sie formuliert ist und «Menschen mit schweren psychischen Störungen selbstverständlich nicht betroffen wären».

Der Artikel trug den Titel «BR Burkhalter lügt und überzeugt damit das Parlament». Er trug diesen Titel nicht sehr lange, denn ich erhielt bald nach der Veröffentlichung eine freundliche aber bestimmte Mail von Herrn Crevoisier, dem Chef de la communication du Département fédéral de l’intérieur in der ich aufgefordert wurde, «les textes calomnieux» auf meinem Blog unverzüglich zu löschen. Und weiter: «Il est du droit de tout un chacun de mener un combat politique controversé. L’échange d’arguments, s’il peut être vif, doit toutefois rester respectueux. M. le conseiller fédéral Didier Burkhalter mène sa carrière politique en s’assurant toujours de dire ce qu’il fait et de faire ce qu’il dit. Le traiter de menteur est injurieux».

Das sah ich ein. Ich änderte den Titel und löschte zwei Sätze. Der Artikel selbst aber blieb stehen. Damit ging die Angelegenheit für den Pressesprecher des EDI in Ordnung.

Die Sache mit den «pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern» aber, die ging gar nicht in Ordnung. Den einen oder anderen Ständerat, die eine oder andere Ständerätin vor der Differenz-bereinigung mittels einer von vielen Bloglesern unterstützen Mailaktion doch noch zum Umdenken zu bewegen, war insofern ein interessantes Experiment, als man sich immer wieder fragte: Glauben die Parlamen-tarierInnen tatsächlich an das von Herrn Burkhalter vorgebetete Mantra, «dass psychische Krankheiten nicht überprüft würden»? Einige Ständeräte (beispiels- weise Felix Gutzwiller von der FDP) hegten offenbar durchaus gewisse Zweifel und sprachen sich gegen die Schlussbestimmung aus. Die Mehrheit jedoch sprach sich dafür aus und wir werden wohl nie erfahren, ob aus reiner Gutgläubigkeit oder im genauen Wissen um die Folgen.

Fakt ist: Am 28. März 2011 (Gerade mal 10 Tage nach der Absegnung der IV-Revision 6a durch das Parlament) entschied das Verwaltungsgericht des Kantons Bern im Fall eines psychisch kranken Mannes, dass seine durch eine generalisierte Angststörung verursachten Symptome (Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Konzentrationsstörungen, Hyperventilation, Schwindel, Müdigkeit, Schlafstörungen, Suizidgedanken) ja nicht auf organische Ursachen zurückzuführen wären, und «eine generalisierte Angststörung deshalb denselben sozialversicherungsrechtlichen Anforderungen zu unterstellen ist, wie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung bzw. wie sämtliche pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebilder ohne nachweisbare organische Grundlage.» Das Gericht befand des Weiteren: «Es wäre denn auch kaum verständlich, wenn den Schmerzpatientinnen und -patienten grundsätzlich zuzumuten wäre, trotz unbestritten empfundener Schmerzen zu arbeiten, wogegen dem Beschwerdeführer grundsätzlich nicht zumutbar sein sollte, die Angstgefühle und deren Begleiterscheinungen zu überwinden (…)Damit liegt beim Beschwerdeführer trotz seiner Angststörung kein invalidisierender Gesundheitsschaden vor.»

Dies ist zwar (noch) kein Bundesgerichtsentscheid. Aber es ist genau das, was vorrauszusehen war.

Auch bei der schweizerischen Angst- und Panikhilfe hatte man bezüglich der Schussbestimmung Bedenken und deren Präsident hatte sich noch während der laufenden Ratsdebatten über die IV-Revision 6a an Bundesrat Burkhalter gewandt. Fraglich ist nun, was angesichts des eben geschilderten Gerichts-entscheides die bundesrätliche Antwort vom 22. März 2011 noch wert ist. Wenn ich mal kurz aus Herrn Burkhalters Brief an die Angst- und Panikhilfe zitieren darf:

«(…)Ihre Befürchtungen sind im Bezug auf die Angststörungen unbegründet, da diese aus unserer Sicht objektivierbar sind und eindeutig diagnostizierbare Gesundheitsstörungen darstellen

(…) Beschwerdebilder, bei denen eine Diagnose gestützt auf klinische (psychiatrische) Untersuchungen klar gestellt werden kann, werden im Rahmen der Schlussbestimmungen der Revision 6a dagegen nicht überprüft. Zu diesen Beschwerdebildern gehören auch die von Ihnen unter Frage 2 aufgeführten Angststörungen.»

Tja also, wie ist das denn nun: Was ist Ihr Wort wert, Herr Bundesrat?

Angebliche Depression = rufschädigend?

Der Tagesanzeiger schreibt: «Am 28. Februar strahlte die Tagesschau einen Beitrag zum Thema Depressionen und deren Stigmatisierung aus. Als Einstieg zeigte der Sender Dieter Leutwyler, den ehemaligen Pressechef von Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz, bei seiner früheren Arbeit im Bundeshaus – einwandfrei identifizierbar. Zu diesen Archivbildern, die aus dem Jahr 2007 stammen, warnte der Sprecher der «Tagesschau», wie schnell übermässige Belastung am Arbeitsplatz zu Depressionen führen könne. Dass es sich dabei lediglich um Symbolbilder handelte, merkte der Zuschauer nicht: Es fehlte der Vermerk «Archiv» oder der Hinweis «Symbolbild».

Herr Leutwyler war verständlicherweise not amused und beschwerte sich beim Ombudsmann des Schweizer Fernsehens. Das ist wie gesagt, verständlich und nachvollziehbar. Da hat sich die Redaktion einen dicken Fehler geleistet, der so nicht hätte passieren dürfen.

Nichtsdestotrotz ist Leutwylers Reaktion auch… nun ja interessant. Die Stigmatisierung seiner Person als «Psychofall» wertet er nämlich als «grobe Persönlichkeitsverletzung», die überdies «in hohem Mass rufschädigend» sei. Darum erwäge er rechtliche Schritte. Er schrieb an den Ombudsmann: «Aufgrund meiner früheren Tätigkeit in Bern als auch in meiner jetzigen Stellung (Kommunikationschef der Sicherheitsdirektion BL) war und bin ich zwangsläufig nach wie vor besonders exponiert. Bei vielen Leuten in der Schweiz und insbesondere im Kanton Basel-Landschaft, welche mich problemlos identifizieren konnten, wie ich auf Grund zahlreicher Rückmeldungen feststellen musste, ist weit herum der grundfalsche Eindruck entstanden, ich sei im Bundeshaus als Mitarbeiter von Bundesrat Hans-Rudolf Merz depressiv geworden. Ich gehöre also aufgrund dieses Fernsehbeitrags zu den «psychisch Behinderten», wie John Kummer die an der Depression erkrankten Personen in Film bezeichnete.»

Wie gesagt, irgendwie interessant, wie schlimm es für einen so erfolgreichen Mann offenbar ist, mit einer psychischen Krankheit in Verbindung gebracht zu werden, geradezu rufschädigend.

Noch jemand Fragen zum Thema «psychische Krankheiten und Stigmatisierung…?»

Also ehrlich gesagt, würde mich ja interessieren, was ein Gericht dazu sagt. Ist es tatsächlich rufschädigend, jemanden fälschlicherweise als «depressiv» zu bezeichnen bzw. darzustellen und wenn ja, weshalb?

Ist es dann auch rufschädigend, depressiv zu sein? Und wen darf man dann dafür verklagen?

Nachtrag: Das Schweizer Fernsehen hat sich bei Leutwyler entschuldigt und den Beitrag von der Internetseite genommen. Damit sei der Fall für ihn erledigt, sagte Leutwyler. Er werde keine rechtlichen Schritte einleiten.» Quelle: persoenlich.com

«Hallo! Ich bin ein Mensch, keine Krankheit»

Schwarzweissfotografie ines jungen Mannes lächelnd, überlagert vone inem Foto des selbe Jungen mannes mit bekümmerten gesichtsausdruck. Text: Hallo! ich bin ein Mensch, keine Krankheit.

Es ist Frühling und die Kampagnen spriessen… Diesem Pflänzchen wünscht man ganz besonders, dass es kräftig gedeihe und Früchte trage auch über die Region Basel hinaus: Die IG PRIKOP (Interessengemeinschaft Private Koordination Psychiatrie) lanciert eine einjährige Kampagne in Basel mit der sie das Verständ- nis für psychische Erkrankungen und davon betroffene Personen in der Bevölkerung verbessern und die Integration fördern will.

Auf der Webseite www.hallo-ich-bin-ein-mensch.ch werden unter anderem verschiedene Psychische Erkrankungen von Angst bis Zwänge kurz und anschaulich erklärt, Tipps für die Unterstützung und das Verständnis von Psychisch Kranken gegeben, Hilfsangebote in der Region Basel für Betroffene aufgeführt und in der Agenda verschiedene Veranstaltungen zum Thema aufgelistet.

Warum solche Kampagnen wichtig sind, erklärte Martina Saner, Vorstands-mitglied von PRIKOP und Geschäftsführerin der Stiftung Melchior in ihrem Votum an der Medienkonferenz: «(…) Statt auf Wohlwollen und Unterstützung wie etwa im Fall einer schweren körperlichen Erkrankung, stösst jemand, der an der Psyche erkrankt, im Umfeld oft auf Unverständnis, Widerwillen und Misstrauen. Viele glauben, eine psychische Erkrankung sei hausgemacht, selbst verschuldet. Die Person ist halt ungeschickt, einfach faul oder gar ein Schmarotzer auf Kosten anderer. Eine psychische Erkrankung sieht man auf keinem Röntgenbild, in keiner Blutanalyse. Und das macht eine solche Erkrankung verdächtig.

Es gibt kaum eine andere Erkrankung, bei der Betroffene derart stigmatisiert und diskriminiert werden, wie bei einer psychischen. Dies hat schlimme Auswirkungen auf die Betroffenen – aber auch für die Gesunden. Denn was verdrängt wird, was nicht sein darf, wird nicht rechtzeitig als Leiden erkannt und behandelt. Was nicht sein darf, mit dem finden wir keinen konstruktiven
Umgang.»

Und jeder, der immer noch der Überzeugung ist, dass Menschen mit psychischen Erkarkungen einfach ein bisschen «faul» sind, sollte mal den Bericht der selbst betroffenen Michelle Kübler lesen. Vor deren Kampfgeist und deren Kraft nach jedem Rückschlag doch immer wieder neuen Mut zu fassen, könnte sich dann glaube ich der eine oder andere «Gesunde» nur noch respektvoll verneigen.

Hier noch die weiteren Sujets; vergrössern durch draufklicken:


Tod nach Plan – André, psychisch krank und lebensmüde

Ein schwer psychisch kranker Mann will sterben und wird in seinen letzten Lebenswochen von der Kamera begleitet – Darf man das zeigen? Und dann auch noch zur besten Sendezeit? Der Film über André Rieder, der mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben gehen möchte, löste schon vor der Ausstrahlung Kontroversen aus.

Doch DOK-Autor Hanspeter Bäni ist ein so einfühlsamer und bewegender Film gelungen, dass die Medien danach kaum Kritikpunkte finden konnten. Ausser – so die NZZ«dass die Schwere des Leidens des Sterbewilligen nicht wirklich fassbar wurde» oder wie es der Blick formulierte.: «Das Bizarre daran: Der Mann ist nicht todkrank. Er wirkt stabil, glücklich, und manchmal lacht er sogar im Film».

Und genau diese Irritation ist aus meiner Sicht eine der ganz grossen Stärken des Films, die Darstellung oder Vermittlung von psychischem Leiden ist schwierig, eigentlich unmöglich. Wird es trotzdem versucht, wirkt es oft platt, stark abstrahiert – und in den meisten Fällen für Gesunde nicht nachvollziehbar. Filmer Bäni und Protagonist Rieder versuchen es deshalb gar nicht erst. Nur in kurzen nüchternen Fragmenten wird die Leidensgeschichte von Rieder aufgezeigt: Seit 20 Jahren manisch-depressiv, ein ganzer Tisch voller Medikamente, um die 20 Kinkaufenthalte, oft mittels Fürsorgerischem Freiheitsenzug eingeleitet, U-Haft wegen Körperverletzung in einer manischen Phase, im Wiederholungsfall droht ihm die Verwahrung in einer psychiatrischen Klinik. Das Ausmass des Leidens wird dem Zuschauer nicht durch Beschreibung klar, sondern durch die wohlüberlegte Entscheidung Rieders, den Tod diesem Leiden vorzuziehen.

Sofern der Zuschauer, die Zuschauerin, bereit und willens ist, diesen Gedankengang zu machen. Dass ausgerechnet im 20 Minuten moniert wird, «es fehle dem Film ein Hoffnungsschimmer» und ach so politisch korrekt darauf hinweist, dass es in der Schweiz schliesslich zahlreiche Beratungsangebote gäbe, die psychisch Kranken helfen würden, ist an Doppelmoral kaum zu überbieten. Ausgerechnet 20 Minuten, dass sich just zwei Tage zuvor genüsslich und ausführlich über einen psychisch kranken IV-Rentner ausgelassen hatte, der sich einer Polizeikontrolle widersetzt hatte… was hätte 20 Minuten über André Rieder getitelt? «Psychisch kranker IV-Rentner wegen Körperverletzung in U-Haft»?

Schlagzeilen, die das «ungebührliche» oder gar «kriminelle» Verhalten inbesondere von IV-Bezügern/Betrügern mit psychischen Kankheiten anprangern garantieren 20 Minuten doch stets die höchsten Klickraten.

Sobald der «anonyme psychisch kranke IV-Bezüger A. R.» aber einen vollen Namen, ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte erhält, wird das etwas schwierig mit den Vorurteilen.

Und André Rieder macht es den Vorurteilsbehafteten wirklich nicht leicht; er ist gebildet, kulturell interessiert, war beruflich sehr erfolgreich – und verfügt, wie der Film eindrücklich zeigt, über einen unterstützenden Freundeskreis. Nichts davon passt auf das gängige Bild «eines schwer psychisch Kranken». Und die Tragik an der ganzen Geschichte; wäre er seinen Weg nicht konsequent zu Ende gegangen, hätte ihm wohl kaum einer die Schwere seines Leidens abgenommen.

Vielleicht ist das André Rieders Vermächtnis, das aufrütteln sollte; selbst bei denjenigen, deren Leiden so stark ist, dass sie nicht weiterleben mögen, können wir es von aussen kaum sehen. Es darf nicht sein, dass als nachträglicher Beweis der Schwere eines unsichtbaren Leidens bald nur noch der Suizid der Betroffenen gelten kann. Weit davon entfernt sind wir ja nicht mehr.

Das scheint übertrieben? Nun, wie hätte denn die Überschrift im 20 Minuten wohl gelautet, wenn André Rieder sich gegen den Tod entschieden hätte? Vielleicht: «Angeblich psychisch kranker IV-Rentner vergnügt sich in Zauber- schau und Picassoausstellung»…?

Den Dok-Film kann man bei SF DRS ansehen. Eindrücklich auch der Hintergrundbericht des Filmers Hanspeter Bäni.

Forellen, Löwenzahn & Orchideen

Forellen sind sehr empfindliche Fische und gedeihen deshalb nur in wirklich sauberem Wasser. Im Seewasserwerk Lengg im Kanton Zürich werden sie deshalb zusätzlich zu modernsten Testanlagen zur Überprüfung der Wasser-qualität eingesetzt. Die Forellen können die chemisch-technischen Sensoren zwar nicht ersetzen, aber sie decken ein breites Spektrum von Substanzen ab und reagieren auch auf unerwartete Stoffe und dienen somit als eine Art «Bio- sensor». Die selbe Aufgabe erfüllen im zürcherischen Grundwasserwerk Hardhof Kleistkrebse, sogenannte Daphnien.

Ändern Fische oder Daphnien ihr Verhalten bzw. sterben sie, ist mit dem Wasser etwas nicht in Ordnung. Sowas gilt natürlich nicht nur im Wasserwerk, sondern auch in der freien Natur. Ist der Bach verschmutzt, sterben die Forellen.

Aus neoliberaler Sicht würde man sagen; geschieht den doofen Fischen und Krebsen doch recht – wenn die sich nicht behaupten können in einer etwas «schwierigeren» Umgebung, sollen sie doch sterben. Schliesslich gibt es genügend andere Fische, die auch in verschmutzem Gewässer ganz prima leben können (Naja, abgesehen davon, dass diese  – oder spätere Generationen – einfach ein bisschen krank werden und Missbildungen aufweisen…).

Nun gibt es nicht nur unter den Fischen sensiblere und robustere Zeitgenossen, sondern auch unter den Menschen. Immer wieder geisterte der Verdacht eines «Gendefektes» durch die Medien, der dafür verantwortlich sein sollte, dass manche Menschen eine erhöhte Stressempfindlichkeit und dadurch sozusagen eine «genetische Veranlagung für psychische Erkrankungen» aufweisen.

Dem ist aber nicht so. Zum einen stellte sich heraus, dass sensiblere Menschen nicht mit grundsätzlich anderen Genen zur Welt kommen als robustere, sondern dass einige ihrer Gene durch Umwelteinflüsse stärker beeinflussbar sind – und zwar nicht nur im Negativen sondern auch im Positiven. Die süddeutsche Zeitung schreibt dazu:

«Entwicklungspsychologen benutzen deshalb inzwischen eine Metapher aus der Botanik: „Die meisten Kinder sind wie Löwenzahn – sie schlagen überall Wurzeln, halten durch und überleben. Einige sind aber wie Orchideen: zerbrechlich und unbeständig, aber im Treibhaus blühen sie wunderbar auf.»

Der evolutionäre Hintergrund ist wohl, dass wir Erbanlagen haben, die sich flexibel der Welt anpassen, in der wir aufwachsen. Wenn es viel Stress gibt, hilft es, ängstlich und zurückhaltend zu sein; wenn alles dagegen bestens läuft, kann man sich ungefährdet exponieren.
Unkraut wie Löwenzahn gedeiht dagegen weitgehend überall. So kommt man weniger zu Schaden, profitiert aber auch weniger von positiven Umständen.

Die neuen Studien passen somit zu den Hypothesen jener Forscher, die generell nach den evolutionären Ursprüngen psychischer Störungen fragen. «Biologische Veranlagungen, die uns nur zum Nachteil gereichen, hätten dem selektiven Druck der Evolution dauerhaft nicht stand-halten können», vermutet der Würzburger Verhaltensforscher Lesch. „Wir wissen also, dass diese Risikomerkmale, die bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung vorkommen, unter bestimmten Bedingungen auch ihre gute Seite haben können. So demonstrierten Studien, dass Menschen mit einer Veran-lagung für Depression geistig leistungsfähiger sind – sie können sich häufig besser konzentrieren, ihr Arbeitsgedächtnis arbeitet effizienter und sie entscheiden reflektierter und gewissenhafter.*

Es wäre dann glaube ich mal ratsam, die steigende Anzahl von Menschen mit psychischen Erkankungen analog der Forellen als eine Art «Biosensoren» für den Zustand der Gesellschaft in der wir leben zu sehen, und nicht als Defekt/Faulheit/Charakterschwäche der Betroffenen. Aber soweit sind wir offenbar noch lange nicht. Die Forellen, die sich «seltsam verhalten» oder mit dem Bauch nach oben im Fluss treiben, das sind (oder waren) halt einfach Verrückte, Schwächlinge, Weicheier, oh und natürlich Simulanten. Und die Wasserqualität, die ist natürlich ausgezeichnet.

*Artikel in der Süddeutschen: Teil 1 und Teil 2