SVA Zürich sensibilisiert Arbeitgeber für Integration

Bereits letztes Jahr fiel mir der Jahresbericht der SVA Zürich aufgrund der darin zum Ausdruck kommenden reflektierenden Haltung positiv auf. Die SVA Zürich schrieb damals:

Es bedarf grosser Anstrengungen, Unternehmen für einen Eingliederungsversuch zu gewinnen (…). Besonders gross sind noch immer die Vorbehalte gegenüber Personen mit einer psychischen Problematik. Psychische Krankheiten lösen bei Arbeitgebern Unsicherheit und Vorbehalte aus. Die bestehenden Vorurteile werden vom Bild in den Medien bestätigt. Ist die Rede von IV-Rentnerinnen und IV-Rentnern, steht dies meist in einem negativen Kontext.(…) Das Bild des IV-Rentners in den Medien steht fast immer im Widerspruch zu den Erwartungen des Arbeitgebers an seine Mitarbeitenden und im Widerspruch zu unseren Erfahrungen, denn die Mehrheit der IV-Rentnerinnen und Rentner möchte die Chance für einen beruflichen Neuanfang nutzen. Die IV-Rente ist ein Stigma für alle, die sich für eine Stelle bewerben. Damit die Eingliederung aus Rente gelingen kann, braucht es einen Sensibilisierungsprozess auf breiter Ebene.»

Nun hat die SVA Zürich die obigen Beobachtungen in einem Sensibilisierungs-Video-Clip für Arbeitgeber umgesetzt. Ziemlich treffend, wie ich finde.

Dass der Claim demjenigen der Pro Infirmis-Kampagne von 2011 stark ähnelt (dieser lautete: «Müssen wir uns verkleiden, damit wir uns näher kommen?») spricht nicht gegen den Clip – Berührungsängste sind beim Thema Behinderung/Krankheit nun mal ein – leider – oft zentrales Thema. Es ist gut, wenn diese Ängste auf eine humorvolle Art angesprochen werden und damit zum Nachdenken anregen. Trotzdem wäre es meines Erachtens für zukünftige Kampagnen wünschenswert, wenn statt einem Vorwurf (Du, Zuschauer/Arbeitgeber machst was «falsch») ein positives Bild im Vordergrund stünde, zu dessen Zustandekommen der Zuschauer etwas beitragen kann. Im Falle eines Clips zum Thema Integration könnte als Einstieg in den Film eine effektive Arbeitssituation (z.B. gute Zusammenarbeit in einem Team) dargestellt und mit einer kurzen Rückblende die zugehörige Hintergrundgeschichte erzählt werden.

Ich würde als Arbeitgeberin jedenfalls mit einem Bild angesprochen werden wollen, das mir v.a. zeigt, dass ich eine qualifizierte und einsatzfreudige Mitarbeiterin bekomme (die als eine Eigenschaft unter vielen auch eine Behinderung oder Krankheitserfahrung haben kann). Und ich vermute, die meisten Betroffenen möchten auch lieber als «qualifizierte MitarbeiterInnen» eingestellt werden und nicht als «IV-Fall, dem man eine Chance gibt».

Denn wie ich unter dem Titel «Behindert sein ist keine Qualifikation» 2012 schrieb: «Arbeitgeber suchen keine «Behinderten», sie suchen qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter. Eine Einstellung muss sich für sie lohnen. Es schafft auch niemand extra Arbeitsplätze einfach so, «weil er sich ein bisschen sozial fühlt».

Nichtsdestotrotz: Der Clip legt den Finger auf einen wichtigen Punkt. Denn um zeigen zu können, dass sie gute Mitarbeiter sein können, müssen Betroffene diese Chance ja überhaupt erstmal erhalten.

Die Gefühlswelt eines Mülleimers

Da schreibt man kürzlich, es wäre höchste Zeit für eine Kampagne für Prävention/gegen Stigmatisierung psychischer Krankheiten und erwähnt noch nebenbei die ohne-Dings-kein-Bums-Kampagne. Und was kriegt man postwendend? Die Zuger Sensibilisierungs-Kampagne «Psyche krank? Kein Tabu!» an deren Konzeption auch die ohne-Dings-kein-Bums-Werber mitbeteiligt waren.

Im Folgenden einige Kampagnen-Sujets (weitere hier) im vorgesehenen Anwendungsbereich, nebenstehend jeweils der zugehörige Text in Vergrösserung:

boden

plakat

bier

abfall

Psychisch kranke Menschen mit Bierdeckeln, schiefen Plakaten und dreckigen Mülleimern vergleichen. Wie originell. Und so witzig.

Mal eine ernsthafte Frage an die Werber: Was nehmt ihr eigentlich für Drogen?
Und sieht damit auch lila auf einmal echt sexy aus? (Lila ist eine der unbeliebtesten Farben überhaupt. Schon mal ein lilafarbenes Auto gesehen? Eben)

Und für die allerlustigste Version «Ich fühle mich beschissen – Bei Toiletten kann das sein. Bei Menschen auch» waren’s dann doch nicht genug Drogen oder wie? Ach ihr hättet ja schon… aber die Auftraggeber hatten Bedenken (Ich wünschte, die hätten tatsächlich Bedenken gehabt) Und jetzt heult ihr, weil ihr mit dieser orginellen Idee (Kleber auf öffentlichen Toiletten!) bestimmt zu den Werbern des Jahres gekürt worden wärt….? [Anmerkung: Die letzten Zeilen ich mir jetzt einfach mal so ausgedacht].

Wie auch immer, man hielt die Idee offenbar für umwerfend – völlig ungeachtet dessen, dass psychisch Erkrankte mit einer geballten Ladung ausschliesslich negativer Aussagen («Durchhängen», «Am Boden sein», «Tiefpunkt» «Schräg drauf sein») in Verbindung zu bringen und als Nonplusultra «Mir geht’s dreckig» auf einem Abfalleimer (Wtf?!) zu platzieren antistigmatisierungs-technisch hochgradig kontraproduktiv ist. Aber wen kümmert das schon. (Ich dachte eigentlich, Antistigmatisierung wäre die Grundaufgabe solcher Kampagnen…?)

Mal zum Vergleich: Bei der Insieme hat man das mit den «lustigen Sprüchen» immerhin einigermassen gut hingekriegt. Zwar ist «Sprung in der Schüssel» auch ein negativ konnotiertes Attribut  – und man kann wahrlich drüber diskutieren, ob das nun wirklich glücklich gewählt ist – Nichtsdestotrotz wird im Gesamtzusammenhang von Bild, Text und Darstellung ein spürbares Selbstvertrauen der Betroffenen vermittelt (Geistig behindert? So what!):

insieme

Eine geistige Behinderung ist natürlich was grundlegend anderes als eine psychische Erkrankung (Zur Erinnerung: geistige Behinderung IQ < 70; Psychische Erkankung = kein Einfluss auf den IQ) Trotzdem: Warum kann oder will man Informationen über psychische Krankheiten in der Schweiz nicht selbstbewusst und positiv kommunizieren? Dass das möglich ist, zeigte die schottische Kampagne «See me»:

boss

teen
Eine psychische Erkrankung macht nur einen Teil eines Menschen aus, nicht den ganzen Menschen. Einem Krebspatienten in der Chemo geht’s auch dreckig. Trotzdem käme man bei der Krebsliga bzw. deren Werbeagentur wohl kaum auf die Idee, Krebspatienten mit Abfall/Dreck in Verbindung zu bringen.

Warum ich eigentlich immer meckern muss? Weil es mich ärgert, wieviel im Sozialbereich als «gut gemeint» durchschlüpfen darf, obwohl es einfach schlecht gemacht, nicht zu Ende gedacht und schlussendlich kontraproduktiv ist.

Könnte bei der nächsten Kampagne psychische Krankheiten betreffend bitte drauf geachtet werden, dass endlich mal eine ordentliche Portion «positive Grundstimmung» und «Selbstwert von und für die Betroffenen» vermittelt wird? Nach dem jahrelangen Scheininvalidengeplärr (und dem damit einhergehenden Lächerlichmachen und Verleugnen psychischer Krankheiten) ist das nämlich bitter nötig. Aber für diesen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang hat die nötige Sensibilität hier offenbar  – einmal mehr – gefehlt.

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Nachtrag 20. Agust 2013: Natürlich habe ich das alles total falsch verstanden und die Idee ist «richtig kreativ» – Sagt jedenfalls die Werberselbstbeweihräucherungsplattform: «Doch weil den Menschen das Reden so schwer fällt, brauchte es die „richtige kreative Idee“: Gegenstände, die keine Scham kennen, sollen es vormachen und nennen ihre Probleme offen und ehrlich beim Namen(…)»

Ach so: Sprechende Mülleimer, die keine Scham kennen, als Vorbilder für die psychisch Kranken. Ja das macht’s natürlich viel besser.

Und dann noch bei HR Today: «Psyche krank? Kein Tabu!» sei eine «mutige Kampagne», sagte der Zuger Gesundheitsdirektor Urs Hürlimann (FDP). Die Plakataktion habe schon vor dem Start erzürnte Reaktionen ausgelöst – vor allem die Kleber an den Abfallkübeln. Das zeige, dass das Thema psychische Erkrankungen ein höchst sensibler Bereich sei.

Bitte mal eine Abfalleimer-Aktion mit Krebspatienten (oder MS, Paraplegie oder Down-Syndrom – sucht Euch was aus) durchführen und die geharnischten Reaktionen aus der Bevölkerung beobachten. Dann reden wir nochmal über «sensible Bereiche».