Alles nur geklaut

Letzten Herbst rief Agile (Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen in der Schweiz) auf Facebook mit folgenden Worten zum Spenden auf:

AGILE.CH hat ein spannendes und wichtiges Projekt in der Pipeline. Da wir keine reiche Organisation sind, versuchen wir nun zum ersten Mal überhaupt, die nötigen Finanzen über Crowdfunding aufzutreiben.

Und wie man das heute so macht, hat Agile dazu auch ein supersexy YouTube-Video veröffentlicht.

39 SpenderInnen fanden das Video so sexy überzeugend oder die Aussicht auf ein persönliches Dankesschreiben vom Agile-Präsidenten (Bei 10.- Spende), ein Zvieri im Agile-Büro (200.-) oder ein Besuch mit Agile im Bundeshaus (500.-) so verlockend, dass sie das Projekt bereitwillig unterstützten. Die «für die Erarbeitung, die Gestaltung und den Druck der Broschüre» benötigten 7000.- wurden sogar übertroffen und die Broschüre «Sprache ist verräterisch» konnte produziert werden.

Agile schreibt:

Um eine Kommunikation zu fördern, die zu weniger Missverständnissen, Enttäuschungen und Verletzungen führt, hat AGILE.CH 2‘000 Exemplare an Lehrpersonen, Medienschaffende, Politiker und Verwaltungen verschickt. Tragen auch Sie dazu bei, Sprache und Denken zu verändern. Bestellen Sie noch heute die 24-seitige Broschüre «Sprache ist verräterisch» zum Selbstkostenpreis von 8 Franken.

Eine PDF-Version der Broschüre kann auf der Seite von Agile nicht heruntergeladen werden. Ob «Sensibilisiert euch gefälligst! Aber nur gegen Bezahlung!» für eine Behindertenorganisation der richtige Ansatz ist, sei mal dahingestellt. Werfen wir trotzdem einen Blick in die von Agile und dem Gleichstellungsrat herausgegebene Broschüre «Sprache ist verräterisch». Die Einleitung beginnt folgendermassen:

Gesagtes und Gemeintes sind nicht immer identisch. Der eine sagt oder schreibt etwas und geht ganz selbstverständlich davon aus, dass der Zuhörer oder Leser es auch so versteht, wie es gemeint war. Oft aber ist das, was beim Empfänger ankommt, nicht das, was der Absender ausdrücken wollte. Vorstellungen und Assoziationen schwingen mit, die dem Inhalt einen negativen Beigeschmack verleihen. Und wenn in diesem Zusammenhang dann noch das Thema «Behinderung» mit ins Spiel kommt, wird es heikel.

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht und einen Anspruch darauf, genauso respektvoll behandelt zu werden wie Menschen ohne Behinderungen. Dies auch dann, wenn über sie gesprochen oder geschrieben wird. So manches ist Gewohnheit, leicht und schnell dahingesagt. Aber Diskriminierung drückt sich nicht nur durch Handlungen, sondern auch in der Sprache aus.

Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit dann bitte nochmal auf die ersten Sätze lenken dürfte: «der eine», der Zuhörer, der Leser, der Empfänger, der Absender. In der Einleitung erstmal ausschliesslich die männliche Form verwenden und dann ein paar Zeilen später dozieren, «dass sich Diskriminierung auch in der Sprache ausdrückt»? Man ist ein bisschen verunsichert, ob die HerausgeberInnen das Thema der Broschüre selbst auch wirklich verstanden haben.

Um die Sache kurz zu machen: Nein, haben sie nicht. Ist auch ein bisschen schwierig, wenn die Eigenleistung einer 24-seitigen Broschüre sich auf die wenigen Sätze der Einleitung beschränkt. Der ganze restliche Inhalt ist nämlich schlichtweg abgeschrieben. Beim von der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern bereits vor zwei Jahren herausgegebenen «Sprachleitfaden Behinderung» (Ich habe damals darüber geschrieben), beim von Betroffenen getragenen Projekt Leidmedien.de und beim bei Leidmedien als Quelle angegebenen Lexikon von Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration (2003).

Alles nur geklaut. Wie man das eben so macht bei Agile und beim Gleichstellungsrat. Natürlich ohne Quellenangabe. Wie man das eben so macht bei Agile und beim Gleichstellungsrat.

Man muss ja nicht das Rad neu erfinden (wenn man die Quellen angibt), aber mit dem Wenigen, was man selbst beiträgt, die gute Arbeit der Quellen total zu verbocken, das muss man auch erstmal schaffen. Leidmedien.de stellt nämlich gleich zu Beginn klar:

Ein Rezept haben auch wir nicht. Auch unter behinderten Menschen sind die Bezeichnungen umstritten. (…) Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie die Person selbst, wie sie gerne benannt werden möchte!

Agile hingegen macht diese Differenzierung nicht; sie gibt vor, für alle Behinderten zu sprechen und schreibt als letzten Satz in der oben angeführten Einleitung:

Noch immer sind Begriffe gebräuchlich, die Menschen mit Behinderungen als diskriminierend und entwertend empfinden.

Und Agile kategorisiert die Begriffe dann in einer Tabelle nach «in» bzw. «out». «in & out» klingt wie eine Überschrift für Stylingtipps in der Bravo. In den 80-igern. Gleichzeitig wirken die teils ausführlich-oberlerhrerhaften Begriffserklärungen ziemlich deplaziert für ein Sensibilisierungs-Tool. Aber das ist halt so, wenn man einfach aus einem Lexikon  abschreibt, das für einen anderen Zweck konzipiert wurde.

Als Sahnehäubchen sind zur «Auflockerung» noch einige unlustige Comics (Wir können auch witzig! haha!) eingestreut. Die Comics wurden – natürlich – auch nicht passgenau für diesen Zweck entworfen, sie existierten schon vorher.

Bleibt die Frage: Wofür wurden eigentlich die über 7000.- gesammelt?

Für‘s Abschreiben der Texte? Für die Übernahme der bereits existierenden Illustrationen? Für das Layout? (Entschuldigung, welches Layout?) Und auch der Druck einer solchen Broschüre kostet keine 7000.- Und mit einem durchdachten Konzept und Layout hätte man dafür auch keine 24 Seiten drucken lassen müssen, aber ach… ich fange gar nicht erst an. Für ein schluddrig zusammengeschustertes Machwerk mit kaum sichtbarer Eigenleistung sind 7000.- jedenfalls eine geradezu unverschämte Summe.

Nicht nur «Sprache ist verräterisch» sondern auch die Haltung der Herausgebenden, welche sich in dieser Broschüre an allen Ecken & Enden widerspieglt.

Für «die Behindis» reicht es, wenn wir wie die alte Fasnacht mit einem ausgelutschten Thema ankommen, als wäre das der «aktuelle heisse Scheiss». Für die Behindis muss man auch keine inhaltlich und visuell eigenständig gestaltete Broschüre zu einem Thema entwickeln, Copy & Paste reicht auch. Quellenangaben? Natürlich nicht – dadurch könnte ja ein/e UnterstützerIn, die/der für das Projekt gespendet hat, noch drauf kommen, dass wir so gut wie alles abgeschrieben haben.

Ich würde das mal als komplette Verarsche bezeichnen. Von Betroffenen, den wirklichen AutorInnen der Texte, den Crowdfunding-UnterstützerInnen und potentiellen KäuferInnen der Broschüre.

Bei der Produktion einer Broschüre alle verarschen und in ebendieser Broschüre dann Respekt «im Namen der Behinderten» einfordern? Man müsste lachen, wenn es nicht so widerwärtig und absurd wäre.

Ausserdem @Agile: Wenn man einen Motionstext (Der Begriff «invalid» soll in der nationalen Gesetzgebung ersetzt werden) für eine Nationalrätin schreibt, sollten die Argumente dann schon korrekt sein:

Begriffe wie «Idiotie» (…) sind aus dem Regelwerk der nationalen Gesetze verschwunden.

Äh nein. Der Begriff wird in der aktuellen IV-Gebrechenscodierung immer noch verwendet.

Wenn man selbst recherchieren muss und nicht einfach irgendwo abschreiben kann, wird‘s halt schnell etwas anspruchsvoller. Aber warum auch präzise? Für die Behindis reicht doch auch «ungefähr».

Präszise und gut zu arbeiten wäre ein Zeichen von Respekt gegenüber den Menschen, die man vorgibt, zu vertreten. Dazu würde auch gehören, eigenständige, sorgfältig durchdachte und inhaltlich, konzeptionell und visuell ansprechende Kommunkationsmittel zu aktuellen Themen zu entwickeln. Das Geld war hier offensichtlich nicht das Problem. Problematisch sind vielmehr das offensichtliche Fehlen von Ideen, Kreativität, Sensibilität für kommende (und nicht schon tot gekaute) Themen sowie einem grundlegenden Wissen in professioneller Kommunikation.

Das ist jämmerlich, aber noch viel jämmerlicher ist, dass man im Behindertenbereich mit solch lausigen Leistungen immer noch durchkommt. Es fragt sich, sich, ob Organisationen, die den Respekt gegenüber den von ihnen vertretenen Menschen nicht selbst vorleben, die Richtigen sind, eben diesen Respekt «im Namen der Behinderten» einzufordern. Und ob diese Organisationen durch ihr unprofessionelles Verhalten den Betroffenen nicht mehr schaden als nützen.

Weiterführende Links zum Sprachgebrauch:
Leidmedien.de (unter «Journalistische Tipps»)
Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration
Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern: «Sprachleitfaden Behinderung»

Nachtrag: Zum besseren Verständnis meiner Kritik hier einige konkrete Vergleiche zwischen den Originaltexten und der Broschüre von Agile.

Sprachleitfaden Behinderung

Sprachleitfäden (beispielsweise auch für gendergerechte Sprache) wirken auf viele Menschen erstmal unangenehm moralisierend und rufen deshalb oft heftige Abwehrreaktionen hervor, wie etwa: «Sprachpolizei!», «Verschandelung der deutschen Sprache!» oder auch «Viel zu kompliziert!».

Ich selbst gehe im Blog ziemlich schlampig ungezwungen mit «politisch korrekter» Sprache um, ich benutze oft die männliche Form, manchmal auch das Binnen-I und schreibe von «Behinderten» oder «Menschen mit Behinderung» in buntem Durcheinander. Ich halte es nicht für so besonders wichtig, sich permanent zu 100% politisch korrekt zu verhalten, aber man sollte wissen, wie’s geht. So ähnlich wie es von Vorteil ist, über Tischsitten Bescheid zu wissen, auch wenn man sie je nach Situation strenger oder weniger streng befolgt.

Tischsitten wie Sprachleitfäden sind nicht dazu da, um unser Leben besonders mühsam zu gestalten (obwohl wir alle als Kinder beim Erlernen der Tischsitten wohl genau diesen Eindruck hatten), deren (ungefähre) Beachtung zeigt aber u.a. auch den Respekt im Umgang miteinander.

In diesem Sinne möchte ich hier den «Sprachleitfaden Behinderung» der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentieren, sondern eher als Anregung, sich über das eine oder andere doch mal Gedanken zu machen, da die Sprache, die wir verwenden, auch unser Denken und Handeln als Gesellschaft prägt:

Einleitung
Menschen mit Behinderungen sollen einen respektvollen Umgang erfahren – auch dann, wenn über sie geschrieben oder gesprochen wird. Der Leitfaden soll aufzeigen, wie Menschen mit Behinderungen dargestellt werden möchten und auf welche Formulierungen zu verzichten ist.

Haltung

  • Stellen Sie sich vor dem Schreiben oder Sprechen vor, wie Sie gerne dargestellt würden, wenn Sie eine Behinderung hätten.
  • Menschen mit Behinderungen möchten ernst genommen und als Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen und respektiert werden. Sie als hilfsbedürftig darzustellen mag zwecks Generierung von Spendengeldern attraktiv erscheinen, entwürdigt sie aber auch.
  • Überlegen Sie sich, inwiefern die Behinderung von Bedeutung ist und ob diese überhaupt thematisiert werden soll.

Benennung

  • Die Person resp. die Personen, über die Sie berichten, sind in erster Linie Menschen. Diese Menschen (resp. Arbeitnehmende, Bürgerinnen und Bürger, etc.) haben eine Behinderung. Folglich sollen sie auch so genannt werden: Mensch mit einer Behinderung, Menschen mit Behinderungen
  • Der Terminus «der Behinderte» oder «die Behinderte» sollte nicht benutzt werden. Er reduziert den Menschen auf seine Einschränkung.

Klischees

  • Vermeiden Sie eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen als leidende Wesen, Opfer oder Sorgenkinder charakterisieren. Das Leben mit einer Behinderung kann zwar schwierig sein, die Behinderung selbst stellt aber nur einen Aspekt des Lebens dar. Die Reduktion des Lebens auf ein tragisches, sorgenvolles Dasein, wirkt stigmatisierend und fördert die Angst vor Behinderung.
  • Auf solche und ähnliche Formulierungen sollte verzichtet werden: «Die Person mit einer Behinderung trägt ein schweres Los», «hat ein trauriges Schicksal», «leidet an ihrer Behinderung», «ist an den Rollstuhl gefesselt».
  • Vermeiden Sie eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen als Helden charakterisieren. Menschen mit Behinderungen überwinden Hindernisse nicht trotz, sondern mit einer Behinderung. Heldendarstellungen erwecken den Eindruck, dass für eine erfolgreiche Lebensführung der individuelle Effort allein ausschlaggebend ist. Hindernisse im Alltag (beispielsweise bauliche Hindernisse) rücken hierbei in den Hintergrund.
  • Auf solche und ähnliche Formulierungen sollte verzichtet werden: «Die Person mit einer Behinderung meistert tapfer und mutig ihr Leben», «verfügt trotz Behinderung über viel Lebensfreude», «bewältigt das Leben auf bewundernswerte Weise».

Begriffe und Redewendungen

  • Invalid: Verwenden Sie den Begriff «Invalidität» mit Vorsicht. Zwar wird dieser von der IV verwendet und ist zur Bezifferung des Grades der Erwerbsfähigkeit zulässig. Eine Person als «invalid» zu charakterisieren meint im Wortsinne jedoch, dass diese Person wertlos sei.
  • Handicap: Im deutschsprachigen Raum wird Handicap fast synonym mit Behinderung gebraucht. Der Begriff kommt in jenen Ländern, aus denen er stammt, aber kaum mehr zur Anwendung. Mit gutem Grund: Der Begriff «Handicap» verweist auf die mittelalterliche Praxis von alten und gebrechlichen Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Betteln bestreiten mussten, mit der Mütze in der Hand (cap in the hand).
  • Normale Menschen: Menschen mit Behinderungen werden oft «normalen» Personen gegenüber gestellt. Auch wenn unbeabsichtigt, so impliziert dieser Begriff dennoch, dass ein Mensch mit Behinderung «abnormal» ist.
  • Rollstuhl: Häufig werden Menschen mit Behinderungen mit ihren Hilfsmitteln gleichgesetzt. So wird oft gesagt, dass der Rollstuhl den Hintereingang benützen darf. Hierdurch wird der im Rollstuhl sitzende Mensch unbewusst zum geschlechtsneutralen Objekt degradiert.
  • An den Rollstuhl gefesselt sein: Normalerweise sitzt jemand im Rollstuhl und erlebt diesen als dienliches Hilfsmittel und fühlt sich nicht daran gefesselt. Falls Sie jemanden sehen, der tatsächlich an den Rollstuhl gefesselt ist – binden Sie ihn los.
  • Er verbringt sein Leben in absoluter Dunkelheit: Diese Charakterisierung von Blindheit wird von Menschen mit Sehbehinderungen in aller Regel nicht geteilt – sie sehen zwar nichts, aber dunkel erscheint ihnen die Welt nicht.

Obiger Leitfaden als PDF

Mehr zum Thema unter leidmedien.de

Ausserdem empfehlenswerter und (leider) immer noch aktueller Artikel von Cornelia Renggli im Medienheft vom 23. November 2004 über die stereotype Darstellung von Behinderung in den Medien.