Die IV pfeift auf das Vertrauen des Bürgers

Wenn heutzutage («Arbeit statt Rente!») jemand eine IV-Rente von 88% («Harte aber faire Entscheide!») zugesprochen erhält («Reduktion der Neurenten um fast 40%!) – Dann… würde man mal so denken, hat die IV-Stelle (in diesem Fall diejenige von Zürich) sich dabei schon was (medizinisch fundiertes) gedacht.

Da bei einer IV-Rente oft auch Privatversicherungen (z.B. Pensionkassen) zahlungspflichtig werden, können diese gegen den Entscheid einer IV-Stelle Einsprache erheben. Im eingangs erwähnten Fall hat die involvierte Versicherung (AXA Stiftung Berufliche Vorsorge, Winterthur) dies getan. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches (mehr). Stirnrunzeln bereitet vielmehr folgender Satz aus dem Protokoll des Bundesgerichtes: «Die IV-Stelle schloss sich der Antragstellung der AXA an».

Also dieselbe IV-Stelle, die verfügt hat, dass jemand eine ganze IV-Rente erhält, schliesst sich einige Monate nach der von ihr selbst verfassten Verfügung dem Begehren der Privatversicherung an, dass ebendiese Verfügung aufgehoben werden soll…? Ähem…?

Juristisch mag das ja (aus welchen Gründen auch immer) «korrekt» sein, aber das Vertrauen des Bürgers in die IV, also das… wird dadurch nicht unbedingt gestärkt.

Das Bundesgericht – unter Präsident Ulrich Meyer übrigens – das bestätigte den Entscheid der Vorinstanz (Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich), wonach die Verfügung aufzuheben und keine Rente auszurichten sei und zwar unter Berufung auf «die fehlende Organizität der Symptome». Schön gell? Mit jedem Urteil dehnt man die Begrifflichkeiten ein kleines bisschen weiter aus – ist  ja auch schon bald 2012. Da muss man dann ordentlich was in der Hand haben, um die 17’000 IV-Bezüger «juristisch korrekt» aus der IV werfen zu können.

Und was mit den Betroffenen geschieht, ist den Bundesrichtern dann auch Hans was Heiri – oder wie es im Protokoll heisst: «Dem Versicherten ist der Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess so oder anders zuzumuten».

So oder anders, was kümmert uns das.

http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=16.09.2011_9C_511/2011

Weiterer Blogartikel zum Thema: «Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist»

«Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist»

Der Artikel von Rene Staubli im Tagesanzeiger über den Fall von Elsbeth Isler hat viele Reaktionen ausgelöst. Unter anderem auch den folgenden Leserbrief des Zürcher Psychoanalytikers Werner A. Disler:

Politik und Rechtsprechung erarbeiten fern von der Praxis Entscheide, die sich in sehr vielen Einzelfällen (also bei konkreten Menschen aus Fleisch und Blut) existenziell vernichtend auswirken.

In der alltäglichen Praxis der Medizin, besonders in der Psychiatrie und in der Psychotherapie, begegnen wir Menschen, die sich in grosser Not befinden. Die behandelnden Fachleute befinden sich täglich an der Front leidender Menschen. Das ist die Arbeit der Behandlungsmedizin. Daneben hat sich, fern von dieser Front, im Hintergrund eine andere, eine zweite Medizin, die Versicherungs-rechtsmedizin, etabliert, welche die Arbeit der behandelnden Ärzte und besonders deren Diagnosen und Prognosen aufheben und wirkungslos machen kann. Dies führt zur Entmündigung der Behandlungsmedizin und zur willkürlichen Verfügung über das Leben von Patienten durch medizinische/psychiatrische Laien, nämlich Juristen.

Die so «behandelten» Prämien- und Steuerzahler (Patienten) verlieren damit nicht nur ihren Glauben an den Sozial- und Rechtsstaat, weil sie sich in ihrem Rechtsempfinden schwer verletzt fühlen, sie werden durch dieses Rechtsverständnis einer oligarchen Versicherungsrechtselite auch real als Sozialhilfeempfänger ausgegrenzt. Die Mittel der Organisationen, die eingesetzt werden, um die Leistungspflicht zu umgehen, sind vielfältig. Wir lesen in den Medien, wie Begutachtungsinstitutionen, die von ihren Auftraggebern weitgehend abhängig sind, ihren Auftraggebern die Leistungsverweigerung empfehlen. Sie arbeiten durchwegs mit dem fragwürdigen Krankheitsbegriff des Sozialversicherungsrechts. Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist. Sein Rechtsempfinden wird schwer verletzt.

Professor Meyer sagt es so: «Der betroffenen Person muss klargemacht werden, dass sie zwar aus medizinischer Sicht krank und arbeitsunfähig ist, es aber aus juristischer Sicht nicht sein soll, weil die Morbiditätskriterien nicht erfüllt sind, an deren Vorhandensein die Rechtsprechung die Leistungsberechtigung knüpft.» (Meyer U. (2009): Krankheit als leistungsauslösender Begriff im Sozialversicherungsrecht. In: Gächter u. Schwendener (2009), S. 20). Diese «Morbiditätskriterien» basieren nicht etwa auf beweisbaren, sondern auf den umstrittenen «Foerster»-Kriterien und auf der von Sozialversicherungsrechtlern frei erfundenen unwahren Behauptung, verschiedene Störungen, u. a. Schmerzstörungen und depressive Episoden, seien mit dem Willen überwindbar. So die Diagnose des Bundesrichters Dr. iur. Ulrich Meyer im BGE 131 V 50.

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Der Leserbrief ist ein Auszug aus einem längeren Artikel mit dem Titel «Die Entmündigung der Medizin durch die Justiz» in dem Werner A. Disler die ganze Problematik aus der Sicht des Psychotherapeuten ausführlich und mit juristischen Fachwissen gespickt darlegt. Diese disziplinübergreifende Sichtweise ist leider sehr selten und absolut lesenswert. Der ganze Text kann als Worddokument heruntergeladen werden. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Herrn Disler für die Erlaubnis, den ganzen Artikel hier zugänglich zu machen.

Medas-Gutachten sagt: 100% invalid, Bundesgericht entscheidet: 0% invalid

Medas-Gutachter stehen nicht unbedingt im Ruf, sich in übermässiger Weise für die Begutachteten stark zu machen. Um es mal sanft auszudrücken. Wenn also ein multidisziplinäres Medas-Team jemanden während einem 5 Tage dauernden stationären Aufenthalt begutachtet und zum Schuss kommt, dass der Betreffende «sowohl in seiner zuletzt ausgeübten Tätigkeit als auch in jeder anderweitigen Erwerbstätigkeit als nicht mehr arbeitsfähig zu betrachten» sei, dann ist davon auszugehen, dass derjenige ein ernsthafteres gesundheitliches Problem haben dürfte.

Rein medizinisch gesehen zumindest. Und rechtlich gesehen, also vor Gericht, wurde den Medas-Gutachten bisher stets ein ziemlich hoher Beweiswert zugestanden. In der Regel zu Ungunsten des Betroffenen. Im vorliegenden Fall aber verneint das Bundesgericht die im Medas-Gutachten konstatierte 100% Arbeitsunfähigkeit, denn «der vorinstanzlichen Rechtsauffassung, wonach bei nichtorganischen Hypersomnien* ebenfalls die Rechtsprechung zu den somatoformen Schmerzstörungen (BGE 130 V 352 und seitherige) sinngemäss heranzuziehen sei, ist beizupflichten».

Das Bundesgericht unter Bundesrichter Meyer frönt hier also mal wieder seiner bevorzugten Beschäftigung, nämlich dem Ausweiten der Liste der «patho-genetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage».

Und zeigt uns mit diesem Urteil exemplarisch auf, warum BR Burkhalter unter keinen Umständen eine Liste der Beschwerdebilder, die mit der Schluss-bestimmung der IV-Revision 6a unter die Renten-Überprüfung fallen werden, anfertigen wollte: Damit diese Liste vom Bundesgericht ständig und ungehindert erweitert werden kann.

Bemerkenswert an diesem Urteil ist aber noch etwas ganz anderes: Das Medas-Gutachten wird nämlich nicht komplett ignoriert, sondern nur selektiv – einzelne Teile daraus werden zu einer Argumentationskette herangezogen, bei der der Begriff der Logik mal wieder sehr stark strapaziert wird… Hier muss kurz vorrausgeschickt werden, dass bei somatoformen Schmerzstörungen in Ausnahmefällen ein invalidisierender Gesundheitschaden anerkannt werden kann, wenn bestimmte andere Kriterien (sog. Försterkriterien) erfüllt sind. Das Bundesgericht verneint in diesem Fall aber das Vorhandensein der Förster-kriterien, und zwar indem es sich auf das Medas-Gutachten beruft… (das selbe Medas-Gutachten notabene, das auch ohne Vorhandensein der Försterkriterien dem Versicherten eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt…)

Eines dieser Försterkriterien sind «unbefriedigende Behandlungs-ergebnisse trotz konsequent durchgeführter ambulanterund/oder stationärer Behandlungsbemühungen (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) und gescheiterte Rehabilitationsmass nahmen bei vorhandener Motivation und Eigenanstrengung der versicherten Person.»

Hierzu meint das Bundesgericht im vorliegenden Fall mit Berufung auf das Medasgutachten: «Denn unter dem hier einzunehmenden objektiven Blickwinkel reicht es für eine Bejahung des Kriteriums nicht, dass die versicherte Person sämtliche Therapievorschläge des Hausarztes oder der übrigen behandelnden Ärzte in kooperativer Weise umgesetzt hat(…) In der MEDAS-Expertise wird ausgeführt, dass das therapeutische Potential noch keineswegs ausgeschöpft sei.»

Ein anderes dieser Försterkriterien ist eine «psychisch ausgewiesene Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer». Die Medas-Gutachter konnten jedoch ausdrücklich keinen psychischen Gesundheitsschaden beim Versichtern feststellen. Sie befanden jedoch, dass er «aus seinem „praktisch ausschliesslich … passiven Lebensstil“ (Anmerkung meinerseits: zur Erinnerung, der Mann leidet unter einer Hypersomnie*) insofern einen „ausgeprägten sekundären Krankheitsgewinn“ zu ziehen scheine, als er „von seinen Angehörigen geschont und unterstützt und dabei in seiner Krankenrolle lediglich bestätigt und fixiert“ werde» (…) Deshalb empfehlen die Gutachter u.a. «eine intensive Psychotherapie (mindestens eine Sitzung pro Woche) zwecks Aufdeckung und Bearbeitung eventueller unbewusster Konflikte. Dabei sei mit der Möglichkeit einer positiven Veränderung der Arbeitsfähigkeit innerhalb von einem bis zwei Jahren zu rechnen».

Der Mann hat also kein psychisches Problem. Aha. Soll aber während ein bis zwei Jahren mindestens 1 Mal pro Woche zur Psychotherapie. Soso. Da könnten nämlich eventuelle unbewusste Konflikte aufgedeckt werden. Und man rechnet mit der Möglichkeit einer positiven Veränderung. So richtig überzeugt klingen die Medasgutachter aber nicht wirklich und vor allem befinden sie ja auch, dass der Mann aktuell auf jeden Fall zu 100% arbeitsunfähig ist.

Das Bundesgericht aber zieht einen anderen Schluss: «Es genügt nicht, dass das Merkmal des mehrjährigen, chronifizierten Verlaufs der Schlafstörung mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerdauernde Remission hier nicht von der Hand gewiesen werden kann. Denn für sich allein reicht dieses Kriterium aus IV-rechtlicher Sicht nicht aus, um in einer körperlich leichten Erwerbstätigkeit eine Leistungseinschränkung zu begründen(…) Nach dem Gesagten vermag die von den MEDAS-Fachärzten in ihrem (ansonsten in keiner Weise zu beanstandenden) Gutachten bescheinigte vollständige Arbeitsunfähigkeit einer Überprüfung anhand der normativen Leitlinien gemäss BGE 130 V 352 und seitheriger Rechtsprechung nicht standzuhalten.»

Man hätte auch sagen können: «Wir finden das Medas-Gutachten nur dort relevant, wo es uns Argumente an die Hand liefert, das Leistungsbegehren des Versicherten abzulehnen, aber den Rest, den könnt ihr behalten – denn: relevant ist nicht, was die Ärzte sagen, sondern die IV-Gesetzgebung». Und die IV-Gesetzgebung, die vorsieht, dass «somatoforme Schmerzstörungen mit zumutbarer Willenanstrengung überwindbar sind» die beruht nicht etwa auf fundierten medizinischen Kentnissen, -Nein, diese Interpretation stammt praktischerweise vom Bundesgericht selbst.

Im Prinzip braucht man beim Bundesgericht eigentlich gar keine medizinischen Gutachten mehr. Man weiss es ja selbst sowieso besser. Mit Medizin hat das alles allerdings überhaupt gar nichts mehr zu tun.

Und jedes weitere Bundesgerichtsurteil dient als Grundlage für weitere (noch fragwürdigere) Bundesgerichtsurteile – und natürlich auch für die Praxis der IV-Stellen.

Und es mag dann zwar wieder unglaublich schick aussehen in den IV-Statistiken (« Die rückläufigen Neurentenzahlen beweisen den Erfolg der IV-Revisionen!») – realerweise wird jemand mit einer solchen Problematik doch gar nie eine Stelle finden oder sie nicht lange behalten können.

Urteil: http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=25.02.2011_9C_871/2010

*Nichtorganische Hypersomnien haben die Form von starker Schläfrigkeit während des Tages. Typisch sind auch Schlafanfälle, die nicht durch eine unzureichende Schlafdauer erklärbar sind. Ferner können sie sich als verlängerte Übergangszeiten vom Aufwachen aus dem Schlaf bis zum völligen Wachsein manifestieren. Bei monotonen Tätigkeiten (z.B. Fahren auf der Autobahn) oder in körperlich passiven Situationen (z.B. Zeitung lesen) drohen Hypersomniker nach wenigen Minuten einzuschlafen. Chronische Hypersomnie ist mit grossem Leidensdruck verbunden: Die Leistungsfähigkeit in Beruf und Privatleben sinkt mitunter erheblich. (Quelle: KSM – Klinik für Schlafmedizin).

Befangenheit von Bundesrichter Meyer soll in Strassburg verhandelt werden

Wie hier bereits erwähnt, wurde der Befangenheitsantrag in Sachen Schleudertrauma gegen Bundesrichter Meyer abgelehnt. Der Anwalt des Schleudertrauma-Opfers zieht das Urteil an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiter.

Erfreulich, dass der Tagesanzeiger den ganzen Hintergrund des Schleudertraumaurteils einer breiten Leserschaft zugänglich macht und den Artikel auch noch mit einer überraus treffenden Karrikatur von Bundesrichter Meyer illustriert.

Da wird beleuchtet, wer eigentlich über den Befangenheitsantrag gegen Bundesrichter Meyer urteilte: «Die beteiligten Bundesrichter sassen also über ihren eigenen Chef Ulrich Meyer zu Gericht» und befanden, er hätte sich in seiner (für Erwin Murer verfassten) Festschrift ja nur «ganz allgemein» geäussert.

Ganz anders sah das jedoch die Versicherungsbranche. Direkt nach Erscheinen der laut den Bundesrichterkollegen Meyers «eher allgemein gehaltenen Abhandlung» bezog sich jedoch beispielsweise die Axa Winterthur am 13. Juli in einem ablehnenden Leistungsbescheid explizit auf die Festschrift:«Herr Prof. Dr. iur. Meyer sieht die Leistungspflicht der Unfallversicherung bei HWS-Distorsion mit Grad I auf höchstens ein Jahr nach stattgehabtem Ereignis beschränkt (…) Somit schliesst sich die Axa Winterthur dem Resümee von Herrn Prof. Dr. iur. Meyer an, wonach die Unfallversicherung mangels gesicherten natürlichen Kausalzusammenhangs nicht weiter leistungspflichtig ist».

Bleibt noch zu erwähnen, dass es für die Invalidenversicherung (im Gegensatz zur Unfallversicherung) eigentlich völlig egal sein müsste, ob die Leistungseinschränkung mit dem Unfall zusammenhängt oder nicht, weil die IV keine Unfallversicherung ist, sondern eine Erwerbunfähigkeitsversicherung und laut Art. 7 des ATSG sind «Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen» – Also nicht die Folgen eines Unfalls, sondern die Folgen gesundheitlicher Beeinträchtigungen körperlicher; psychischer oder geistiger Krankheit auf die Erwerbsfähigkeit, egal ob durch einen Unfall oder sonstwas verursacht.

«Nutzniesser dieses Urteils sind die Privatversicherer»

Anwalt Max Sidler im Tagi-Interview: «Die Privatversicherer betreiben seit Jahren ein Kesseltreiben gegen chronisch kranke Leute mit dem einzigen Ziel, ihre Profite zu maximieren. Dabei schrecken sie in ihren Kampagnen gegen Schleudertraumapatienten nicht zurück, diese mit Versicherungsbetrügern gleichzusetzen. Dies ständig mit dem falschen Hinweis, die Prämien würden wegen solcher «Simulanten» ansteigen.»

(…)«Leute, die unter chronischen Schmerzen leiden, denen keine fassbare organische Erkrankung zugrunde liegt, landen über kurz oder lang bei der Fürsorge. Sie können wegen ihrer Beschwerden nicht arbeiten und sich den Lebensunterhalt nicht verdienen. Wenn die IV ihre Leistungen verweigert, bedeutet das wiederum, dass es auch keine Pensionskassenrenten gibt. Die Nutzniesser dieses Urteils sind die Privatversicherer, die bei gleichen Prämien wesentlich weniger Leistungen ausrichten müssen.»

Auch der Artikel in Soziale Medizin weist auf die Nutzniesser dieses Urteils hin: «Indem das Bundesgericht den Zusammenhang zwischen Unfall und Schleudertrauma in Zweifel zieht, beeinflusst es aber auch die Ansprüche an Unfall- und Haftpflichtversicherer. Diese werden nun erst recht argumentieren, sie müssten für ein Schleudertrauma nicht aufkommen. (…) Da Schleudertraumata meistens auf Autounfälle zurück zuführen sind, führt eine restriktivere Gerichtspraxis zu einer Entlastung der Autohaftpflichtversicherer und einer Umverteilung der Folgekosten des motorisierten Privatverkehrs. Denn die Autohaftpflichtversicherung wird aus den Prämien der Autofahrer finanziert, während für die Sozialhilfe, die Erwerbsunfähige ohne eigene Mittel und anderen Versicherungsanspruch auffangen muss, von den Steuerzahlern der betreffenden Wohngemeinde getragen wird.»

Und Caroline Bono im Tagesanzeiger-Interview: «Man könnte mit der oben genannten Kombination nachweisen, wer an den Folgen eines Schleudertraumas leidet und wer nicht. Überlegen Sie selber, weshalb weder die Haftpflicht-, noch die Unfallversicherer noch die IV diese Untersuchungen durchführen. Dabei wäre die Lösung einfach. Die IV unterstützt Unfallopfer von Anfang an in der Beweissicherung gegen den Haftpflichtversicherer und führt die im Gesetz vorgesehenen Regressprozesse gegen diese. Sie werden aber in der Praxis kaum geführt, es ist einfacher und bequemer, diese schwer betroffenen Menschen als Simulanten hinzustellen

Soviel zum Thema «Wer profitiert, wenn die IV spart».

Der Club: Platzhirsche ohne Schleudertrauma

Thema gestern im Club von SF DRS: Schleudertrauma – alles nur Einbildung? Wer sich den in Christoph-Mörgelischer Manier süffisant grinsenden Rechtsprofessor Erwin Murer und seinen nicht minder überheblichen Compagnon Rechtsanwalt Rolf P. Steinegger von der «Versicherer gegen Scheinschleudertraumpatienten-Front» antun mag: Club online ansehen.

Die ganze Konstellation ist vor allem auf der Metaebene interessant. Wer wird eingeladen und auf welche Seite gesetzt? Warum wird beispielsweise der einzige Arzt in der Runde auf Seite derjenigen plaziert, die behaupten, «es gäbe gar kein Schleudertrauma»?

Warum sitzt auf Seiten der Betroffenen keiner, der sich ebenso geschliffen und arrogant ausdrücken kann wie die Herren Murer und Steinegger? Zufall, dass auf «Opferseite» schon wieder zwei Frauen sitzen, auf Gegnerseite aber keine? (Diese Geschlechterverteilung ist im Club immer wieder augenfällig, prominentes Beispiel war die Ausgabe vom 5. Januar 2010 «Arm in der reichen Schweiz – ein Luxusproblem?» Wo zwei sozialhilfebeziehende Frauen eingeladen wurden, die sich dann von den Anzugherren in den leitenden Positionen die Welt erklären lassen mussten (Die da waren: Hugo Fasel, Direktor Caritas Schweiz, Thomas Daum, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband, Toni Bortoluzzi, Schreinermeister, Sozialpolitiker im Nationalrat SVP/ZH und Rolf Maegli, Leiter Sozialhilfe Basel-Stadt, Vizepräsident Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS).

Der Club gab gestern metaebenenmässig Auskunft, als dass sich die beiden älteren Herren einfach selbst extrem gut gefallen zu scheinen in ihrer Rolle als heroische Kämpfer gegen die angeblichen Schein-Schleudertraumapatienten.

Um die Menschen (und das sollten sich alle Opfer der ganzen verirrten Sozialpolitik immer wieder bewusst vor Augen halten) geht es hier doch gar nicht. Es geht um die Egos der Anzugträger. Bezeichnend war, als der Arzt Andreas Siegenthaler verschiedene Risikogruppen für chronische Schmerzen aufzählte: «Menschen mit Migrationshintergrund, fehlender Ausbildung, niedrigem sozialen Status…»- und dann zur betroffenen Anwältin Frau Bono gewandt: «Äh ja, das alles trifft ja in ihrem Fall nicht zu…»

Schöner hätte man (wenn auch unfreiwilligerweise) nicht aufzeigen könne, dass jeder Fall einzigartig ist und man kranke Menschen eben nicht in Kategorien stecken kann, wie das die Politik noch so gerne macht – von wegen: alles niedrigqualifizierte Simulanten mit Migrationshintergrund…

Aber darum ging’s ja (inoffiziell) auch gar nicht, sondern um männliche Egos mit übersteigertem Geltungsdrang. Fehlte eigentlich nur noch der Bundesrichter Ulrich Meyer um die Antischleudertrauma-Gang komplett zu machen.

Irgendwie wären diese Herren ja niedlich zu beobachten in ihrem wichtigtuerischen Platzhirschgebaren, wenn sie sich dabei nur ein anderes Thema ausgesucht hätten. Hat denen eigentlich im Kindergarten nie jemand beigebracht, dass sich nur Feiglinge mit Minderwertigkeitskomplexen Schwächere als Gegner aussuchen?

Schleudertrauma-Kultur

Schon die Einleitung in den Artikel der Berner Zeitung löst leichtes Stirnrunzeln aus: «Weil Schweizer Richter Schleudertrauma-Patienten regelmässig Invalidität attestieren, ist ein Therapeuten- und Juristenmarkt mit Milliardenumsatz entstanden. Jetzt entwirft Bundesrichter Ulrich Meyer eine härtere Praxis.»

Und dann wird zur Beweisführung eine Studie der Unfallversicherungen zitiert.  – Die sogenannte «Studie» des Comité européenne des assurances ist hier als pdf downloadbar – blöd nur, dass sie von 2004 ist und behauptet, dass in der Schweiz auch «nichtobjektivierbare Schäden» für die Versicherungen entschädigungspflichtig seinen. Vielleicht ist das mal so gewesen, trifft aber in der geltenden Rechtssprechung nicht mehr zu (siehe auch Schlussabschnitt des Artikels von gestern) ein Bundesrichter sollte sowas eigentlich wissen.

Und ausserdem würde ich eigentlich gerne in einem Land leben, wo ausschliesslich Ärzte über medizinische Belange entscheiden.