Verwahrloste IV-Rentner

Der Tagesanzeiger berichtet über die Eingliederungsfirma Ingeus, die verspricht, IV-Bezügern zurück ins Arbeitsleben zu helfen:

«Als erstes machen wir mit unseren Klienten deshalb immer eine Art Gesundheitsplan», erzählt Geschäftsleiter Daniel Sieber. Oft geht es darin um ganz banale Tipps wie regelmässiges Essen, genügend Schlaf und angemessene Kleidung. Es kann aber auch vorkommen, dass ein Berater seine Klientin eine Zeit lang jeden Morgen anruft, um sie zum Aufstehen zu bewegen.

Ich dachte eigentlich, IV-Renten werden aufgrund von Behinderung oder Krankheit zugesprochen und nicht aufgrund von genereller Unfähigkeit sein Leben auf die Reihe zu bekommen?  Cornelia Bachmann, Psychologin und Ingeus-Projektleiterin der SVA erklärt: «Mit der Rente ist ihnen signalisiert worden: Du kriegst es nicht auf die Reihe.»

Ach so. Die Rente signalisiert erst, dass man ab jetzt nix mehr auf die Reihe kriegen darf kann. Und dann kommen die netten Menschen von Ingeus und helfen dem armen verwahrlosten IV-Rentner, sich wieder anständig zu ernähren und zu kleiden und dann findet der auch wieder einen Job. Mich würde ja mal interessieren, welche Behinderung sich mittels Weckanrufen und Stylingtipps kurieren lässt. Muss wohl ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis von Ingeus sein.

Gedächtnislücken beim BSV

Aus dem offiziellen Argumentarium des Bundes zur 5. IV-Revision (2007): «Die Chancen für eine erfolgreiche Wiederaufnahme einer Arbeit sinken aber mit jedem Tag und liegen nach einem Jahr bereits unter 20%.» Ziel war damals, die Referdumsabstimmung zu gewinnen, damit u.a. die sogenannten „Früherken-nungsmassnahmen“ eingeführt werden konnten.

Aus der bundesrätlichen Botschaft zur IV-Revision 6a (veröffentlicht 24. Februar 2010): «Mit der eingliederungsorientierten Rentenrevision wird die Wieder-eingliederung von Rentenbezügerinnen und -bezügern aktiv gefördert und dadurch die Zahl der Renten reduziert. Mit diesen Instrumenten sollen innerhalb von sechs Jahren so viele Personen wieder eingegliedert werden, dass insgesamt 12’500 gewichtete Renten nicht mehr benötigt werden.»

Vom Eingliederungszwang (Die Mitwirkungspflicht zur Eingliederung soll ebenfalls weiter verschärft werden) ausgenommen sein sollen nur Personen, die seit über 15 Jahren eine Rente beziehen oder über 55 Jahre alt sind. Die Chance auf einen erfolgreichen Jobeinstieg für einen 50-jährigen, gesundheitlich Beeinträchtigten, der seit 10 Jahren eine Rente bezieht, sind natürlich riesig.

Ganz abgesehen davon, dass – wir erinnern uns – uns das BSV 2007 belehrte: «Die Chancen für eine erfolgreiche Wiederaufnahme einer Arbeit sinken aber mit jedem Tag…» Aber was kümmert die beim BSV ihr Geschwätz von gestern…

IV Solothurn probt für die 6. IV-Revision

Seit eineinhalb Jahren unternimmt die Invalidenversicherung (IV) mehr, um erkrankte oder verunfallte Menschen im Erwerbsleben zu behalten, bevor sie auf Rente angewiesen sind. Doch vor allem bei psychisch Kranken verläuft der Weg harzig.

Dennoch sollen auch diejenigen, die bereits eine IV-Rente beziehen, in Zukunft auf den Arbeitsmarkt zurückkehren.

Die IV Solothurn probt bereits die für die 6. IV-Revision vorgesehene „Eingliederung aus Rente“ – mit eher bescheidenem Erfolg bisher. Bei vielen IV-Rentnern ist Angst ein zentrales und der Eingliederung im Wege stehendes Thema. Angst, den Belastungen im Arbeitsleben nicht gewachsen zu sein, erneut überfordert und überlastet zu werden – Angst, ihre Rente zu verlieren.

Radiobeitrag anhören: Echo der Zeit vom 15.10.2009

Welchen Nutzen haben eigentlich Beschäftigungs – und Wiedereingliederungsmassnahmen?

Laut einer vom Bund in Auftrag gegebenen Studie: Gar keine. Der Tagi schreibt, dass sich für die betroffenen Sozialhilfebezüger die Chancen auf dem Arbeitsmarkt dadurch nicht verbessern. «Schlimmer noch: Vielfach haben die Kurse und Beschäftigungsprogramme gar einen kontraproduktiven Effekt. Wer lange in einem Hilfsprogramm bleibt, scheint das Interesse zu verlieren, sich selber um einen Job zu bemühen. In der Studie heisst es darum schonungslos: Keine Massnahme zu verfügen, ist in vielen Fällen die deutlich wirkungsvollste Massnahme.»

Folgerichtig wird erkannt, dass dieses Studienergebnis auch die von der Invalidenversicherung geplante Wiedereingliederung von 12’500 Rentnern in Frage stellt.

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Bereits die 5. IV-Revision wurde beworben mit all den grossartigen Beschäft-igungs- und Wiedereingliederungsprogrammen, die erst bei einer Annahme ebendieser möglich wären. Das Vorzeigeprojekt «Passerelle» von Otto Ineichen ging baden, bevor es überhaupt realisiert worden war. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht Zweck der Sache. Die Abstimmung war schliesslich gewonnen, die verschärften Mitwirkungspflichten für Betroffene im IVG verankert.

Wozu nun aber verschärfte Mitwirkungspflichten für Massnahmen, die sich bei Sozialhilfebezügern als sinnlos herausgestellt haben? Nun hat man Sozialhilfe-bezüger jahrelang trainiert, diszipliniert und oft gar sanktioniert und trotzdem wollten sie vom Arbeitsmarkt nicht aufgenommen werden. Die Erfolgsrate solcher Massnahmen wird bei Behinderten oder chronisch Kranken kaum besser ausfallen.

Hatte man denn wirklich je geglaubt, mit Bevormundung, Beschäftigungs-programmen und Zwangsmassnahmen fördere man die Eigenverantwortung und das Selbstbewusstsein von erwachsenen Menschen und mache sie damit «fit fürs Berufsleben»?

Ernsthaft?

Viel eher dienen die ganzen Beschäftigungsmassnahmen als Beruhigungspille für das durch den pavlovschen IV-Reflex konditionierte Volk: Wer Geld bekommt, soll dafür auch arbeiten (egal wie sinnlos die ausgeführte Arbeit auch ist) bzw. in der mitleidigen Version: die armen Behinderten sollen sich doch auch «wertvoll» fühlen (sich wertvoll fühlen in einer sinnlosen Beschäftigungsmassnahme…?)