Weg vom Fenster [Filmtipp]

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Einige Monate nach seinem Psychiatrieaufenthalt sollte der ehemalige Geschäftsführer Matthias N. im Rahmen einer beruflichen Wiedereingliederungsmassnahme in einem Integrationsbetrieb Mineralwasser in Gläser abfüllen und Eiswürfel dazu geben. Er stand vor den Gläsern und war völlig überfordert mit der Entscheidung, wieviele Eiswürfel er nun in jedes Glas geben sollte.

Die Anekdote aus dem Dok-Film «Weg vom Fenster» zeigt eindrücklich, wie schwer eine Erschöpfungsdepression (im Volksmund häufig als «Burnout» bezeichnet) die Leistungsfähigkeit der Betroffenen beeinträchtigen kann.

Der Filmemacher Sören Senn hatte ursprünglich die Idee, einen von einer Erschöpfungsdepression betroffenen Menschen während seiner Erkrankung und auf dem Gesundungsweg zu begleiten. Während der Recherche stellte er jedoch fest, dass eine direkte Begleitung nicht möglich ist, da Betroffene in der akuten Krankheitsphase überhaupt keine Kapazitäten haben, um an einem Filmprojekt mitzuwirken.

Deshalb lässt Senn seinen Protagonisten Matthias N. rückblickend (und sehr reflektiert) erzählen, wie es zu seinem Burnout kam und wie er zwei Jahre brauchte, um über verschiedene Stationen und Umwege wieder in die Arbeitswelt zurückzufinden.

Der Film ist dort besonders stark, wo Matthias N. an den Originalschauplätzen über seine damalige Gefühlslage erzählt. Wie demütigend er es beispielsweise empfand, als ehemaliger Manager in einer geschützten Werkstätte Hölzchen in WC-Rollen zu stecken. Wie wütend ihn das machte und wie schwer es ihm fiel, sich einzugestehen, dass er nicht in der Lage war, mehr zu leisten.

Bei den Szenen, in denen Gespräche mit Fachpersonen der IV (re)inszeniert werden, beschleicht einem hingegen zuweilen das Gefühl, einen Imagefilm der IV-Stelle Bern anzuschauen. Alle haben wahnsinnig viel Verständnis, niemand setzt Druck auf, Länge und Kosten der Eingliederungsmassnahmen spielen scheinbar keine Rolle und für Matthias N. wird ein Praktikumsplatz gefunden, der exakt auf seine beruflichen Vorkenntnisse zugeschnitten ist.

Trotzdem: Eindrücklich und sehenswert.

Film angucken

Electroboy – Zwischen Grössenwahn und Totalabsturz [Filmtipp]

Auf der Webseite von 3Sat kann man sich zur Zeit den eindrücklichen Dok-Film «Electroboy» des Schweizer Filmemachers Marcel Gisler anschauen.

«Electroboy» erzählt die bewegte Lebensgeschichte von Florian Burkhardt. Er zieht aus, begibt sich auf die Suche nach Ruhm und Anerkennung, wird ein international erfolgreiches Fotomodell, Webdesign-Pionier und Musikdesigner. Und stützt jäh ab. Zur Zeit der Filmaufnahmen lebt Burkhardt ein zurückgezogenes Leben als IV-Bezüger in einer Wohnung, die er danach ausgesucht hat, dass er sich für wichtige Besorgungen nicht zu weit von seinem Zuhause entfernen muss.

«Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anteilen einer sozialen Phobie.» Dieser Satz aus der psychiatrischen Akte, die nach Florians Selbsteinlieferung angelegt worden war, gab für Marcel Gisler den Ausschlag, das Dokumentarfilmprojekt über den «Electroboy» anzugehen.

Gisler führt ein langes Interview mit Florian Burkhardt in dessen Wohnung in Bochum. Dieses Gespräch ist der Lebensnerv des Films. Florian erzählt, wie sein eigenes Leben mit 21 Jahren begonnen hatte. Er hatte das Lehrerpatent in der Tasche und liess das strenge Diktat des Elternhauses hinter sich. Mit Hilfe eines Freundes baute er eine komplette Identität als künftiger Filmstar auf. In Los Angeles fand er auch gleich den passenden Agenten.

Florian Burkhardts Erinnerungen bekommen nicht nur durch seine Formulierungen eine manische Qualität. Es ist vor allem auch sein eigenes, fast ungläubiges Staunen über die eigene Unverfrorenheit, den naiven Erfolgsdrive, der ihn damals beherrschte – und ihm offensichtlich Flügel verlieh. Ihm, und seinem Mentor, Freund, Manager, Financier, Chauffeur, Agent Urs «Fidji» Keller. Und dann folgt Gislers Film in bewährter Dokumentarfilmdramaturgie, immer wieder eine neue Seite umzublättern, eine weitere Überraschung aus der Vergangenheit aufzudecken, weitere Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Die unglaublichen und zu guten Teilen unglaublich erfolgreichen Selbst-Erfindungen des Florian Burkhardt sind schon für sich genommen derart phantastisch, dass es manchmal schwer fällt, alles für bare Münze zu nehmen. Marcel Gisler ist es offenbar schon bei den Recherchen ebenso ergangen. Aber verblüffenderweise ist es dann ausgerechnet Florian Burkhardts eigenes, distanziertes und analytisches Erzählen, welches die Glaubwürdigkeit herstellt. Der Mann hat in den wenigen Jahren, seit seinen Höhenflügen, eine kritische Distanz zum eigenen Leben entwickelt, die mitreisst und mitleiden lässt.

Vielleicht liegt es daran, dass einen die effiziente und zupackende Dramaturgie des Filmes unruhig werden lässt. Denn die Geschichte wird immer mehr zum Familiendrama, ihre Protagonisten schälen sich unter Schmerzen aus der eigenen Vergangenheit heraus, und das Publikum im Saal weiss sich des öfteren seines eigenen Unbehagens nur noch durch Lachen zu erwehren. Wenn Gisler mit seiner Zwiebelschäldramaturgie den wilden Ritt also noch wilder macht, kann einem schon wind und weh werden.

Aber am Ende ist auch dies eine der grossen Qualitäten des Films. Denn das Lachen gilt, wie meist, der Diskrepanz zwischen dem Offensichtlichen und dem Formulierten, dem Abgrund zwischen dem, was sichtbar wird und dem was man bloss vermuten kann. Wir reagieren mit Sympathie und Mitleid. Die Burkhardts sind bei aller Tragik und in ihrer aussergewöhnlichen Konstellation doch auch eine typische Schweizer Familie; die ungleichen Brüder Florian und Claudius sind in der gleichen Zeit aufgewachsen wie viele von uns.

Text: Michael Sennhauser bei srf.ch

Julian und Marius und ihre schulische Inklusion [srfdok]

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Julian und Marius sind mit einer Zerebralparese auf die Welt gekommen – einer Bewegungsstörung. Sie sind auf den Rollstuhl angewiesen und benötigen Unterstützung bei vielen Alltagsverrichtungen. Ein wichtiges Anliegen der Eltern ist die schulische Inklusion ihrer Söhne. Kann das gelingen?

Der Erstklässler Julian weiss, was er will: weiterhin die normale Volksschule besuchen. Nach ein paar Schnuppertagen in der Sonderschule sagt er, der Unterricht dort gehe ihm zu langsam voran. Die Entschiedenheit in seiner Stimme beeindruckt. Marius, der Zwillingsbruder, möchte vor allem wegen seiner Schulfreunde in der Volksschule bleiben.

In seinem Dokumentarfilm begleitet Dieter Gränicher Julian und Marius und ihre Bezugspersonen über eineinhalb Jahre hinweg im Primarschulhaus «Heubeeribüel» in Zürich. Lernfreude und Momente des Frusts, Übermut und das Erahnen von Grenzen wechseln sich ab.

Können die Zwillinge schulisch mithalten? Oder drohen sie den Anschluss zu verlieren, weil sie viel mehr Hindernisse überwinden müssen als ihre Kameraden? Kommt «eine andere Seite des Lebens» auf sie zu, wie Marius einmal nachdenklich sagt?

Dieter Gränichers Film zeigt ruhig und differenziert, wie anspruchsvoll der lange Weg der schulischen Inklusion ist.

Film bei SRF angucken.

[Foto & Text: SRF]

Auf Augenhöhe. Aktion Mensch: Ja. Insieme: Nein.

Die Aktion Mensch (Deutschland) hat im März einen Kurzfilm veröffentlicht, der entspannt und humorvoll zeigt, was «Augenhöhe» bedeutet. Empfehle, ihn anzuschauen:

Die Elternvereinigung für Menschen mit geistiger Behinderung Insieme Schweiz hatte zufällig eine sehr ähnliche Idee und daraus ein mit Kitschmusik unterlegtes trändendrüsiges Ding gemacht:

Insieme zeigt damit, was KEINE Augenhöhe bedeutet: Im Zentrum stehen die wohlmeinenden Nichtbehinderten, die über ihre «bereichernde Erfahrung mit den Behinderten» reden. Die Menschen mit Behinderung werden im (Haupt-)Clip überhaupt nicht persönlich befragt (nur teilweise kurz in den Making of-Filmen) – Im Gegensatz zum Film der Aktion Mensch, wo beide Partner gleichwertig behandelt und am Schluss auch beide befragt werden.

Der Erkenntnisgewinn der Nichtbehinderten («Das sind ja Menschen wie du und ich») steht zwar beiden Filmen im Zentrum, kommt aber bei der Aktion Mensch viel subtiler, unverkrampfter und natürlicher daher, während Insieme es so verkitscht und forciert darstellt, dass man dazu den mehrfachbehinderten Professor Nils Jent zitieren möchte:

Ich koche, wenn ich den Satz ‹Behinderte sind auch Menschen› höre. Nun, wir sind tatsächlich Menschen, keine Sachen.

Selbstverständlichkeit zeigt man halt gerade nicht, indem man hundert blinkende Pfeile mit der Aufschrift «Sind Menschen wie du und ich» rund ums rosafarben inszenierte Bild plaziert und mit zuckersüsser Musik unterlegt.

Und was die Aktion Mensch in Deutschland ebenfalls ganz nebenbei wunderbar gemacht hat, nämlich verschiedene Formen der Behinderung (es ist auch ein Mädchen mit Downsyndrom dabei) ganz selbstverständlich im selben Spot unterzubringen, ist im Spartendenken des Schweizer Behindertenwesens wohl noch sehr ferne Zukunftsmusik. Im Vordergrund stehen halt leider und einmal mehr unübersehbar die Partikulärinteressen einer Organisation. Denn dass der Insieme-Spot nach offizieller Lesart anlässlich des 55-Jahr Jubiläum der Organisation erscheint, wirkt aufgrund der Zahl schon nicht sehr glaubwürdig und beim Lesen der Pressemitteilung wird noch deutlicher, weshalb dieser Spot exakt zum jetztigen Zeitpunkt veröffentlicht wird:

Menschen mit geistiger Behinderung gehören dazu. Sie sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft und machen sie erst komplett. Seit 55 Jahren setzt sich insieme für dieses Ziel ein. Aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen zeigen, dass es auch weiterhin viel zu tun gibt. So zum Beispiel bei der Diskussion um die schrankenlose Zulassung der Präimplantationsdiagnostik PID.

Dass Menschen mit einer Behinderung eine Gesellschaft «erst komplett machen» finde ich eine ganz merkwürdige Aussage. Ebenso das oft gebrauchte Wort der «Bereicherung». Warum, habe ich unter dem Titel «Menschen mit Behinderung sind was ganz Besonderes. Nicht.» schon mal erklärt.

Dass man das nichtdestotrotz wichtige Thema «Begegnung» auch mit etwas weniger erdrückendem Bereicherungs-Kitsch und «auf Augenhöhe» darstellen kann, zeigt das Video der Aktion Mensch jedenfalls eindrücklich.

Kekse für Procap, IVSK und das BSV

Unter dem Titel «Wie erfolgreich sind denn eigentlich die Eingliederungsmassnahmen der IV? – Es ist… kompliziert.» versuchte ich der Effektvität von Integrationsmassnahmen letzten September auf den Grund zu gehen. Wie der Titel schon sagte, ist das kompliziert nicht möglich. Ich schrieb damals:

Die IV-Stellen-Konferenz wiederum macht mit ihren «fast 18’000 erfolgreichen Integrationen» (2013) vor allem Werbung in eigener Sache, zeigt dabei aber wie gesagt nur eine Momentaufnahme, welche diverse Parameter (u.a. Nachhaltigkeit) ausblendet oder Details (z.B. dass es sich bei zwei Drittel der «erfolgreichen Integrationen» eigentlich um die Erhaltung eines Arbeitsplatzes im selben Unternehmen handelt und praktisch keine IV-Bezüger eingeliedert werden, sondern zum überwiegenden Teil Personen, die sich noch im Arbeitsprozess befinden) unter den Tisch fallen lässt.

Auf die fetten Hervorhebungen komme ich gleich noch zurück, Moment…

Der Schlussabschnitt meines Artikel lautete in Anspielung auf die zur Nabelschau neigenden Behindertenorganisationen und das zu jener Zeit gerade aktuelle #Gerigate:

Und warum auch die Behindertenorganisationen sich nie mit genügend Nachdruck um konkrete und aussagekräftige Zahlen zur Effektivität von Integrationsmassnahmen gekümmert haben? Offenbar hat man da Besseres zu tun. Vielleicht Nacktselfies in Büroräumen machen oder so.

Darauf hin schrieb mir Marie-Thérèse Weber-Gobet, Bereichsleiterin Sozialpolitik Procap Schweiz, in den Kommentaren, dass sie mich aufgrund solcher Aussagen nicht ernst nehmen könne.

Ich antwortete, dass ich von einer Behindertenorganisation erwarte, dass sie Informationen aus dem BSV kritisch analysiert und kommentiert und das ganze einigermassen zeitnah öffentlich zugänglich macht. Da die Procap auch zwei Wochen nach der Veröffentlichung der BSV-Mitteilung zu den «Integrationserfolgen» dazu auf ihrer Newsseite immer noch nichts schreibe, würde es mir auch ein bisschen schwerfallen, die Procap ernst zu nehmen.

Als nun letzte Woche die IV-Stellen-Konferenz (IVSK) die Eingliederungszahlen 2014 veröffentlichte, reagierte die Procap geradezu atemberaubend schnell. Ein Auszug:

Interessant wäre eine prozentuale Aufschlüsselung der Zahl. Bei wie vielen «erfolgreichen Integrationen» handelt es sich z.B. um die Erhaltung des Arbeitsplatzes im selben Unternehmen? Eines ist klar: Die Zahl 19‘578 ist eine Momentaufnahme. Ob die Massnahmen auch nachhaltig wirken, d.h. Menschen mit Behinderung ihren Arbeitsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt auch mittel- und langfristig behalten, ist mit diesen Zahlen noch nicht gesagt.

Man darf jetzt die fetten Hervorhebungen in meinem Text oben gerne mit denen vom Procap vergleichen. Und der Procap empfehle ich, den Artikel in der Luzerner Zeitung zum Thema zu lesen, da steht nämlich:

Von den beruflich eingegliederten Menschen fanden rund 7300 Personen einen Arbeitsplatz bei einem neuen Arbeitgeber. Rund 11’700 Menschen seien entweder wieder am gleichen Arbeitsplatz, oder es sei eine Umplatzierung im gleichen Betrieb möglich gewesen, teilte die IVSK auf Anfrage mit.

Nichtsdestotrotz kriegt die Procap für’s schnell bzw. überhaupt Reagieren einen Keks.

Einen Keks bekommt auch die IVSK, weil sie in ihrer Medienmitteilung im Gegensatz zu früher die Betroffenen nicht einfach als  «einzugliedernde Objekte», sondern als handelnde Subjekte mit Potential und Ressourcen (hörthört!) darstellt und auch die Mitverantwortung von IV-Stellen und Arbeitgeber erwähnt, damit die Integration von Menschen mit Behinderung noch selbstverständlicher (sic!) werde.

Offenbar ist der Denk-Umschwung bei der IVSK aber noch nicht ganz vollzogen. Im kürzlich gemeinsam mit dem BSV für die Arbeitgeber produzierten Film dürfen die «erfolgreich Eingegliederten» kein einziges Wort sagen. Es wird ausschliesslich über sie geredet.

Wenn man zudem von der trümmligen Handkamera und den noch trümmligermachenden vielen Schnitten und Perspektiven (Bisschen viel Informations-Durcheinander) absieht, ist der Film aber schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Den Plot, den TBD und Chocolate Films nun umgesetzt haben, hatte ich ja letzten August zufälligerweise schon ungefähr skizziert:

Trotzdem wäre es meines Erachtens für zukünftige Kampagnen wünschenswert, wenn statt einem Vorwurf (Du, Zuschauer/Arbeitgeber machst was «falsch») ein positives Bild im Vordergrund stünde, zu dessen Zustandekommen der Zuschauer etwas beitragen kann. Im Falle eines Clips zum Thema Integration könnte als Einstieg in den Film eine effektive Arbeitssituation (z.B. gute Zusammenarbeit in einem Team) dargestellt und mit einer kurzen Rückblende die zugehörige Hintergrundgeschichte erzählt werden.

Ich würde als Arbeitgeberin jedenfalls mit einem Bild angesprochen werden wollen, das mir v.a. zeigt, dass ich eine qualifizierte und einsatzfreudige Mitarbeiterin bekomme (die als eine Eigenschaft unter vielen auch eine Behinderung oder Krankheitserfahrung haben kann). Und ich vermute, die meisten Betroffenen möchten auch lieber als «qualifizierte MitarbeiterInnen» eingestellt werden und nicht als «IV-Fall, dem man eine Chance gibt».

Schön auch, dass als Beispiele für den Film nicht «typische» sichtbare Behinderungen gewählt wurden, sondern dass die erfolgreiche Integration von Menschen mit unsichtbaren Behinderungen (ADHS, Depression, Chronische Schmerzen, MS) gezeigt wird. Dafür gibt’s nochmal nen Keks für die IVSK und das BSV.

– Krieg ich eigentlich auch mal Kekse für’s Medienmitteilungen und Film-Plots-vorformulieren?

Ach ich vergass, im Behindertenbereich kommen ja immer alle von ganz alleine auf die guten Ideen. Wie auch immer – Es ändert sich langsam was und das ist schön zu sehen.

Assessment – Ein Dokumentarfilm von Mischa Hedinger

Hinweis: Die Verlosung der Tickets ist abgeschlossen. Die Gewinner sind: Luzern: L. Hafen, Bern: D. Jäckel, St. Gallen: H. Müller –

Herr Strässle ist vor sieben Jahren mit dem Motorrad schwer verunfallt, hat seither von der IV gelebt und soll nun wieder arbeitsfähig sein. Ebenso Frau Speck, die an einem Hirntumor erkrankte, und Herr Nimani, der seit seinen furchtbaren Erlebnissen in den Balkankriegen an Depressionen leidet.

Diese und noch drei weitere «Klienten» der Sozialdienste des Kantons Zug sind die Protagonisten im Dokumentarfilm des jungen Berners Mischa Hedinger. Um genau zu sein, sind sie die eine Hälfte der Protagonisten – die andere Hälfte sind die sechs Vertreter von IV, RAV und Sozialamt, die in einem sogenannten «Assessment» die «Klienten» beurteilen, einen Integrationsplan aufstellen zwecks möglichst schneller Reintegration in den Arbeitsmarkt – und sei dies auch noch so unrealistisch und weltfremd.

Mit unglaublicher Formstrenge begleitet die Kamera von Mischa Hedinger diese Assessments und offenbart ohne jede Polemik und mit grösster Nüchternheit die Absurdität eines wohlmeinenden Professionalismus sozialer Institutionen, die letztendlich vor allem jenen Arbeit und Auskommen sichern, die darin beschäftigt sind.

«Assessment» hatte seine Weltpremiere im vergangenen November bei der renommierten «Duisburger Filmwoche», dem Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms, und gewann dort den «Carte-Blanche-Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen» als bester Nachwuchsfilm. Aus der Jurybegründung: «Ein Film, der Beobachter bei ihrer Arbeit beobachtet (…). Selbstentfaltungsfloskeln laufen ins Leere, Machtdynamiken werden von der Kamera entziffert, Misstrauen ist die Konstante. (…) ‹Assessment› prüft auch unseren eigenen Willen zum Ressentiment. Und Mischa Hedinger empfiehlt sich nicht bloss als findiger Beobachter und hinterlistig-präziser Erzähler. Er denkt und untersucht die Zumutungen neoliberal durchformter Realität von der Wahrnehmungs- und Machtmaschine Film her».  (Text: kinok.ch)

Filmwebsite: assessment-film.ch

Mischa Hedinger, geboren 1984 in Jegenstorf (BE), lebt und arbeitet als freischaffender Filmemacher und Editor in Zürich. Er studierte Video an der Hochschule Luzern, Design & Kunst und Film an der ECAL in Lausanne. Nach dem Abschluss des Studiums (2008) schnitt er die Kino-Dokumentarfilme «Moi c’est moi» (2011) und «Image Problem» (mit Katharina Bhend, 2012). Er unterrichtet unter anderem an der Schule für Gestaltung Bern-Biel.

Freier Film, Aarau
Mo 24. März 20.30 (mit anschliessendem Gespräch mit dem Regisseur)
Mi 26. März 18.00

Planet 13, Basel
Fr 27. Juni 20.00 (mit anschliessendem Gespräch mit dem Regisseur)

Neues Kino, Basel
Do 18. September 21.00 (mit anschliessendem Gespräch mit dem Regisseur)
Fr 19. September 21.00

Vergangene Termine:

Kinok, St. Gallen:
Di 14. Januar 20.30 (In Anwesenheit des Regisseurs Mischa Hedinger und des Soziologen Peter Schallberger. Das Gespräch moderiert die Kulturwissenschaftlerin Patricia Holder)
Mo 20. Januar 19.00
Do 30. Januar 18.45

Solothurner Filmtage:
So 26. Januar 14.15/14.30 Kino Canva Blue & Canva Club (Doppelvorstellung)
Do 30. Januar 11.30 Kino im Uferbau

Stattkino, Luzern:
Mi 5. Februar 19.00 (mit anschliessender Diskussionmit dem Regisseur)

Filmpodium Biel/Bienne
Montag 24.02.14 um 20.00 (mit anschliessender Diskussion mit dem Regisseur)

Kino im Kunstmuseum, Bern:
Mo 3. März um 18.00 (mit anschliessender Diskussion mit dem Regisseur)

NoBody’s Perfect

Regisseur Niko von Glasow sucht elf Menschen, die – wie er selbst – im Mutterleib durch das Medikament Contergan geschädigt wurden und bereit sind, sich für einen Kalender fotografieren zu lassen. Und zwar nackt – damit all jene, die sonst verstohlene Blicke auf „Contis“ oder andere Körperbehinderte werfen, mal ganz in Ruhe hinschauen können.

Der Film lebt von den tollen Gesprächen, ist schonungslos ehrlich, berührend, garantiert nicht politisch korrekt und zwischendurch oft auch sehr humorvoll.

Der ganze Film ist auf der Website von SFDRS noch 6 Tage lang online.