#MeToo – Es geht um Macht, nicht um Sex.

Werden Fälle von Missbrauch durch körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt bekannt, werden in der Öffentlichkeit jedes Mal folgende Fragen diskutiert:

Warum hat sich das Opfer nicht (früher) gewehrt?
Warum hat es nichts gesagt?
Warum hat es niemand im Umfeld bemerkt?

Handelt es es ich bei den Opfern um Kinder, verstehen die meisten Menschen, dass Kinder sich nur schwer wehren können und sich oft in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Täter oder zur Täterin befinden. Bereits bei Jugendlichen schwindet aber dieses Verständnis und dem Opfer wird häufig eine Mitschuld am Missbrauch zugeschrieben («Das Mädchen sah also schon sehr reif aus für ihr Alter, kein Wunder dass der Lehrer…»). Bei erwachsenen Opfern schliesslich fehlt das Verständnis oft völlig und es findet nicht selten eine komplette Täter-Opfer-Umkehr statt («Hätte sie mal nicht so einen kurzen Rock getragen»).

Für Aussenstehende ganz besonders schwer zu verstehen ist es, wenn erwachsene Menschen – manchmal über viele Jahre hinweg – mit einem gewalttätigen Partner zusammenbleiben. «Also ich würde sofort gehen!» denken sich da viele. Was Sie damit eigentlich meinen: «Mir könnte sowas nicht passieren.»

Das ist ein Schutzmechanismus, der erklärt, warum oft gerade Frauen missbrauchten oder belästigten Frauen besonders harsch eine Mitschuld unterstellen. Die Vorstellung, dass man als Frau jederzeit Opfer von (sexueller) Gewalt werden könnte (und keine Möglichkeit hat, dem zu entkommen), ist so unerträglich, dass es angenehmer ist, zu denken, dass die Opfer doch irgendwie «selbst schuld» sind. Dann braucht man sich selbst nur «richtig» zu verhalten und es passiert einem nichts.

Caroline Orr schreibt dazu im Playboy:

In social psychology, these beliefs are known as “just world beliefs”, a concept that explains how people view the world and why some blame others’ behavior when bad things happen to them. According to the this theory, humans are driven to believe that the world is a fair, predictable and just place where our actions determine our fate; where people get what they deserve and deserve what they get. This set of beliefs is thought to play an important role in making people feel safe and providing a sense of control by reducing perceptions of risk and vulnerability.

Caroline Orr: Why Do Women Point Fingers? The Rise of Victim-Blaming in a Country Under Assault

Die meisten Fälle von Missbrauch durch körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt finden im Rahmen von familiären, persönlichen oder beruflichen Beziehungen statt. Der anonyme Pädophile oder Vergewaltiger, der plötzlich hinter einem Busch hervorspringt, «weil er durch das Opfer dazu provoziert wurde» (*ähem*), ist eher selten. Meist kennen sich Täter und Opfer. Eine – private oder berufliche – Beziehung bedeutet, dass wir der entsprechenden Person ein gewisses Vertrauen entgegen bringen. Mit einem männlichen Kollegen/Vorgesetzten alleine im Besprechungszimmer? Kein Problem. Mit einem Bekannten im Auto mitfahren: Natürlich, warum denn nicht? Wir vertrauen ständig anderen Menschen. Wer niemandem vertraut, gilt als hysterisch oder paranoid. Wird das Vertrauen aber missbraucht, wollen die Opfer ihren Glauben an eine «gerechte Welt» trotzdem nicht aufgeben und suchen deshalb die Schuld zuerst bei sich selbst: «Ich war wirklich total naiv und dumm», «Das musste ja passieren», «Ich hätte halt XY nicht machen sollen». ect.

Die Schauspielerin Annabella Sciorra ist eine der Frauen, die den Filmproduzenten Harvey Weinstein der Vergewaltigung bezichtigen. Sie hat 20 Jahre lang geschwiegen, weil sie sich so geschämt hat:

Sciorra didn’t tell anyone about it. “Like most of these women, I was so ashamed of what happened,” she said. “And I fought. I fought. But still I was like, Why did I open that door? Who opens the door at that time of night? I was definitely embarrassed by it. I felt disgusting. I felt like I had fucked up.” She grew depressed and lost weight. Her father, unaware of the attack but concerned for her well-being, urged her to seek help, and she did see a therapist, but, she said, “I don’t even think I told the therapist. It’s pathetic.”

Ronan Farrow: Weighing the costs of speaking out about Harvey Weinstein

Auch die Täter nutzen den «gerechte-Welt-Glauben» um ihre Gewalttätigkeit zu rechtfertigen. Sie schlagen ihr Kind und sagen: «Das hast du verdient.» Oder sie sagen in der Therapie: «Wenn Sie so eine Frau hätten wie ich, hätten Sie auch schon zugeschlagen».

Zwar gibt es auch weibliche Täterinnen, aber Gewalt und speziell sexuelle Gewalt geht im überwiegenden Teil von Männern aus. Männliche Gewaltausübung wurde lange Zeit schlicht als «gegeben» akzeptiert. Vergewaltigung in der Ehe ist in der Schweiz erst seit 1992 und in Deutschland seit 1997 strafbar. So kommt es nicht von ungefähr, dass sich Gewalttäter oft nicht für ihre Taten verantwortlich fühlen. Die Gesellschaft vermittelt Männern auch heute noch das Gefühl, es stehe ihnen zu, anderen Menschen Gewalt anzutun. Und Frauen zu «benutzen».

“I just kiss. I don’t even wait. And when you’re a star, they let you do it. You can do anything.”
“Grab them by the pussy. You can do anything.”

– Donald Trump, aktueller US-Präsident

Von dieser Aussage von Trump existiert ein Tonmitschnitt, der kurz vor der letztjährigen US-Präsidentschaftswahl veröffentlicht wurde. In einer öffentlichen Debatte darauf angesprochen, sagte Trump:

“Nobody has more respect for women than I do,” Trump said. And when Cooper asked, “Have you ever done those things?” Trump answered, “No, I have not.”

Dagegen stehen die Aussagen von mindestens fünfzehn Frauen, die Trump der sexuellen Belästigung bezichtigen. Die Sprecherin des weissen Hauses liess diesbezüglich kürzlich verlauten: «All the women who say Trump sexually harassed them are liars».

Hat noch jemand Fragen, warum Frauen die Täter so selten anzeigen?

Selbstverständlich sind nicht alle Männer Gewalttäter. Aktionen wie #Aufschrei oder #MeToo zeigen allerdings, dass männliche (sexualisierte) Gewalt ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Männer müssen nach wie vor viel zu selten wirkliche Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Jedem Mädchen wird von klein auf beigebracht, wie es sich zu verhalten hat, dass es nicht vergewaltigt wird. Buben wird im Gegenzug nicht genau so selbstverständlich beigebracht, dass sie nicht belästigen oder vergewaltigen dürfen. Die Verantwortung nicht belästigt/vergewaltigt zu werden legt die Gesellschaft in die Hände der Opfer und nicht der – potentiellen – Täter. Und bei jeder Diskussion, in der Frauen darauf aufmerksam machen, wie alltäglich Übergriffe sind und wie belastend das ist, kommt von männlicher Seite garantiert früher oder später ein beleidigtes: «Darf man jetzt nicht mal mehr Flirten?»

Markus Theunert, Leiter des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen SIMG, dazu im Blick:

Wir von maenner.ch werden immer wieder gefragt: Wo ist die Grenze? Was darf Mann heute noch? Unsere Antwort: Es gibt keine eindeutige Grenze im individuellen Verhalten – weil es total auf die Situation und die Konstellation ankommt. Was sich jeder Mann fragen sollte, wenn er unsicher ist: Bin ich in Kontakt mit dem Gegenüber? Nehme ich das Gegenüber als Subjekt wahr – oder mache ich es zum Objekt meiner Begierde? Solange ich bezogen handle, also in Kontakt mit dem Gegenüber bin, ist die Gefahr eines Übergriffs minim. Wenn ich hingegen unbezogen handle, hat der Übergriff schon begonnen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der man (manchen) erwachsenen Männern tatsächlich noch erklären muss, dass eine Frau ein gleichwertiges Gegenüber ist und kein Objekt, das sie nach ihren Wünschen «benutzen» können wie ein Spielzeug. In der sich manche Männer auf dem emotionalen Entwicklungstand eines 3-jährigen Kindes befinden, das keinerlei Verantwortung trägt und aus dessen Sicht nichts anderes zählt, als die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse. Und das die Bedürfnisse von andere Menschen (noch) nicht differenziert wahrnehmen kann. Bei kleinen Kindern ist dieses Verhalten natürlich und verständlich. Bei Erwachsenen (Männern) nicht.

Dennoch dürfen Männer mit dieser kindlichen Vorstellung beispielsweise in der immer weiter nach rechts abdriftenden NZZ regelmässig die «Political Correctness» geisseln, die ihnen – dem heterosexuellen privilegierten Mann – unverschämterweise Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen abverlangt. Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen! Sowas muss man sich mal vorstellen!

Slavoj Žižek in der NZZ vom 25.3.2017:

Die Ideologie, die die Verbreitung dieser angeblich respektvollen Haltung stützt, verdient eine nähere Betrachtung. Die Grundformel ist: «Nur Ja meint Ja!» Es muss ein explizites Ja sein, nicht bloss ein ausbleibendes Nein. «Nicht nein» läuft nicht automatisch auf ein «Ja» hinaus. Wenn eine Frau, die verführt wird, nicht aktiv Widerstand leistet, so bedeutet dies gar nichts – der Raum für Anklagen aller möglichen Formen von Nötigung bleibt offen.
Und hier wimmelt es plötzlich von Problemen: Was, wenn eine Frau es leidenschaftlich will, aber zu beschämt ist, es offen auszusprechen?

Ich übersetze das mal ins Deutsche: «Ich bin komplett unfähig (und auch unwillig) mich in die Frau einzufühlen, was zählt, ist einzig, ob ich sie vögeln kann – weil ein ‚richtiger‘ Mann das einfach tun MUSS.» Für Žižek (Jahrgang 1949) und für viele Männer, die ihm zustimmen, ist das Befinden oder die Wahrnehmung der Frau komplett irrelevant. Was zählt, ist einzig, dass sie in völliger Freiheit tun können, was sie wollen und weder davor, während oder danach auch nur die geringste Verantwortung für ihr Handeln übernehmen müssen.

Oder anders gesagt: Ich. Ich. Ich.

Interessanterweise sind aber auch diejenigen Männer, die eben noch Žižek zugejubelt haben, zu einem erstaunlichem Einfühlungsvermögen und klarer Verurteilung des Täters fähig, wenn das Opfer von Belästigung oder Missbrauch nicht weiblich, sondern männlich ist. Als der ehemalige Sonderschullehrer Jürg Jegge im Frühjahr in einem Interview sagte, dass seine sexuellen Beziehungen zu minderjährigen Schülern «im gegenseitigen Einvernehmen» stattgefunden hätten, haben ihm das selbst die erbittertsten Political Correctness – Gegner nicht abgenommen.

Hätte es sich bei den Opfern um Schülerinnen gehandelt, wäre das öffentliche Verdikt vermutlich nicht ganz so einhellig ausgefallen. «Ach, die erfinden das bloss, weil weil enttäuscht waren, weil er sie nicht genügend beachtet hat» oder «Die haben ihren Lehrer doch verführt, die kleinen Luder» hätte es vermutlich da und dort geheissen. Bei solchen Aussagen schwingt die andronzentristische Idee (die auch viele Frauen verinnerlicht haben) mit, dass sich der «Wert» einer Frau dadurch definiert, ob sie es schafft, Männern zu gefallen. («Die Frau wird immer in Abhängigkeit vom Mann definiert». – Simone de Beauvoir). Wenn sie das nicht schafft, fühlt sie sich «entwertet» und «rächt» sich. Oder wenn sie dem Mann so gut «gefällt», dass er sie belästigt/genötigt/vergewaltigt, dann soll sie das doch als «Anerkennung ihrer Weiblichkeit» sehen. So die krude Vorstellung.

Sind die Opfer männlich, kommt kaum jemand auf die Idee, ihnen zu sagen, dass sie das, was ihnen widerfahren ist, doch einfach als «Anerkennung ihrer Männlichkeit» sehen sollen und sie es deshalb doch auch auch «auch gewollt» hätten. Den Opfern von Jegge wird heute – als erwachsene Männer – zugestanden, dass sie etwas als Missbrauch definieren dürfen, was der Täter als «einvernehmlich» darstellt. Etwas, was erwachsenen Frauen häufig nicht zugestanden wird, da die Stimme eines – mächtigen – Mannes mehr zählt als ihre (siehe Trump et al). Als Sonderschüler waren einst auch die Opfer von Jegge in einer unterlegenen Position und selbst jenen, die damals etwas gesagt haben, wurde nicht geglaubt.

Der DOK-Film «Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik» zeigt auch, wie wenig die damaligen «Verantwortlichen» bis heute Verantwortung übernehmen wollen:

Fredy Züllig, Ex-Lehrer, Ernst Atzenweiler, ehemaliger Bezirksschulpfleger, und Hans Rothweiler, damals Projektleiter in der Erziehungsdirektion, schauen in dem Dokumentarfilm staunend und uneinsichtig zurück auf die Vergangenheit. (…)

Jürg Jegge ist schuldig, ja, aber schuldig sind auch all diese Wegseher – wenn nicht juristisch, so doch im moralischen Sinne. Die einzige Person, die im Film zu ihrem Versagen steht und den Abhängigkeitsfilz unter Heilpädagogen benennt, ist eine Frau. «Ich war ein Feigling», sagt Hanna Brauchli, die im Stiftungsrat des Märtplatzes von Jürg Jegge sass (…).

«Missbrauch ist lernbar» Rezension im Tagesanzeiger vom 6.10.2017

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet die einzige Frau im Film bereit ist, Verantwortung für ihr Wegsehen zu übernehmen, während die Männer lieber in den guten alten Zeit schwelgen, wo man mit dem Kumpel Jegge (dessen Arbeit man eigentlich offiziell hätte beaufsichtigen sollen), «so gut eins trinken gehen konnte.» Das liegt nicht daran, das Frauen bessere Menschen wären, aber Frauen wird von klein auf beigebracht, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für sich, sondern vor allem auch für das Wohlergehen von anderen. Das geht sogar soweit, dass Frauen, die belästigt oder vergewaltigt wurden, nicht an die Öffentlichkeit gehen, weil sie glauben, nicht das Recht zu haben, die Reputation, die Karriere oder die Familie des Täters zu zerstören. Die britische Journalistin Laurie Penny schreibt:

We are expected to show a level of concern for our abusers that they would never show us in return.

und:

We’ve been raised to believe that men’s emotions are our responsibility. Even the men who hurt us.

Penny beschreibt auch, wie Frauen, die es trotzdem wagten, die Täter anzuzeigen, in der Vergangenheit oft als «psychisch instabil» abgestempelt wurden, um ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben – und zwar bis zu dem Punkt, an dem nicht nur die Umgebung, sondern auch die Frauen selbst, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln begannen. Und genau das war und ist die Absicht von Männern wie Weinstein, Žižek, Trump und vielen vielen anderen, um ihre Macht und die ihrer Kumpels aufrecht zu erhalten und ihr egomanisches und rücksichtloses Tun ungestört weiterführen zu können. Ihr Verhalten ist eingebettet in ein sich selbst aufrecht erhaltendes Machtsystem. Nachdem auch gegen immer mehr einflussreiche Männer aus der Medienbranche Vorwürfe wegen sexueller Belästigung laut wurden, schreibt Rebecca Traister:

In hearing these individual tales, we’re not only learning about individual trespasses but for the first time getting a view of the matrix in which we’ve all been living: We see that the men who have had the power to abuse women’s bodies and psyches throughout their careers are in many cases also the ones in charge of our political and cultural stories. (…)

[The Media] is an industry, like so many others, dominated by white men at the top; they have made the decisions about what to cover and how, and they still do.

Rebecca Traister: Our National Narratives Are Still Being Shaped by Lecherous, Powerful Men

Dies könnte auch erklären, warum die (männerdominierten) Medien vor der US-Präsidentschaftswahl den E-Mails von Clinton tausendfach mehr Aufmerksamkeit widmeten als Trumps zweifelhaftes Verhalten gegenüber Frauen:

Dadurch, dass nun immer mehr Fälle von Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung an die Öffentlichkeit kommen, merken viele Frauen, dass gar nie sie diejenigen waren, die etwas falsch gemacht haben und deshalb zum Opfer geworden sind, sondern dass der Machtmissbrauch einflussreicher Männer systemimmanent ist.

Nochmal Laurie Penny:

A lot of women have realized that they were never crazy, that even if they were crazy they were also right all along, and — how shall I put this? — they (we) are pissed.

Laurie Penny: We’re All Mad Here: Weinstein, Women, and the Language of Lunacy

Brit Marling über die Unmöglichkeit zu «freier» Zustimmung unter ökonomischem Druck:

For me, this all distills down to the following: The things that happen in hotel rooms and board rooms all over the world (and in every industry) between women seeking employment or trying to keep employment and men holding the power to grant it or take it away exist in a gray zone where words like “consent” cannot fully capture the complexity of the encounter. Because consent is a function of power. You have to have a modicum of power to give it. In many cases women do not have that power because their livelihood is in jeopardy (…)

Brit Marling: Harvey Weinstein and the Economics of Consent

Zwischenmenschliche Beziehungen sind ausserordentlich komplex. Es gibt unendlich viele Gründe, warum sich Opfer von physischer, sexualisierter oder psychischer Gewalt nicht wehren oder (lange) nichts sagen (Scham, Machtgefälle, finanzielle Abhängigkeit, direkte Drohungen oder emotionale Manipulation durch den Täter, ect.). Machtmissbrauch findet allerdings nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einer Gesellschaft, die das zulässt, weil sie oft lieber wegschaut. In Hollywood genauso wie im Schweizer Sozialbereich.

Jegge war dort nicht der erste Fall (und er wird wohl leider auch nicht der letzte sein). 2013 wurde bekannt, dass ein Schulsozialarbeiter während dreizehn Jahren 21 Buben sexuell missbraucht hatte. Genau wie Jegge galt er als «Pionier» in seinem Bereich (Schulsozialarbeit/ADHS) und seine Arbeit wurde – wie bei Jegge – in den Medien immer wieder äusserst wohlwollend portraitiert. Das Publikum mag solche Storys über Personen, die sich – scheinbar erfolgreich – um die Schwächsten oder Schwierigsten der Gesellschaft kümmern. Deshalb gestalten Medien das Narrativ des ultimativen «Heilsbringers» oft nur allzu willig mit. Ein solcher Star-Status macht es für Täter einfacher, Opfer unentdeckt zu missbrauchen und für Opfer deutlich schwieriger, Gehör zu finden. Denn es kann – es darf – doch nicht sein, dass dieser tolle Pädagoge/Sozialarbeiter/Psychologe, der auch in den Medien immer so kompetent auftritt, Kinder/Patienten/Mitarbeitende belästigt oder missbraucht. Das oder die Opfer müssen sich irren, ganz bestimmt.

Damit soll nicht gesagt werden, dass jeder im Sozialbereich Tätige als potentieller Täter verdächtigt werden sollte. Aber die Medien sollten gerade über soziale Tätigkeitsfelder, wo Beziehungen eine so wichtige Rolle spielen und gleichzeitig die Macht so ungleich verteilt ist, in Zukunft kritischer berichten. Dazu gehört auch, dass möglichst unterschiedliche Perspektiven gleichberechtigt einbezogen werden. Das kann zum Beispiel heissen, dass nicht nur die Meinung eines Experten, sondern auch Stimmen von Betroffenen eingeholt werden und zwar auch gegensätzliche. Ebenso wichtig wäre es, dass zu bestimmten Themen nicht immer die gleichen Experten in den Medien zu Wort kommen. Laut einem Bericht des Global Media Monitoring Project sind 75% der Experten in den Schweizer Medien Männer. Da im Sozialbereich deutlich mehr Frauen als Männer tätig sind, fragt man sich gelegentlich schon, warum die in den Medien regelmässig sichtbaren «Experten» (Pädagogen, Sozialwissenschaftler, Psychologen und Psychiater) so überproportional häufig männlich sind.

Wie gesagt, es geht um strukturelle Macht. Und wer mächtig ist, definieren die Medien auch dadurch, wem sie eine – öffentliche – Stimme geben.

In diesem Sinne:

IV-Stelle Luzern: 55% Misserfolgsquote bei der Eingliederung

Es gibt Themen, von denen ich dachte, dazu müsse ich nun wirklich nicht nochmal was schreiben, weil die Sache endgültig gegessen ist. Sensationslüsterne Kommunikation zur IV-Betrugsbekämpfung war ist so ein Thema. Natürlich ist aber meine obige Artikelüberschrift nicht die Überschrift, die sich die PR-Berater für die Medienmitteilung zum kürzlich veröffentlichten Jahresbericht 2014 der IV-Stelle Luzern ausgedacht haben. Man setzt vielmehr auf Altbewährtes: «IV Luzern bekämpft Versicherungsmissbrauch». Und was ich bereits am 6. Januar 2014 unter dem Titel «Kommunikation des Luzerner IV-Direktors: Was kümmern uns die Details…» schrieb, hat nichts an Aktualität eigebüsst:

Donald Locher ist IV-Direktor in Luzern. Er redet ausgesprochen gerne über IV-Missbrauch. Vorzugsweise in der lokalen Presse, die das Ganze regelmässig prominent und mit knackigen Headlines (Motto: «Je Betrüger umso besser») an die Leserschaft bringt.

Nun, eineinhalb Jahre später, übertitelt das Lokalblatt zentral+ das ausführliche Interview mit Donald Locher mit: «IV-Detektive filmen IV-Betrüger beim Veloklau».

Genüsslich zelebriert Locher darin IV-Räubergeschichten, erzählt über anonyme Meldungen an die IV-Stelle und auch nicht ganz so anonyme:

Auch haben mich schon Bekannte direkt angerufen und etwa gesagt, wir sollten doch mal bei ihrem Nachbarn reinschauen.

Und Locher sagt auch, wieviel Geld man beim CSI-Luzern in die Verbrecherjagd investiert:

Wir haben für unsere externen Detektive ein Budget von 100’000 Franken. Unsere eigene Abteilung kostet zusätzlich rund 350’000 Franken [Anmerkung: Dort arbeiten 4 Personen]. Insgesamt belaufen sich die Kosten also auf knapp eine halbe Million.

Daraus resultierte im Kanton Luzern im Jahr 2014 die Aufdeckung von 18 Fällen von IV-Missbrauch (Als Relation: In Luzern beziehen aktuell rund 10’000 Menschen eine IV-Rente).

Der absolute Medien-Knüller ist aber natürlich, dass Luzern als (soweit ich weiss) bisher einzige IV-Stelle im Jahresbericht die Missbrauchsfälle zum einen nach Schweizern/Ausländern getrennt aufführt, zum andern die Nationalitäten jedes einzelnen Falles preisgibt. Und damit nicht genug; bei den Schweizern wird auch noch nach «reinrassigen» und solchen «mit Migrationshintergrund» unterschieden:

bvm_luzernBildquelle: Jahresbericht 2014 der IV-Stelle Luzern

Die Frage dazu ist einfach; Was «bringt» die Veröffentlichung dieser Informationen nun genau? Zuerst mal knackige Medien-Auftritte und Applaus aus der rechten Ecke für Herrn Locher. Das war bei der medialen Lancierung der von Medizinern vielkritisierten «Hirnstrommessungen» Anfang Januar 2014 nicht anders. Der aktuelle Jahresbericht sagt dazu übrigens:

Nach einer umfassenden Evaluation am Ende der Projektphase hat sich gezeigt, dass das Hauptziel des Projekts dank des grossen persönlichen Einsatzes der Beteiligten erreicht wurde.

Man hätte jetzt eigentlich noch gerne gewusst, was genau bei der Evaluation rauskam (Gibt’s da nun wissenschaftliche Publikationen zur Reliabilität?) und was war eigentlich das «Hauptziel des Projektes»? Schweizweite Presseberichte über die IV-Stelle Luzern? Aber der Jahresbericht wird dazu nicht ganz so konkret.

Ob «Hirnstrommessungen» oder Nationalität der IV-Betrüger, bei der IV-Stelle Luzern findet man jedenfalls immer wieder ein wirksames mediales Ablenkungsmanöver, damit niemand bemerkt, dass nicht eine handvoll (ausländischer) IV-Betrüger die Hauptkosten bei der IV verursachen, sondern vor allem die echten IV-Fälle. Zum Beispiel diejenigen 1321 Menschen, bei denen die Eingliederungsbemühungen der IV Luzern nicht zum Erfolg führten, und über die im Jahresbericht zu lesen ist:

Es wäre falsch zu glauben, dass wir in jedem potenziellen Eingliederungsfall eine gute Lösung finden und die Geschichten immer positiv enden. Sehr oft erleben wir unglücklliche Verläufe und müssen akzeptieren, dass es trotz aller Bemühungen auch Verlierer geben kann.

Im Zeitungsartikel klingt das etwas anders. Dort sagt Locher:

Die Eingliederungen durch die IV sind eine Erfolgsstory.(…)

zentral+: Sind das alles langfristige Eingliederungen oder scheitern viele Personen und landen dann ein paar Monate später wieder bei euch?

Locher: Viele sind langfristig. Aber natürlich gibt es immer auch solche, die es nicht schaffen. Genau Zahlen liegen dazu derzeit keine vor.

Zu den langfristigen Eingliederungserfolgen hat man keine Zahlen, aber zu den Eingliederungsversuchen, die bereits «kurzfristig» scheiterten, hätte man schon welche, die liegen nämlich laut Jahresbericht wie gesagt bei 55% bzw. 1321 Menschen.

Aber das passt halt nicht in diese krude Mischung aus ausländischen IV-Betrügern, Schweizer IV-Rentnern in Thailand und potentiellen zukünftigen IV-Rentnern unter den syrischen Flüchtlingen [sic] die Locher im Interview zum Besten gibt.

Erst ganz am Schluss fragt zentral+:

Aber der Grossteil bezieht doch zu Recht eine IV-Rente? Zumal es doch auch immer mehr psychisch Kranke gibt, die sich nicht so einfach wieder integrieren lassen?

Locher: Das ist korrekt. Plus/Minus wird der Anteil an IV-Renten wohl etwa in dem Bereich bleiben, wie er nun heute ist. Und wie in der ganzen Schweiz, beträgt auch in Luzern der Anteil an IV-Rentner mit psychischen Problemen gegen 40 Prozent. Diese Zahl nimmt weiter zu, und diese Leute sind nicht einfach zu integrieren.

Damit hätte das Interview eigentlich beginnen müssen, wenn es Locher ernst damit meinte, was er im Jahresbericht schrieb schreiben liess:

In Sachen berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung zum Beispiel ist zusätzliche Sensibilisierungsarbeit bei den Arbeitgebenden nötig.

Wenn man Arbeitgeber tatsächlich für die Integration sensibilisieren möchte, stellt man wohl kaum die Missbrauchsbekämpfung ins Zentrum der Kommunikation (findet übrigens auch der grüne Luzerner Kantonsrat Michael Töngi).

Und statt einer peniblen Darstellung der IV-Betrüger nach Nationalität, wäre eine Aufschlüsselung der (nicht) erfolgreichen Integrationsbemühungen nach Gebrechensart im Jahresbericht wesentlich aufschlussreicher gewesen. Aber da hat der PR-Berater vermutlich davon abgeraten. Die Integrationszahlen bei den psychischen Kranken hätten nicht gut ausgesehen. Und bei denjenigen, denen man die Rente aufgrund eines Päusbonogs aberkannt hat (wobei die IV-Stelle Luzern so rigoros vorging, dass sie sogar vom Bundesgericht zurückgepfiffen wurde) wohl auch eher nicht so. Stattdessen präsentiert man sich in den Medien vorrangig als erfolgreiche Verbrecherjäger. Richtige «Gewinnertypen» eben. So im Gegensatz zu den nicht Eingliederbaren, die im Jahresbericht als «Verlierer» (siehe oben) bezeichnet werden.

Übrigens sind laut dem Jahresbericht 55% der bei der IV-Stelle Luzern Beschäftigten Frauen. Und so sieht die Geschäftsleitung aus:
GL IV Luzern
Passt.

Same procedure as every y… – oh!

Langjährige LeserInnen kennen das allfrühjährliche Ritual: Das BSV veröffentlicht «Invalidenversicherung – Zahlen und Fakten» (Formerly known as «Betrugsbekämpfung in der IV» – mittlerweile ergänzt und ohne «Betrug» im Titel: «IV-Neurenten stabilisieren sich, mehr berufliche Eingliederung»). Und ich bemängle dann, dass die Gesamtzahl der auf Missbrauch überprüften Dossiers nicht genannt wird.

Ich freue mich nun sehr, dass man im BSV offenbar genauso wenig Wert auf die strikte Einhaltung von langjährigen Traditionen legt wie ich («Cheerio, Miss Sophie!») und deshalb im entsprechenden Faktenblatt dieses Jahr einen neuen Abschnitt eingefügt hat:

Bei allen Rentenabklärungen infolge von Neuanmeldungen und bei allen Revisionen laufender Renten von Versicherten im In- wie im Ausland wird überprüft, ob Anhaltspunkte für möglichen Versicherungsmissbrauch bestehen. 2014 hat die IV rund 46‘000 Renten revidiert, und knapp 16‘000 Personen erhielten neu eine Rente. Die Zahl der bestätigten Missbrauchsfälle zeigt, dass die massiv überwiegende Mehrheit der Versicherten sich korrekt verhält und ihre Leistungen zu Recht bezieht.

Bei aller Freude traue ich mich fast nicht, doch noch zu kritisieren. Nämlich, dass statt der Zahl der Neurenten, korrekterweise jene der Rentenanträge hätte angegeben werden müssen, schliesslich steht im Faktenblatt explizit:

Dabei bestätigte sich der Verdacht in 540 Fällen, was eine Herabsetzung oder Aufhebung der Rentenleistung, resp. die Nichtzusprache einer Neurente zur Folge hatte.

Entweder man nimmt die «Missbrauchsversuche» komplett aus der Statistik, oder man gibt auch die entsprechende Grundgesamtheit (=Rentenanträge) an. Da die Ablehnungsquote bei den Rentenanträgen bei ca. 60% liegt, wären das 40’000 überprüfte Dossiers (statt der 16’000 Neurenten). Rentenrevisionen (46’000) plus Neurentenanträge (40’000) ergibt 86’000 überprüfte Dossiers. Das ergäbe bei 540 Missbrauchsfällen (inkl. Missbrauchsversuche) eine Missbrauchs-Quote von 0,6%. Den Versuch einer ungefähren Berechnung der Missbrauchsquote unternehme ich hier ja seit Jahren immer wieder und man kann’s drehen und wenden wie man will, sie liegt vermutlich unter 1%. (Davon abgesehen wurde auch dieses Jahr wieder nur in 30 Fällen Strafanzeige erstattet.)

Weil es das BSV so schön formuliert hat, wiederhole ich das nochmal (*Hicks!*):

Die Zahl der bestätigten Missbrauchsfälle zeigt, dass die massiv überwiegende Mehrheit der Versicherten sich korrekt verhält und ihre Leistungen zu Recht bezieht.

(Könnte der Satz vielleicht vor der nächsten IV-Debatte im Parlament laut vorgelesen werden? Damit die ParlamentarierInnen dann wissen, dass sie das Gesetz diesmal für die über 99% und nicht für die unter 1% machen.)

Das BSV veröffentlichte zeitgleich auch Faktenblätter zur Eingliederung (alles super), zur Entwicklung der Neurenten (auch super) und ob tatsächlich eine Verlagerung in die Sozialhilfe stattfindet (natürlich nicht).

Um es mit Admiral von Schneider zu sagen: «Skål!»

Missbrauchspolemik: Vom Stammtisch in den Bundesrat

Diverse Statistiken und Studien widersprechen dem Bild des an den Stammtischen des Landes jahrelang herbeigeredeten angeblich «überbordenden Missbrauchs» in der Invalidenversicherung. Politik, Medien und sogar der Bundesrat scheinen aber nicht nur nicht interessiert, dieses falsche Bild zu korrigieren, sie tragen vielmehr aktiv zu einer immer weitergehenden Verunglimpfung und Stigmatisierung der Betroffenen bei. Mit schwerwiegenden Folgen insbesondere für IV-BezügerInnen mit unsichtbaren Behinderungen.

Am 14. September 2009 erkundigte sich Maria Roth Bernasconi (SP/GE) in der nationalrätlichen Fragestunde, ob die Überwachung durch IV-Detektive – und insbesondere die Filmaufnahmen – nicht die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletze. Der damalige freisinnige Bundesrat Pascal Couchepin antwortete, dass er nicht diesen Eindruck habe (…) und ausserdem sei jemand, der eine Rente vom Staat erhalte, nicht in derselben Situation wie jemand, der keine Rente erhalte.

Damit war von höchster Ebene erklärt worden: Es gibt BürgerInnen und es gibt IV-BezügerInnen. Und es ist völlig in Ordnung, letztere alleine aufgrund ihres Status anders zu behandeln als erstere. Der bislang vor allem von der SVP massiv bewirtschaftete, generelle Missbrauchsverdacht gegenüber IV-BezügerInnen war damit offensichtlich auch im Bundesrat salonfähig geworden.

Betrugszahlen im Dienste der Politik
Als schliesslich im Herbst 2010 die offiziellen Zahlen zur Betrugsbekämpfung in der Invalidenversicherung des Vorjahrs veröffentlicht wurden, «vergass» das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), in der Medienmitteilung die Gesamtzahl der überprüften Dossiers (108’000) zu erwähnen. Es stellte nur die aus dieser Gesamtzahl herausgefilterten Verdachtsfälle (1180) den aufgedeckten Betrugsfällen (240) gegenüber – so dass der Tagesanzeiger am folgenden Tag effektvoll titeln konnte: «Jeder fünfte Verdachtsfall ein Betrug».

Und bei den meisten Lesern und Leserinnen blieb im Unterbewusstsein wohl hängen: «Jeder fünfte ein Betrüger.» Womit dann auch die Ungleichbehandlung und der Generalverdacht gegenüber den IV-BezügerInnen gerechtfertigt wären. Man hätte seitens des BSV die Betrugszahlen ganz anders darstellen können. Und zwar so, dass über 99 Prozent der IV-Bezüger ihre Rente rechtmässig beziehen. Dies hat das BSV aber nicht getan.

Eine Betrugsquote von unter einem Prozent hätte dann nämlich nur schwerlich als Argument für die IV-Revision 6a (von der 6b reden wir schon gar nicht erst…) herhalten können. Deren Botschaft liest sich nicht wie eine Gesetzgebung für chronisch kranke und behinderte Menschen, sondern vielmehr wie ein Disziplinierungsprogramm für arbeitsunwillige Schwerverbrecher.

Vorurteile erschweren berufliche Integration
Der Gesetzgeber trägt mit der Vorlage 6a aktiv und in voller Absicht zu einer noch weiter verschärften Stigmatisierung derjenigen bei, die aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung auf Leistungen der Invalidenversicherung angewiesen sind. Und torpediert damit auch die (angeblich) angestrebte Wiedereingliederung von möglichst vielen heutigen IV-Rentnern; denn kaum ein Arbeitgeber wird Menschen einstellen wollen, denen pauschal das Etikett des «faulen Simulanten» anhaftet.

Die Mär von den IV-Bezügern, die grösstenteils faule Simulanten seien, hat es also bis nach ganz oben geschafft, vom Stammtisch bis in den Bundesrat und in die Gesetzgebung. Eine wahrlich steile Karriere. Und ein Armutszeugnis für unsere Politiker, die einer solchen Propaganda Glauben schenken und Fakten konsequent ignorieren. Als kleines Beispiel für diese Ignoranz sei hier kurz die vom BSV (!) in Auftrag gegebene Studie über die «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» (Baer et al. 2009) erwähnt. Sie hält in ihrem Fazit unter anderem fest: «Die effektiven Diagnosen widersprechen dem Bild von unspezifischen, unklaren oder ‹nicht wirklichen› Störungen(…). Dass sie von Laien oft nicht als Störungen erkannt werden, bedeutet nicht, dass sie schwer objektivierbar oder in Bezug auf die Arbeitsbeeinträchtigungen vernachlässigbar wären».

Was die FDP nicht daran hinderte, einige Monate nach der Veröffentlichung dieser Studie eine Motion einzureichen, die der in der Studie untersuchten Kategorie mit dem so genannten Gebrechenscode 646 die Zusprechung einer IV-Rente grundsätzlich verweigern will, da es sich ja hierbei vor allem um – Achtung! – «schwer definierbare psychische Störungen» handle. Und der Bundesrat empfahl die Motion dann auch noch zur Annahme. Allzu weit weg von der Stammtischmeinung, dass jeder «echte IV-Bezüger» sich durch für jedermann erkennbare Insignien wie einem Rollstuhl oder einem Blindenstock auszeichnen müsse, ist eine solche Haltung nicht mehr.

Keinesfalls auffallen als IV-BezügerIn mit unsichtbarer Behinderung
Und die Leidtragenden einer solch unüberlegten Politik sind einmal mehr die Betroffenen, insbesondere jene mit den unsichtbaren Behinderungen, die ihren Alltag oft danach ausrichten, bloss nicht den Verdacht zu erwecken, sie könnten womöglich Simulanten sein. Und die nur noch leise lächeln mögen, über den gegenüber gesundheitlich Beeinträchtigten oft geäusserten Ratschlag, sich doch auf «ihre gesunden Anteile» zu konzentrieren. Denn seine gesunden Anteile in irgendeiner Weise zur Geltung zu bringen, ist wohl das Letzte, was ein IV-Bezüger tun sollte.

Egal, ob ein Spaziergang den schmerzenden Rücken entlasten oder leichte Gartenarbeit das Leiden für einen kurzen Moment vergessen liesse – weil alleine ein anonymer Verdacht aus der Bevölkerung genügt, um bei der IV «vertiefte Abklärungen wegen Betruges» auszulösen, verzichten viele Betroffene aus Angst lieber darauf. Und verzichten damit auch oft genug auf Aktivitäten, die ihre Lebensqualität erhöhen und möglicherweise – was ja aus Sicht der Politik angeblich (?) gefördert werden soll – ihre Gesundheit und damit auch berufliche Leistungsfähigkeit verbessern könnte.

Der obenstehenden Artikel wurde in der Agile-Zeitschrift «Behinderung und Politik» (Ausgabe 1/2011) veröffentlicht

Bedingungsloses Grundeinkommen verhindert Missbrauch von Sozialleistungen

Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens regt zu Diskussionen an und das finde ich spannend. Besonders erhellend finde ich es, wenn Menschen wie Katja Gentinetta (noch Vizedirektorin bei Avenir Suisse, bald Sternstunde Philosophie (sic!) bei SF DRS) oder BSV-Direktor Yves Rossier befinden, mit 2500.- bedingungslosem Grundeinkommen pro Monat würde ja keiner mehr arbeiten. Ausser sie selbst natürlich. Und dies selbstverständlich nur aus höchst hehren Motiven (Sinn für Eigenverantwortung, protestantische Arbeitsmoral, Spass am Arbeiten, Freude an der Herausforderung ect.).

Dass die 2500.- gerade mal ein Bruchteil des aktuellen Monatslohnes von Yves Rossier betragen, hat da natürlich auch gar nichts damit zu tun. Als Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen käme es vielleicht auch nicht ganz so gut an, wenn man ehrlicherweise zugeben würde, dass man selbst nicht von 2500 Franken im Monat leben wollen würde. (Was im Übrigen immer noch 900.- mehr wären, als eine durchschnittliche IV-Rente, die laut Bundesver-fassung eigentlich existenzsichernd sein sollte.)

Gentinetta oder Rossier wären bestimmt nicht die einzigen, die nicht bereit wären, von 2500 Franken im Monat zu leben. Wahrscheinlich – wenn man ehrlich ist – wären das die wenigsten Menschen auf Dauer. Genausowenig wie die grosse Masse dem «ewigen Nichtstun» anheimfallen würde, wie das interessanterweise gerade von gutausgebildeten, sehr gut Verdienenden – den sogenannt Erfolgreichen also – besonders gerne prophezeit wird. Ausgerechnet von denjenigen Menschen also, die selbst niemals arbeitslos, sozialhilfeabhängig oder IV-Bezüger waren. Die das «Nichtstun» über einen längeren Zeitraum aus eigener Erfahrung also gar nicht kennen und gar nicht beurteilen können, ob dieser Zustand auf Dauer wirklich so wahnsinnig ersterbenswert ist, wie sie ihn darstellen.

Zwar wird Yves Rossier an anderer Stelle nicht müde, den Abbau von Sozial-leistungen mit der sinnstiftenden Wirkung von Arbeit für IV-Bezüger zu rechtfertigen, Gentinetta hingegen hat sich gar nie bemüht, zu verschleiern, worum es ihr (und avenir suisse) eigentlich geht: Weniger Sozialleistungen, mehr Druck. Die Sinnstiftung ist ihr herzlich egal. Die Wirtschaft wünscht sich billige, gefügige Arbeitnehmer, die gezwungen sind, jede Arbeit zu jedem Lohn anzunehmen.

Sinnstiftung, Anerkennung, Status, hohe Löhne, das ist für Menschen wie Gentinetta und Rossier reserviert (das sagen sie so aber nicht, nämlich dass sie selbstverständlich auch aus diesen Gründen gerne arbeiten!) und damit das so bleibt, gibt man fadenscheinige Erklärungen ab, warum «die anderen» alle nicht mehr arbeiten würden. Dabei geht es wie immer um das selbe: Die Machterhaltung der Mächtigen. Und ihre Selbstbestätigung, dass das, was sie erreicht haben, ihnen auch zusteht. Denn sie sind die Guten, die Fleissigen, die Rechtschaffenden.

Nach den Methoden und wer alles für Ihre Erfolge und ihr Emporkommen über die Klinge springen muss, fragt keiner*. Oder fast keiner: Peter Ulrich, ehemaliger Professor für Wirtschaftsethik an der Uni St. Gallen begrüsst das Wegfallen der oft demütigenden Bedarfsabklärungen bei den Sozialleistungen und sieht im bedingungslosen Grundeinkommen auch einen «Clou» für die rechtsbürgerlichen Kreise: denn schliesslich würden dadurch die Missbrauchs-möglichkeiten entfallen.

Fragt sich, ob die «rechtsbürgerlichen Kreise» den plötzlichen Wegfall der mühsam aufgebauten und mittlerweile sehr gut geölten Missbrauchs-propaganadamaschinerie goutieren würden. Wohl kaum. Womit wir wieder beim Thema «Machterhaltung der Mächtigen» wären.

7.45 hörenswerte Minuten bei Radio DRS 1 mit pointierten Pro- und Kontrastimmen zum Bedigungslosen Grundeinkommen.

*Auf wessen Schultern profiliert sich avenir suisse denn wohl mit Titeln wie «Die IV – eine Krankengeschichte» – Wie falsche Anreize, viele Akteure und hohe Ansprüche aus der Invalidenversicherung einen Patienten gemacht haben.» bzw. «Ergänzungsleistungen» – über die Fehlanreize, die dazu führen würden, dass es angeblich viel attrativer sei, eine IV-Rente zu beziehen als zu arbeiten?

Der Lug mit dem Betrug

Vor einigen Tagen erschien im Landanzeiger nebenstehendes Inserat. Zeitungsinserat mit dem Text: Ich bin körperlich nicht ganz auf der Höhe, möchte mich zur Ruhe setzen, bina aber ncht nicht 65. Deshlab suche ich einen verständnisvollen ARZT, der mir zur IV verhilft. Ein gutes Trinkgeld ist dir gewiss. Angebote unter CHiffre Z001/1047 an den VerlagAargauer Zeitung und 20 Minuten berichteten darüber, und die Kommentarschreiber durften mal wieder fröhlich Gift und Galle spucken. Zwar vermutete der eine oder andere, dass das Inserat möglicherweise ein «Scherz» sei, (was der Landbote dann heute auch bestätigte) aber diejenigen, die mit einem Brustton der Überzeugung von einer «immensen» Betrugsquote schreiben, die sterben nie aus. Das hat man «dem Volk» jahrelang intravenös verabreicht, das kriegt man nun nie wieder raus.

Nicht, dass man das aus den Köpfen der Menschen überhaupt rauskriegen wollte. Kürzlich berichtete 20 Minuten über einen durch Observationen überführten IV-Betrüger und zitierte im betreffenden Artikel den Luzerner IV-Direktor Donald Locher folgendermassen: «(…)Zudem konnten wir rund 140 Betrüger selbst überführen», so Locher. Die hohe Zahl täusche jedoch: «Im Vergleich zu Grossstädten gibt es in der Zentralschweiz wenig Betrugsfälle.»

140 Betrüger alleine aus Luzern und das sei noch wenig…? Auch da geiferten die Kommentarschreiber was da Zeug hielt: Betrug en Masse! Wenn 20 Minuten sowas aufdeckt, MUSS das ja stimmen und die vom BSV veröffentlichten Zahlen von 240 Betrügern pro Jahr und aus der gesamten Schweiz, die sind natürlich falsch.

Weil ich das mit den 140 Luzerner IV-Betrügern nochmal genauer wissen wollte, frage ich beim Luzerner IV-Direktor Donald Locher nach – er antwortete folgendermassen: «(…)Die Zeitung 20Minuten hat mir am Sonntagnachmittag – während ich beim Wandern war – auf mein Handy telefoniert und ich habe von rund 140 bearbeiteten und erledigten Fällen im 2010 gesprochen. Da ich die Statistik lediglich aus dem Kopf zitiert habe, kann ich diese Zahl noch leicht nach oben korrigieren. Es sind nämlich genau 155 erledigte Fälle von Total 176 eingegangene Meldungen durch Mails, Telefonanrufe, anonyme Briefe etc. Diese Zahl ist nicht gleich zu setzen mit bestätigten Betrugsfällen.»

Auf die Rückfrage, wieviele Betrugsfälle es in Luzern dann tatsächlich gab, erhielt ich leider keine Antwort mehr. Sie dürften sich aber wohl im einstelligen Bereich bewegen. Erschreckend sind da doch vielmehr die laut Locher «Total 176 eingegangenen Meldungen durch Mails, Telefonanrufe, anonyme Briefe etc.». Jeder Bürger ein Möchtegern IV-Detektiv. Wie konnte es dazu kommen?

Es wäre zu viel der Ehre für die SVP, ihr die ganze Verantwortung dafür nun in die Schuhe zu schieben. Da wirken noch ganz andere Kräfte.

Um mal ein Beispiel herauszupicken: 2006 verfassten die zwei Juristen Reto Bachmann und Markus D’Angelo im Rahmen eines Nachdiplomstudiums für Sozialversicherungsmanagement eine Diplomarbeit mit dem Titel: «Die Bekämpfung des Versicherungsmissbrauchs (BVM) in der Invalidenversicherung unter besonderer Berücksichtigung der Beweissicherung vor Ort». In den Medien wurde als Quintessenz dieser Arbeit hauptsächlich die geschätzte Zahl von jährlich rund 400 Mio. Franken, die auf «Missbrauch» entfallen würden zitiert. In der Schweizerischen Ärztezeitung 22/2007 legte der Medas-Arzt(!) Jürg Jeger ausführlich dar, dass diese Schätzung absolut nicht wissenschaftlich korrekt erhoben worden und zudem viel zu hoch sei. Auch Saldo griff das Thema Anfang 2008 auf:«IV: Politisieren mit unbrauchbaren Zahlen».

Das änderte dann aber auch nichts mehr daran, dass 20 Minuten ein dreiviertel Jahr zuvor ganz selbstverständlich geschrieben hatte: «IV-Betrug: 400 Millionen verschwinden jährlich – Jetzt steht es Schwarz auf Weiss: Bei der Invalidenversicherung werden Jahr für Jahr über 400 Millionen Franken ergaunert und erschwindelt.» Und der damalige IV-Chef Alard du Bois Reymond sagte: «Die Zahlen überraschen mich nicht. Auch unsere Schätzungen der unrechtmässig ausbezahlten IV-Gelder bewegen sich in diesem Bereich».

Vergleichen wir das mal kurz mit den Zahlen, die BR Burkhalter im Dezember 2010 anlässlich der Anfrage von NR Schelbert bekannt gab: 180 ganze Renten (240 Betrüger) x 1600.- (durchschittliche IV-Rente/Monat) = 288’000. Das ganze multipliziert mit 12 Monaten = 3’456’000.-/Jahr – Also 3,5 Millionen pro Jahr statt 400 Millionen. Ein Detail nur. Ein Detail auch nur, dass die Miss- brauchsbekämpfung in der Invalidenversicherung 7 Millionen Franken pro Jahr kostet… (Muss man diese 7 Mio jetzt eigentlich von den 3,5 Mio abziehen oder dazuzählen…?).

Ein Detail übrigens auch, dass die Verfasser der 400-Mio IV-Betrugsstudie zuerst bei der IV und dann bei der Suva (Reto Bachmann) beziehungsweise immer noch bei der IV als Abteilungsleiter Fallmangement (Markus D’Angelo) arbeite(te)n. Cleveres Thema gewählt, um sich beruflich erfolgreich zu profilieren. Macht ja nix, dass man damit den IV-Bezügern einfach mal so pauschal den Ruf versaut. Auch wenn die Studie ja eigentlich gar nicht so gemeint war. Es ging den Autoren, wie sie in ihrer Replik zu Jeders Kritik in der SAEZ schreiben, eigentlich vielmehr darum, «die Begriffe „Versicherung-missbrauch“ und „ungerechtfertigter Leistungsbezug“ auseinanderzudividieren». Und: «(…)auch verschiedene Fragen zum Thema in medizinischer Hinsicht zu klären. So werden beispielsweise die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und die Diagnosenstellungen AD (Anxiety Disorder), BO (Burnout und Boreout), CFS (Chronic Fatigue Syndrome), LSE (Low Self-Esteem), MPD (Multiple Personality Disorder), PTSD (Post-Traumatic Stress Disorder), RSI (Repetitive Strain Injury), SDS (Stress Depression Syndrome), SP (Soziale Phobie) von Medizinern sehr unterschiedlich vorgenommen, was schliesslich zu missbräuchlichen Leistungsausrichtungen führen kann.»

Und jetzt wissen wir auch endlich, wer die ersthaften Krankheitsbilder kunterbunt vermischt mit einigen Befindlichkeitsstörungen dem BSV pauschal als «zweifelhaft» untergejubelt hat. Zwei Juristen. Alles klar. Einst drehte sich die Diskussion um den angeblich immensen Betrug bei der Invalidenversicherung. Und weil der sich als nicht ganz so immens herausstellte, dreht man den Spiess einfach um und macht IV-Bezüger, denen die Rente einst absolut rechtmässig zugesprochen wurde zu Betrügern, in dem man den Krankheitsbegriff einfach mal neu defniert. Auch eine Möglichkeit.

Dick & ungepflegt = Kinderschänder

Peter Rothenbühler, der Redaktionsdirektor von Le Matin (der «Blick» der Romandie) war am 6.2.2011 Gast im Sonntalk von Tele Züri. Dort äusserte er sich auf die in letzter Zeit hundertfach gestellte Frage «Wie ist das möglich, dass die Missbräuche in den Behindertenheimen so lange nicht entdeckt wurden?» folgendermassen: «Ich werde jetzt etwas sagen, was mich sehr unbeliebt macht; wenn einer so stinkt wie der, einen so ungepflegten Bart trägt, so dick ist und so seltsame Ausweise hat, also in der ganzen Schweiz herumgezogen ist, dann muss ein Arbeitgeber kritischer sein (…).

In dem Sozialarbeitermillieu ist das offenbar normal, dass einer so daherkommt. (…) Und in diesen Institutionen hat das offenbar nicht gestört, weil das so dazugehört.» (Übersetzt aus dem Schweizerdeutschen, im Video ab 6.40).

Ähem. Warum es Rothenbühler für notwendig hält, gegen die weder mit besonders hohem sozialen Prestige ausgestatteten noch besonders fürstlich entlohnten BehindertenbetreuerInnen diese Breitseite zu landen ist schon etwas fragwürdig. Es wirkt ein bischen so, wie wenn er sagen wollte; «Ich und alle anderen «Gepflegten und Erfolgreichen» – wir hätten das gemerkt, bei uns wäre er sofort aufgefallen – und: Es könnte auf keinen Fall «einer von uns sein» – die Kinderschänder, die Vergewaltiger – das sind die anderen. Und dass Rothenberger selbst seinen Arbeitsplatz in den letzten 30 Jahren mindestens ebensohäufig gewechselt hat wie der beschuldigte Betreuer ist für einen Menschen Mann aus seinem Millieu eben ein Zeichen seines Erfolges.

Wir lernen:
Anzugträger wechselt häufig den Job = Hinweis auf Erfolg
Sozialarbeiter wechselt häufig den Job = Hinweis auf Kindsmissbrauch

Aha.

Ein bisschen Nachhilfe also hier für Herrn Rothenbühler: Die Täter sind nicht am ungepflegten Bart oder häufigem Stellenwechsel zu erkennen, sondern bedienen sich sehr subtiler Methoden und sind in jedem sozialen Millieu* zu finden. Täter (und weit seltener Täterinnen) planen in der Regel ihre Tat und haben ein ganzes Arsenal an Strategien, wie sie ein Kind aussuchen, sich ihm nähern, eine emotionale Bindung aufbauen und es sich gefügig machen können – in der Fachwelt wird das Ganze als Groomingprozess bezeichnet.

Wörtlich übersetzt bedeutet «grooming» vorbereiten. In der Fachliteratur bezieht er sich auf die Planungsphase des sexuellen Missbrauchs und umfasst folgende Bestandteile:

  • Vertrauen gewinnen
  • Bevorzugung des Kindes
  • Isolierung des Kindes
  • Bewirken von Geheimhaltung
  • schrittweise Grenzüberschreitung

Ein Auszug aus dem Beschrieb der sogannten Groomingstrategien durch die Fachstelle Limita (Prävention von sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen) – Ausführlicher Beschrieb der Täterstategien ebenda.

Die Täter bauen also Beziehungen zu ihren Opfern auf, unternehmen mit ihnen Dinge, die ihnen Spass machen, schenken ihnen Aufmerksamkeit u.s.w. Frage: Wollen wir in Behinderteninstitutionen denn Betreuer, die keine Beziehungen zu den Betreuten aufbauen?

* Empfehlenswerte Lektüre: «Wer sind die Täter?» – Ein Auszug: «Täter im sexuellen Missbrauch sind Menschen wie du und ich», bringt es die Autorin Karin Jäckel auf den Punkt. Sie entstammen allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten; es gibt sie in allen Berufsgruppen und Einkommensstufen. Sie sind nicht häufiger im psychiatrischen Sinne krank als der Bevölkerungsdurchschnitt und wirken auch nicht bereits auf den ersten Blick zwingend als Täter. Jäckel schreibt, sie habe es immer wieder erlebt, dass «gerade gutaussehende, gebildete, körperlich gepflegte und in ihrem Benehmen tadellose Männer Täter waren.»

Und weiter: «Der weitaus überwiegende Teil (80 – 98 Prozent) derer, die Mädchen und Jungen sexualisierte Gewalt antun, sind jedoch nicht „pädophil“. Sie sind nicht primär auf Kinder als Sexualpartner fixiert und ihre Motivation ist auch nicht in erster Linie eine sexuelle. Die Motivation dieses Großteils der Täter ist das Bedürfnis nach Macht, bzw. Kompensation.»

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